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Chris­tiane Froh­mann
» Vier Wochen

Autorin:Chris­tiane Frohmann
Titel:Vier Wochen
Aus­gabe:mikro­text Ver­lag, Ber­lin 2025
Erstan­den:Kleine Ver­lage am Gro­ßen Wann­see (Ver­an­stal­tung Juli 2025

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Die Novelle von Chris­tiane Froh­mann »Vier Wochen« erschie­nen Anfang 2025 wird von einer Kri­ti­ke­rin im Klap­pen­text gelobt als die »Rück­kehr der Novelle«, eine wich­tige Aus­sage, denn auch das Cover wirbt mit »Novelle«. Was sind die Merk­male einer Novelle?

  1. Eine Erzäh­lung, in der ein Kon­flikt zwi­schen Chaos und Ord­nung beschrie­ben wird, was zu einem Nor­men­bruch führt.
  2. Sie ist klar struk­tu­riert und umfasst ein ein­zi­ges Ereignis.
  3. Als wesent­li­ches Merk­mal for­mu­liert Goe­the »eine sich ereig­nete uner­hörte Bege­ben­heit«. Diese Bege­ben­heit stellt den Wen­de­punkt der Hand­lung dar.

Ja, bei Chris­tiane Froh­mann geht es um einen Kon­flikt zwi­schen Chaos und Ord­nung. Denn die gut­si­tu­ierte Ber­li­ner Fami­lien mit Eigen­heim im Nor­den Ber­lins, will auf Wunsch des Vaters wie­der zusam­men­fin­den. Er schlägt einen gemein­sa­men Urlaub über vier Wochen in unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tio­nen in Ita­lien vor. Die Kin­der oder eher jun­gen Erwach­se­nen – 18- und 20jährig – stim­men zu. Wel­che Gruppe jetzt für Chaos und wel­che für Ord­nung steht, dürfte von vor­ne­her­ein klar sein. Wel­cher Nor­men­bruch hier statt­fin­den könnte, dürfte auch auf der Hand lie­gen. Das ist der Plot und inso­fern wird ein klar struk­tu­rier­tes Ereig­nis erzählt, das sicher als »uner­hört« bezeich­net wer­den kann, und das auch zu einem Wen­de­punkt führt, den ich aber hier nicht ver­ra­ten will. Die Merk­male einer Novelle tref­fen also durch­aus zu, aber reicht das aus, um eine Erzäh­lung zu empfehlen?

Es han­delt sich hier auch um eine auto­bio­gra­fi­sche Erzäh­lung, in der Natti, die Mut­ter, sich Gedan­ken dar­über macht, wie sie das alles geschafft hat. Der Erzähl­ton ist zum Teil wit­zig, harm­los manch­mal auch schwer­mü­tig. Sie macht sich Gedan­ken dar­über, dass von der Gesell­schaft signa­li­siert wird, »dass gute Müt­ter lebens­lang vor allem eines waren: Müt­ter. Nein, die­sen patri­ar­cha­li­schen Schuh zog sie sich nicht an.« (S. 17). Vorausdeutung?

»Ihre Kin­der und sehr viele andere junge Men­schen glaub­ten nur noch an die gute Zeit mit­ein­an­der und des­halb chill­ten sie. Sie chill­ten tag­ein, tag­aus, Woche um Woche, Jahr um Jahr, ewige Gegen­wart ohne Zukunft.« (S. 23). Konflikte?

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»La dolce vita würde koope­ra­tiv gespielt wer­den. Ihr fiel auf, dass sie schon fast ver­ges­sen hatte, Kin­der und Sor­gen um Kin­der zu haben. Manch­mal war alles ganz ein­fach. Ita­lien war die Kur.« (S. 55). Wirk­lich? | Quelle

Inter­es­sant an der Erzäh­lung ist die Dar­stel­lung der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik und sozia­ler Medien und damit der Hin­weis auf die Gefah­ren der digi­ta­len Welt. Denn die Fami­li­en­mit­glie­der reden kaum mit­ein­an­der, sind digi­tal mit­ein­an­der ver­bun­den, wer­den über­ein­an­der infor­miert, ob sie wol­len oder nicht. So benutzt der eine junge Mann das Smart­phone der Mut­ter, er hatte die App zwar gelöscht, aber nicht das Archiv mit den Inhal­ten. »End­lich konnte sie zeit­ver­zö­gert live mit dabei sein, wie sich ihr Sohn und sein Kum­pel beim Trans­fer vom Flug­ha­fen zur Insel eis­kalt kal­ku­liert in den Voll­rausch abschos­sen.« (S. 119). Will sie das wis­sen? Auch kom­mu­ni­ziert wird wenig, wenn dann über das Smart­phone, weil der eine Sohn im Kel­ler ist und der andere im 1. Stock. Familienleben?

Nach der Rück­kehr von Ita­lien schaut sie sich Fami­li­en­fo­tos an. »Sie seufzte, weil sie beim Anse­hen der Fotos erneut begriff, dass Karlo (der Vater) und sie das uner­hörte Ereig­nis, den Ver­trau­ens­bruch, den Unter­gang der klei­nen Welt, durch ihre gleich­zei­tig zu hohen und zu nied­ri­gen Erwar­tun­gen an Vic und Gio (die Söhne) selbst mit her­bei­ge­führt hat­ten.« (S. 127). Das war eigent­lich schon nach den ers­ten zwan­zig Sei­ten klar!

In der Nach­be­mer­kung betont die Autorin, dass sich in ihrer Novelle Spu­ren aus den 30 bekann­tes­ten deutsch­spra­chi­gen Novel­len befän­den. Das ist rich­tig. Die Autorin zitiert diese zwar nicht, son­dern benutzt ähn­li­che For­mu­lie­run­gen aus einer Novelle von Kleist, Fon­tane oder E.T.A. Hoff­mann. Inso­fern wer­den »viele Novel­len von Autoren ver­wurs­tet«. Quelle  Aber warum? Das kann doch nur ein/e Literaturwissenschaftler/in bemerken!

Ein Letz­tes: Dass Chris­tine Froh­mann sich mit die­ser Novelle »einen groß­ar­ti­gen femi­nis­ti­schen Scherz in Lite­ra­tur erlaubt« hat, so der Klap­pen­text, ist mir nicht klar. Nur weil die Erzäh­le­rin zum Schluss »Ciao« (S. 150) sagt oder weil end­lich mal eine Frau eine Novelle geschrie­ben hat? Keine Ahnung!

Weni­ger lesenswert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Chaos, Christiane Frohmann, Familie, Feminismus, Kinder, mikrotext Verlag, Novelle, Ordnung, unerhörte Begebenheit