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Elfi Con­rad
» Schnee­flo­cken wie Feuer

Autorin: Elfi Conrad
Titel:Schnee­flo­cken wie Feuer
Aus­gabe:mikro­text Ber­lin, 3. Auf­lage 2023
Erstan­den:anti­qua­risch
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Die Autorin auf dem Cover als Siebzehnjährige

»Ich war sieb­zehn, und ich war eine Frau.« (S. 7). So beginnt der Roman »Schnee­flo­cken wie Feuer« von Elfi Con­rad. Das lässt eini­ges erwar­ten im posi­ti­ven wie im nega­ti­ven Sinn. Der Plot ist schnell erzählt: Aus der Per­spek­tive der sieb­zehn­jäh­ri­gen Dora wird über ihr Leben in den frü­hen 60er Jah­ren in einer Klein­stadt im Harz berich­tet. Hier ist die Fami­lie 1944 gelan­det nach der Flucht aus Schle­sien. Füh­len sie sich wohl in die­sem klei­nen Nest? Nein, die Mut­ter urteilt sehr über­heb­lich über die­ses »Kaff« (S. 193), deren Bewoh­ner keine Bil­dung besä­ßen. Dora geht hier aufs Gym­na­sium und soll hier vor­be­rei­tet wer­den auf ihr künf­ti­ges Leben: Kinder/Küche/Kirche. Patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren wer­den akzep­tiert – nur von Dora nicht! »Er hatte keine Chance mir zu ent­kom­men.« (S. 9). Sie beginnt also eine Affäre mit ihrem Musik­leh­rer, sie ist die trei­bende Kraft. Sie lockt ihn in einen »Hin­ter­halt« (S. 51). Und wie die Affäre aus­geht, kann man sich vor­stel­len. Wich­tig ist zu wis­sen, dass es sich hier um einen auto­fik­tio­na­len Roman han­delt. Die heute acht­zig­jäh­rige Autorin Elfi Con­rad blickt auf ihr Leben in den 60er Jah­ren zurück, was aber Rea­li­tät oder Fik­tion ist, bleibt ihr überlassen.

Seit­dem Annie Ernaux 2022 den Lite­ra­tur­no­bel­preis erhal­ten hat, sind auto­fik­tio­nale Romane en vogue. Ist das gut oder schlecht? Mar­len Hobrack kommt zu fol­gen­dem Ergeb­nis: »Es ist heute die höchste Form der Kunst, das All­täg­li­che und Alt­be­kannte zu ver­ar­bei­ten – und was wäre all­täg­li­cher und dem Autor bes­ser bekannt als das eigene Ich? Also wird noch jede Bege­ben­heit, jedes noch so kleine, nich­tige Ereig­nis aus­ge­schlach­tet, lite­ra­risch insze­niert und mit den Wei­hen der Auto­fik­tio­na­li­tät ver­se­hen.« (S. 233). Hier nach­zu­le­sen.

Damit deute ich schon an, in wel­che Rich­tung meine Kri­tik geht. Ja, auch unsere Autorin ver­ar­bei­tet das All­täg­li­che der 60er Jahre. Wenn sie von der Schule erzählt, den Lehr­in­hal­ten, den Leh­re­rin­nen und Leh­rern und dem Ver­hal­ten der Schü­le­rin­nen und Schü­ler in den gro­ßen Pau­sen. Zur Schule sind wir alle gegan­gen und wenn heute schon etwas älter, kön­nen wir den Beschrei­bun­gen der Ich-Erzäh­le­rin Dora durch­aus zustim­men. Aber warum erzählt sie immer wie­der glei­che Gescheh­nisse und wie­der­holt sich damit ständig?

Auch auf Alt­be­kann­tes geht die Autorin ein, dass Frauen bis weit weit in die 70er Jahre hin­ein nicht die glei­chen Rechte hatte wie der Mann. Sei es ein eige­nes Konto zu eröff­nen oder den Ehe­mann fra­gen zu müs­sen, falls sie arbei­ten gehen wollte. Eine Ehe­frau musste ihrem Mann jeder­zeit sexu­ell zur Ver­fü­gung stehen.

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Mit der Beat­kul­tur schu­fen sich die Jugend­li­chen ihre eigene kul­tu­relle Welt und ent­zo­gen sich damit immer mehr der Kon­trolle durch ihre Eltern. (© Gün­ter Zint) | Quelle

Das wird im Roman immer wie­der dar­ge­legt. Auch hier frage ich mich, warum die Wie­der­ho­lun­gen? In Rezen­sio­nen wird betont, dass die Autorin » hier eine glän­zende Gesell­schafts­ana­lyse« lie­fere. Quelle Das sehe ich nicht so! Die Autorin streift mit ihren Aus­sa­gen vie­les, aber streift eben nur. So bleibt sie nur an der Ober­flä­che, wenn sie über die DDR, die Kir­che und deren Erzie­hung und die Strei­tig­kei­ten in der Ehe der Eltern berich­tet. Deut­lich kri­ti­siere ich ihre Dar­stel­lung des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Auch wenn in die­sem Zitat Iro­nie ver­bor­gen ist, finde ich die Beschrei­bung unpas­send: »Weil Hit­ler mit sei­nen Kum­pa­nen ver­bre­che­ri­sche Kriege geführt hatte, wurde meine Mut­ter schwan­ger, denn es gab nicht genug Prä­ser­va­tive. Weil der Krieg ver­lo­ren wurde, musste meine Mut­ter mit dem Baby flie­hen.« (S. 106).

Die Ich-Erzäh­le­rin macht sich Gedan­ken über die Schuld der Deut­schen am Natio­nal­so­zia­lis­mus und erwähnt in die­sem Zusam­men­hang ihre Mut­ter, »die ihren Ver­füh­rer anbe­tete« (S. 118). Erfolgt Kri­tik? Nein! Nur diese Aus­sage: »Die Schuld des deut­schen Vol­kes ist unteil­bar und doch waren es ein­zelne Men­schen, die mehr oder weni­ger Schuld auf sich gela­den haben.« (S. 118). Das ist mir zu schwam­mig, mit die­ser Argu­men­ta­tion kann sich jeder aus der Affäre zie­hen. Wich­ti­ger wäre es gewe­sen, die Nach­kriegs­zeit dahin­ge­hend deut­li­cher zu beschrei­ben, dass sich die Deut­schen kei­nes­wegs als Täter fühl­ten, son­dern als Opfer. Daher fühlt sich auch Doras Mut­ter als die von Hit­ler Ver­führte. Auch der Aus­sage, dass es ein »Per­pe­tuum Mobile der Kriege« (S. 200) gebe, kann ich nicht zustim­men, denn es ste­hen immer die Macht­in­ter­es­sen der Stär­ke­ren im Vor­der­grund. Und die rhe­to­ri­sche Frage in die­sem Zusam­men­hang: »Warum gibt es keine Pille gegen den Kriegs­füh­rungs­drang?« (S. 200) finde ich albern.

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Eine Gruppe Models in All­tags­klei­dung, August 1967. Foto von Evening Stan­dard / Hul­ton Archive / Getty Images | Quelle

Immer wie­der ver­gleicht die Autorin damals mit heute: Man wusste zu wenig über die Umwelt­ver­schmut­zung, über die Fol­gen des hohen Fleisch­kon­sums, igno­rierte den Medi­ka­men­ten­miss­brauch, die nicht vor­han­dene Gleich­be­rech­ti­gung und die Bücher von Astrid Lind­gren. Ist heute also alles besser?

Das ist mir zu ober­fläch­lich. Ebenso wenn Dora über ihren Deutsch­un­ter­richt nach­denkt und über­legt, ob Goe­the sein Gret­chen mit »Fräu­lein« anre­den darf. Natür­lich darf er das, das Zeit­ko­lo­rit muss berück­sich­tigt werden.

Blickt nun unsere Autorin nach knapp 60 Jah­ren kri­tisch zurück? Wenn ich lese, dass »sich trotz Vor­an­schrei­ten des Femi­nis­mus nichts ver­bes­sert« hat (S. 277), muss ich fest­stel­len, dass sie kei­nes­wegs kri­tisch zurück­blickt. »So wer­tet Dora ihr frü­he­res Ver­hal­ten nur ver­meint­lich kri­tisch. Sie schreibt ihr Frau­en­bild den gesell­schaft­li­chen Prä­gun­gen zu, ist sich des­sen bewusst, und fällt doch im Alter aber­mals ins Weib­chen­schema«. Quelle

Daher komme ich zu dem Ergeb­nis, dass uns hier kein femi­nis­ti­scher Roman vor­liegt und auch kein Roman, der mit den den Roma­nen von Annie Ernaux oder Simone de Beau­voir zu ver­glei­chen ist. Quelle

Zeit­ver­schwen­dung!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, 60er Jahre, autofiktional, Elfi Conrad, Erziehung, Kinder/Küche/Kirche, mikrotext, Missbrauch, Schule