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Behzad Karim Khani
» Als wir Schwäne waren

Autor:Behzad Karim Khani
Titel:Als wir Schwäne waren
Aus­gabe:Han­ser Ver­lag Ber­lin, 4. Auf­lage 2025
Erstan­den:anti­qua­risch

Als-wir-Schwaene-waren-Bild1 Behzad Karim Khani ist der Autor des Romans »Als wir Schwäne waren«, ein poli­tisch den­ken­der und han­deln­der Mensch, der sich als »Anti­fa­schist« bezeich­net und betont, dass ein neuer, ange­mes­se­ner Ton zu eta­blie­ren sei. Einer, »der uns Migran­ten, Post­mi­gran­ten, Ost­deut­sche und Juden nicht als Pro­jekte west­deut­scher Groß­zü­gig­keit, Läu­te­rung, Opfer­be­reit­schaft oder Welt­of­fen­heit domi­niert«. Quelle https://​taz​.de/​B​e​h​z​a​d​-​K​-​K​h​a​n​i​-​u​e​b​e​r​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​A​n​g​s​t​/​!​v​n​5​9​1​3​7​41/ Man solle von ein­an­der ler­nen, so hätte auch der Wes­ten vom Osten ler­nen kön­nen. »Hat sich aber für die Rolle des arro­gan­ten Cou­sins ent­schie­den, der mit sei­nem teu­ren Auto vor­fährt und alles bes­ser weiß«. Quelle

In sei­nem Debüt­ro­man »Hund, Wolf, Scha­kal« (2022) erzählt er scho­nungs­los von Gewalt, Aus­gren­zung, Armut und Chan­cen­lo­sig­keit. In sei­nem Roman »Als wir Schwäne waren« spricht er viel ruhi­ger und gefühls­be­tont, was aber nicht bedeu­tet, dass er nicht ebenso wütend ist und Bru­ta­li­tät beschreibt. Seine Gesell­schafts­ana­lyse und damit seine Hal­tung zu Ras­sis­mus und Fremd­sein in Deutsch­land wird dadurch noch deut­li­cher und muss uns betrof­fen machen. Behzad Karim Khani sagt, in sei­nem neuen Roman sei er näher am Leben dran. Quelle

Nun zum Roman, der deut­lich auto­bio­gra­fi­sche Züge trägt. Wir befin­den uns in den 90er Jah­ren in einem Bochu­mer Arbei­ter­vier­tel, in dem der Ich-Erzäh­ler groß wird. »Unsere Küchen haben keine Abzüge. In unse­ren Flu­ren riecht es. Nach Armut, Majo­ran und Bocks­horn­klee. Nach Reis und Schmor­töp­fen. Nach gebra­te­nen Zwie­beln mit Kur­kuma. Nach Kin­der­zim­mern mit Eta­gen­bet­ten und Arbeits­lo­sig­keit. Nach Zimt, Sozi­al­hilfe und Groß­fa­mi­lien.« (S. 88). Der Ich-Erzäh­ler blickt zurück auf sein Leben in die­sem Arbei­ter­vier­tel, hier kann es keine Hoff­nung geben, das Leben ist eine Ein­bahn­straße, geprägt von Gewalt, Kri­mi­na­li­tät, Dro­gen, Armut und aus­ge­präg­ter Männlichkeit.

Der Ich-Erzäh­ler erzählt in drei Akten, jeder Akt beginnt mit einem Apho­ris­mus oder einer Lebensweisheit.

1. Akt: »Wo Gehen immer die erste Option ist und Blei­ben Argu­mente braucht.« (S. 11).

Reza lebt mit sei­nen Eltern in einer Plat­ten­bau­sied­lung in Bochum. Mit sei­nen Eltern ist er aus dem Iran in den 90er Jah­ren geflo­hen, weil seine Eltern hier poli­tisch aktiv waren. »Meine Eltern sind gebil­dete, sehr stolze Men­schen. Wir sind Per­ser. In unse­rer Spra­che gibt es zehn, fünf­zehn ver­schie­dene Begriffe für Stolz.« (S. 14). Eine Chance, die­ses Getto zu ver­las­sen, haben sie nicht, die Uni­ver­si­täts­ab­schlüsse der Eltern wer­den nicht aner­kannt, der Vater fährt Taxi. »Wir blei­ben also da, und mit uns die ein­fa­chen Arbei­ter, die Arbeits­lo­sen. Die­je­ni­gen, die ent­we­der kein Wei­ter ken­nen oder nie wei­ter woll­ten als die SPD-Uto­pie, in der alles tem­po­rär ist, nur nicht die »Defekt« Schil­der an den Auf­zü­gen.« (S: 43).

2. Akt: »Wir sind ein Alp­traum. Ich weiß nur nicht, wes­sen.« (S. 63).

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Bild des Autors | Quelle

Reza ist jetzt ein Teen­ager, lernt Nata­lie und den »Play­boy« ken­nen, raucht Joints, nimmt die Schule nicht ernst und beginnt, mit Dro­gen zu dea­len, ebenso wie seine Freunde. »Unser Vier­tel zer­reibt seine Bewoh­ner. Alles ist stumpf hier. Wir alle leben in einem Abnut­zungs­krieg mit so vie­len Fron­ten, wie unsere Sied­lung Ein­woh­ner hat.« (S. 98).

3. Akt: »Wir sind Sta­cheln im Fleisch. Ein­dring­linge.« (S. 135).

Reza ist erwach­sen, Klein­kri­mi­nel­ler, Dro­gen­dea­ler, gewalt­be­reit. Er wird fest­ge­nom­men, erhält zwei­ein­halb Jahre auf Bewäh­rung. Er ent­schei­det sich, nicht nur bei den Eltern aus­zu­zie­hen, son­dern auch die Stadt zu ver­las­sen. Reak­tion sei­ner Eltern: »Wir haben immer ver­sucht, dich zu einem lei­den­schaft­li­chen Men­schen zu erzie­hen. Hier gibt es nichts für dich, wofür es sich zu bren­nen lohnt.« (S. 168). Reza zieht nach Ber­lin und beginnt eine Therapie.

Behzad Karim Khani kommt in sei­nem Roman immer wie­der auf eine Szene zurück, die sicher auch als Schlüs­sel­szene zu bezeich­nen ist. »Ich hatte ein Vogel­nest ent­deckt, in einem der hohen Gebü­sche vor dem Haus und mich ihm vor­sich­tig genä­hert, um die Küken zu strei­cheln. Sie (die Nach­ba­rin) hatte das gese­hen und mich aus dem Fens­ter ange­schrien, ich solle die Vögel in Ruhe las­sen, deut­sche Kin­der wür­den so etwas nicht tun.« (S. 106). Erst Jahre spä­ter kann er damit umge­hen und uns erzäh­len, dass er Deutsch­land ver­las­sen werde, um ein Land suchen, »wo man nicht erst den Hund grüßt und dann den Besit­zer. Wo es mit Kind­sein zu tun hat, wenn ein Zehn­jäh­ri­ger sich einem Vogel­nest nähert und nicht mit Her­kunft.« (S. 186).

Als-wir-Schwaene-waren-Bild4Hustadt/Bochum | Quelle 

Jetzt muss ich noch­mal zum Beginn des Romans zurück­keh­ren. Hier spricht der Autor direkt sei­nen klei­nen Sohn an: »Ich will etwas Ande­res für dich. Etwas Ande­res von dir. Ich will, dass du wäh­len kannst. Dass in dir mehr steckt als in mir. Mehr als immer die­selbe Ant­wort. Des­halb schreibe ich die­ses Buch.« (S. 9).

Eine letzte Über­le­gung: Wofür ste­hen die Schwäne? Sie sind sicher als Meta­pher zu sehen für die Suche nach Hei­mat. Im Iran haben sie ein andere Bedeu­tung als in Deutsch­land. Hier kön­nen sie näm­lich nicht flie­gen, sind Stand­vö­gel und geben sich mit dem zufrie­den, was ist. Im Iran sind die Schwäne scheue Zug­vö­gel, die immer nach dem Bes­ten suchen.

Ich bin von dem Roman sehr beein­druckt, denn er zeigt uns, was Ras­sis­mus bewir­ken kann bei einem Indi­vi­duum: Schmerz erzeu­gen, aber auch Stolz.

»Es gibt wenige Schrift­stel­ler, die der­art ins Volle gehen wie die­ser Autor. Seine Prosa ist nicht in den Schreib­stu­ben der Lite­ra­tur­in­sti­tute geschlif­fen wor­den, son­dern auf dem rauen Asphalt der Straße.« Quelle

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Ausgrenzung, Behzad Karim Khani, Drogen, Flüchtlinge, Gewalt, Hanser Verlag, Heimat, Identität, Iran, Rassismus