
Bettina Wilpert
» Die bärtige Frau
| Autorin: | Bettina Wilpert |
| Titel: | Die bärtige Frau |
| Ausgabe: | Verbrecher Verlag Berlin, 1. Auflage 2025 |
| Erstanden: | antiquarisch |

Ist der Roman »Die bärtige Frau« von Bettina Wilpert nur ein Roman für Frauen? Für Mütter? Oder doch auch für Männer?
Diese Gedanken gingen mir während des Lesens durch den Kopf. Sicher ist es ein Roman für Frauen, vielleicht ganz besonders für Mütter, denn die Gedanken der Erzählerin über Geburt, Schmerzen, Dammschnitt, Milchstau, Abhängigkeit, Einsamkeit, usw. treffen auf viele Frauen zu, die ein Kind geboren haben. Aber ein Roman auch für Männer? Ganz sicher, denn es geht um Lebensrollen für beide Geschlechter, um Geschlechtsgefühl oder Selbstempfinden des Geschlechts, also Geschlechtsidentität. Darauf deutet auch schon der Titel »Die bärtige Frau« hin.
Alex ist die Erzählerin des Romans, ist Mutter eines einjährigen Kindes, lebt in Leipzig mit dem Vater Oliver zusammen und reist nun in ihr bayrisches Heimatdorf, um ihre Mutter zu unterstützen, die gestürzt ist. Die kleine Tochter Paula und Oliver bleiben in Leipzig. »Alex vermisst Paula physisch, als hätte sie ein Körperteil verloren. Während sie das denkt, korrigiert sie sich – diesem Mutterbild will sie nicht entsprechen.« (S. 9). Für Alex ist diese Reise auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, sie hat Zeit über sich nachzudenken, ihre Zeit als Mutter, als Teenager, Studentin oder jetzt als Lehrerin. Wie will sie selbst als Mutter leben? Was erwartet die Gesellschaft von ihr, was erwartet Alex von sich selbst? Zunächst geht es in dem Roman um das Mutterwerden und das Muttersein, auch das Thema Fehlgeburt wird behandelt. Mit ihren Gefühlen danach muss sie alleine klarkommen. »Oliver wurde nicht gefragt, wie es ihm damit ging. Schließlich war er ein Mann, über Gefühle redeten selbst die sich für feministisch und links haltenden Männer nicht.« (S. 69). Zum schwanger sein macht sie sich diese Gedanken: »Sie hatte ständig Angst: Angst zu fallen, Angst geschubst zu werden, Angst einen Unfall zu bauen.« (S. 78). Oder: »Wie soll sie diese ständigen körperlichen Veränderungen verarbeiten? Jeden Tag ist sie eine andere.« (S. 79). Und mit dem Gedanken an Simone de Beauvoir kommt sie zu dem Ergebnis: »Sie ist nicht als Frau geboren, erst durch die Schwangerschaft wurde sie zur Frau gemacht.« (S. 80). Auch über einen Pränataltest macht sie sich Gedanken: »Was ist der Unterschied zwischen Trisomie 21, einem offenen Rücken und einer schweren Fehlbildung wie Anenzephalie? Wie misst man den Wert eines Menschenlebens?« (S. 82).

Nun steht jedoch das Muttersein im Vordergrund, das bei Alex häufig mit dem schlechten Gewissen verbunden ist, »das sie, immer wenn sie arbeitet, wenn sie nicht bei Paula ist, hat.« (S. 23). Warum hat sie dieses schlechte Gewissen? Oder warum will sie unbedingt ein Kind zur Welt bringen? »War ihr Wunsch nicht einfach das Ergebnis ihrer Sozialisierung als Frau?« (S. 31). Natürlich will Alex für ihre Tochter Paula ihr Bestes geben, genauso wie ihre Mutter es für sie gemacht hat. Denn sie wollte »keine Rabenmutter werden, und wo waren die Rabenväter, wo waren die, die abgehauen sind, sich davon und aus der Verantwortung geschlichen – warum haben die keine Bezeichnung?« (S. 124). Woher kommen nun die Erwartungen, die an Alex gestellt werden? Zum einen aus dem katholisch geprägten Heimatort, denn der Katholizismus überhöht die Figur der Mutter und erklärt das Kinderkriegen zum Lebensziel der Frau. Daher auch das Gemälde auf dem Cover »Die Entstehung der Milchstraße« von Jacopo Tintoretto. Zum anderen ist Alex aber auch geprägt vom heutigen Feminismus, der Erwartungen an die jungen Mütter stellt. So fühlt sie sich gestört vom Deutschrap bei einer Demo, Paula schläft und soll nicht davon geweckt werden, Alex würde sich am liebsten beschweren, aber »sie wollte nicht wie eine klingen, die sie nicht sein wollte, eine dieser Muttis.« (S. 137). Aber was will sie oder glaubt sie zu wollen? »Jedenfalls stillte sie und gab kein Fläschchen. Es war, was sie wollte, oder dachte, dass sie es wollte.« (S. 125). Alex will ihr emanzipiertes Selbst nicht aufgeben, stellt aber immer wieder fest, dass die Gesellschaft immer noch patriarchalisch strukturiert ist.
Sie ist neidisch auf Oliver, weil er ohne groß darüber nachzudenken, eine berufliche Fortbildung macht. Ihm wird die Frage nicht gestellt, ob er die kleine Paula solange allein lassen kann. Oder: »Wo ist denn dein Kind? Wer passt gerade auf es auf? Du hast schon abgestillt? Wie fühlt es sich an, dein Kind zu verlassen?« (S. 166). Alex macht aber auch Folgendes deutlich: »Sie will kein Mann sein, sie will einfach, dass es keinen Unterschied zwischen ihnen gibt, nur weil die eine Kinder in ihrem Bauch wachsen lassen kann.« (S. 166).

Das ist das eigentliche Thema der Autorin! Schon der Titel »Die bärtige Frau« deutet darauf hin.
Während es draußen regnet, hält sich Alex in einer Kapelle ihres Heimatortes auf und betrachtet das Gemälde der stillenden Maria. Alex ist irritiert vom Blick des Kindes und von der körperlichen Darstellung Marias, denn die rechte Brust »sitzt nicht an der richtigen Stelle“ (S. 131). Außerdem stellt sie sich die Frage, warum Maria im Stehen stillt. Während dieser Gedanken verändert sich für Alex plötzlich das Gemälde, Maria wächst ein Bart, sie trägt ein goldenes Gewand und das Kind trinkt unbeeindruckt weiter. »Alex tritt näher an das Bild heran: Ist es ein stillender Mann? Oder eine bärtige Frau, die stillt?« (S. 132). Damit wird das hochstilisierte Bild der Frau und Mutter aufgebrochen, das auch heute noch die patriarchalische Gesellschaft prägt.
Daher Alex‘ Fazit: »Sie (Alex) ist es, die das Karussell, das seit Generationen im Kreis fährt, anhalten kann. Sie kann es jedoch nur mit Oliver gemeinsam anhalten, den über Generationen weiter gegebenen Fluch, die Mutter müsse alles und sei an allem – brechen.« (S. 143).
Dem lässt sich nichts hinzuzufügen – höchstens noch ein weiteres Lob: »Wilpert fasst in Worte, was gebärende, stillende, sorgende Personen gar nicht oder nur mit engen Freund*innen oder anderen Müttern besprechen – und worüber Männer gar nicht erst nachdenken.« Quelle
Sehr lesenswert!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, Bettina Wilpert, Feminismus, Geschlechtsidentität, Katholizismus, Mutterrolle, Verbrecher Verlag
