Zum Hauptinhalt springen
Die-vorletzte-Frau-Bild1

Katja Oskamp
» Die vor­letzte Frau

Autorin:Katja Oskamp
Titel:Die vor­letzte Frau
Aus­gabe:Ull­stein Ver­lag Ber­lin, 2. Auf­lage 2024
Erstan­den:anti­qua­risch

Die-vorletzte-Frau-Bild1Katja Oskamp, Jahr­gang 1970, gebo­ren in Leip­zig und auf­ge­wach­sen in Ber­lin, ist Autorin des Romans »Die vor­letzte Frau«. Diese kurze Bio­gra­fie inter­es­siert mich schon mal, weil ich mich mit dem Thema »weib­li­ches Schrei­ben« beschäf­tige. Die Autorin beschreibt in die­sem Roman ihre fast 20 Jahre dau­ernde Lie­bes­ge­schichte mit dem Schwei­zer Schrift­stel­ler Tho­mas Hür­li­mann. Also auto­bio­gra­fisch! Meine Erwar­tungs­hal­tung: Wird wohl eine Abrech­nung sein mit dem sehr bekann­ten Schrift­stel­ler. Lohnt es sich, das zu lesen? Ja, unbe­dingt! Denn Tho­mas Hür­li­mann hat den Text von Katja Oskamp vor der Ver­öf­fent­li­chung gele­sen und zu ihr gesagt: »Du hast eine wun­der­schöne Lie­bes­ge­schichte geschrie­ben«. Quelle  Und das sagt er, obwohl er in dem Roman nicht immer gut weg­kommt, denn Katja Oskamp schreibt scho­nungs­los über ihn aber auch über sich selbst. »Genau diese unge­schönte Ehr­lich­keit macht »Die vor­letzte Frau« so lebens­nah. Und lesens­wert«. Quelle

Sie ler­nen sich in Leip­zig ken­nen, er der bekannte Schrift­stel­ler und Gast­do­zent am Lite­ra­tur­in­sti­tut, sie die Stu­den­tin, die an sei­nen Semi­na­ren teil­nimmt. 19 Jahre Unter­schied, aber es geht sofort zur Sache. Noch sind aber beide ver­hei­ra­tet. Die namen­lose Ich-Erzäh­le­rin mit dem aus Hol­land stam­men­den Diri­gen­ten, dem GMD. »Der GMD hasste mich nicht, der GMD hasste seine Eltern, die schon viele Jahre tot waren. Auch ich hasste den GMD nicht, höchs­tens ver­ach­tete ich ihn. Doch es gab jeman­den, den ich hasste. Mich.« (S. 14). Und Tosch, so der Name des Prot­ago­nis­ten, ist mit einer Schau­spie­le­rin ver­hei­ra­tet, die mit Selbst­mord droht, falls er sie ver­las­sen sollte. Aber jetzt haben die Ich-Erzäh­le­rin und Tosch sich gefun­den, auch wenn ich den Ein­druck habe, dass die Ich-Erzäh­le­rin die­je­nige ist, die sich anpasst. Aber muss das nega­tiv sein? Sie ist die Mut­ter von Paula, Geliebte und wer­dende Schrift­stel­le­rin. »Pau­las Vor­han­den­sein ver­hin­derte, dass ich ihm zu dicht auf die Pelle rückte.« (S. 49). Sie schreibt Kolum­nen, Arti­kel und auch Erzäh­lun­gen. Und alles legt sie Tosch vor, er ist ihr Leh­rer, Kri­ti­ker und Lek­tor. »Ich war in Schreib­din­gen wahn­sin­nig gern abhän­gig von Tosch.« (S. 59). Als Paar tre­ten sie zusam­men auf, sie beglei­tet ihn bei Lesun­gen, bei Preis­ver­lei­hun­gen und Ein­la­dun­gen auf höchs­ter Ebene. »Mit der Zeit hatte ich viel mehr Kon­takt zu sei­ner Welt als zu mei­ner.« (S. 66).

Die-vorletzte-Frau-Bild2
Katja Oskamp und Tho­mas Huer­li­mann | Quelle

Natür­lich gibt es erste Schwie­rig­kei­ten und damit auch schon Vor­aus­deu­tun­gen. Die Ich-Ezäh­le­rin wird krank und hofft, dass Tosch sie unter­stüt­zen wird. Aber »Tosch hat mich damals hän­gen las­sen, und zwar mit Ansage. Er war Schrift­stel­ler, nicht Kran­ken­schwes­ter.« (S. 76). Aber dann wird Tosch krank, schwer­krank und sie wird von der Gelieb­ten zur Pfle­ge­rin. Tosch ist an Pro­stata Krebs erkrankt, muss meh­rere Ope­ra­tio­nen über sich erge­hen las­sen, wei­gert sich eine Reha zu machen. Die namen­lose Ich-Erzäh­le­rin wird seine Pfle­ge­rin und beschreibt ihre Tätig­keit scho­nungs­los – bis ins kleinste Detail. Nichts ist ihr pein­lich oder unan­ge­nehm. Sie hat eine Schreib­blo­ckade, muss aber Geld ver­die­nen und ent­schei­det sich Fuß­pfle­ge­rin zu wer­den – in Ber­lin Mar­zahn. Dar­über hat sie ein wun­der­schö­nes Buch ver­fasst, »Mar­zahn Mon Amour«
»Mein Job war das Gegen­teil von dem, was er oberste Liga nannte. Ich war unten im dop­pel­ten Sinn: ana­to­misch (bei den Füßen) und sozial (als gering­fü­gig Beschäf­tigte mit Min­dest­lohn).« (S. 158). Aber diese Tätig­keit gibt ihr Sicher­heit, denn sie hört die Lebens­ge­schich­ten ihrer Kun­den und beginnt über diese zu schrei­ben. Ihre Texte legt sie immer wie­der Tosch vor, der sie letzt­lich abseg­net, erst dann sind sie für die Öffent­lich­keit bestimmt. Die Ich-Erzäh­le­rin stellt diese Abhän­gig­keit nicht infrage, im Gegen­teil sie will diese Abhängigkeit.

Die-vorletzte-Frau-Bild3.
Schrift­stel­le­rin Oskamp: »Man muss der Jugend die Mitte lassen«Foto: Gor­don Welters/ DER SPIEGEL | Quelle

Aber den­noch gehen die bei­den Prot­ago­nis­ten nach vie­len gemein­sa­men Jah­ren getrennte Wege, auch im wirk­li­chen Leben. »Ich sagte: Ich bin genau dort gelan­det, wovor ich einst aus dem Rei­hen­haus geflo­hen bin. Ich bin die öko­no­misch abhän­gige Frau eines berühm­ten, viel beschäf­tig­ten Man­nes, immer bereit an sei­ner Seite mit­zu­lau­fen, ihm zu assis­tie­ren, ihm den Dreck hin­ter­her­zu­räu­men. Tosch sagte: Auch mir kommt etwas bekannt vor. Ich habe mich schon ein­mal von einer Frau dafür beschimp­fen las­sen, dass ich ihr Leben finan­ziere, ein zwei­tes Mal habe ich dar­auf keine Lust.« (S. 154).

Ich kann Tho­mas Hür­li­mann nur zustim­men, dass Katja Oskamp eine wun­der­schöne Lie­bes­ge­schichte geschrie­ben hat in einer wun­der­bar direk­ten Spra­che. Sie stellt nie­man­den bloß oder macht ver­ächt­lich, sie beschreibt eine Lie­bes­be­zie­hung, die gegen­sei­tig und ehr­lich ist. Sie kommt zu dem Ergeb­nis: »Als Phä­no­me­no­lo­gie-Azubi fand ich her­aus, dass ich immer die vor­letzte Frau gewe­sen war: zuerst von Karl, dann vom GMD, nun von Tosch.« (S. 203). Und resü­mie­rend stellt die Ich-Erzäh­le­rin/­Au­to­rin fest: »Zwei Drit­tel eines durch­schnitt­li­chen Frau­en­le­bens hatte ich absol­viert. Ich befand mich in einem Alter, in dem ich den Satz Tosch war der Mann mei­nes Lebens ohne Über­trei­bung sagen durfte.« (S. 205).

Beide Prot­ago­nis­ten fin­den auch im wirk­li­chen Leben einen neuen Part­ner oder eine neue Part­ne­rin. Und ich kann die­ser Aus­sage über die Prot­ago­nis­tin zustim­men: »Schließ­lich kann sie sich erneut eman­zi­pie­ren und in Kreuz­ber­ger Knei­pen die Kör­per­lich­keit fin­den, die er ihr nicht mehr geben kann. Sie bleibt die han­delnde Per­son und nicht nur des­we­gen ist »Die vor­letzte Frau« ein femi­nis­ti­scher Roman. Quelle

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Abhängigkeit, Hanser Verlag, Katja Oskamp, Krankheit, Liebe, Sexualität, Thomas Hürlimann