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Gerti Tetz­ner
» Karen W.

Autorin:Gerti Tetz­ner
Titel:Karen W. (1974)
Aus­gabe:Mit­tel­deut­scher Ver­lag Halle, 5. Auf­lage 1974
Erstan­den:eige­nes Bücherregal
Karen-W-Bild1 »Bei dem Roman »Karen W.« von Gerti Tetz­ner aus dem Jahr 1974 han­delt es sich um einen Bil­dungs­ro­man mit einer weib­li­chen Haupt­fi­gur und zum Teil auto­bio­gra­phi­schem Hin­ter­grund. Karen W. lehnt ihre pri­vate und beruf­li­che Rolle pole­misch ab, da es ihr nicht gelingt, sich mit einem von außen auf­ge­zwun­ge­nen Schema, das sie als ihren eige­nen Bedürf­nis­sen unan­ge­mes­sen fin­det, zu iden­ti­fi­zie­ren.« So die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Gisela Brin­ker-Gab­ler in »Deut­sche Lite­ra­tur von Frauen« (S. 419). Im glei­chen Jahr wur­den Werke von Frauen über Frauen in der DDR ver­öf­fent­licht: Christa Wolf, »Christa T.«, Bri­gitte Rei­man, »Fran­ziska Lin­ker­hand« und Irm­traud Morg­ner, »Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­triz«. In allen Roma­nen ste­hen Fra­gen und Pro­bleme des beruf­li­chen und per­sön­li­chen Lebens im Vor­der­grund, wobei Irm­traud Morg­ner die umfas­sendste und ein­ge­hendste Syn­these der Erwar­tun­gen und Ver­wei­ge­run­gen bietet.

Schauen wir uns den Roman »Karen W.« genauer an, der gerade 2025 neu auf­ge­legt wurde.

Schnell noch vor­weg: Der Roman erschien 1974 in der DDR. Die Geschichte von Karen W. wirkt zunächst ein­fach, ist aber den­noch kom­pli­ziert. Denn die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät, der weib­li­chen Selbst­be­stim­mung oder auch kri­ti­sches Den­ken sind in dem Land, in dem diese Geschichte spielt, kaum vor­han­den. Aber die Autorin beschreibt sehr genau die Lebens­um­stände in der DDR.

Die Prot­ago­nis­tin Karen W. ist 29 Jahre alt, Juris­tin, ver­hei­ra­tet, Mut­ter der sie­ben­jäh­ri­gen Bet­tina und lebt mit ihrem Mann Peters in L. zusam­men. Sie fühlt sich in dem fest­ge­leg­ten Kreis­lauf ihrer Ehe nicht wohl, geht in ihr Hei­mat­dorf zurück. »Denn lange genug habe ich mich mit Kom­pro­mis­sen hin­ge­hal­ten, nur um hier, mit ihm, leben zu kön­nen.« (S. 7). Hier will sie her­aus­fin­den, warum sie in sehr jun­gen Jah­ren so gehan­delt hat und nicht anders. Hier glaubt sie fal­sche Ent­schei­dun­gen rück­gän­gig machen zu kön­nen oder neue rich­tige Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Denn letzt­lich ist sie ent­täuscht von ihrem bis­he­ri­gen Leben und sieht ihre Ideale im all­täg­li­chen Leben unter­ge­hen. Peters wirft ihr vor, ihre Bemü­hun­gen nicht einer Idee zuzu­ord­nen. »Gerade das konnte ich nicht. Was ich nicht wollte, konnte ich viel­leicht erklä­ren. Die­sen abge­zir­kel­ten Lebens­kreis bei­spiels­weise. Die­ses sicht­bare Gleis, auf dem man wie in einem bestimm­ten Zug ein bestimm­tes Ziel über bestimmte Sta­tio­nen erreichte, wenn man erst ein­ge­stie­gen war, nicht mehr aus­stieg oder gar die Not­bremse zog.« (S. 9). Und: »Peters wuchs vor allem mit Ideen auf – und ich mit der Hoff­nung auf spä­ter.« (S. 192). Nach einem hal­ben Jahr kehrt sie zu ihrem Mann Peters zurück, wei­gert sich aber, nur der Repro­duk­tion von Peters‘ Arbeits­kraft zu die­nen und Frau und Mut­ter zu sein. Sie liebt Peters und er liebt sie. Aber: »Wäh­rend mir Bet­tina zwi­schen allen Grund­stücks- und Erb­schafts­ver­hand­lun­gen immer gegen­wär­tig blieb, konnte er unmit­tel­bar neben ihr ganz in seine gewohnte Welt weg­tau­chen. Sein Ver­hält­nis zu ihr blieb jeder­zeit künd­bar.« (S. 206). Mit die­ser aus­schließ­li­chen Mut­ter­rolle will sie sich nicht zufrie­den geben. So ver­lässt sie ihn erneut, er will sie jedoch in ihr Hei­mat­dorf beglei­ten. Aber wie­der funk­tio­niert es nicht, Peters reist ab. Karen erkennt, dass sie allein ihre Iden­ti­tät fin­den muss. »Durch Selbst­ver­leug­nung begann ich uns auf­zu­ge­ben, habe mein Leben ein­fach an sei­nes gehan­gen.« (S. 218). Sie will teil­neh­men an der Pro­duk­tion gesell­schaft­li­cher Werte und nicht nur Ehe­frau und Mut­ter sein. Mit die­ser Erkennt­nis kehrt sie zu Peters zurück.

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Gerti Tetz­ners auto­fik­tio­na­ler Roman »Karen W.« erschien 1974, vor mehr als fünf­zig Jah­ren. Hier die Neu­auf­lage. | Quelle

Aber auch ihre wei­tere Ent­wick­lung ist kei­nes­wegs grad­li­nig, oft han­delt sie zu emo­tio­nal und muss ihre Ent­schei­dung hin­ter­fra­gen, aber sie weiß genau, was sie will. Jetzt wird ihr klar, dass sie oft Ent­schei­dun­gen gegen etwas getrof­fen hat, aber nicht für etwas. Ihre Suche dau­ert lange und ist selbst­quä­le­risch, aber sie erkennt ihre eige­nen Bedürf­nisse und sieht den Weg, sich selbst zu ver­wirk­li­chen, ohne sich an die Ent­schei­dun­gen ande­rer Men­schen gedan­ken­los zu ori­en­tie­ren. So lie­fert uns die Erzäh­le­rin keine fer­ti­gen Lösun­gen, son­dern will Mut machen, Ent­schei­dun­gen zu hin­ter­fra­gen und ein selbst­be­wuss­tes Leben zu leben. Das Ziel ist rich­tig, aber es gibt viele Wege dort­hin, das zeigt uns Karen W.

Mit die­ser Dar­stel­lung eckte Gerti Tetz­ner in der DDR immer wie­der an. So erklärt sie das Ver­hal­ten Karens aus heu­ti­ger Per­spek­tive: »Und das liegt daran, dass Men­schen wie Karen erst ein­mal ver­un­si­chert sind, denn die Mei­nung von Peters ist die herr­schende Mei­nung. Und sie ist erst ein­mal in der Min­der­heit, einer klei­nen Min­der­heit, so dass man sich noch gar nichts traut. Man darf nicht ver­ges­sen, dass wir nicht so auf­ge­wach­sen sind, dass das Ich eine Rolle spielt. Man war zunächst immer ver­un­si­chert und hat gefragt, ob man selbst nicht etwas falsch sieht. Was auch damit zusam­men­hing, dass es einem den Boden unter den Füßen weg­zie­hen konnte, wenn man Grund­sätze infrage stellte.« Quelle

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»Wei­ber­rat« bei Christa Wolf (vorn), von links die Autorin­nen Helga Schütz, Gerti Tetz­ner, Renate Dre­scher, Helga Königs­dorf, Rose­ma­rie Zeplin, Bri­gitte Bur­meis­ter und Daniela Dahn. | © Pri­vat­ar­chiv der Fami­lie Wolf | Quelle Christa Wolf, Eine Bio­gra­phie in Bil­dern und Texte, S. 191

Die schrei­ben­den Frauen in der DDR haben sich gegen­sei­tig unter­stützt, so hat Gerti Tetz­ner 1965 einen Brief an Christa Wolf geschrie­ben: »Vor allem beschäf­tigt mich schon seit Jah­ren die Beob­ach­tung, daß viele junge Men­schen (Stu­den­ten) im Laufe der Jahre an Begeis­te­rungs­fä­hig­keit ver­lie­ren und nicht sel­ten ohne ihre frü­he­ren Ideale durchs Leben trot­ten.« Quelle Kri­tik 75, Rezen­sio­nen zur DDR Lite­ra­tur, Mit­tel­deut­scher Ver­lag 1976, S. 203. Christa Wolf hat Gerti Tetz­ner unter­stützt, die­sen Gedan­ken fort­zu­füh­ren und dar­aus einen Roman, näm­lich »Karen W.«, ent­ste­hen zu las­sen. Es ent­stand eine lebens­lange Freund­schaft zwi­schen den bei­den Schrift­stel­le­rin­nen, auch Gerti Tetz­ner gehörte zum »Wei­ber­rat« von Christa Wolf.

Allen die­sen Schrift­stel­le­rin­nen aus der DDR ist gemein, dass sie auf der Suche nach der weib­li­chen Selbst­ver­wirk­li­chung sind und sich gegen ideo­lo­gi­sche Enge aus­spre­chen. Dabei lie­fert Gerti Tetz­ner keine fer­ti­gen Lösun­gen, aber Wege dorthin.

 

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

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Quelle Bestands­auf­nahme – Lite­ra­ri­sche Steck­briefe, Mit­tel­deut­scher Ver­lag 1976, S. 107

2025 rezensiert, Christa Wolf, DDR, Emanzipation, Gerti Tetzner, Ideale, Mitteldeutscher Verlag, Selbstfindung, Sozialismus, Weiberrat