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Miku Sophie Küh­mel
» Han­nah

Autorin:Miku Sophie Kühmel
Titel:Han­nah
Aus­gabe:S. Fischer Ver­lag, Frank­furt 2025
Erstan­den:anti­qua­risch

Hannah-Bild1Han­nah Höch hat mich schon lange fas­zi­niert, auch weil ich sel­ber schon einige Col­la­gen gestal­tet habe, um auf die Frau­en­be­we­gung in den 70er Jah­ren in Ber­lin auf­merk­sam zu machen. Daher habe ich mich sehr gefreut über den Roman »Han­nah« von Miku Sophie Küh­mel, denn hier beschreibt die Autorin die Liebe zwi­schen Han­nah Höch und der Schrift­stel­le­rin Til Brug­mann, die fast 10 Jahre ein Paar waren. Sie haben sich zufäl­lig ken­nen gelernt, nach­dem sich Han­nah von ihrem Gelieb­ten Raoul Haus­mann getrennt hatte. Auch künst­le­risch geht sie jetzt eigene Wege, der Dada­is­mus steht nicht mehr im Vor­der­grund. Die bei­den Frauen leben in Den Haag zusam­men, spä­ter in Ber­lin. Hier beginnt sich die Liebe abzu­küh­len, Han­nah hat große Erfolge wäh­rend Til Rück­schläge ein­ste­cken muss. Aber auch die poli­ti­sche Ent­wick­lung hin zur Nazi-Dik­ta­tur belas­tet die Bezie­hung. Die bei­den Künst­le­rin­nen haben viele Freunde, die sie künst­le­risch unter­stüt­zen, aber auch schon mal finan­zi­ell. Zum Freun­des­kreis gehö­ren bekannte Künst­le­rin­nen und Künst­ler wie Kurt Schwit­ters, Raoul Haus­mann, Piet Mon­drian, Hans Arp, Nelly und Theo van Does­burg. Aber auch Fami­li­en­mit­glie­der wie die Schwes­ter Grete oder der Bru­der Danilo sind wich­tige Bezugs­per­so­nen für Han­nah. Han­delt es sich also um eine Doku­men­ta­tion? Nein, denn dem Buch ist eine Prä­am­bel vor­an­ge­stellt, der man ent­neh­men kann, dass es sich um einen Roman han­delt, um Fiktion:

  • der vor­lie­gende roman ist ein roman..
  • der vor­lie­gende roman ist keine biographie.
  • der vor­lie­gende roman ist keine chronik.
  • aber er ist eine geschichte.« (S. 9).

Das ist das äußer­li­che Gesche­hen, jetzt zu den Din­gen und Aus­sa­gen, die mehr oder weni­ger zwi­schen den Zei­len zu fin­den sind. Han­nah Höch ist zunächst über die Kunst­form der Col­lage bekannt gewor­den und Miku Sophie Küh­mel über­nimmt diese Art der Dar­stel­lung, um uns Han­nah Höch und Til Brug­mann nahe zu brin­gen. So wer­den Doku­mente neben Roman­texte gestellt, Briefe, Gedichte, Noti­zen, Erzähl­tes oder Aus­ge­dach­tes, eine Chro­no­lo­gie exis­tiert nicht, Jah­res­zah­len statt Überschriften.

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Inter­na­tio­nale Dada-Messe Ber­lin 1920, [Die Teil­neh­mer v.l.n.r. Han­nah Höch, Otto Schmal­hau­sen, Raoul Haus­mann, John Heart­field mit Kind, Otto Bur­chard, Mar­ga­rete und Wie­land Herz­felde, N.N., N.N., Johan­nes Baa­der © Urhe­ber­rechte erlo­schen | Quelle

Zunächst ler­nen wir Han­nah als zurück­hal­tend ken­nen, aber »spä­ter wirst du die Chuzpe haben, zu erklä­ren, dass es nicht Höch wie in Köchin, son­dern wie in Köni­gin – Höch heißt.« (S. 137). Auch über den auf­kom­men­den Faschis­mus in Deutsch­land erfah­ren wir eini­ges, z. B. wenn Han­nah über­legt: »Ist es eigent­lich schlim­mer, von den Nazis gemocht oder gehasst zu wer­den?« (S. 239). Oder »Tils Liste von The­men, über die es sich mit den Deut­schen noch reden lässt: * das Wet­ter.« (S. 198). Auch ihren ehe­ma­li­gen Gelieb­ten Raoul Haus­mann kri­ti­siert Han­nah, denn er »hatte nicht ein­se­hen wol­len, dass seine Wol­ken­haf­tig­keit die Gel­tung ver­lie­ren könnte, dass seine Pos­ses­siv­pro­no­men, meine Han­nah, irgend­wann keine Bedeu­tung mehr haben könn­ten.« (S. 31).

Ebenso kri­ti­siert sie Haus­manns poli­ti­sche Ein­stel­lung und damit den Dada­is­mus: »Han­nah, die schmun­zelnd nicht müde wurde zu sta­tu­ie­ren, dass er und die übri­gen Jungs sich ja eini­ges aus­ma­len konn­ten mit Dada, das Sys­tem zu stür­zen, den Kapi­ta­lis­mus zu über­win­den; auch die Vor­herr­schaft der Klasse, zu der die meis­ten von ihnen selbst gehör­ten.« (S. 94).

Ins­ge­samt betrach­tet Han­nah die Gesell­schaft – und hier vor allem die Män­ner – der 20er und 30er Jahre sehr kri­tisch. »Doch Han­nah weiß, wie oft die Män­ner glau­ben, dass sie sehr fort­schritt­lich sind, und sie weiß auch, wie häu­fig sie sich irren. Wie wenig sie bereit sind, etwas anzu­neh­men, schon gar ein Bild, in dem sie keine Rolle spie­len, in dem sie nicht Teil der Kom­po­si­tion sind.« (S. 44). Hier zeigt sich, dass Han­nah Höch beginnt, sich mit den gän­gi­gen Rol­len­kli­schees ihrer Zeit auseinanderzusetzen.

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Gesel­lig­keit, Han­nah Höch, 1925 | Quelle: Han­nah Höch, Gesel­lig­keit, 1925, 26 × 23 cm; Ger­ma­ni­sches Natio­nal­mu­seum, Nürn­berg; © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 | Fund­ort

Und hier möchte ich gerne den Roman, der mich sehr beein­druckt, ver­las­sen und die Künst­le­rin Han­nah Höch kurz vor­stel­len, die die Geschlech­ter­bil­der in ihren Col­la­gen the­ma­ti­siert. So hat sie sich mit dem Typus der »Neuen Frau« aus­ein­an­der­ge­setzt oder sich an der Aus­stel­lung »Frauen in Not« 1931 betei­ligt, um die Ableh­nung des Para­gra­phen 218 deut­lich zu machen. Ihr Ziel war: Die Gegen­wart in ihrer Kunst abzu­bil­den. Und dabei reichte ihr Spek­trum von Iro­nie bis zu melan­cho­li­scher Sym­bo­lik. Sie war eine der weni­gen Frauen, die als Künst­le­rin popu­lär waren.

»Vor drei­ßig Jah­ren war es für eine Frau nicht leicht, sich in Deutsch­land als moderne Künst­le­rin durch­zu­set­zen. Die meis­ten männ­li­chen Kol­le­gen betrach­te­ten uns lange Zeit als rei­zende, begabte Ama­teure, ohne uns je einen beruf­li­chen Rang zuer­ken­nen zu wol­len.« Han­nah Höch, um 1960. Quelle https://​frau​en​wel​ten​.gnm​.de/​d​e​/​h​a​n​n​a​h​-​h​o​ech Sie wid­mete ihre Kunst gesell­schaft­li­chen The­men und häu­fig stan­den Geschlech­ter­kli­schees im Vordergrund.

Zwei ihrer Bil­der möchte ich gerne vor­stel­len, um damit auf Han­nah Höch und ihr künst­le­ri­sches Schaf­fen auf­merk­sam zu machen.

»Gesel­lig­keit«

Ent­stan­den ist die Col­lage 1925 und bezieht sich auf die Gesell­schaft in der Wei­ma­rer Repu­blik. Die Pin­guine ste­hen für die männ­li­chen Zeit­ge­nos­sen, tra­gen Frack, rau­chen in der Män­ner­runde, schlie­ßen Frauen aus. Es han­delt sich um Kai­ser­pin­guine, aber die Kai­ser­zeit ist Gott sei dank vor­bei. Ob die Män­ner die­ser Zeit nach­trau­ern? Viel­leicht spielt die Künst­le­rin hier auch auf die Queer-Sub­kul­tur an, denn die Frauen tru­gen gerne Männerkleidung!

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Ein Kom­men­tar zum Schön­heits­ideal: «Für ein Fest gemacht» (1936) von Han­nah Höch. | Foto: Insti­tut für Aus­lands­be­zie­hun­gen e. V., Stutt­gart, © 2023, Pro Lit­teris, Zürich | Quelle

»Für ein Fest gemacht«

Hier han­delt es sich um eine Col­lage aus den 30er Jah­ren. Die Mode­fo­to­gra­fie boomte, die Zeit­schrif­ten waren voll mit Bil­dern von schö­nen Frauen, um diese als Schön­heits­ideale zu zei­gen. Die Künst­le­rin will hier die durch die Mas­sen­me­dien ver­brei­te­ten Schön­heits­nor­men infrage stel­len. Han­nah Höch gehört zu den ers­ten Frauen, die die Macht der Medien thematisiert.

Sowohl in Ihren Wer­ken als auch im vor­lie­gen­den Roman kann man Han­nah Höch als Femi­nis­tin erken­nen. Sie hat ein selbst­be­stimm­tes und unkon­ven­tio­nel­les Leben geführt in einer von Män­nern domi­nier­ten Gesellschaft.

Ein Roman, der dazu auf­for­dert, sich mit der Künst­le­rin Han­nah Höch aus­ein­an­der zu setzen!

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Berlin, Collage, Dadaismus, Kurt Schwitters, lesbische Beziehung, Miku Sophie Kühmel, Nationalsozialismus, Piet Mondrian, Raoul Hausmann, S. Fischer Verlag