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MM Privat
prepress consultant



Michael Mittelhaus privat

Auf diesen Seiten möchte ich Ihnen, verehrter Leser und Kunde, zukünftig ein wenig auch die private Seite des „Prepress Consultant“ näherbringen, damit Sie mich auch von dieser Seite kennen- und (hoffentlich) auch schätzen lernen. Weil dies in der Hektik der letzten Jahre häufig zu kurz gekommen ist, für die Vertrauensbildung in der Kundenbeziehung aber nicht unwesentlich ist, möchte ich Sie hier Stück für Stück auch über „MM Privat“ informieren.

Beginnen werde ich mit meiner vielleicht wichtigsten Freizeitbeschäftigung, dem Lesen. Von Zeit zu Zeit werde ich hier veröffentlichen, was ich an Literatur gelesen habe, mitsamt einem Kurzkommentar zum Gelesenen.

Hier kommen nun die ersten Monats-Rückblicke als PDF-Download auf Bücher, die ich im Jahr 2016 bisher gelesen habe und was meine wichtigsten Eindrücke davon sind.

Die Rückschau 2017 – gelesen im Monat …

Die Rückschau 2016 – gelesen im Monat …


Cheltenham Literature Festival 2016

Mitte Oktober war ich beim Literaturfestival in der englischen Stadt Cheltenham zurück, und es war wunderschön!

Cheltenham ist ein britisches Mittelzentrum, gelegen in den bezaubernden Cotswolds, ca. eine Stunde von Birmingham entfernt. Das Festival findet statt auf den benachbarten Geländen Montpellier Square und Imperial Square, direkt an der „Prachtstraße“ Cheltenhams, der „Promenade“ und dem Rathaus gelegen, in dem auch einige der Veranstaltungen stattfinden, die übrigen in riesigen Zelten. Darunter das entzückende Spiegelzelt, ein Varieté-Zelt vom Allerfeinsten.

Der Veranstaltungsort Montpellier Square; Copyright Cheltenham Literature Festival

Man muß sich das einfach mal vorstellen, zehn Tage lang unter Tausenden von Literaturfans, mitten zwischen drei (!) Bücherzelten, einen Teekiosk, und den spannendsten Literaturtreffen, Diskussionen und Panels, die vorstellbar sind. Ein absoluter Genuß für jeden Literaturfreund, und weil überwiegend „Queens English“ gesprochen wird, auch für Menschen verständlich, die seit der Schulzeit diese Sprache nicht mehr gesprochen und kaum gehört haben.
Allerdings war ich zu einem guten Teil auch aus beruflichen Gründen dort, ist doch die Buchbranche ein wichtiger Teil der Druckindustrie und für mich geschäftlich in den letzten Jahren immer interessanter geworden.

Eines von drei Bücherzelten auf dem Festival; Copyright Michael Mittelhaus

Politik

Es ist auch ein politisches Festival, einerseits wegen mannigfaltiger Panels zu politischen Themen, andererseits weil es von der „Times“ und „Sunday Times“ gesponsort wird. Das führt zu einer derart stockkonservativen Ausrichtung einiger Panels, dass der Publikumszwischenruf „Rubbish“ (= Unsinn) gerechtfertigt war; beim Edinburgh Literature Festival soll das übrigens nicht derart penetrant sein.

Die Times ist, nebenbei bemerkt, nicht selten auf das Niveau eines Boulevard-Blättchens herabgesunken, lesen kann man auf der Insel –dauerhaft- eigentlich nur noch den Guardian, der als einziger auch zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan einen echten Artikel lieferte. Zu dem Thema hat das Festival dann auch kurzfristig ein Panel organisiert, schade, dass wir nicht mehr da waren.

Am ersten Abend folgten wir einer bis auf den letzten Platz gefüllten Brexit-Diskussion, ein absolut allgegenwärtiges Thema im heutigen Großbritannien. Zwei Dinge fanden wir bemerkenswert: Es herrschte Einigkeit, dass der Brexit mindestens zur Hälfte von der (irrationalen) Furcht vor mehr Migranten bestimmt wurde. Und es war ausgerechnet der CEO einer Handelskette von Elektronik- und Haushaltsgeräten, der dem Publikum schlüssig vorrechnete, dass das ganze Land von Migranten profitiert – schon weil ohne Einwanderung GB aus demografischen Gründen in absehbarer Zeit wegschrumpfen würde.

Seite 56 des Festivalprogramms, Ankündigung der Brexit-Diskussion; Copyright Cheltenham Literature Festival

Danach folgten wir einem Panel, das die britischen Parteikonferenzen der letzten Zeit beleuchten sollte, statt dessen aber sich in boulevardesken Betrachtungen über die weiteren Karrieren bestimmter Parteigrößen erschöpfte und dem gerade bestätigten Labour Leader Jeremy Corbyn unbedingt einen der Blair-Linie ergebenen Nachfolger aufdrängen wollte. Von eigentlich politischer Diskussion haben wir in der einen Stunde kaum etwas gehört – „Rubbish“ der Zwischenrufer faßte das gut zusammen. Hier wollte ein politisches Establishment sich bestätigen, bei dem z.B. die britischen Grünen gar nicht vorkamen und dem eine Abkehr vom völlig ungerechten britischen Wahlsystem unvorstellbar erschien.

Literatur in allen Varianten

Der Mittwoch brachte uns die Schönheit der Literatur in allen Varianten. Zuerst mit dem Panel zu Evelyn Waugh, dem vielleicht wichtigsten britischen Schriftsteller der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. „Wiedersehen mit Brideshead“ wird einigen bekannt sein. Das Panel, in dem auch ein Verwandter von Waugh saß, machte den Autor höchst lebendig und großen Appetit, ihn zu lesen.

Die neue Queenbiografie

Völlig anders geartet war „The Queen: Happy and glourios“. In dem der sich als überzeugter konstitutioneller Monarchist „outende“ BBC Korrespondent A.N.Wilson seine jüngste Biographie über die Queen vorstellte und zum Thema mit Sir Nicholas Witchell diskutierte. Überraschendes Urteil: Die Queen sei „dull“ (= langweilig) im besten Sinne. Einerseits, weil sie nicht für unangenehme Überraschungen sorge (höchstens ihre Familie...), andererseits weil man bei ihr definitiv nicht befürchten müsse, daß sie unangemessen politisch wird. Was den Briten seit den Nazieskapaden von Elisabeth Onkel, Edward VIII, ein höchst unangenehmes Thema ist.

Elisabeth Besuch bei „Frau Mörkel“, in Bergen-Belsen und in Berlin war beiden Panelisten ein höchst wichtiges und lobsames Thema; Briten und Deutsche – ein absolutes Thema für sich.

Brutaler Themenwechsel und britische Kultur vom Feinsten, als die Royal Shakespeare Company (RSC) mit einer Live-Probe einer Szene aus dem „Merchant of Venice“ zeigte, wie sie heute einen Shakespeare Text erarbeitet. Das Ganze unter der Ägide der unheimlich agilen Regisseurin Blanche McIntyre, deren „The Two Noble Kinsmen“ derzeit Furore machen. Intensiver habe ich Theater und das Verständnis für den großen Shakespeare lange nicht erlebt und das besonders schön mit recht jungen RSC Mitarbeitern.

Programmheftseite mit Ankündigung der RSC-Veranstaltung; Copyright Cheltenham Literature Festival

Aufmöbelnder Abschluß des Tages war die Vorstellung der Rockmusik des Jahres 1971 vom Autor des neuen Buchs „1971 – Never a dull moment“, David Hepworth. Der erklärte, warum er 1971 das beste Jahr der Rockmusik fand: Carole King, Yes, Frank Zappa, Carly Simon, Led Zeppelin, ELP, Jethro Tull – to name but a few. Ringsum seufzte das „hellhaarige“ Publikum: „Ach, all those memories“. Wenn Hepworth den Lebensinhalt des LP-Kaufens 1971 erklärte, oder wie man mit einer 2W-Stereo-Anlage und dem Wackeln an einer Glühbirne einen „Diskoeffekt“ imitierte. Seinen persönlichen Top-Ten muß man ja nicht folgen, schon gar nicht, wo er „Imagine“ von Lennon haßt. Aber als seine Nr. 1 am Ende des Abends durch die Boxen dröhnte, war der literarische Musikerinnerungsabend perfekt: Mit „Baba O’Riley“ von „The Who“ – allein das Intro mit intensiver Gänsehaut gespickt (und ebenso, als ich den Titel während des Schreibens dieses Textes höre...).

Typische Häuseransicht in der Innenstadt von Cheltenham; Copyright Michael Mittelhaus

Nachtrag: Das Buch selber habe ich als Enttäuschung empfunden. Es suhlt sich seitenweise in Klatsch und Tratsch des US-amerikanischen Musikgeschäft der sechziger und siebziger Jahre. Und der Autor schafft es nicht ansatzweise die eigentlichen musikalischen Veränderungen zu Beginn der Siebziger zu erklären; das Buch ist ein Etikettenschwindel. Und das zeigt, daß dieses Festival eben auch eine Verkaufsveranstaltung ist.

Erholung mit Kinderbüchern und Dylans

Nach vier Panels mit fast 6 Stunden Literaturdiskussion am Mittwoch, einmal „Fish´n Chips“ im angenehm britischen Pub „Beehive“ und dem entzückenden „Well Walk Tearoom“, dem Besuch eines chaotisch liebenswerten 2nd hand book Shop nahe der High Street, sowie dem Shopping auf der Promenade kam unsere literarischer Abschied.

Typisch: Das Pub nahe dem Festival, The Beehive; Copyright Michael Mittelhaus

Den begannen wir im zauberhaften „Spiegeltent“, bei Tea and Scones und einer Diskussion über die Viktorianische Kinderbuchautorin Beatrix Potter. Deren „Peter Rabitt“ jedes englische Kind kennt. Auch wenn das Publikum altersmäßig auch etwas „viktorianisch“ wirkte, das Panel ließ nicht einmal die Frage aus: „War Beatrix Potter eine Jungfrau“ ?

Im Spiegeltent; Copyright Cheltenham Literature Festival

Nicht nur sprachlich verlief die „Great American Novel“ mit drei US-Experten deutlich anders, warum müssen manche Amis so schnell sprechen, wie ihre Cops manchmal schießen? Trotz manch bedenklicher Lücken des Rezensenten in der US-Literatur gab es wieder intensivste Anregungen, auch das „On the road“ ein zentrales Thema in diesen Werken ist. Und das war es auch beim letzten, vielleicht schönsten Panel: „Woody Guthrie: Gewerkschaftsbewegung verbunden sind. Wer weiß schon, das zur Inauguration von Präsident Obama vorgetragene „This land is your land“, interpretiert von Pete Seeger und Bruce Springsteen eines der besten von Guthrie ist? Prof. Kaufmann beließ es nicht bei der Präsentation eines Stücks Geschichte der USA (dem Elend der Wanderarbeiter während der großen Depression), er bannte das Publikum im „Drawing Room“ des Rathauses von Cheltenham auch mit dem Vortrag vieler wichtiger Lieder Guthries. Noch einmal eine höchst gelungene Kombination von Literatur und Musik.

Charity Musiker in der Cheltenham High Street; Copyright Michael Mittelhaus

Vielfalt, Entspanntheit und Literatur in allen Varianten

Dieses Festival beeindruckte durch seine unglaubliche literarische Vielfalt, seine Intensität mit der es sich mannigfaltigsten Themen widmete, seiner Entspanntheit, dem höchst interessierten Publikum, dem schönen Gelände und einer guten Organisation. Man konnte unglaublich viel lernen, Anregungen fürs Lesen bis zum Abwinken bekommen und sich unter lauter anderen Literaturfreunden einfach wohl fühlen. So viel geballte Literatur, ein echtes Fest für Lesefreunde, danke Cheltenham, danke Times, danke UK!
Kritik? Ja, was hat ein Ex-Natogeneral auf einem Literaturfestival zu suchen, der unverhohlen zum Krieg mit Rußland im Jahr 2017 aufruft ?

Wo solls hingehen – Wegweiser auf dem Festival; Copyright Cheltenham Literature Festival

Wenn das Festival sich ernst nehmen will, könnte es auf solche „Buchkrieger“ gut verzichten und einen noch besseren Eindruck liefern, als es so schon auf uns gemacht hat. Und vielleicht den einen oder anderen Rabatt einräumen, nicht alle Literaturfreunde werden sich die rund 100 Pfund für 9 Veranstaltungen in 3 Tagen leisten können. Zumal es sich ja auch um eine Verkaufsveranstaltung handelt. E-Books spielten dort übrigens überhaupt keine Rolle, ich habe niemanden vor so einer „Glotze“ gesehen, es war also auch ein Festival des gedruckten Buchs.

Danke Cheltenham, danke Literature Festival, dem Organisationskomittee und der großen Zahl freiwilligen Helfern, dem sympathischen Cotswold Grange Hotel und all den freundlichen Cheltenhamern, die uns Touristen vom Kontinent so liebenswürdig begegnet sind.

Und: Ganz ohne Bücher reist man von so einem Fest natürlich nicht heim, diesmal gabs:

  • Philip Roth
    I married a Communist (aus einem der drei Buchzelte auf dem Festival)
  • A.N. Wilson
    The Queen (dito, natürlich signiert vom Autor)
  • Will Kaufmann
    Woody Guthrie (direkt nach dem Panel gekauft, mit Widmung vom Autor)
  • David Boucher Dylan & Cohen, Poets of Rock and Roll (in einem der herrlichen 2nd hand shops erwühlt)
  • Beatrix Potter
    The complete Adventures of Peter Rabbit (aus der Festival-Kinderbuchhandlung, signiert).
  • PeterHaining
    The Day War broke out (in einem der herrlichen 2nd hand shops gefunden)
  • David Hepworth
    Never a dull moment, Rock´s golden year (aus einem der Festival Buchzelte, signiert).

Der besondere Tip

Eines der schönsten Bücher der letzten 3 Jahre.




Wie kann man nur so viel lesen ?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt und noch öfter, seit ich den Literaturblog betreibe.
Darauf gibt es mehr als eine Antwort.
Ja, ich kann diagonal lesen und ich weiss dann sogar noch, was ich gelesen habe. Das geht aber nur je nach Komplexität der Sprache eines Buches, also etwa beim „Phantom der Oper“ kein Problem. Umgekehrt: Sprachartisten wie Arno Schmidt oder Dylan Thomas – die gehen einfach nicht diagonal. Auch beim Lesen von englischer Literatur im Original klappts nicht mit dem „Diagonalen“, genauso wenig wie etwa bei Lyrik.
Praktisch habe ich insgesamt eine etwas höhere Lesegeschwindigkeit als manch anderer, aber das finde ich nicht entscheidend. Auch nicht, das ich mir gestatte, mehrere Bücher parallel zu lesen. Immer wenn die Aufmerksamkeit für ein Buch zu erlahmen droht, ein anderes nehmen, und schon machts wieder Spaß. Ist nicht jedermanns Sache, aber sehr oft die Meinige. Und hilft sicher, etwas mehr zu lesen, sozusagen „Lesedoping“.

Fernsehen bildet ?
Den für mich wichtigsten Grund, warum ich so viel lesen kann, hat der US-Entertainer Groucho Marx genannt, unter der Überschrift „Fernsehen bildet“ sagte er: „Jedes Mal, wenn jemand den Fernseher einschaltet, gehe ich nach nebenan und lese.“
Das halte ich seit nunmehr fast neun Jahren so – es lohnt sich: Zum Lesen! Was nicht heißt, das ich keine Filme mag, im Gegenteil. Dazu gehe ich ins Kino, oder lege eine DVD ein, selbst VHS-Kassetten tuns noch. Ich mag aber meine Zeit weder mit einer Quassel-Show, noch mit unsäglichem Reality-TV vertun. Die dünnen Inhalte von TV-Nachrichten oder Magazinen kann man in wenigen Minuten in guten Zeitschriften oder Internet-Beiträgen erfassen – lesend. Warum also seine kostbare Lebenszeit vor der Glotze verplempern?
So gesehen bin ich ARD+ZDF geradezu dankbar, das sie sich auf das Verblödungsniveau des Privatfernsehens begeben haben, auch ein Bildungsbeitrag, frei nach Groucho Marx.
Letztlich halte ich Fernsehen für ein inzwischen totes Medium, vor 60 Jahren gab es noch die Faszination bewegter Bilder im Wohnzimmer, unabhängig von den Inhalten, das hat sich überlebt.

Schöner geht's kaum:

Die Titelseite der Ausgabe "Klein Zaches genannt Zinnober" von E.T.A. Hoffmann im Schuber vom Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 2. Auflage 1985, mit den herrlichen Illustrationen von Hans Ticha.
Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.

Ein Buch typisch für die Verlage der DDR, typisch für das Bücher- und Leseland DDR, Bücher für jedermann erschwinglich.

Alles, nur kein Smartphone!
Viele meinen, ohne so ein Ding ginge es gar nicht mehr. Ich habe allerdings die ersten 60 Jahre meines Lebens die Erfahrung gemacht, dass es ziemlich gut ohne geht, da gab`s die Streicheltelefone einfach noch gar nicht. Und ich habe die feste Absicht, auch die restlichen Lebensjahre ohne diese freundlichen Zeitvernichter zu verbringen – möglichst lesend. So gehen die einen zum Arzt und vernichten die Wartezeit mit Streicheln ihres Mobilteils, ich lese! Das gilt genauso für den Friseur, Behörden, für jede Wartezeit eben.
Vielleicht waren dafür auch die elend langen Rolltreppen der Moskauer Metro das Vorbild für mich, dort standen viele Leute und lasen ein Buch – vor der Erfindung des Smartphones, manchmal aber auch heute noch.
Und noch eins, E-Books sind absolut keine Alternative, sie sind eben nur „so praktisch wie Plastikblumen“ (Prof. David Gelernter, Informatiker).

Die Rückseite der Ausgabe "Klein Zaches genannt Zinnober" von E.T.A. Hoffmann im Schuber vom Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 2. Auflage 1985, mit den herrlichen Illustrationen von Hans Ticha.
Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.

Reisezeit – Lesezeit
Seit ich festgestellt habe, dass ich unterwegs keineswegs immer ein Notebook dabei haben muss, gehört die Reisezeit zu den besten Lesezeiten überhaupt. Ich fahre häufig nach Berlin, die Stadt, in der ich mehr als 30 Jahre gelebt habe. Das kann man mit dem Auto machen und verbringt dann – je nach Staulage – 4-8 Stunden (ein Weg) damit, den Asphalt der Autobahn und andere Blechmobile anzustarren. Man kann sich aber auch in den Zug setzen und gute 3 Stunden (ein Weg) von Osnabrück nach Berlin lesend verbringen. Ich rechne so: Einmal Berlin hin und zurück = ein leichtes Taschenbuch.
Um ehrlich zu bleiben, in U- und S-Bahn in Berlin lese ich eher nicht, dazu finde ich meine Mitmenschen in der Bahn zu faszinierend, die ich lieber beobachte, ihnen zuhöre, oder den Touristen wieder mal erkläre, wie man zum Hackeschen Markt kommt. Sollte ich aber von Wannsee bis Oranienburg fahren, dann wär doch wieder ein Buch dabei.
Manchmal aber sorgen geruhsam zu Hause verbrachten Ferien mit der Familie für eine ganz besondere Leseatmosphäre: In jeder Ecke hockt einer und schmökert – und was liest Du gerade?
Und dazu die schöne Entwicklung, das die Kinder, denen man einst vorgelesen hat, einem heute selbst kostbare Lesetips geben.

Man kann ja auch mal krank werden
Eine der wenigen wirklichen „Altersweisheiten“, die ich akzeptiere, ist die, das eigentlich jedes Ding seine zwei Seiten hat. Eine fiese Grippe hat mich im Frühjahr wochenlang niedergestreckt. Sehr schön, erstmal den Bücherstapel auf dem Couchtisch aufgebaut. Check im Klinikum – reicht für etliche Seiten Ian Rankin.
Eine Leistenbruchoperation will gut geplant sein, welche Bücher nehme ich mit?
So kam ich in ein nettes Gespräch mit dem Chirurgen, der beim ersten Besuch erstmal den Stapel auf dem Nachttisch bewunderte und den ich so von einer ganz anderen Seite kennengelernt habe.
Was nun nicht heißt, dass ich gerne krank bin, aber so ein-, zweimal im Jahr eine Grippe nehmen zum Lesen – ist doch gar nicht so verkehrt ?

Szene aus "Klein Zaches genannt Zinnober" von E.T.A. Hoffmann.
Begegnung der Fee Rosabelverde mit dem Magus, ferner im Bild Prosper Alpanus als Hirschkäfer und dem in ein Mäuschen verwandelten Trauermantel.
Abbildung auf S. 101 der Ausgabe vom Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 2. Auflage 1985, mit den herrlichen Illustrationen von Hans Ticha.
Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.

Informations- und Unterhaltungsmedium Nr. 1
Bücher, gedrucktes, Lesen, das ist weiterhin das beste Medium zur Informationsaufnahme, besser als Hören, Sehen, Video, TV und was es noch so gibt. In nur wenigen Minuten Lesen kann ich mehr Informationen aufnehmen, als mit jedem anderen Medium. Was man angesichts begrenzter Lebenszeit bedenken, aber natürlich nicht verabsolutieren sollte.
Wobei: Lesen – das ist das schönste Kino! Das Kopfkino, das was sich jeder selbst vorstellt, wenn er liest, gibt eigenen Bilder, die vielleicht schönsten und phantasievollsten; was aber zugegebenermaßen auch bei Hörspielen und – Büchern existiert. Dennoch: Lesen ist auch Kino und ein ganz privates dazu.

Schöne Bücher
Eines der faszinierendsten Dinge sind für mich schöne Bücher, zum Ansehen, zum Blättern, zum Staunen, zum Träumen, zum Anlesen oder einfach zum Bewundern.
Und da gibt es so unglaublich viele, die viel mehr als nur ein paar tausend Buchstaben zwischen zwei Deckeln sind, sonder eher wahre Kunstwerke. Eben die mit diesem Text illustrierte Ausgabe von E.T.A. Hoffmann vom Aufbau Verlag. Märchenbücher für Kinder, dreidimensionale Ausgaben für kleine und junge Menschen. Die wunderschönen Editionen von Insel oder von Manesse, z.B. Hermann Bangs „Tine“, oder die Schneekönigin von Andersen, illustriert von Sanna Annukka bei Knesebeck. Oder Juhani Seppovaaras Ostberlin Reminiszenzen „Unter dem Himmel Ostberlins“ bei edition q; um nur einige wenige zu nennen. Es wäre wirklich einen eigenen Beitrag wert – die 20 schönsten Bücher in unseren Regalen. Und wo ich mich im Zweifelsfall auch lieber für die gebundene, weil schönere Ausgabe entscheide, gegenüber dem günstigeren Taschenbuch.
Wobei ich noch gar nicht von Kunst- und Bildbänden gesprochen habe, die kommen noch dazu.
Und alle diese Schönheiten existieren nur gedruckt, aber nicht im schnöden E-Book, was bekanntlich nur wie Plastikblumen zu verwenden ist.

Balthasar und Fabian begegnen dem Strauss, der der Pförtner im Landhaus von Prosper Alpanus ist.
Abbildung auf S. 77 der Ausgabe von "Klein Zaches genannt Zinnober" von E.T.A. Hoffmann vom Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 2. Auflage 1985, mit den herrlichen Illustrationen von Hans Ticha.
Mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.s.

Lebensgewohnheiten – Lesegewohnheiten
Lesen hat auch viel mit Gewohnheiten zu tun, als ich ein Kind war, gab es keinen Fernseher in der Familie-aber Bücher. Also habe ich nie wirklich die Fernsehgewohnheiten entwickelt, ohne die manche Menschen sich ihr Leben gar nicht mehr vorstellen können. Dafür habe ich aber Lesegewohnheiten entwickelt, im Grunde kann ich kaum an einem gedruckten Stück Papier vorbeigehen. Lesen hab ich eben von klein auf gelernt und das haben wir auch an unsere Kinder weitergegeben. Die nun ihrerseits beide ohne Fernseher in ihrer Studentenbude auskommen, was aber auch nicht untypisch für ihre Generation ist, deren TV heißt „YouTube“.
In meiner Jugend bin ich speziell in den langen Sommerferien zur örtlichen Bücherei gewandert, und habe so viele Bücher geholt, wie ich sie gerade noch tragen konnte. Um spätestens in der Folgewoche den nächsten Stapel zu holen. Heute dagegen sieht das so aus, das ich sehr darauf achte, immer eine nette Auswahl passender Bücher auf Vorrat zu haben, dann blättert man verschiedenes durch, schmökert ein bisschen – und entscheidet sich dann, was man sich vorknöpft.

Einfach eine Lebenseinstellung
Eigentlich wären das alles schon Antworten genug auf die Frage, wie kann man so viel lesen. Aber die wichtigste Antwort ist noch nicht dabei: Lesen ist eine Philosophie, eine Lebenseinstellung.
Je älter ich werde, um so mehr wird bewusst, das Leben endlich ist. Und das ich noch so unendlich viel wissen möchte, von der Astrophysik über Geschichtsabschnitte, Latein-Amerika, Neuseeland, Philosophie, bis zu Voltaire und Verfassungsfragen. Und wo kann ich das am schnellsten, am einfachsten, am gründlichsten, am intensivsten, am vielfältigsten?
Mich reizt es nicht, 2 Tage im Flugzeug zu irgendeinem exotischen Ziel unterwegs zu sein, wo ich – gefangen in der Tourismusumgebung – herzlich wenig über Land und Leute lerne. Ein paarmal intensiv Gabriel Garcia Marquez gelesen, Bücher von Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Lew Tolstoi und Alexander Puschkin verschlungen, Romane von Knut Hamsun, Björnsterne Björnson, Jonas Lie, Espen Haavardsholm und Axel Sandemose „weg geknuspert“ – so lerne ich mehr über Lateinamerika, das Riesenland Russland oder Norwegen, als es durch Bereisen allein möglich ist.
Es gibt noch so viele Fragen, auf die ich eine Antwort suche, so vieles, was ich wissen und verstehen möchte, so vieles was ich lernen möchte, dafür möchte ich meine Lebenszeit nutzen – dies alles in Büchern zu suchen und zu finden.
Und manchmal ist es einfach der Lesehunger! Wenn ich bedenke, wie kurz der Rest meines Lebens ist – und was ich von Balzac, Voltaire, Goethe, Schiller, Shakespeare, Tschechow, Hemingway, Virginia Woolfe, Christa Wolf, Daniil Granin, all den Skandinaviern, baltischen, russischen Erzählern noch nicht kenne und noch lesen möchte. Dass ich noch so wenig über afrikanische Literatur weiß, fast nichts aus Australien und Neuseeland kenne und die amerikanische Literatur nur gestreift habe. Was also soll ich mit dem Rest meines Lebens anfangen, wenn nicht mir so viele literarische Schätze aneignen, wie nur irgend möglich ?

Lesen – das ist meine Philosophie und meine Lebenseinstellung, und damit meine wichtigste Antwort auf die Frage: Wie kann man so viel lesen?

PS: Ich danke meiner Frau Margret fürs Korrekturlesen und die unendliche Geduld, mit der sie vor allem meine zahllosen „S“-Fehler verbessert.



MM

Michael Mittelhaus