Elizabeth O’Connor
» Die Tage des Wals
| Autorin: | Elizabeth O'Connor |
| Titel: | Die Tage des Wals |
| Übersetzerin: | Astrid Finke |
| Ausgabe: | Blessing Verlag, 1. Auflage 2024 |
| Erstanden: | antiquarisch |

Der Roman »Tage des Wals« von Elizabeth O’ Connor hat mich sehr beeindruckt. Schon nach den ersten Seiten hatte ich den Eindruck, ich müsse Manod vor den Fremden warnen, die ihre sehr einsame Insel besuchen – Manods Heimat. Sie, Joan und Edward, kämen von der Universität für ein Forschungsprojekt, so ihre Vorstellung bei Manods Familie. Aber: »Sie hatten sich selbst zum Tee eingeladen«. Joan bittet um Milch und schmunzelt darüber, dass es nur Milchpulver ist. »Bei der Erheiterung in ihrer Stimme errötete ich. Ich wurde von Scham ergriffen. Am liebsten hätte ich die Dose unter den Tisch geworfen.« (S. 46). Sind die Forscher den Inselbewohnern wirklich überlegen? Wir werden sehen.
Wir befinden uns auf einer walisischen Insel »fünf Kilometer lang und eineinhalb Kilometer breit, mit einem Leuchtturm an der östlichen Spitze und einer dunklen Höhle im Wasser. Es gab zwölf Familien, den Pfarrer und den Polen Lukasz, der den Leuchtturm betrieb.« (S. 11).
Der Roman spiel Ende der 1930er Jahre, Manod lebt auf dieser einsamen Insel zusammen mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester LIinos, ihre Mutter ist gestorben, sie hat wohl Selbstmord begangen. »Ich wusste, dass die meisten Mädchen ihre Mutter fragten, was sie nach der Schule machen sollten, was sie mit Männern machen sollten, aber ich hatte keine Mutter, die ich fragen konnte.« (S. 25). Manods Leben ist eher eintönig, trostlos, sie würde gerne aufs Festland gehen, um zu studieren und Lehrerin zu werden, muss sich aber als Achtzehnjährige um ihre kleine Schwester und den Haushalt kümmern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie von den beiden Wissenschaftlern, Edward und Joan, zunächst beeindruckt ist. »Er trug einen gelben Krawattenschal wie ein Filmstar, den ich in einer Zeitung gesehen hatte.« (S. 50). Da die beiden Wissenschaftler schnell erkennen, dass Manod intelligent und gebildet ist, wird sie als Assistentin eingestellt, um das Wallisische zu übersetzen und das Leben auf der Insel zu erklären. Zunächst fühlt sich Manod sehr wohl in ihrer Rolle, auch weil Edward sie als begehrenswert empfindet. Diese sexuelle Beziehung spielt aber eher eine untergeordnete Rolle. Denn langsam erkennt Manod, was Edward und Joan wirklich als Ziel verfolgen. So betont Joan, dass sie das Meer liebe, es sei so romantisch und das Leben hier sei fantastisch, während Manod betont, dass das Meer wichtig sei für die Fischer, aber auch gefährlich. Eine Diskussion darüber findet nicht statt. »Ich antwortete nicht. So verliefen meine Gespräche mit Joan oft: Ich erzählte ihr etwas, dass sie nicht gewusst hatte, und sie widersprach.«(S. 130).

Langsam erkennt Manod, dass alles noch viel schlimmer ist, dass die beiden Wissenschaftler gar kein Interesse an den Lebensverhältnissen auf der Insel haben, sondern nur an ihre Publikation denken und damit an die eigene Karriere. Edward hat Fotos gemacht und beschriftet. »Ich las den Text auf der Rückseite. In Bleistift geschrieben: Eine Inselfamilie genießt ein Picknick. Niemand auf dem Bild war verwandt. Und wir aßen nie unter freiem Himmel. Eine Fotografie von Cadoc: Ein Junge von der Insel, der zum Schafbauern ausgebildet wird oder zum Walhai-Fischer. Cadocs Familie hielt Rinder. Von einem Walhai hatte ich noch nie gehört.« (S. 164).
Auch über die gestellten Fotos ist Manod entsetzt, Edward will fotografieren, wie die Fischer Hummer fangen und bittet einen Fischer, am Ufer der Steilküste ins Wasser zu steigen. Eine gefährliche Situation für den Fischer, aber Edward will nicht mit dem Boot unterwegs sein, weil die Kamera ja nass werden könnte. So kann Manod mit Fug und Recht sagen: »Die Insel, die du im Kopf hast. Ich glaube, die gibt es nicht.« (S. 183).
Gibt es noch eine Steigerung in dem Verhalten der Wissenschaftler? Dass Manod von Edward nicht mitgenommen wird aufs Festland konnte man erahnen. Aber eine Steigerung gibt es dennoch. Manod ist eine kleine Künstlerin, sie stickt und Edward möchte diese Stickereien gerne sehen und sie mitnehmen, um sie Joan zu zeigen. »Ich zeigte ihm diejenigen, auf die ich am stolzesten war: ein Weihnachtsessen, alle an einem langen Tisch sitzend. Ein großer Fisch auf einer Platte, in den ich kleine Perlen eingestickt hatte. Wasser mit weißen Bötchen.« (S. 141). Was geschieht wohl mit diesen Stickereien, wenn Edward und Joan fast still und heimlich aufs Festland zurück fahren?

Manod bleibt auf der Insel zurück, »mein Inneres war taub vor Kälte.« (S. 187).
Was hat mich an diesem Roman so beeindruckt? Elizabeth O’ Connor deutet mit ihrem Sprachstil nur an, sie sagt es nicht direkt, wenn sich die Wissenschaftler z. B. den Bewohnern gegenüber überlegen fühlen. So beschreibt sie die sozialen Unterschiede oder den Weg Manods zur Emanzipation, denn Manod hat ihre Träume und Hoffnungen nicht aufgegeben. Auch interessant ist der Perspektivwechsel, wenn aus der Sicht Manods erzählt wird und dann aus der Sicht Joans.
Elizabeth O’ Connor hat 2020 den renommierten The White Review Short Story Prize gewonnen. Vor uns liegt ihr Debütroman; die englische Originalfassung wurde von Michael schon hier rezensiert.

Zum Abschluss noch eine Frage: Warum lautet der Titel »Die Tage des Wals«? Antwort: Auf der Insel ist ein toter Wal gestrandet, und die Inselbewohner und besonders Manod werden genauso ausgenommen wie dieser tote Wal!
Sehr lesenswert!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
1930er Jahre, 2025 rezensiert, Ausbeutung, Blessing Verlag, Einsamkeit, Elizabeth O´Connor, Emanzipation, Wales