Hans Christian Andersen
» Eventyr og historier
| Autor: | Hans Christian Andersen (Dänemark, 1839-1846) |
| Titel: | Eventyr og historier |
| Ausgabe: | Hans Reitzels Forlag/Flensteds Forlag, 1985, dänische Originalfassung |
| Erstanden: | Antiquarisch in Dänemark |

Es war auf der dänischen Ostsee Insel Bornholm, auf einem »løppedmarked« in Nexø, dem Ort des anderen weltberühmten Dänen, Martin Andersen Nexø. Wo mir eine Händlerin diese zweibändige originalsprachliche Ausgabe von Andersens Märchen anbot. Die aber im Original »Abenteuer und Geschichten« (Eventyr og historier) heißen.
Märchen lese ich gerne, fremdsprachlich haben sie den großen Vorteil, dass sie eher einfach erzählt werden, also auch mit weniger Sprachkenntnissen gelesen und (halbwegs) verstanden werden können. Andersens Geschichten empfinde ich anders als die Gebrüder Grimm, viel härter und näher an der sozialen Realität, dem wirklichen Leben. Man denke nur an » Den lille Pige med Svovlstikkerne« (Das Mädchen mit den Zündhölzern), das eine Armut beschreibt, die in den Tod führt. Und natürlich liest man als Erwachsener, als alter Mensch, diese Märchen ganz anders als am Anfang seines Lebens.
In dieser zweibändigen Ausgabe mit ausgewählten Texten habe ich mir Band 2 zur Rezension ausgesucht, weil hier weniger bekannten Texte enthalten sind, mehr »eventyr« (Abenteuer) als Märchen. Genau 20 sind in Band 2, darunter das in Dänemark sehr populär gewordene »Elverhøj« (Elfenhügel). So bekannt wurde es durch die Vertonung von Friedrich Kuhlau zum Stück des ebenfalls dänischen Dramatikers Johan Ludvig Heiberg. Was laut Wiki als fünische Nationaldichtung gilt. Und was wiederum von Nordisk Film zu einem der besten Olsen Bande Filme geführt hat. In dem nach Egons Dirigat in »Die Olsen Bande sieht rot» sie exakt im Rhytmus der Musik einen mit reichlich Knalleffekten versehenen Coup durchführen. Der völlig verwirrte Dirigent hat sein Orchester noch nie so »knallig« gehört. Kein Wunder wenn Benny und Kjeld im Hintergrund mit Bohrhammer und Dynamit werkeln. Nahezu ein dänisches Sakrileg, was die Olsen Bande da begeht 🙂

Uups, schnell zurück zu H.C.Andersen und »Den flyvende Koffert«. Das schildert das kurze Vergnügen eines abgebrannten Kaufmannsohns mit einem fliegenden Koffer, der auch noch Wünsche erfüllt. Der Sohn, der fast eine Königstochter in der Türkei hätte heiraten können, nur fast, denn der Koffer brannte ab. So konnte er die Schöne nicht erreichen, denn sie lebte hoch in einem Turm.
In »Storkenen« erzählt Andersen wie die Störche fliegen lernen und warum alle Störche »Peter« heißen. Das Motiv des Märchens kommt aus Überlieferungen und Kinderreimen.
Beim »Metallsvinet« geht es um einen armen kleinen Jungen, der nicht das Handschuhmachen lernt, wohl aber das Zeichnen. Und das so gut, dass er damit weltberühmt wird. Alles mit der Hilfe des Metallschweins, das auf einem Platz in Florenz steht, auf dem der Junge arm und hungrig einschläft. Und im Traum die schönsten Reisen mit dem Schwein erlebt, was ihn aber auch zur Zeichenkunst führt. Das Motiv der Geschichte kommt aus einer Reise des Dichters nach Florenz 1833 – 34, mitsamt von Kindheitserinnerungen des Dichters.

»Venskabspagten«, also der »Freundschaftsbund«, erzählt vom Aufwachsen im Orient, Reisen auf den Spuren des Orakels von Delphi und einer engen Freundschaft zu Dritt. Der Dritte aber muss scheiden, da der Erzähler von der Frau Anastasia erwählt wird. Das Motiv stammt von einer Reise Andersens nach Smyrna 1841, wo er die in der Geschichte erzählten Schicksale hörte.
»En rose fra Homers grav« – hier wird von Homers Grab eine Rose gepflückt, gepresst und nach Hause (im Norden) genommen. Diese Rose blühte als Dank für den Gesang der Nachtigall. Die sich aber zu Tode sang; Aufopferung bis zum Tod ist öfter bei Andersen anzutreffen. Auch das Motiv dieser Erzählung stammt aus dem Orient.
In »Ole Lukøie« wird vom Troll Ole erzählt, der eine ganze Woche lang ein Kinderzimmer verzaubert und damit für schöne Kinderträume sorgt. Da gibt es Reisen in einem herrlichen Schiff, aber quer durch die Stadt. Oder der Besuch einer Mäusehochzeit, wenn der Troll den kleinen Hjalmar auf Fingerhutgröße herunter gezaubert hat. Wobei die Traumfiguren auch schon mal streiten. Und der Troll erzählt den Kindern viel Schönes aber manchmal auch Düsteres. Aber immer etwas zum Träumen! – Eine Geschichte, die am 20. Dezember 1842 das erste Mal gedruckt wurde. Der Name des Trolls, Ole Lukøje, soll laut Andersen an ein Wesen erinnern, bei dessen Ankunft die kleinen schläfrig werden.
»Rosenelfen« erzählt von einem kleinen Elf, der in den Blätter der Rosenblüte schläft. Bis er einmal nachts wach bleibt und damit alle Rosenblüten verschlossen vorfindet. Einzige Zuflucht ist die Rose eines Brautpaars, in die der kleine Elf flüchtet. Doch der Bräutigam wird vom Bruder der Braut gemordet. Aber der Elf erzählt davon den Blumen und Bienen. Was zum Tode des Mörders führt und die Braut stirbt auch noch. Ein nicht untypisch heftiges Märchen von H.C. Andersen, aber auch eine Nacherzählung von Bocaccios Decamerone, 4. Abend, 5. Erzählung. Der Hintergrund war für Andersen die Nachricht vom Tode des Malers August Pätzold in Griechenland 1838.

»Svinedrengen«, also Schweinehirte, ist ein verkleideter Prinz, der so von einer Prinzessin geküsst wird, nur um etwas Schmuck zu bekommen. Dazu spielt eine Spieldose »Ach Du lieber Augustin…«, was sogar auf Deutsch im dänischen Text steht. Doch ohne Verkleidung heißt es vom Prinzen zur Prinzessin, »als schmutzigen Hirten wolltest Du mich nicht, aber so bekommst Du mich nicht.« Eine moralische Geschichte, die so dem Autor erzählt wurde, als er noch klein war.
»Boghveden«, der Buchweizen, der nach einer alten Überlieferung nach einem Gewitter schwarz wird. Und das hat ein Spatz dem Autor erzählt. In »Engelen« wird erklärt, warum eine armselige, schmutzige Pflanze der Liebling eines kranken Kindes ist. Und daher von Gott geküsst wird. Das ist direkt von Andersen geschrieben. »Nattergalen« hat er 1844 nach der Begegnung mit Jenny Lind, genannt die »schwedische Nachtigall«, geschrieben. Lind war im 19. Jahhundert eine gefeierte Opernsängerin. Im Märchen rettet die echte Nachtigall dem Kaiser von China das Leben und sticht ganz klar dessen künstlichen Vogel aus.
In »Kæreste folkene« (Liebesleute) liegen ein Ball aus Saffian und ein Kreisel zusammen in einer Schublade. Ob man nicht zusammen Liebesleute werden könnte? Der andere ziert sich, darüber vergehen die Jahre – und die Liebe auch. 1843/44 veröffentlicht und wieder aus Andersens eigener Feder.
Vieles als Allegorien zu verstehen
Den »Grimme Æelling« erzählt von einem Küken, das sehr spät aus einem großen Ei zu seiner Entenmutter kam. Auf dem Hof stößt es auf Ablehnung: Es konnte keinen Buckel machen und auch nicht schnurren. Die Hühner beklagen, dass es nicht einmal Eier legen kann. Das Kleine kommt mühsam über den Winter, gesellt sich dort im Frühjahr zu einer Gruppe von Schwänen und entdeckt, dass es selber ein Schwan ist. Nun können Sie den Märchentitel selbst übersetzen und verstehen die Moral: »Det gør ikke noget at være født i Aandegaarden, naar man har kun ligget i et Svaneægg« (Was macht es schon, auf einem Entenhof aufzuwachsen, wenn man nur aus einem Schwanenei kommt?). Und schließlich ist das ehemalige Küken glücklich. so glücklich wie es geträumt hat, als es noch das häßliche Entlein war. Eine Geschichte, die Andersens bedrängte Kindheit und das spätere Glück mit Sommerferien auf dem Herrenhof widerspiegelt.

»Grantræet« ist eine Andersen typische Allegorie auf die Höhepunkte eines kurzen Lebens. Ein kleiner Tannenbaum, der wachsen will und sich danach sehnt, geschmückt zu werden. Es dann für die kurze Weihnachtszeit auch wird, aber dann auf den Dachboden weggestellt wird. Dort steht er lange und einsam und kann sich nur mit der Maus unterhalten. Der erzählt er vom Wald, vom Geschmücktwerden. Und die Weihnachtsgeschichten, die den Kindern unter dem geschmücktedn Baum präsentiert wurden. Er erinnert sich, erinnert sich und wird doch weg geräumt und verbrannt. Peng, peng machen die Äste im Feuer- und die Geschichte ist aus!
Die mit Abstand inhaltsreichste und komplexeste Geschichte dieses Bandes ist »Sneedronningen«, die Schneekönigin, aber in einer ganz anderen Version, als ich sie aus dem Russischen, Kanadischen oder Norwegischen kenne. Hier beginnt es mit Trollen, die einen großen Zerrspiegel bauen und ihn in den Himmel schleppen wollen. Er stürzt dabei ab, zerspringt in Millionen kleiner Splitter. Wer einen davon ins Auge bekommt, der sieht fortan alles verzerrt. Wer aber einen ins Herz bekommt, dem gefriert es zu Eis. So geschen bei den Spielgefährten Gerda und Kay. Der muss mit dem Schlitten der Sneedronningen mitfahren. Er sieht die Welt nur noch voller Eis und hat genau das auch im Herzen. Die kleine Gerda aber macht sich auf die Suche nach Kay. Am Meer, im Boot, im Zaubergarten einer alten Frau. Ihre Suche wird in sieben kleinen Geschichten erzählt, die jede auch als Abenteuer für sich stehen. Die Reise führt sie zu einer Prinzessin und ihrem Prinzen, von denen sie Stiefel, Wagen und ein Pferd bekommt. Die Raben könnten ihr viel erzählen, aber leider versteht das Mädchen kein »kragemål«, also keine Rabensprache. Sie trifft auch noch auf Räuber, aber dort hört ein kleines Mädchen ihre Geschichte. Von ihr bekommt sie ein Rentier, um zum Nordpol zu reisen, Und dort trifft sie Kay, während die Schneekönigin auf einem Abstecher in den Süden ist. Die Tränen der kleinen Gerda schmelzen Kays Herz aus Eis und den Splitter aus dem Auge. So steht dem Glück der beiden, die über diese Abenteuer erwachsen wurden, nichts mehr im Weg.

Ein kleines Mädchen, das mit ihrer Liebe eine große Macht hat. Und die Finsternis durch Liebe besiegt. Und ob der langen Suche nach Kay zur Frau reift. Eine Allegorie darauf, wie man erwachsen wird, wie es hilft, wenn einen die Liebe begleitet. Ein wirklich komplexes Märchen, das sehr viel über Menschen, Moral und Regeln sagt. Mit sehr viel Möglichkeiten zu Interpretationsansätzen.
»Hyldemor« ist die wunderschöne Lebensgeschichte eines alten Paares, das goldene Hochzeit hat und in Form eines Traums (für den kleinen Enkel) sein Leben in Erinnerungen vorbei ziehen lässt. Und dann gibt es noch »Stoppenaalen«, die Geschichte einer verrückten Nadel, die am Ende aber im Rinnstein landet. Etwas schwülstig fand ich »Klokken«, in der zwei Menschenkinder auf der Suche nach dem besten Glockenklang sind. Das ging mir so auch ein wenig bei »Bedstemor«, einer Ode an die Großmutter, die noch als Tote, mit Blumen bekränzt, sehr schmuck erscheint.
Eine in Dänemark sehr wichtige Geschichte ist der Elfenhügel, »Elverhøj« – wie schon am Anfang geschildert. Da wird gezeigt, wie man unter Elfen feiert. Ganz besonders, wenn Trold-Gubben aus dem Dovre Fjell in Norwegen mit feiert. Ein Hinweis auf die jahrelange enge Verbundenheit der skandinavischen Länder. Schließlich: Warum die Töchter vom Elverkongen nicht ganz ungefährlich sind …Eine Geschichte, die von dänischen Volkserzählungen beeinflusst ist, der Teil um die Söhne des Trold-Gubben jedoch vom dänischen Literaten Adolph Boye herkommt. Er war Zeitgenosse von Andersen. Eine Geschichte, die heute zum nationalen dänischen Kulturerbe zählt.
Sehr schön in dieser Ausgabe sind die Hinweise zur Historie der Abenteuer, wie weit es überlieferte Volksmärchen sind und wieweit Andersens eigenes Werk. Das dennoch manchesmal auf Überlieferungen aufbaut, alten Erzählungen oder Kinderreimen basiert. Mir gefällt Andersens Wechsel zwischen harter Realität, Zärtlichkeit, kindlicher Romantik und dem Glauben an die Magie. Ohne den die Welt viel ärmer wäre, wenn überhaupt lebenswert. Andersens Erzählungen machen deutlich, was hier für eine gewaltige Stimme der europäischen Kultur auftritt. Und wie wenig man den literarischen Einfluss des kleinen Lands Dänemark unterschätzen darf. Die dänischen Literaturnobelpreisträger Henrik Pontoppidan und Johannes V. Jensen belegen das und in diesem Blog werde ich weiter daran arbeiten, dies öffentlich zu machen.
Märchenhaft schön!
Nachträge: Passend zum 220. Geburtstag und 150. Todestag dieses großen dänischen Dichters erfolgt diese Rezension. In unseren Buchregalen liegen einige Ausgaben von Andersens Märchen. Darunter eine leicht zerlesene, etwa so alt wie meine Frau. Eine Ausgabe, die sie als Kind (zusammen mit ihrer Schwester) gelesen hat. Direkt aus Odsense, der Heimatstadt Andersens, kommt eine äußerst sorgfältige Neu-Ausgabe sieben seiner beliebtesten Märchen. Die sich schon rein sprachlich vom Üblichen deutlich unterscheidet. Und die ich von einer mit einem Dänen verheirateten Freundin meiner Mutter zum 11. Geburtstag geschenkt bekam. Märchen kann man sein ganzes Leben lang lesen!
Odense kennt ein eigenes Andersen-Quartier und hat seit 2021 ein neues Museum, das dem Dichter und seinem Werk gewidmet ist. Das Museum ist im Netz auf Dänisch, Deutsch und Englisch erreichbar.
2025 rezensiert, Elverhøj, H.C. Andersen, Norwegen, Odense, Trolle