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Marzahn-Cover

Katja Oskamp
» Mar­zahn Mon Amour

Autor:Katja Oskamp (Deutsch­land, 2019)
Titel:Mar­zahn Mon Amour
Aus­gabe:Han­ser, 2019, 5. Auflage
Erstan­den:Anti­qua­risch

Marzahn-Cover

Das Cover zeigt einen hoch­auf­ra­gen­den Plat­ten­bau, steht sym­bo­lisch für einen gan­zen »Kiez«, einen gan­zen Wohn­be­zirk. Im Osten der Stadt Ber­lin gele­gen, rund 120.000 Ein­woh­ner, in den 70er/80er Jah­ren in der DDR ent­stan­den, eine der Groß­sied­lun­gen, meist in Plat­ten­bau­weise und sei­ner­zeit ein wich­ti­ger Bei­trag zur Lösung des Woh­nungs­pro­blems in der DDR.

Es gibt viele Asso­zia­tio­nen zu die­sem Kiez, meist nega­tiv, die nicht loh­nen genannt zu wer­den. Aber die­ses Buch, es ist etwas völ­lig ande­res. Es ist eine höchst gelun­gene, höchst leben­dige gera­dezu plas­ti­sche Lie­bes­er­klä­rung an den Kiez. Geschrie­ben aus einer pre­kä­ren Situa­tion, das Kind flügge, der Mann krank, als Autorin erfolg­los, ent­schei­det sie sich, eine Aus­bil­dung als Fuß­pfle­ge­rin zu machen, wofür sie von Fried­richs­hain nach Char­lot­ten­burg muss, eine kleine Welt­reise inner­halb der Rie­sen­stadt. Schon in ihrer ein­lei­ten­den Dar­stel­lung der Kurs­teil­neh­me­rin­nen ver­brei­tet sie gekonnt beson­de­res Flair: Die ver­härmte Arzt­hel­fe­rin mit unheil­bar kran­kem Sohn, die selbst­stän­dig wer­den will. Die schi­cke blonde Rus­sin, die kleine Dralle aus Geor­gien, die frü­her Dol­met­sche­rin war. Dann die »Mas­sa­ker«, die die Kurs­an­ten an ihren Aus­bil­dungs­mo­del­len anrich­ten, meist ältere Herr­schaf­ten, ganz wie die spä­tere Kund­schaft. Zusam­men­ge­fasst: »Keine von uns war auf direk­tem Weg hier gelan­det, jede zuvor irgendwo abge­prallt, ste­cken­ge­blie­ben, nicht wei­ter gekom­men. Wir wuss­ten, wie Schei­tern sich anfühlt … Wir waren ganz unten bei den Füßen angelangt.«

Wir ler­nen von der Autorin eine Reihe ihrer »Opfer« ken­nen und damit die Men­schen und ihre Schick­sale, die den Kiez aus­ma­chen. Da ist Frau Guse, gebo­ren 1933 im Prenz­lauer Berg, 5 Kin­der, nach dem frü­hen Tod ihres Man­nes allein­er­zie­hend. Als sie nach Mar­zahn kam, hat sie ihre Beer­di­gung im vor­aus bezahlt. Sie ist eine große Bezah­le­rin und ver­mei­det Schul­den. »Frau Guse ist nicht dement. Sie ent­fernt sich nur… im Rück­wärts­gang von der Welt, in der sie sich aus­kannte: Kin­der, Küche, Kaufhalle.«

Marzahn-Bezirk
Lage­s­kizze zu Mar­zahn bei Wiki­pe­dia

Dann Herr Paulke, der läs­tert, weil hier frü­her Rie­sel­fel­der waren: »Wis­sense, wo se hier sind? Uff de Scheiße von Ber­lin.« Er ist Mar­zah­ner Urein­woh­ner seit 1983, hat bei »Auto­trans« (Spe­di­tion) ein Leben lang geschleppt. Sie cha­rak­te­ri­siert ihn: »Ein Pro­let ein Greis nun, mit Anstand im Leib…und Demut gegen­über den Mas­sa­krie­run­gen des Alters.« Und: »Jedes Mal, wenn ich Herrn Paulke wie­der­sah, war er an einer ande­ren Stelle reparaturbedürftig.«

In »Mar­zahn mon amour« wird das Altern, die alt gewor­de­nen Men­schen exakt, aber mit Ber­li­ner Witz beschrie­ben. Über den Krebs, der bei Herrn Paulke wie­der­kam, die feh­len­den Kau­leis­ten, seine Frau, die für ihn die vie­len Ter­mine macht, den man beim Augen­arzt erst in 3 Mona­ten bekommt. Und die Phy­sio­the­ra­pie, die der Rol­la­tor­nut­zer regel­mä­ßig braucht. Dass die Fuß­pflege wirk­lich intime Momente hat, man nahe am Men­schen ist und gera­dezu zärt­lich sein kann. Denn »er war nicht mehr gewohnt, dass man auf ihn reagierte.« Den letz­ten Fuß­pfle­ge­ter­min für ihren Mann muss Frau Paulke aber absa­gen »… weil er is jestorben.«

Katja Oskamp geht auch auf die Vor­ur­teile gegen­über Mar­zahn ein, es sei eine Beton­wüste, dabei ist es über­aus grün. Als Mar­zahn gebaut wurde, baute das Tief­bau Kom­bi­nat begeh­bare Sam­mel­ka­näle, so dass nie­mand meter­weit die Erde auf­rei­ßen muss für Repa­ra­tu­ren oder Moder­ni­sie­run­gen. Der Kiez hat das best­sor­tierte Ein­kaufs­cen­ter, die beste Ret­tungs­stelle und das Bür­ger­amt ist im Ver­gleich zu ande­ren ein Para­dies. Abge­senk­ter Bord­steine, wich­tig für Rol­la­to­ren und Roll­stühle gibts hier mehr als im Rest der Stadt: »Alles, was Räder hat, kommt bes­tens zum Ziel« – sybil­li­nisch aus­ge­drückt. Der große Nach­teil: Die Hell­hö­rig­keit. Bohr­ar­bei­ten irgendwo im Haus las­sen unten im Fuß­pfle­ge­stu­dio Zahn­arzt-Gefühle aurfkommen.

Dann ist da Frau Blu­meier, Kin­der­läh­mung, eiserne Lunge und doch POS (Ober­schule) geschafft, gegen ärzt­li­chen Rat einen Sohn bekom­men, wäh­rend des­sen Puber­tät ihr Mann stirbt. Und sie nun mit »Post-Polio Syn­drom« zu kämp­fen hat, Mus­kel­schwund. Dafür hilft sie einer depres­si­ven Bekann­ten. Hat einen neuen Part­ner, mit dem es so gut läuft, auch nachts. Dass es (hell­hö­rig) anzüg­li­che Bemer­kun­gen vom Nach­bar gibt. »… das ist der blanke Neid« trös­tet die Autorin sie.

Es ist das Beson­dere an Katja Oskamp, dass sie die­je­ni­gen notiert, über die sonst kei­ner schreibt. Die kei­nen Gla­mour­fak­tor besit­zen, die ein­fach Men­schen von nebenan sind und ihr Leben mit ehr­li­cher Arbeit ver­bracht haben.

Einen Kon­tra­punkt setzt Herr Pietsch, alter SED Sport­ka­der, stets Macher, Füh­rungs­po­si­tion in sei­ner Herz­sport­gruppe, nach sei­nen 5 Bypäs­sen. Und den saf­ti­gen Ren­ten­ab­zü­gen. Den nie­mand mehr in sei­ner Ein­raum­woh­nung anruft. Und der die Fuß­pfle­ge­rin fragt, ob sie Lust auf Sex mit ihm hätte. Die nüch­tern kon­sta­tiert: »Ach Eber­hard, du altes Arbei­ter-und-Bau­ern-Kind. Dein Leben lang hast Du Dei­nen Pos­ten mit Dei­ner Per­son verwechselt.«

Ihre Che­fin ist Tiffy, die nicht reich wird, ihr Lohn sind zufrie­dene Kun­den und ein gefüll­tes Ter­min­buch. Die elf­tau­send Hunde, die in Mar­zahn regis­triert sind, Platz eins in der Stadt. Tiffy, die sich mit 3 Kin­dern durch­schlug, nach der Wende bei Kauf­land neu anfing und Kar­riere machte. »Als die Arbeit sie aus­ge­zehrt hatte, und Tiffy nach zwei Band­schei­ben­vor­fäl­len kün­digte und um eine Abfin­dung bat, schlug man ihr den nai­ven Wunsch höh­nisch ab.«. Mit einer kre­dit­fi­nan­zer­ten Aus­bil­dung star­tete sie in die Selb­stän­dig­keit, auf­ge­ben kennt sie nicht.

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Bild der Autorin, Copy­right Wiki­pe­dia

Man lernt, wie die Kun­den sich im Fuß­pfle­ge­stu­dio beneh­men, »wirk­lich jeder ent­schul­digt sich, wenn er im Fuß­pfle­ge­raum das erste Mal Schuhe und Socken abstreift.« Geschich­ten von »Flo­cke«, ihrer Kol­le­gin, frü­her in der Gas­tro­no­mie. Mit Remi­nis­zen­zen aus Flo­ckes Knei­pen­zeit, die Män­ner, für die sie »Mama« war. In der Gas­tro­no­mie, weil sie (auf Rügen) nicht lebens­lang Fische sor­tie­ren wollte. Die nach Ber­lin ging, den Sohn ohne Vater groß­zog, der Sohn, der nachts mit ihr durch die Techno-Klubs zog. Und was Pau­sen und Betriebs­aus­flug betrifft: »Tiffy trinkt wie sie arbei­tet, zügig.

Fritz, das Zir­kus­kind mit den schöns­ten Füßen, in die sie sich ver­liebt. Für ihn ist »der Fuß­pfle­ge­ter­min der Höhe­punkt des Tages. Seit Fritz nicht mehr arbei­tet, ist sein größ­ter Feind die Langeweile.«

Die älteste Kun­din ist 96, wirkt wie 106. Flo­cke führt sie aus ihrem Rol­la­tor zum Nagel­tisch. Mit­ge­fühl mit solch einem »Häuf­lein Mensch« und ihrer schnodd­ri­gen Begleiterin.

Frau Fren­zel, 70, die mit Dackeln bes­sere Erfah­run­gen als mit Män­nern gemacht hat, »… lieba zehn Dackel als een Mann.« Der depres­sive Mann, der von sei­nen Sozi­al­be­treue­rin­nen ins Stu­dio gebracht wird. Die begin­nende Demenz beim Neu­kun­den Erwin, »die innere Land­karte kräu­selt sich«. Hof­fent­lich fin­det er den Salon fürs nächste Mal wieder.

Für die Hob­bies der Rent­ner fin­det die Autorin drei Kate­go­rien: Hund, Gar­ten, Kurz­rei­sen. Für nicht wenige ist die aktu­elle Lebens­auf­gabe die Pflege eines schwer­kran­ken Part­ners, die Men­schen, die Woh­nung nicht mehr ver­las­sen kön­nen, am Sau­er­stoff­ap­pa­rat hän­gen. So wie Frau Janusch, die die COPD-Erkran­kung ihres Man­nes for­dert, unglaub­lich, was sie bewältigt.

Ger­linde, jah­re­lang in der DDR Kran­ken­schwes­ter, nach der Wende im Wes­ten; »den Blu­men­strauß, mit dem zu Ost­zei­ten jede neue Kol­le­gin begrüßt wurde, schien es hier nicht zu geben.«. Erst­mals fühlt sich die erfah­rene Pfle­ge­rin fremd, die Arbeit ohne Freude. »Die Igno­ranz, die Arro­ganz ihrer West-Kol­le­gen hing ihr zum Hals heraus.«

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Blick auf die Groß­sied­lung Mar­zahn, viele Woh­nun­gen, viel Grün | © imago/PantherMedia / Ser­gey Kohl | Quelle

Eine der Kli­en­tin­nen über­zeugte die Fuß­pfle­ge­rin mit ihrem Cha­rak­ter, ihrer Art und ihrem Glau­ben. »Seit ich Frau Bon­kat kenne, achte ich auf das Glo­cken­ge­läut der Mar­zah­ner Kir­chen.« Und was sie zu ihr sagt, die so oft ihren demen­ten Mann suchen muss, könnte man für die meis­ten Kun­din­nen sagen: »… ich ver­neige mich vor der Lebens­leis­tung … weil es sonst kei­ner tut.« Ein Satz hat mir als über­zeug­ter Öffi-Nut­zer beson­ders gut gefal­len. Wenn sie mor­gens um halb acht in der M6 zur Arbeit fährt, graue Gesich­ter, ein­ge­mum­melt, Gestal­ten mit Smart­phones. Kopf­hö­rern und Kin­der­wa­gen: »Ich habe diese tem­po­rä­ren Fahr­ge­mein­schaf­ten gern.«; genau mein Gefühl!

Wun­der­bar, wie die Autorin, mit weni­gen Sät­zen, die Pro­file ihrer Men­schen skiz­ziert. Pro­file von ganz gewöhn­li­chen Men­schen, die im Buch zu ech­ten Per­sön­lich­kei­ten wer­den. Gewöhn­li­che Men­schen, die mit ihren Berich­ten aus dem Fuß­pfle­ge­stu­dio zu Cha­rak­te­ren ver­wan­deln. Mit all ihren Ecken, Kan­ten und DDR-Lebens­läu­fen, die sich viel zu sel­ten in der gegen­wär­ti­gen Lite­ra­tur wie­der fin­den. Sehr viele Chro­ni­ken von Men­schen aus der DDR, was gegen­über der sons­ti­gen Medi­enigno­ranz wun­der­bar gut tut.

Ein Buch über Men­schen in Mar­zahn, über Höhen und Tie­fen der Fuß­pflege, über mensch­li­ches, allzu mensch­li­ches …»diese Leute, die vor 40 Jah­ren hin­ge­zo­gen sind [nach Mar­zahn] und jetzt mit Rol­la­tor, Sau­er­stoff­ge­rät und Min­dest­rente tap­fer ihr Leben zu Ende brin­gen. Die manch­mal tage­lang mit nie­man­dem reden. Und dank­bar für die Gesprä­che im Stu­dio sind.

Große Freude beim Lesen, auch weil die Frauen des Stu­dios nicht nur Füße pfle­gen, sie pfle­gen auch die Seele ihrer Kun­den. Das tut auch Katja Oskamp, wenn sie geschickt die Ver­gan­gen­heit ihrer Kli­en­ten ein­flicht: Nazi-Zeit, Kriegs­ende, DDR, Wende, Rente.

Nicht zu ver­ges­sen, wie klasse sie mit Ber­li­ner Mut­ter­witz einem den Ber­li­ner Kiez nahe­legt, der sonst als graue, arme Maus gilt. Janz im Jejen­teil, dit is Klasse da und jetzt weeß ick ooch wieso! Cha­peau Katja Oskamp.

Beson­ders lebenswert!

2025 rezensiert, Berlin, Fußpflege, Großsiedlung, Hanser, Katja Oskamp, Marzahn, Plattenbau