
Brigitta M. Schulte
» Ruhrgemüse, polnisch
| Autorin: | Brigitta M. Schulte |
| Titel: | Ruhrgemüse, polnisch |
| Ausgabe: | STROUX edition, München 2025 |
| Erstanden: | Buchhandlung Thaer, Berlin Friedenau |

Wenn man nach einem Rezept für »Ruhrgemüse« sucht, wird man nicht fündig. Aber man findet einen Hinweis auf den Roman von Birgitta M. Schulte »Ruhrgemüse«. Wenn man nach dem Begriff »Ruhrpolen« sucht, wird man allerdings fündig und findet die Erklärung, dass es sich um Menschen polnischer Abstammung handelt, die im 19. Jahrhundert aus den preußischen Ostgebieten ins Ruhrgebiet migrierten. Hier ließen sie sich nieder, im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurden Arbeitskräfte gebraucht. Was hat der eine Begriff jetzt mit dem anderen zu tun? In ihrem Debütroman »Ruhrgemüse« berichtet die Autorin genau über dieses historische Ereignis, das vielen unbekannt ist. Denn freundlich aufgenommen wurden die Polen nicht. Vielleicht kann man den Titel als Metapher begreifen? Menschen unterschiedlicher Herkunft werden wie Gemüsesorten in einen Topf geworfen, aber ob alles (geschmacklich) zusammenpasst, ist unklar? Das wird sich noch herausstellen.
Bei dem vorliegenden Roman handelt es sich um eine Familiengeschichte. Dass auch die Autorin polnische Wurzeln hat, hat sie erst spät erfahren, denn ihr Vater verleugnete seine polnische Herkunft. Als Hochschulabsolvent wollte er sich einen »Neuentwurf der eigenen Identität« (S. 180) eröffnen und damit die Arbeiterklasse seiner Eltern verlassen. Aber: Kann man seine Kultur einfach hinter sich lassen? Ich zitiere die Literatur- und Kulturkritikerin Marlen Hobracht: »Herkunft klebt wie Scheiße am Schuh … Herkunft ist kein Ort, an dem wir wurzeln, sondern eine Art Reisegepäck.« hier nachzulesen https://mittelhaus.com/2024/02/24/marlen-hobrack-klassenbeste/
So hat die Autorin Birgitta M. Schulte Phänomene gefunden, »die das pendelnde Gefühl zwischen Herkunfts- und Ankunftsmilieu, Auflehnung aus Aufruhr erzeugen, bis in die vierte, meine eigene Generation hinein.« (S. 180).
Wovon erzählt nun die Autorin? Sie zeigt uns, wie die sog. »Ruhrpolen« das Ruhrgebiet wirtschaftlich und kulturell prägten. Wie sie eine eigene kulturelle und soziale Identität entwickelten, gekennzeichnet durch ihre Sprache, die meist katholische Religion und ihre Traditionen. Aber die Autorin zeigt uns auch, dass das Zusammenleben zwischen der einheimischen Bevölkerung und den »Ruhrpolen« nicht immer einfach war. Es gab kulturelle Unterschiede, sprachliche Barrieren, Ausgrenzungen, Verspottungen, Mobbing und damit Diskriminierung.

Die Koszynskis kommen aus den preußischen Ostgebieten Ende des 19. Jahrhunderts nach Dortmund, sprechen besser polnisch als deutsch, gelten aber als Deutsche, da zu Preußen gehörig.
Adam Koszynski findet Arbeit in der »Maschinenfabrik Deutschland« hat einen Arbeitsunfall und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Hier wir er begrüßt mit: »Na, Polak!« (S. 14). Sein verletztes Auge ist nicht mehr zu retten, aber er kann zurück in die Fabrik, in der sich während seiner Krankheit nichts geändert hat. Die Arbeiter werden zwar darauf hingewiesen, Unfälle zu vermeiden, aber »die Betriebsleitung schob die Verantwortung auf die Arbeiter ab. Sie sollten ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf das Werkstück lenken, sondern gleichzeitig auf ihren Körper aufpassen. Dabei waren es die Maschinen, die nicht sicher waren. Oder die Arbeit war von Menschen gar nicht zu schaffen, Eisenstücke zu lang, zu schwer, giftige Gase in der Luft, so viel Staub, das man nicht atmen konnte.« (S. 27). Dagegen will Adam kämpfen als Sozialdemokrat und Gewerkschafter, denn: »Nur gemeinsam sind wir stark.« (S. 19). Sogar innerhalb der SPD gibt es Diskriminierung: »Polen raus aus der SPD!« (S. 115). Er agitiert die Arbeiter in der Fabrik und wird verraten. Ihm wird gekündigt, weil er sich politisch betätigt. Jetzt muss seine Frau Zuzanna für den Lebensunterhalt der Familie mit inzwischen mehreren Kindern sorgen. Von der politischen Haltung Adams wird sie zum Teil angesteckt, geht zur Kundgebung mit Rosa Luxemburg am 1. Mai, und Zuzanna stellt fest, dass im Gewerkschaftshaus ähnlich argumentiert wird. »Für die in der Hausindustrie oder in der Fabrik tätige Frau ist der Arbeitstag nicht zu Ende, wenn sie die Berufsarbeit erledigt hat. Sie hat ja in den allermeisten Fällen noch eine Familie zu versorgen, sie muss kochen, waschen, plätten, scheuern … « (S. 126). Zuzanna denkt darüber nach und kommt zu dem Ergebnis: »So war es, die hatten recht.« (S. 126). Gleichzeitig ist sie sehr religiös und besucht die Gottesdienste, aber die Haltung der Nachbarin Iwona, dass man in die Rosenkranzbruderschaft eintreten sollte, »deren Fahne der Heiligen Barbara geweiht war« (S. 49), lehnt Zuzanna ab. Iwona ist ihr zu nationalistisch, wenn sie betont, »nur so konnten sie alle beweisen, dass sie richtige Polen waren.« (S. 49). Diskriminierung findet auch in der Schule statt, wenn die Lehrerin Zuzanna auffordert, mit ihren Kindern nicht mehr polnisch zu sprechen. »Da war es wieder, dieses Ihr-gehört-nicht-dazu, Passt-euch-gefälligst-an.« (S. 94).

Es handelt sich hier um einen sehr politischen Roman, denn es geht um die Entwicklung der Sozialdemokratie, den 1. Weltkrieg, die Novemberrevolution, den Kapp-Putsch, die Ruhrbesetzung und das Stinnes-Legien Abkommen, mit dem die SPD wieder »Ruhe und Ordnung« (S. 150) herstellen wollte, um eine Revolution zu verhindern.
Die Lebensbedingungen der Familie Koszynski, die sich inzwischen eingedeutscht Kossdorfer nennt, werden immer prekärer. Inzwischen sind acht Kinder zu ernähren und die Wohnung ist kaum größer geworden. Die politischen Auseinandersetzungen werden immer heftiger, nachdem die Kinder älter geworden sind und eine eigene Einstellung haben. Interessant ist die Auseinandersetzung innerhalb der Familie über die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914. Adam ist dagegen, dass das Militär aufgerüstet wird, er will keinen Krieg. »War nicht der Kern der Socialdemokratie internationale Solidarität und Völkerverbrüderung?« (S. 138). Für seinen Schwiegersohn ist das pure Gefühlsduselei. »Pazifismus – nichts als eine Stimmung.« (S. 138). Befinden wir uns im Jahr 1914 oder 2025? Für mich interessant diese Parallele! Kurz wieder zurück zu Adam und Zuzanna: Letztlich haben die beiden ihr Leben gemeistert, aber auch Adam hätte seiner Frau gestanden: »Das pendelnde Gefühl, dieses Aufgespanntsein zwischen zwei Enden und dazwischen hin- und herzuschwanken, dieses Gefühl hatte auch für ihn nie aufgehört.« (S. 175).
Birgitta M. Schulte hat einen Familien- und Arbeiteroman geschrieben, der mit historischen Fakten beeindruckt, vor allem bezogen auf Dortmund. Aber diesen Roman als Gegenentwurf zu den »Buddenbrooks« zu sehen, halte ich für gewagt. Quelle https://birgit-boellinger.com/2025/05/12/ruhrgemuese/
Eine rhetorische Frage zum Abschluss: Was haben die »Ruhrpolen« mit Borussia Dortmund zu tun?
Die Antwort findet sich im Roman!
Interessant zu lesen!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, Arbeiterbewegung, Ausgrenzung, Brigitta M. Schulte, Ende 19. Jahrhundert /Beginn des 20. Jahrhunderts, Familienroman, Identität, Ruhrgebiet, Ruhrpolen, STROUX edition
