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Bri­gitte Rei­mann
» Die Frau am Pranger

Autorin:Bri­gitte Reimann
Titel:Die Frau am Pran­ger (1956)
Aus­gabe:Auf­bau Ver­lag Ber­lin, 1. Auf­lage 2024
Erstan­den:anti­qua­risch

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»Bri­gitte Rei­manns Werke, dar­un­ter »Die Frau am Pran­ger«, sor­gen aktu­ell für inter­na­tio­na­les Auf­se­hen, machte sie doch als eine der Ers­ten kon­se­quent die Lebens­wege von Frauen zum Gegen­stand ihrer Lite­ra­tur.« (Klap­pen­text). Sie stellt die Per­spek­tive von Frauen in den Mit­tel­punkt, behan­delt Lebens­rea­li­tä­ten von Frauen, auch in ihrem Roman »Katja« hier nach­zu­le­sen.

Auch im vor­lie­gen­den Roman »Die Frau am Pran­ger« geht es um Iden­ti­tät und Selbst­ver­wirk­li­chung. Im Vor­der­grund steht die 28-jäh­rige Kat­rin, die mit ihrem Ehe­mann Hein­rich und Schwä­ge­rin Frieda auf einem Bau­ern­hof lebt. Die Frauen müs­sen die­sen alleine bewirt­schaf­ten, denn Ehe­mann Hein­rich steht an der Front – in Russ­land 1943. Sei­nen Front­ein­satz ver­tei­digt er bei sei­nem Hei­mat­ur­laub: »Man muss hart durch­grei­fen. Und die Rus­sen sind eben anders als wir, bloß halbe Men­schen, ver­stehst du?« (S. 18). Kat­rin lässt alles über sich erge­hen, auch seine gewalt­tä­ti­gen Umar­mun­gen. »Und zum ers­ten Male in den fünf Jah­ren geduck­ten Gehor­sams glomm neben Wider­wil­len und Demut ein win­zi­ges Fünk­chen Hass.« (S. 18). Vom eige­nen Vater wurde sie wie ein Objekt »ver­scha­chert« für ein paar Mor­gen Land, ernst genom­men wird sie weder von ihrem Mann noch von ihrer Schwä­ge­rin Frieda. Also ist es eine Unter­drü­ckung mit Fort­set­zung, zunächst vom Vater, dann vom Ehe­mann und schließ­lich von der Schwä­ge­rin. So kommt Caro­lin Wür­fel im Vor­wort zu dem Ergeb­nis: »Es geht in dem Buch auch um Unter­drü­ckung von Frauen, und auch das macht diese Geschichte hoch­ak­tu­ell. Der weib­li­che Kör­per als ewi­ges Kri­sen­ge­biet, das oft über­se­hen und gleich­zei­tig so oft benutzt wird, um Domi­nanz und Macht zur Schau zu stel­len.« (S. 11).

Die bei­den Frauen kön­nen die Arbeit auf dem Hof kaum noch bewäl­ti­gen, daher über­legt Hein­rich: »Viel­leicht kann ich euch einen Kriegs­ge­fan­ge­nen besor­gen.« (S. 19). So kommt Ale­xej Iwa­no­witsch auf den Hof und man kann es schon erah­nen, wenn Kat­rin die Erzäh­le­rin for­mu­lie­ren lässt: »Der Russe sang. Kath­rin hatte lange nicht mehr gesun­gen; als Kind wohl, als Mäd­chen noch – aber seit­dem sie in die­sem Haus lebte, war sie ver­stummt.« (S. 26). Sie ent­wi­ckelt Selbst­be­wusst­sein, erkennt ihre eige­nen Werte und wider­setzt sich sowohl ihrer Schwä­ge­rin als auch ihrem Ehe­mann. Sie eman­zi­piert sich, nach­dem sie vor­her nur »ver­scha­chert« wurde. »Sie blickte auf­merk­sam in den Spie­gel: Sie begann sich zu ent­de­cken.« (S. 58). Sie weiß genau, was gesche­hen wird, wenn ihre Liebe zu Ale­xej öffent­lich wird. Aber sie über­trifft sich selbst, auch als die Dorf­be­völ­ke­rung sie an den Pran­ger stellt und das weiße Schild über der Brust bau­melt: »ICH BIN EINE RUSSENHURE!« (S. 159).

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Bri­gitte Rei­mann | Quelle

In ihrem Roman fragt Bri­gitte Rei­mann nach Opfern und Tätern. In einem Krieg ist nie­mand unschul­dig und so erzählt die Autorin »von der Selbst­ver­ständ­lich­keit des Has­ses und der stumpf­sin­ni­gen Unter­drü­ckung ein­zel­ner Men­schen und gan­zer Grup­pen. Wer nicht dazu­ge­hört, ist nichts wert.« (S. 8). Hein­rich ver­sucht, sich zu ver­tei­di­gen, so wie viele es nach 1945 getan haben: »Befehl ist Befehl« (S. 166). Ein ansatz­weise schlech­tes Gewis­sen hat er viel­leicht doch, denn im Grund sei­nes Her­zens wusste er, »dass er sie nie­mals ver­stan­den und sich nie um Ver­ste­hen bemüht hatte.« (S. 156). Aber da »winkte die Erlö­sung: Frieda war Schuld an dem Gräss­li­chen, sie hatte die bei­den ange­zeigt.« (S. 169).

Bri­gitte Rei­mann war 22 Jahre alt, als sie dies Buch schrieb und damit ein bri­san­tes Thema der deut­schen Nach­kriegs­li­te­ra­tur ansprach. Der Roman wurde ein gro­ßer Ver­kaufs­er­folg im Osten wie im Wes­ten und hat heute immer noch Aktua­li­tät, da Bri­gitte Rei­mann gesell­schaft­li­che The­men und Kata­stro­phen mensch­li­chen Mit­ein­an­ders auf­greift. »Und sie stellt schein­bar mühe­los immer wie­der die große Frage: »Wie gehen wir als Gesell­schaft mit jenen um, die anders den­ken, anders aus­se­hen, von der soge­nann­ten Norm abwei­chen?« (S. 10). So Caro­lin Wür­fel im Vorwort.

Da Bri­gitte Rei­mann ihre gesamte Prosa mit Blick auf die Frauen aus­rich­tet, kann ihre Lite­ra­tur als femi­nis­ti­scher Dis­kurs betrach­tet wer­den. Ähn­lich sieht das auch Caro­lin Wür­fel in ihrem Sach­buch »Drei Frauen träum­ten vom Sozia­lis­mus« hier nach­zu­le­sen

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Die Lei­dens­ge­schichte von Dora von Nes­sen, die am 19. Sep­tem­ber 1940 im Oschat­zer Pran­ger zur Schau gestellt und ver­höhnt wurde. | Quelle

Als letzte Bewer­tung des Romans eine Aus­sage der Schrift­stel­le­rin selbst in einem Brief an den Archi­tek­ten Her­mann Hen­sel­mann: »Eigent­lich meine beste Geschichte, trotz Sen­ti­men­ta­li­tä­ten«. Quelle

Dem kann ich nur zustimmen!
Sehr lesenswert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2. Weltkrieg, 2025 rezensiert, Aufbau Verlag, Brigitte Reimann, Carolin Würfel, DDR, Emanzipation, Identität, Liebe, Russenhass, Schuld, Vorurteil