
Kerstin Ekman
» Min bogverden
| Autor: | Kerstin Ekman (Schweden, 2023) |
| Titel: | Min bogverden |
| Ausgabe: | Gyldendal, 2023, dänische Fassung |
| Erstanden: | Boghandel Olivarius, Svaneke, Bornholm |
| Übersetzung: | Kerstin Ekman, Anne Marie Bjerg |

Meine Bücherwelt – nichts anderes beschreibt die Schwedin Kerstin Ekman in diesem Buch, das sie als 90-jährige verfasste. Und wie rezensiert man ein Buch, das selbst voller Rezensionen anderer Bücher steckt?
Mit 16 hatte sie angefangen zu schreiben, zunächst Krimis, von denen sie sich bald löste. Die Literaturhistorikerin wurde in der Folgezeit mit Auszeichnungen überhäuft, u.a. mit dem Literaturpreis des Nordischen Rats, die höchste Auszeichnung Skandinaviens. Rund 30 Werke habe ich in ihrer deutschsprachigen Wiki gezählt. Und – Skandal – ich kannte kein einziges davon, wiewohl es so vieles übersetzt gibt (siehe Anhang).
Abhilfe schaffte die kleine, aber feine Buchhandlung »Olivarius« in der »schönsten Hafenstadt Dänemarks, in Svaneke auf Bornholm. Das Geschäft von Tina Larsen verschaffte mir an einem strahlenden Herbsttag einen »Madeleine-Moment«, wie ich im Nachhinein erkannte. Erkannte das erst nach Abschluss des 1. Bandes von Marcel Proust, »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. So wie Marcel die Erinnerungen an den Genuss des französischen Feingebäcks mit einer Welt von Erinnerungen verbindet, so sehe ich beim Lesen der »Bogverden« die hohen Regale des so kleinen »Olivarius« vor mir, voll mit literarischen Verlockungen. Und eine kleine Katzenreise vom Hafen, der Ostsee, Ærtholmen und den Klippen des Nordens entfernt – beim Lesen immer parat.
Denn Kerstin Ekman entführt ihre Leser in die Welt ihrer Bücher und ihrer damit verbundenen (Gefühls-)Welten. Homers Odyssee, Tolstoi »Krieg und Frieden«, der »Troldomsbjerget« (Th. Mann), Emily Brontë, Camus, H. Bang, C. Dickens, Iwan Turgenjew; um nur einige der bekanntesten zu nennen. Manche Erinnerungen rühren, so die auf einer Parkbank im Regen liegen gelassene Sophokles Leihausgabe der örtlichen Bibliothek. Die Lippen ihrer frühen Liebe stellten sich damals als fesselnder heraus als die Lektüre. So verbindet sie Biografisches mit Literarischem, ihre Eindrücke bei erster Lektüre als Schülerin, Teenager, Studentin. Verglichen mit der späteren Lektüre, 30, 40, ja 50 Jahre später. Ein Reiz, den ich zunehmend selbst entdecke.
Ich schwärme nicht mehr für die Welt von Hermann Hesse, wie als Student in den Zwanzigern, lese ihn aber heute mit ganz anderer Neugier, anderen Prämissen und Interessen. Diese Verbindung völlig unterschiedlicher Perspektiven gegenüber Werken der Weltliteratur ist aber einer der großen Pluspunkte dieser Literaturschau aus schwedischer Sicht. K. Ekman lebt logischerweise eine skandinavische Buchwelt, dazu gehören Autoren wie Selma Lagerlöv, Eyvind Johnson, Hjalmar Bergman, Hendrik Ibsen, Hermann Bang, um wesentliche zu nennen.
Nicht immer finde ich ihre teils sehr ausführlichen Inhaltsangaben angemessen, kennt man das rezensierte Buch selber nicht, sind sie dennoch hilfreich.

Website des Piper Verlags
Die Übersetzung ihrer »Buchwelt« aus dem Schwedischen ins Dänische hat sie zusammen mit Anne Marie Bjerg selbst geschaffen. Diese wird in der »Baltic sea library« als profunde Übersetzerin und Autorin genannt, die selbst mehr als 100 Titel veröffentlicht hat. Eingeleitet wird die »Buchwelt« durch die Erinnerung an den Zettel in einem Blumenstrauß, den Ekman während eines langen Krankenhaus-Aufenthalts (mit 31) von einem alten Freund bekam:»Du hast ja schon schlimmeres durchgestanden«, stand dort fein ziseliert in alt-griechischen Buchstaben« – der Freund war Altsprachler. Und so hat sie die Verbindung zum ersten Buch ihrer »bogverden«, Homers Odyssee, hergestellt, denn daher soll der Satz stammen …
Sie sucht und blättert, stößt auf falsch Einsortiertes wie Manon Lescaut, Prosper Merimée’s Colomba u.a. Und nun ist sie 70 Jahre älter als die Schülerin bei der Erstlektüre von M. Lescaut. In 26 Kapiteln erzählt die Schwedin so, welche Bücher sie über ihre lange Lebenszeit begleitet haben. Und erinnert sich an den unvergesslichen Rat: »Man skal nok ikke smide bøger ud. For den der ville lære at skrive var dette jo et uforglemmeligt råd.« (Man sollte keine Bücher wegwerfen. Ein unvergesslicher Rat, für jemanden, der lernen will, zu schreiben.)
Schon beim Anlesen und der Info über die Verfasserin, die mit 26 zu schreiben anfing, stellte ich fest: Eine wichtige Stimme Schwedens und des Nordens. Dabei assoziiert sie in ihrem Text mit vielen weltberühmten Werken, z.B. George Eliott »Middlemarch«. Oder Eyvind Johnson »Minnas«. Ihre Erinnerungen (in Proustscher Dimension), als sie die das erste Mal las, in der vorletzten Schulklasse, die Zukunft rückte näher. Sie ist gerne alleine. Die Eltern haben Termine, sie spielt Klavier, nicht gut, aber gerne, es macht Spaß.

»Minnas« von Eyvind Johnson hat sie das erste Mal 1951 gelesen, da war sie 18. Und wieder erinnert sie sich an die Umstände. Die Eltern nicht da, es war kalt und sie zu faul mit einer Freundin Feuer zu machen. Als im Buch das Wort »Päderast« vorkam und sie sich ihre eigene Situation überlegt, fing sie an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Normalerweise, schreibt sie, erwacht im letzten Teenagerjahr die Leselust. Mit Lesen will man weg von allem. Aber dieses Buch, dieses Buch brachte sie nicht weg, sondern »for mig vendte den indersiden af byen ud.« (Für mich wurde das Innere der Stadt nach außen gekehrt.)
Das erste Mal begann ich zu ahnen, dass Zufälle und Begierden das Leben der Menschen steuerten, ebenso Dämonen und rasende Liebe. Und eine Referenz zum Autor Eyvind Johnson, dem gerade ein wichtiges Buch abgelehnt wurde und der dazu bekennt; Mein Schicksal ist Schreiben, ich muß schreiben. Vergleich hier.
Wir lernen auch noch, warum Kerstin Ekman als Teenie einen Band Sophokles auf einer Bank im Stadtpark vergaß und verstehen das Lob auf die kommunale Bibliothek, aus der sie Sophokles entliehen hatte. »For mig åbnede kommunens bibliothek den verden jeg ville i.« (Mir öffnete die kommunale Bibliothek die Welt in der ich leben wollte.) Ihr Vater, ein Fabrikant, half ihr, indem er ihr bald seine Lesekarte für die Erwachsenenabteilung gab. Ähnlich bei der »Familie Thibault«, von Roger Martin du Gard. Oder die Forsythe Saga des John Galsworthy.
Beide hat sie als Erwachsene wieder gelesen, was man auch tun sollte, meint sie. Auch weil ihr beim Wiederlesen ihr Schulmädchen-Dasein ins Gedächtnis rückte.
Tolstoi
An das russische Meisterwerk »Krieg und Frieden« hat sie spezielle Erinnerungen. So erklärt sie, welche Bedeutung einer der griechischen Ausdrücke für »Zeit« hat (der andere lautet »chronos«), also »kairos« – der richtige Augenblick. Da muss ich wohl J. Erpenbecks gleichnamigen Roman noch einmal lesen, vielleicht verstehe ich ihn endlich richtig.
Auch in Christa Wolfs Werk »Kassandra« spielt dieser Zeitbegriff eine Rolle. Das griechische Wort »Kairos« bedeutet in der Philosophie, dass ein günstiger, entscheidender Moment, wenn er verpasst wird, unwiederbringlich verstrichen ist. Kassandra von Christa Wolf ist eine Erzählung, in der dafür plädiert wird, den entscheidenden Moment für menschliches Handeln zu erkennen und vor allem zu ergreifen, bevor die Zerstörung nicht mehr verhindert werden kann; Danke an Margret für diesen Hinweis!
Tolstois Werk spielt unter Menschen der damals höchsten Gesellschaftsschicht, die gerne Französisch sprachen, was unübersetzt in den Text einfließt. Was in meiner alten (DDR-)Ausgabe von 1978 bei Ruetten & Löning per Annex ergänzt wird. Wichtig war Ekman, wie sie damals starke Gefühle beim Lesen von »Krieg und Frieden« erlebte und mit den Helden mitfieberte. Wie sie der Rat des greisen russischen Heerführers Kutusow beeindruckte: »Geduld! Sie werden noch Pferdefleisch essen!«
Ihr Fazit: Als Tolstoi »Krieg und Frieden« schrieb, wollte er ein Buch gegen den Krieg schreiben!
Strindberg, Lagerlöf, Thomas Mann
Bei Strindberg erinnert sie ich an die Aussage ihres Vaters, »Das rote Zimmer« sei die beste Schilderung der schwedischen Gesellschaft gewesen. Unter diesem Aspekt sollte ich das also noch einmal lesen. Kein Problem, ist ja noch im Regal. So ist es auch bei K. Ekman, alle 20 Bände sind bei ihr noch im Regal. »Frauenhasser« hatte der Vater aber auch zu Strindberg gesagt.
Anlässlich von Selma Lagerlöfs »Bandlyst« (Deutsch »Das heilige Leben«), erschienen nach dem ersten Weltkrieg, fällt ihr der Rat ein, achte darauf, was Du liest. Die Lagerlöf schreibt nicht vom Krieg, sie schreibt davon, welcher Ekel in ihr aufsteigt, wenn sie tote Soldaten im Wasser verrotten sieht. An anderer Stelle bewegte sie eine Freundin dazu, den grausigen Teil einer Polarexpedition (Kannibalismus) weg zu lassen.
Sie schriebt viel über die Lesegewohnheiten, wie sie in der Jugend waren und wie sie sich entwickelt haben. Und wie ihr beim »Wieder-Lesen« Momente ihres damaligen Schulmädchen-Daseins in Erinnerung traten.
Wie lernt man schreiben? Ihr Rat: »Men ellers mit råd: Læs en god bog. Du har hele verdenslitteraturen til rådighed.« (Ansonsten mein Rat: Lies ein gutes Buch. Dir steht die ganze Weltliteratur zur Verfügung.
Thomas Mann »Trolddomsbjerget« hat sie allerdings beim ersten Lesen nicht verstanden, da bin ich also in guter Gesellschaft … Dazu sagt sie: Ich glaube nicht, dass es dumm ist, dicke Bücher zu lesen, die man nicht vollständig versteht. Mit jedem Jahr und jedem Lesen lernt man. »Og den åbner i bedste fald ukjendte rum i en selv« (Und das öffnet im besten Fall neue Räume in einem selbst.)
»Fanden i nødden« (Der Teufel in der Nußschale) betitelt sie ihren Abschnitt über Ibsens Peer Gynt, für mich ein urskandinavisches Drama. Dazu habe ich Edvard Griegs Musik im Ohr und sehe die Ballettfassung in der Deutschen Oper Berlin. Ibsen bezeichnet sie als »unseren« Verfasser, weil er nordisch war, nicht nur weil Norwegen und Schweden bis 1906 in Union existierten. Peer Gynt ist für sie keine erfundene Geschichte, sondern erzählt nach Asbjørnson und Moe’s nordischen Märchen gestaltet; aus den vierzigern des 19. Jahrhunderts. Von außen findet sie, siehts bei P.Gynt noch ganz nett aus. Von innen aber wirken die Leute wie ein Mandala.
Brontë Schwestern, Philipp Roth

Emily Brontës »Wuthering Heights« hat Kerstin Ekman das erste Mal am Gymnasium gelesen, der Inhalt, den sie hier ausführlich erzählt und kommentiert, hat lange in ihr nachgewirkt, lebte in ihr weiter. Bedrückend die Tatsache »Døden var der hele tiden« – umgeben vom Tod, der mittels TBC reiche Ernte in der Familie holte. Die Schule war geradezu eine tödliche Umgebung, was wir erst seit der Pandemie wirklich verstehen. Gelernt habe ich von Ekman, dass Charlotte Brontë diejenige war, die am meisten aus der häuslichen Enge herauskam, die meisten Kontakte hatte und folglich die meisten Briefe schrieb. Es sind ihre Briefe, auf denen die Biografie der Brontës von Juliet Barkers beruht, eine Biografie in Briefen. Vergleiche hier.
Dazu trifft Ekman einen interessanten Vergleich mit den aristokratischen Figuren in »Pride and prejudice«. Später entdeckt sie markante Übersetzungsfehler, als sie endlich die Originalversion liest. Ich fürchte Emily Brontës Werk dürfte mehr schlechte als gute Übersetzungen haben. Und Ekman fragt, woher nahm Emily in ihrer Einsamkeit nur all die Leidenschaften für ihr Buch? Antwort: Das nahm sie nirgends her, das war in ihr.
In meinem eigenen Exemplar von »Wuthering Heights«, ebenfalls mehrfach gelesen, das weist der sorgsam gehütete Kassenzettel aus, stammt von Claude Gill aus der Oxford Street, London, und kostete am 7. Mai 1987 zweieinhalb englische Pfund. Über diesen Buchladen – gegenüber von Selfridges, findet man im »Independent« einen schönen Text, nicht nur Bücher, auch Buchhändler machen Geschichte. – Mich hat hier beeindruckt, wie schön die Erinnerungen an das Lesen der »Stormfulde højder« geschildert werden, wie gefühlvoll.
»The human stain« von Philip Roth, Schwedisch : »En menneskelig plet«, sie gibt, eine Spur zu lang, die Tragik der Ereignisse wieder. Der Ereignisse um den farbigen Literaturprofessor Coleman Silk, der des Rassismus bezichtigt wird. Von einer rachsüchtigen weißen Studentin. Liest man das, erinnert man sich, wie ungeheuer vielfältig das Werk war. Fru Ekman pointiert in ihrer Zusammenfassung bis zum bitteren Schluss die menschliche Ungleichheit durch den unmenschlichen Rassismus in den USA.
Melville, Hermann Bang, Charles Dickens
Ekmans Kapitel zu Hermann Melville, Moby Dick, ist ein vorzügliches, 11-seitiges Literaturereignis, das nicht nur die benutzte Originalquelle, sondern auch die der dänischen bzw. schwedischen Übersetzungen verwendet. Das sehr eigene Leben der Walfänger, egal ob Kanadier, Inuit oder Europäer zeigt sehr schön (um 1840,) was den Ozeanen damals alles noch erspart wurde: Ölbohrungen, Tankerunglücke, Kreuzfahrtmonster und Tourismus-Industrien. Dieses Buch hat – wie wenig andere – beim Lesen die Zeit aufgehoben. Nicht ausgespart die dramatischen Momente, das Lauern auf das verräterische Blasen des Wals. Eine Jagd nach einem Dämon. Die völlig unchristliche Figur des Kapitän Ahab. Die Jagd nach dem weißen Wal, der Kampf mit ihm: »Til sidst blåser hvalen blod i stedet for den hvide damp« (Zuletzt blies der Wal Blut anstelle des weißen Dampf). Alles rund 200 Jahre vor Timmy, Literatur statt Tierpornografie!

Das Kapitel über Hermann Bangs »Tine« beginnt mit den unsäglichen Beschimpfungen, die Bang in seiner Zeit ausgesetzt war. »Abnorm« wettert der spätere Preisträger Johannes V. Jensen (»Himmerlandsvolk«) in aller Öffentlichkeit in der großen Dänischen Zeitung »Politiken«. Die Autorin ärgern diese üblen Polemiken so, dass sie die Bücher von Jensen herausnimmt und aus dem Regal wirft. Eine Rolle spielt sicher, dass »Tine« eine wahre Schilderung des (deutsch-dänischen) Krieges ist, das die Toten, Verwundeten, die Kriegskrüppel nicht ausspart. Also nicht verlogen und hochpathetisch daher kommt.
Als Bang das Buch schrieb, tauchten seine eigenen Erinnerungen von der südjütischen Insel »Als« auf – auch ihr stehen die Inselbilder beim Lesen vor Augen. Sie sieht Bang als wahren Erinnerungskünstler. Sie legt die Verwendung des Bewusstseinsstroms nahe, was im Dänischen der »innere Dialog« genannt wird. Ob man allerdings Virginia Woolf und Marcel Proust in einem Atemzug als Anwender des »stream of consciousness« (= Bewusstseinsstrom) nennen kann – darüber müsste ich lange nachdenken! Vergleiche hier.
Bang jedoch schrieb ohne den inneren Monolog zu verwenden, das ist für sie ein geglückter Kunstgriff. Ekman erinnert an andere Kriegsbücher, Remarque, Norman Mailer. Tine ist anders, Tine ist einfach ein Buch über die Menschen in dem kleinen Ort, als der Krieg sich nähert. Die vergebliche Romanze zwischen Tine und Berg, dem »skovrider« (Förster). Der ihr Worte sagt, die sie aus seinen Briefen kennt. Bang beschreibt eine Liebe inmitten zwischen Verwundeten, Toten, Halbirren, den Wunden des Krieges. Eine hoffnungslose Liebe, die Tine mit einem verzweifelten Selbstmord beendet. Madame Bølling versteht, nimmt die Tote nach Hause und wäscht sie. »Hun forstår og siger det til sig selv: Han har taget mit barn.« (Sie versteht, er hat mir mein Kind genommen.«
Charles Dickens, »Our mutual friend«, ist ihr Lieblingsbuch von Dickens. Ein Buch über einen Neureichen, der sein Geld mit Abfall gemacht hat, mit Abfallbergen, auf denen die Kinder spielen. Sie zitiert einen Kinderreim, den Dickens bei einem seiner zahlreichen Spaziergänge durch London aufgeschnappt hatte: Rumty iddity, row dow wow/sing toodlely, teedely, bow wow wow. Die kleine verkrüppelte Näherin Jenny Wren ist ihre Lieblingsfigur. Und sie hat auch das klassische britische Kinderbuch gelesen, »The wind in the willows«. die Abenteuer der Wasserratte und des Maulwurfs. »Our mutual friend«, ein Buch von über 800 Seiten und voll von sonderbaren Charakteren.
Die nächsten Exemplare ihrer »Buchwelt«, das »Kvinder og æble træer« ihrer Landsmännin Moa Martinson und Albert Camus »Det første menneske«, also »Frauen und Apfelbäume« bzw. »Der erste Mensch« kenne ich so wenig, dass ich sie überspringe. Wobei sie auch Camus im Original und den dänischen bzw. schwedischen Übersetzungen gelesen hat. Aus Camus Buch hat sie mehr über Armut gelernt, als aus allen anderen Büchern. Aber »Den forgangne tid findes man kun hos de rige« – die Erinnerungen findet man nur bei den Reichen. Den Armen fehlt dazu die materielle Basis, die Leuchttürme der Erinnerung. Camus hat das Buch seiner Mutter Catherine gewidmet, erst zum Schluß stellt sich heraus, dass sie nicht lesen kann.
K. Ekman schiebt die Frage ein, was sind 11 Jahre? Die Jahre, die sie in der schwedischen Akademie war, bevor sie wegen deren mangelnder Unterstützung für Salman Rushdie ausgetreten ist.
Milosz, Johnson, Turgenjew, Tschechow

Trotz Literaturnobelpreis hat das polnische Buch »Issadalen«, über die Zeit, wo es auf (heute) polnischem Gebiet vor Nationalitäten wimmelte: Deutsche, Polen, Russen, Litauer etc. wenig Bekanntheit erlangt. Im Kern geht es um das Werden eines jungen Mannes im (heutigen) Litauen im Wechsel der Nationen, zu denen das Land gehörte. Schließlich führt seine Geschichte in die USA, zu Zeiten, wo das noch ein Einwanderungsland und kein Trumpland war.
Eyvind Johnson’s zweites Buch, das sie featured, geht zurück in die Zeit Karls des Großen und der Langobarden. Vielleicht eher ein Thema für meinen Sohn, den werdenden Althistoriker. »Hans nådes tid« lautet der Titel und ich bin so frei, nicht wirklich verstanden zu haben, was Herr Johnson und Frau Ekman uns damit sagen wollen. Leicht macht es Fru Ekman auch bei dem Titel »Amorina« von Carl Jonas Love Almquist nicht. Am Rande habe ich notiert »verfluchte Literaturwissenschaftlerin mit ihrem Sprach- und Wortreichtum, Passagen, die man nur am Schreibtisch mit Wörterbuch lesen kann – Entschuldigung! Dennoch gibt s eine schöne Legende zur Entstehung: Ein Historiker hätte das Manuskript in einer stockdunklen Sommernacht bei einem grellen Blitz in einem sonst leeren Schrank gefunden. Das war ein heute fast vergessenes Genre, nämlich ein Briefroman. Offenbar lassen sich eher aus Briefen Romane machen denn aus Mails. Jedenfalls notiert Fru Ekman: Gegen die Titelheldin ist »Calamity Jane« ein Waisenkind – das macht neugierig, aber leider gibt es keine Deutsche Übersetzung des Buchs. Das scheint nicht schlimm zu sein. Denn auch wenn K. Ekman die Amorina mehrfach gelesen hat, verstanden hat sie es nie. Da wäre also noch eine Chance für einen innovativen Blogger 🙂
Ganz anders sieht das mit Anton Tschechows »Die Steppe« aus, ein Text eines der literarisch große Russen. Der schrieb Kurzprosa, um sich sein Medizinstudium zu verdienen. Ebenso wie seine Familie – gegen den brutalen Vater – zu versorgen, der aus Taganrog (Ukraine) nach Moskau gegangen war. Mit 27, nicht gesund (TBC) schrieb er über die Reise des jungen Igor und die Schönheit der Steppe, in der Taganrog liegt. Es entsteht eine Diskussion mit dem Bruder der Mutter Jegors, dem Kaufmann Kusmitschow und dem mitreisenden Priester Kristoffer. Sie zitiert Passagen des Sprachwunders Tschechow, die auch in der schwedisch/dänischen Übersetzung glänzen. Den Inhalt der »Steppe« gibt sie viell. etwas zu ausführlich wieder. Der Junge Jegor findet nach vielen Begegnungen, Abenteuer und Unwetter in der Steppe wieder heim. Ergebnis: »Men han har egentlig ikke lært mere på steppen end man nogensinde kan lære af bøger? (Aber hat er nicht mehr über die Steppe gelernt, als man jemals aus Büchern lernen kann?)
Elsa Morante, Cora Sandel

Elsa Morante erzählt in »Historien« die Geschichte als eine unendliche Reihe von Morden, das spielt in den Zeiten des italienischen Faschismus. Der sich von den deutschen Nazis vor allem dadurch unterschied, das er nicht so perfekt und grausam beim Ausrotten seiner Gegner war. Was das Überleben einer (halb-)jüdischen Frau im Italien des Duce mit ihrem, aus einer Vergewaltigung stammendem Sohn möglich macht. Die eines Tages in einer zum Einpacken von Obst verwendeten Zeitung über die Naziverbrechen lesen kann:
- Hingerichtete Gefangene liegen in Haufen im verrotteten Zustand
- Ein Berg von Schuhen von gestorbenen Gefangenen
- Gefangene hinter Stacheldraht Zäunen
- Die »Todestreppe« in einem deutschen KZ; Gefangene wurden gezwungen, die steile Treppe mit schweren Lasten so lange und so oft hochzugehen, bis sie herabstürzten. Das Ganze zur Unterhaltung von KZ-Leitern und -Wachpersonal.
Das ist noch nicht das Ende des Romans, der noch auf die direkte Nachkriegsgeschichte in Italien eingeht. Aber das Buch, von Margret schon gelesen, befindet sich noch in meinem SuB, mehr (hoffentlich) später.
Längst gelesen habe ich Ekmans nächste Literaturbegegnung: Iwan Turgenjew, »Aufzeichnungen eines Jägers«, 2021 bei der Büchergilde Gutenberg erworben. Das bezeichnet sie sogar als ihr Lieblingswerk. Der Autor war ein Adelsspross und Vater einer unehelichen Tochter (mit einer Magd), unsterblich, aber vergebens verliebt in eine Sängerin. Der er über zwei Jahrzehnte hinweg Liebesbriefe schrieb. Gut, dass es damals weder Mails noch WhatsApp oder Insta gab. Wir könnten, knapp 200 Jahre später, nichts davon lesen. Er verfasste auch eine Novelle über 2 Leibeigene voller Menschlichkeit. Und immerhin, nach dem Tod der Mutter seiner Tochter, sorgte er für diese. Unternahm Reisen nach Frankreich,Deutschland, genießt dort die Atmosphäre der Aufklärung. Und wurde so der große russische Erzähler. In meinem Leseexemplar hatte ich damals (auf einem gelben Haftie) notiert: Russisch! / Naturschönheiten / Sittenbilder / Vielfältig / berückend schön!
Es sind keine eigentlichen Jagdgeschichten, in diesem ihrem Lieblingsbuch, es sind Geschichten über die Menschen dieser Zeit, um 1850 im zaristischen Russland. »Et slavegjort folk og dets herrer skildres i dets hverdags liv« – Ein versklavtes Volk mit seinen Herren, geschildert in deren Alltagsleben. Die Autorin zieht eine wunderschöne Parallele zu Catherine Mansfield als Meisterin der Novellen mit einem prägnanten Abschluss (vgl. die Mansfield-Rezension in 2016). Dabei beinhalten Turgenjevs Erzählungen weniger Jagddramatik, als die Schönheit der Stille des Waldes. In der Novelle »Besjin-engen« beginnt er mit der Betrachtung eines Sonnenaufgangs, etwas was Kerstin Ekman sich selbst ebensowenig zugetraut hätte, wie die vorangegangenen Beobachtungen der Wolken am Himmel. Vielleicht hatte er den Duft einer russischen Sommernacht eingeatmet?
Ihrer vergleichenden Betrachtung der Erzählungen von Ray Bradbury »The veldt« bzw. Doris Lessing »Græsset synger« mochte ich nicht so recht zu folgen, darum Schweigen an dieser Stelle.
Abgeschlossen wird »Min bogverden« mit Betrachtungen zu »Alberte og Jakob«, das nackte Leben titelt sie diesen Abschnitt. Es ist das Werk, das sie am meisten bewegt hat, ein Werk der Norwegerin Cora Sandel. Der sie auf Spaziergängen an der Uni Uppsala als Studentin mehrfach begegnet ist. Norwegen, Paris, Schweden lauteten Cora Sandels Lebensstationen, die sie auch im teil-biografischen Buch verarbeitet. Die Autorin Ekman vergleicht sich mehrfach mit der Protagonistin – was für unterschiedliche Schicksale. Und setzt das Buch in Bezug auf den großartigen »Radetzky-Marsch« von Josef Roth. Und dem Habsburger Reich mit seinem unfassbaren Zusammenhalt, trotz der zahlreichen im Reich gesprochenen Sprachen. Die Assoziationen scheinen mir aber schwer nachvollziehbar. Da hilft nur Joseph Roth noch einmal, aber »Cora og Alberte« möglichst bald das erste Mal zu lesen.
Fazit
Lektüre und Rezension von Kerstin Ekmans »Min bogverden« sind mir aufgrund der souveränen Sprachbeherrschung von Autorin und Übersetzerin nicht leicht gefallen – aber so lernt man, oder? Aber was für eine persönliche Zusammenfassung von Weltliteratur.
Ekmans meist oberflächlichen Bezüge zum Ukraine-Krieg, mittlerweile zum Stellvertreter-Krieg NATO ./. Russland mutiert, nerven. Als gäbe es keine Kriege in Somalia, Syrien, Marokko, Sudan, Kurdengebiete – all das versinkt bei ihr. Von den Überfällen auf Gaza, Libanon, den Iran konnte sie noch nichts wissen. Ob das wohl bei einer Neuauflage vorkommt, meine dänische Ausgabe wurde von Anne Marie Bjerg 2023 aus dem Schwedischen ins Dänische übersetzt, da war die Autorin 90 Jahre alt!
Passend zu ihrem Anspruch einer ganzen Welt von Büchern führt ihr Literaturverzeichnis über mehr als 11 Seiten, nicht nur die Original-Lektüren, sondern auch die schwedischen und die dänischen Übersetzungen auf. Dies betrifft auch in dem Text referenzierten Titel, womit man insgesamt auf über 50 Titel kommt, Chapeau!
Hervorragende persönliche Betrachtungen von Weltliteratur
Nachtrag
»Min Bogverden« gibt Anlass einige der Titel von Fru Ekman in ihren deutschen Fassungen vorzustellen. Es sind erstaunlich viele, in der Regel übersetzt von Hedwig Binder, die selber Schriftstellerin ist.
Viele sind preisgekrönt, u.a. mit dem Preis des Nordischen Rats, dem höchsten Literaturpreis Skandinaviens. Eine Quelle für die Bücher von Fru Ekman ist die Website ihres deutschen Verlags, Piper
Piper konzentriert sich jedoch auf die Herausgabe von E-Books. Ekman begann ebenfalls mit Kriminalromanen, hatte das aber nach wenigen Jahren hinter sich gebracht. Zu ihren markantesten Werken danach gehört die Vallmsta-Tetralogie um die Entwicklung der Stadt Kathrineholm, ihrer Geburtsstadt.
Die Titel
- Häxringarna (dt. Bannkreise)
- Springkällan (dt. Die Springquelle)
- Änglahuset (dt. Das Engelhaus)
- En stad av ljus (dt. Stadt aus Licht).
Ebenfalls bekannt ist die Trilogie »Vargskinnet« (Der Wolfspelz) mit den Titeln
- »Guds barmhärtighet« (dt. 2000 Am schwarzen Wasser)
- »Sista rompan« (dt. Die letzten Flöße) und
- »Skraplotter« (dt. Zeit aus Glas).
Erwähnenswert schließlich noch »Hundeherz«, erst 2019 erschienen. Die meisten der bei unterschiedlichen Verlagen erschienen Bücher sind antiquarisch erhältlich, etwa bei Booklooker.
2026 rezensiert, Albert Camus, Anton Tschechow, August Strindberg, Bornholm, Camus, Catherine Mansfield, Charles Dickens, Claude Gill, Cora Sandel, Doris Lessing, Dänemark, Elsa Morante, Emily Brontë, Eyvind Johnson, Henrik Ibsen, Hermann Bang, Homer, Iwan Turgenjew, Lew Tolstoi, Olivarius, Philipp Roth, Ray Bradbury, Schweden, Thomas Mann
