Hermann-dr-herzfeld-230

Georg Her­mann
» Dok­tor Herzfeld

Autor:Georg Her­mann (Deutsch­land, 1912/1916)
Titel:Dok­tor Herzfeld
Aus­gabe:Ver­lag Das Neue Ber­lin 1997
Erstan­den:Aus der 13-bän­di­gen G. Her­mann Ausgabe

Hermann-dr-herzfeld-330Die­ser 5. Band der Her­mann-Aus­gabe des Ver­lags (lei­der unvoll­endet) ent­hält die bei­den Romane um den Prot­ago­nis­ten Dr. Herz­feld: »Die Nacht« und »Schnee«. »Die Nacht« zeigt, teils ein­sam, teils im Dia­log mit einem ehe- und lebens­mü­den Ber­li­ner Men­schen (Dr. Herz­felds Freund) die Stadt-Schön­heit Ber­lins aus der Sicht des Fla­neurs, sei­nes (aber nur sei­nes) Bewusst­seins­stroms. Die Prot­ago­nis­ten, schreck­lich zer­ris­sen, nicht immer glaub­haft, tra­gend fürs Gesche­hen. Schreck­lich ein­sam, trotz Wie­der­se­hen einer alten Gelieb­ten, Schön­heit einst, her­un­ter­ge­sun­ken zur Kokotte, mit­ten in der Groß­stadt, in den Kral­len der schwar­zen Katze Iso­la­tion. Das Tages- und das Nacht­an­litz eines Cafés, eine Jeu­nesse Dorée Wil­mers­dor­fer Bau­ern­söhne, die mit den Mil­lio­nen aus den Grund­stücks­ver­käu­fen ihrer Väter nichts anzu­fan­gen wis­sen. (Nächt­li­che) »Stun­den, die ganz hell und durch­sich­tig sind wie Glet­scher­was­ser«, und »immer die glei­chen Nacht­ge­stal­ten, wie Ber­lin vor mir lebt.«

Die Erzäh­lung tra­gen die traum­haf­ten Fla­nier­sze­nen, Wan­de­run­gen durch den Tier­gar­ten, durch Wil­mers­dorf, am Zoo, tags­über und nachts, im Dun­keln leere Bou­le­vards, quer durch die Stadt. S. 256: »Über­all war man an der Arbeit, dem vor­drän­gen­den Unge­heuer Ber­lin den Weg zu ebnen.« – die Stadt im Wachs­tum. Es ist Dr. Herz­felds Hei­mat, Seite 265: »Auf brei­ten Wegen gehen seine Men­schen, die er kennt, mit denen er sich eins fühlt.«

Herz­felds Gänge durch den Ber­li­ner Wes­ten erin­nern in ihrer Sze­ne­rie an den Fla­neur Franz Hes­sel, tref­fend schöne Stadt­bil­der, Gänge in der Ein­sam­keit unter Millionen.

Melan­cho­lisch-schöne Stadtgänge

»Schnee« hat mir wesent­lich bes­ser gefal­len, ist in sich wie­derum sehr, sehr unter­schied­lich, ein Epo­chen­bruch, denn nun ist (Welt)-Krieg, 1916. Die nächt­li­chen Schnee­flo­cken diri­gie­rend, zeigt Her­mann, dass er der kriegs­trei­ben­den natio­na­lis­ti­schen Mas­sen­sug­ges­tion nicht erle­gen ist. Die Stadt ver­nach­läs­sigt, Klin­gel­knöpfe, Fens­ter­schei­ben feh­len, Hunde sind abge­schafft ebenso wie Auf­war­te­frauen, Dienst­mäd­chen auf hal­bem Lohn. Die uni­for­mier­ten Lügen der Presse im Krieg, die Jugend »ver­blu­tet oder verblödet.«

Herz­feld dage­gen, ein klas­si­scher Gelehr­ter, noch ein Typ des ver­gan­ge­nen, des 19. Jahr­hun­derts, die Kutsch­fahrt zum Anhal­ter Bahn­hof, nun­mehr fla­nie­rend auf den Spu­ren sei­ner Erinne­rungen. Die »Ent­mün­di­gungs­kna­ben«, die den Krieg am Lau­fen hal­ten, die Brech­mit­tel, die die Stadt bevöl­kern. Auf dem Bahn­hof trifft er einen Trupp Sol­da­ten, »… jeder von ihnen war frü­her ein Mensch«. Es ist keine unkri­ti­sche Liebe zu Ber­lin, durch die ganze Latrine Ber­lins mußte man durch, bevor man nach drau­ßen kam, das ist bei allen Groß­städ­ten so.

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Georg Her­mann, 1871-1943 (KZ Auschwitz-Birkenau).
Nach ei­nem Por­trät des Künst­lers Her­mann Struck.
http://​objekte​.jmber​lin​.de/​o​b​j​e​c​t​/​j​m​b​-​o​b​j​-​1​0​2​132, gemein­frei, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​3​9​7​0​5​948

Seine Bahn­reise – ab Anhal­ter Bahn­hof – zeigt ein Durch­gleiten von Raum und Zeit, mar­kante Dis­kus­sio­nen im Abteil, S.428: »Wie­viel weni­ger brauch­ten wir zu arbei­ten, wenn wir nicht ewig wie­der für neue Kriege schuf­ten müssten.«

Eine Bahn­reise (ab dem damals noch exis­tie­ren­den Anhal­­ter-Bahn­hof) zeigt ihn wie­der als fei­nen Beob­ach­ter, er sieht die Schön­heit einer Pap­pel­al­lee, »Bru­der Bauer«, das Bahnwärterhäuschen.

Nun aber kippt die Erzäh­lung, es kippt in die Erin­ne­run­gen eines alten Man­nes an die Ver­flos­sene, die in ihm etwas zum Schwing­en gebracht hat. Aber was liebt man an einem »Reh­chen«, seine eigene Jugend?

Das Ren­contre mit einer jun­gen Schön­heit, halb so alt wie Dr. Herz­feld, die ein­same Absteige, eine gelun­gen blu­mig beschrie­bene Lie­bes­nacht, eine Wal­pur­gis­nacht, eine Som­mernacht. Drei Wochen spä­ter: Die Nach­richt, dass sie ge­heiratet hat!

Ein Wie­der­se­hen des altern­den Fla­neurs mit sei­ner Jugend­liebe einer Nacht lässt der Autor leicht bos­haft an der Rea­li­tät schei­tern, hoch­schwan­ger steht sie vor ihm, kein »Reh­chen« mehr, in Ber­li­ner Direkt­heit mehr ein »Reh­klops«.

So bleibt ihm die Beob­ach­tung, z.B. die abge­hende Ski-Kara­wane im Hotel:?

»Der da, Wander­vogel, bald mit zer­schos­se­ner Stirn.«

Er selbst »ver­weht« gera­dezu in einem lan­gen Winter­spaziergang zum?Ende des Buchs.

Selt­sa­mer­weise reflek­tiert die­ser Dr. Herz­feld nie seine eigene Son­der­r­rolle, ein 60-65 jäh­ri­ger Mann, weder ge­schäft­lich noch mili­tä­risch unter­wegs – in Zei­ten der nah­enden Voll­mili­ta­risierung. Alles in feld­grau und er ohne jede Betei­li­gung, nur unge­rühr­ter Beob­ach­ter, eine selt­sam künst­li­che, fast unvor­stell­bare Figur.

»Schnee« lebt von den inne­ren Mono­lo­gen des Dr. Herz­feld, sei­nem Bewußt­s­eins­strom, den es aber nur von ihm gibt, kei­nem ande­ren. Das Augen­wun­der Ber­lin ist Dr. Herz­felds Lebens­elixier, in all sei­ner Bin­dungs­lo­sig­keit. Immer­hin ein, wenn auch sehr vor­sich­ti­ger Anti-Kriegs­ro­man, auf der Ebene des indi­vi­du­el­len Lei­dens, kaum politisch.

Die Gestalt des Herz­feld wirkt aus der Zeit gefal­len. Aber ein kaum zu über­tref­fen­der Ber­lin Fla­neur! »Schnee« aber hat mehr Sub­stanz als die »Nacht«, liest sich bes­ser. ist bis­si­ger, übt Zeit­kri­tik, lohnt sich ins­ge­samt mehr.

Beson­de­rer Ber­lin Roman

2020 rezensiert, Georg Hermann, Jahrhundert-Wechsel 19./20. Jahrhundert, Verlag Das Neue Berlin

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