Edith Anderson (Hg.)
» Blitz aus heiterm Himmel
| Herausgeberin: | Edith Anderson |
| Titel: | Blitz aus heiterm Himmel |
| Ausgabe: | Die andere Bibliothek, Aufbau Verlag Berlin 2024 |
| Erstanden: | Buchhandlung Thaer Friedenau |

»Was, so ist nach alldem dringend zu fragen, was ist ein Mann? Da gelangen wir allzubald an den Punkt, wo wir einsehen müssen, daß diese Frage nicht beantwortbar ist. Außer in der Praxis. Der Er gilt als das, was sich von selbst versteht: die Norm, das Ziel, der Mensch an sich – und für sich. Darum wäre ihm anderes, als ein Mann zu sein, eine untragbare Zumutung. Ein Schrecken, ärger als jeder der nicht geringen Schrecken, die das Mannesleben für ihn bereithält. Und für die er trainiert wird von klein auf.« (S. 217). Das sind Gedanken von Annemarie Auer, Literaturwissenschaftlerin der DDR aus dem Jahre 1975, jetzt wieder veröffentlicht in »Blitz aus heiterm Himmel«.
Edith Anderson hat 1970 den Versuch gewagt, Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu einem Experiment einzuladen: »Man wacht eines Morgens auf und findet sein Geschlecht vertauscht«. (S. 3). Wie war die Reaktion? Schriftstellerinnen haben nicht grundsätzlich abgelehnt, das war bei den männlichen Vertretern schon anders! Peter Hacks wollte lieber bei seinen griechischen Mythen bleiben. Franz Fühmann war schon deutlicher in seiner Ablehnung: »Eine Frau! Das ist ja schlimmer als Kafka! Viel, viel schlimmer, als zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt zu erwachen!« (S. 233). Auch Hermann Kant war sichtlich erschüttert: »O verflucht! O verflucht! Ein ganz erschreckender Traum … Ich glaube, Gott wusste, was er tat, als er mich als Mann erschuf.« (S. 234). Auch Erik Neutsch wurde gefragt, aber seine Abfuhr war pompös und monumental. (vgl. S. 243). Aber dennoch ist es Edith Anderson gelungen, Schriftsteller in der DDR zu finden, die zu diesem Experiment eine Erzählung geschrieben haben: Günter de Bruyn, Gotthold Gloger, Rolf Schneider und Karl-Heinz Jakobs.
Bei den Schriftstellerinnen war es etwas einfacher, Christa Wolf sagte zunächst ab, stimmte aber am folgenden Tag zu. Edith Anderson verbucht diesen Erfolg für sich, denn diese Anthologie habe die 41jährige Christa Wolf dazu gebracht »endlich über die Frauenfrage nachzudenken.« (S. 239). Dass Anna Seghers ablehnen würde, war der Herausgeberin klar. Sie hatte Jahre zuvor gesagt, sie habe »für die Beschäftigung mit Frauenrechten keine Geduld aufzubringen. Frauen seien selbst daran schuld, wenn sie sich zu einem Niemand machen ließen.« (S. 239). Sarah Kirsch dagegen war schnell zu überzeugen, ebenso Irmtraud Morgner. Wenn nicht der Hinstorff Verlag gewesen wäre! Er verlangte von Irmtraud Morgner, den Satz: »Die Bettdecke roch nach Tabak und Fisch« zu streichen (S. 240). Irmtraud Morgner weigerte sich und baute ihre Geschlechtertausch Geschichte in den Roman »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz« ein.

Jetzt könnte man denken, alle Erzählungen sind fertig und jetzt könnte es losgehen. Keineswegs, hier musste im Verlag nochmal diskutiert, da umgestellt werden, dann fehlte Papier und das Unternehmen drohte zu scheitern. Aber 1975 war es endlich so weit: Eine Auflage wurde gedruckt, die sofort vergriffen war – keine weitere folgte. Daher umso schöner, dass jetzt eine vollständige Neuauflage vorliegt.
Auf einige Erzählungen will ich näher eingehen, auch weil sie heute noch aktuell sind!
Der Erzähler in der Geschichte von Günter de Bryun stellt sich vor, was sich wohl verändern wird, wenn er jetzt zur Frau geworden ist. Zunächst wird festgestellt, dass die »fraulichen Morgenarbeiten« (S. 9) viel länger dauern, aber schlimmer noch »dass Männer in vollen Bahnen näher als nötig an mich herankamen.« (S. 10). Im Büro angekommen, versuchten die Kollegen nicht, »meine Verwandlung zu ignorieren, sie feierten sie.« (S. 16). Aber jetzt wird Kaffeekochen und Blumengießen erwartet. Sein Chef, der ihn immer als Konkurrenten betrachtet hat, klärt ihn – der ja jetzt eine Frau ist – über die Rolle der Frau auf. »Von Frauen erwarten wir leider nicht in erster Linie Intellekt und gute Arbeitsleistung: daran messen wir den Wert des Mannes. Von der Frau erwarten wir vor allem Schönheit, und wenn die fehlt: dass sie versucht, sie für uns vorzutäuschen.« (S. 21). Dieses ist noch nicht das schlimmstes Erlebnis. Nachdem er/sie ein Referat gehalten hat, erwartet er/sie Zustimmung oder Ablehnung des Gesagten. Man fand meinen Beitrag »bedenkenswert, beachtlich tief, wohl überlegt, ja sogar leidenschaftlich, kühn und mutig und konnte auf diese Art und Weise vermeiden, näher auf ihn einzugehen … Den größten Beifall aber bekam ein ungarischer Kollege, der, reizend ausländisch akzentuiert, mich den Sonnenschein der Konferenz nannte.« (S. 32). Jetzt reicht es ihm und er will die Geschlechtsumwandlung wieder rückgängig machen, also wieder zum Mann werden. Aber da gibt es ein Problem. Voraussetzung ist, dass auch seine Frau die Geschlechtsumwandlung rückgängig macht, sie will aber ein Mann bleiben.

Christa Wolf schreibt über eine junge Wissenschaftlerin, die freiwillig die Geschlechtsumwandlung akzeptiert, um die Forschung ihres Chefs zu unterstützen. Unsicher ist sie dennoch, wenn sie z.B. überlegt, » dass es unrentabel gewesen wäre, zuerst ein Präparat zur Verwandlung von Männern in Frauen zu entwickeln, weil sich für ein so abwegiges Experiment keine Versuchsperson gefunden hätte.« (S. 42). Nach dreißig Tagen bricht sie das Experiment ab und ist froh, wieder eine Frau sein. Sie betont aber, dass man ihre Nachfolgerinnen darauf gefasst machen müsste, »dass sie nicht zugleich mit ihrer Mannwerdung die Zustände ihres Frauendaseins von sich abtun können.« (S. 45).
Bei Sarah Kirsch wird Katharina zu Max, ihr Freund Albert staunt nicht mal, sondern akzeptiert alles. Er ist Lastwagenfahrer, kommt nach der Arbeit nach Hause, sie duschen zusammen, er stellt die Geschlechtsumwandlung fest und sie lieben sich. Die beiden Männer leben in Freundschaft zusammen, sind gleichberechtigt und teilen sich die häuslichen Arbeiten. Sodass Max, ehemals Katharina sagen kann: »Jetzt, wo ich selber ’n Kerl bin, jetz kriek ich die Ehmannzipatzjon«. (S. 162).
Zum Schluss komme ich auf Annemarie Auer zurück, sie fragt in ihrem Essay wie zu Beginn schon zitiert: »Was ist ein Mann?«
Um dies Frage zu beantworten, muss man schon selber lesen. Aber schon jetzt kann ich sagen, dass das Buch »Blitz aus heiterm Himmel« zu den Pionierprojekten feministischer DDR-Literatur gehört.« Quelle
Sehr lesenswert!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, 70er Jahre, Annemarie Auer, Aufbau Verlag, Christa Wolf, DDR, Die andere Bibliothek, Edith Anderson, Emanzipation, Erzählungen, Geschlechtertausch, Gotthold Gloger, Günter de Bryun, Karl-Hein Jacobs, Rolf Schneider, Sarah Kirsch