»Mein Leben
Peter Scholl-Latour

Schade, dass die­ser kluge und so unge­heuer viel wis­sende Mensch so spät ange­fan­gen hat, seine Erin­ne­run­gen zu schrei­ben. So bricht das unvoll­endete Buch etwa mit dem Tod de Gaulles (des­sen Anhän­ger er war) ab und man fin­det viele Schlag­lich­ter aber nir­gends wirk­lich his­to­ri­sche Dar­stel­lun­gen. Gut, dass er auf pri­vate Enthüllungen ver­zich­tet, schlecht, dass so sein Ein­tritt zum fran­zö­si­schen Frem­den­korps Anfang der 50er so nicht ansatz­weise nach­voll­zieh­bar erscheint.

Elsäs­ser Eltern, Erzie­hung bei Schwei­zer Jesui­ten, Grund­la­gen sei­ner Fran­ko­pho­nie, und ein wei­test­ge­hend glückliches Steu­ern durch die Nazi­dik­ta­tur des 1924 Gebo­re­nen prä­gen den Beginn. Indo­china Erfah­run­gen als Sol­dat im franz. Kolo­ni­al­krieg (extrem nüchtern geschil­dert), Dok­tor an der Sor­bonne, Jour­na­list, Diplom in Ara­bi­s­tik in Bei­rut und damit Islam­ken­ner- so lesen sich Grund­steine sei­ner Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät. Sein mehr als Sprach­ver­ste­hen des deut­schen, fran­zö­si­schen (+asia­ti­schen) und des ara­bi­schen Sprach­raums. Auf wel­cher wirt­schaft­li­chen Grund­lage das alles geschieht, erfah­ren wir nicht, ebenso wie man Anzei­chen von Selbst­kri­tik bei die­sem sehr von sich selbst überzeugten Men­schen ver­geb­lich sucht, auch nicht bei sei­nen Berufs­an­fän­gen beim fran­zös. Geheimdienst.

Dafür ist das Buch ein meist span­nen­des Kalei­do­skop der Nach­kriegs­ge­schichte: Dien Bien Phu + die gren­zen­lose Tor­heit der Regie­ren­den, was der ita­lie­ni­sche Geheim­dienst im Nahen Osten säte, warum man euro­päi­sche Poli­tik­mo­delle nicht dort­hin übertragen sollte, Dis­kus­sion um die ara­bi­sche Wie­der­ge­burt, der kolo­nia­lis­ti­sche Suez-Krieg, die Mil­lio­nen Toten des Alge­ri­en­kriegs Frank­reich, der Ter­ror der OAS. Lei­der geht oft eine geschichts­schrei­bende Linie in der Welle der Details ver­lo­ren. Das geht wei­ter mit den Krie­gen im Kongo und Sierra Leone, wo es im Kern um Pro­fite der Dia­mant­ge­sell­schaf­ren geht. Oder wie die USA im Hin­ter­grund des afri­ka­ni­schen Chaos die Fäden zie­hen, um Fir­men zur Roh­stoff­aus­beute gründen zu kön­nen. Wobei ein nach Unab­hän­gig­keit stre­ben­der Poli­ti­ker Lumumba dem bel­gi­schen Kolo­ni­al­re­gime und der CIA zum Opfer fiel.

Unan­ge­nehm feuil­le­to­nis­tisch-arm­se­lig aber seine Texte zum Mai 68 in Frank­reich, die­sen Mai hat er nicht ver­stan­den, oder will ihn nicht ver­ste­hen, als beken­nen­der Gaul­list ? Tref­fend wie­derum seine Ein­schät­zung, dass Por­tu­gal ein Nichts ist ohne seine Kolo­nien und sich damit direkt in die Nel­ken­re­vo­lu­tion von 1974 bewegt.

Ein Buch, dass vom unge­heu­ren und unan­ge­pass­ten Wis­sen Scholl-Latours zeugt, was in sei­nen Büchern aber meist bes­ser beleuch­tet wird. Ein Buch, was nur knapp zeigt, wie inten­siv er sich in seine Inter­view­part­ner hin­ein­den­ken konnte und für einen sel­ten gewor­de­nen ech­ten Jour­na­lis­mus sorgte. Ein meist span­nen­des Werk, dass an den Ver­lust erin­nert, den wir mit dem Tod die­ses klu­gen, wis­sen­den, unan­ge­pass­ten Den­kers und Jour­na­lis­ten verzeichnen.

Inter­es­sante und meist span­nende Lektüre