
Sarah Kirsch / Irmtraud Morgner / Christa Wolf
» Geschlechtertausch
| Autorinnen: | Sarah Kirsch, Irmtraud Morgner, Christa Wolf |
| Titel: | Geschlechtertausch |
| Ausgabe: | Luchterhand Verlag, 1. Auflage 1980 |
| Erstanden: | antiquarisch |

Drei Geschichten über den Geschlechtertausch und die Umwandlung der Verhältnisse.
Heute möchte ich dieses Buch vorstellen und in einen größeren Rahmen einbinden, nämlich in eine Diskussionsrunde in der Lila Villa: Leben_Lieben_Utopien. Irmtraud Morgner & wir. Tafelrunde zu Irmtraud Morgner, stattgefunden am 14. November 2025 in Chemnitz.
Wie ist das weibliche Selbstverständnis entstanden? Über Jahrtausende wurde es geprägt durch die männliche Vorstellung von Weiblichkeit. Um Zukunftsvisionen in ihrem Sinne entwickeln zu können, müssen die Frauen einen guten Unterbau entwickeln. Sie müssen Selbstwertgefühl entwickelt und sich nicht als Spiegelbild männlicher Wünsche wahrnehmen. Es ist notwendig sich mit patriarchalischer Geschichte auseinanderzusetzen. Und das machen in diesem Buch, erschienen 1980, Sarah Kirsch, Christa Wolf und ganz besonders Irmtraud Morgner.
Alle drei Protagonistinnen schlüpfen in die Männerrolle und betrachten die Welt aus männlicher Perspektive mit all ihren Vorteilen. Bei Sarah Kirsch verwandelt sich Katharina in einen Mann, ist zunächst verunsichert, weigert sich aber als Mann die weibliche Gestalt wieder anzunehmen.
Bei Christa Wolf ist die Protagonistin beruflich als Wissenschaftlerin sehr erfolgreich, aber privat nicht glücklich. Sie lässt sich auf das Experiment der Geschlechtsumwandlung ein, will aber wieder zur Frau werden. Die Erfahrungen, die sie macht, führen dazu, dass sie jetzt ihr autonomes Selbst neu erschaffen kann.
Jetzt zu Irmtraud Morgner, die in diesem Zusammenhang die wichtigste ist. Wir lernen die Ernährungswissenschaftlerin Valeska aus der »Guten Botschaft« kennen. Mit Rudolf in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, passt nicht in ihre Pläne. Denn eine Beziehung kann nicht funktionieren, wenn die Frau die patriarchalischen Zustände verachtet, der Mann aber »Hausfrauen gewohnt« ist. Das löst bei Valeska eine Identitätskrise aus, und die Situation eskaliert, als sie sich in einen Mann verwandelt. Sie flieht nach Moskau. Hier erkennt sie, dass körperliche Unterschiede zwischen Mann und Frau unwichtig sind, verglichen mit den kulturellen. Sie sieht die Zukunft der Menschheit in Frauenhänden. Valeska muss sich nicht festlegen, je nach Bedürfnis ist sie ein Mann oder eine Frau. Hier zeichnet Irmtraud Morgner eine konkrete Utopie, die Menschwerdung aller.

Alle drei Geschichten zeigen eine fundamentale Kritik an der Unterdrückung der Frau und dem patriarchalischen Herrschaftssystem.
Während der Diskussion am 14. November über dieses Thema unter der Leitung von Prof. Ulrike Brummert haben wir überlegt, ob diese drei Autorinnen ein ähnlich enges Verhältnis hatten wie Brigitte Reimann, Christa Wolf und Maxie Wander. Das ist nicht nachzuweisen, die Geschlechtertauschgeschichten sind Anfang der 70er Jahre entstanden nach Aufforderung von Edith Anderson und 1975 in der DDR in »Blitz aus heiterm Himmel« veröffentlicht. Hier nachzulesen. Der Text von Irmtraud Morgner wurde jedoch nicht veröffentlicht, weil sie sich weigerte einen Satz zu streichen. Ihre Erzählung wurde eingefügt in ihren Roman »Das Leben und Abenteuer der Trobadora Beatrix nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« (1974).
Und jetzt zu unserer Tafelrunde in Chemnitz, die Irmtraud Morgner in ihrem Roman »Amanda« so einleitet: »Die Philosophen haben die Welt bisher nur männlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie auch weiblich zu interpretieren, um sie menschlich verändern zu können«. Ausgehend von diesem Zitat wurde über den Zustand der Welt diskutiert: Lage im Sudan, Nahostkonflikt, Ukraine Krieg, Flüchtlinge, usw. Vielleicht liegt der Zustand der Welt auch daran, dass in der Mehrzahl Männer die Regierungen führen. Sicher nicht auszuschließen. Aber auch die Aussage der Vereinten Nationen, dass die Wahrscheinlichkeit einen Konflikt zu befrieden um 35 Prozent ansteigt, wenn Frauen an dessen Lösung beteiligt sind, muss kritisch hinterfragt werden. Sind Frauen friedlicher? Über die feministische Außenpolitik hier nachzulesen.
Über die »Gute Botschaft« der Valeska wurde ausführlich diskutiert, die Geschlechtertauschgeschichte, in der es um menschliche Beziehungen geht. Voraussetzung dafür ist, wie Morgner formuliert, die »Menschwerdung der Frau«. Morgner geht es nicht darum, den idealen Mann zu finden. Was ist das überhaupt? Sondern sie spricht von der Utopie der menschlichen Beziehungen. Und dazu gehört auch ihre Aussage: »Eine Frau mit Charakter kann heute nur Sozialistin sein«. In diesem Zusammenhang wurde das ungeheure Wissen Irmtraud Morgners hervorgehoben. Ihre Idee auf die Trobadora Beatriz de Dia zurückzugreifen, war sehr ungewöhnlich, da diese historische Figur kaum in Deutschland bekannt war. Irmtraud Morgner braucht aber diese Figur für eine wesentliche Aussage: »Frauen haben ein schwach entwickeltes Geschichtsbewusstsein, weil sie wesentlich noch nicht in die Geschichte eingetreten sind. Um als Menschen zu leben, das heißt in die Historie einzutreten, müssen sie aus der Historie austreten: sich Natur aneignen. Zuerst ihre eigene«.

Abschließend wurde diskutiert, warum Irmtraud Morgner gerade im Westen so viel gelesen wurde? Vielleicht liegt es daran, dass die Autorinnen aus dem Westen wie Verena Stefan und Karin Struck sich eher auf die Innensicht der Protagonistinnen beschränkt haben und damit die politische Variante außer Acht ließen?
Abschließend ein letzter Gedanke zitiert nach Irmtraud Morgner: »Die Gefahr einer Selbstvernichtung der Menschheit durch Kriege läßt mir jedes friedenserpresserische Mittel als recht erscheinen«. Quelle Irmtraud Morgner, Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura, Aufbau Verlag Berlin 1974
Irmtraud Morgner lesen und mitdiskutieren!

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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, Christa Wolf, Geschlechtertausch, Gleichberechtigung, Irmtraud Morgner, Lila Villa, Luchterhand Verlag, Sarah Kirsch, Tafelrunde
