
Hannah Höch
» Bilderbuch
| Autorin: | Hanna Höch |
| Titel: | Bilderbuch (1945) |
| Ausgabe: | The Green Box, 4.Auflage 2022 |
| Erstanden: | Ausstellung Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada, Berlin 2026 |
»Im Grunde genommen bist Du ein fabelhaftes und wunderbares Mädchen und wer dich nicht begreift, muss ein läppischer und vollkommen unmöglicher Bursche sein. Und wer dich begreift? Der ist ein Kind, Dir gleich.« Quelle Das sagt der Philosoph und Schriftsteller Salomon Friedländer über die Künstlerin Hannah Höch und ihr »Bilderbuch«.
Ihr »Bilderbuch« stammt aus dem Jahr 1945, aber nichts ist von den dunklen Zeiten des Krieges zu spüren, im Gegenteil Hannah Höch wollte ein »Gegengewicht zur grauen Nachkriegszeit« (Nachwort) entwickeln und das ist ihr sehr gut gelungen. In 19 Collagen zeigt sie nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen eine fantastische, märchenhafte Welt, in der es exotische Pflanzen und Tiere gibt. Diese Collagen hat sie mit Schere und Klebstoff erstellt und damit entstehen künstlerische Neuschöpfungen. Man kann zwar einzelne Bilder in ihrem Ursprung noch erkennen, aber Hannah Höch setzt diese so zusammen, dass ein völlig neues Bild entsteht, letztendlich arbeitet sie mit der Verfremdung, indem sie auch mit den Proportionen spielt.

In ihrem Bilderbuch tauchen die ungewöhnlichsten Wesen auf, die Rennquicke, die Santaschwebe, der kleine Gamma oder die Borstenflirle. Allein schon mit dem Namen erfährt jedes Tier eine eigene Charakterisierung. Menschen kommen nicht vor, aber dennoch setzt sich die Künstlerin mit menschlichen Eigenschaften, z.B. Einsamkeit, Liebe, Streit auseinander, auch indem sie den Figuren einen passenden Namen gibt: »Der Unzufriedel« oder »Boa Perlina«. Ihre Collagen hat sie auch immer mit Versen versehen, Bild und Text ergänzen sich wunderbar und erinnern ein wenig an Morgenstern oder Ringelnatz:
»Boa Perlina
Du kannst ihr nicht trauen
der schönen, perlgrauen.
Nicht immer sind die
mit den schönsten Westen
die Besten.« (S. 9).

Es handelt sich also nicht nur um ein Bilderbuch, sondern ein Bilderbuch mit Versen, die Texte sind fröhlich und einfühlsam, es herrscht eine heitere Stimmung, auch wenn die Collagen eher in Grau-, Braun- oder Beigetönen gehaltenen sind. Der Farbdruck stand 1945 noch in den Kinderschuhen, nur mit einer eigens erfundenen gefärbten Faser konnte Hannah Höch ihren Fotocollagen etwas Farbe geben. Dadurch wirken sie nicht so aufdringlich, sondern eher zart und weich und nehmen uns mit in die Fantasiewelt.
In der Zurückgezogenheit eines Häuschens in Berlin-Heiligensee ist dieses Bilderbuch entstanden. Das Haus hat einen malerischen Garten, hier ließ Hanna Höch sich inspirieren, sie lebte hier sehr zurückgezogen und überstand hier die Naziherrschaft. Hier versteckte sie ihre eigenen Bilder, aber auch die Bilder aus ihrem Freundeskreis, denn sie galten als »entartet«. Sie hat sie in ihrem Garten vergraben. Hannah Höch bleibt als einzige ehemalige Künstlerin des Dadaismus in Deutschland zurück und geht in die innere Emigration.

Nach Kriegsende wollte sie gleich das Kulturleben wieder mitgestalten. Mir ihrem »Bilderbuch« gehörte sie zu den Ersten, die wieder veröffentlichten, mitten in die triste Nachkriegszeit hinein, um mit exotischen, phantasievollen und bunten Collagen das Graue zu übertünchen. Immer war ihr Ziel, die politischen Verhältnisse zu kritisieren und die tradierten Geschlechterrollen infrage zu stellen. Das hat sie verschlüsselt dargestellt mit ihren Pflanzenbildern und Szenen mit absurden Mischwesen, die eher skurril wirken. Hier nachzulesen.
Im Jahr 2011, wurde die englische Ausgabe dieses Buches, das Hannah Höch Picture Book – von der Stiftung Buchkunst zurecht als eines der schönsten deutschen Bücher 2010 ausgezeichnet.
»Grund genug, sich weiterhin mit Hannah Höch zu beschäftigten. Nicht nur wegen ihrer herausragenden Kunst in einer Zeit der Unfreiheit und Gewalt, sondern auch, weil ihre Werke noch zahlreiche Geheimnisse und Widersprüche bergen, die das Leben dieser einzigartigen Künstlerin so spannungsreich und intensiv erscheinen lassen.« Quelle
Denn das »Bilderbuch« ist ein kleiner Schatz für alle Menschen – große und kleine!
Unbedingt lesen oder vorlesen lassen!
Wer mehr über Hannah Höch erfahren möchte:
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Collagen, Dadaismus, Fabelwesen, Hannah Höch, Märchen, Raoul Hausmann, The Green Box
