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Zaertliche-Augenblicke-Cover

Kjer­sti Ann­finn­sen
» Letzte zärt­li­che Augenblicke

Autor:Kjer­sti Ann­finn­sen (Nor­we­gen, 2019/2021)
Titel:Letzte zärt­li­che Augenblicke
Aus­gabe:Sep­time, 2025
Über­set­zung:Sabine Rich­ter
Erstan­den:Pan­ke­buch in Berlin-Pankow

Zaertliche-Augenblicke-Cover Schreck­lich ehrlich.

Sel­ten habe ich ein Buch gele­sen, das so hart, so offen mit den Zumu­tun­gen des Alterns, mit dem Abbau von Fähig­kei­ten, mit dem Pro­zess des Alterns umgeht. Die Prot­ago­nis­tin ist eine alternde ehe­ma­lige Herz­chir­ur­gin, einst sogar berühmt. Die sich gut daran erin­nert, wie schwer es war, sich gegen männ­li­che Kon­kur­ren­ten durch­zu­set­zen. Gegen Tratsch, Klatsch und Miss­gunst, was erst ver­stummte, wenn man sie ope­rie­ren sah.

»Gud­run ist tot. Meine beste Freun­din wäh­rend der Kind­heit und Jugend … ver­kün­det mir meine Schwes­ter, die immer noch am Leben ist – ganz offen­sicht­lich.« So setzt die Autorin Kjers­tin Ann­finn­sen gleich zu Beginn den Klang ihres Buchs. Wei­ter: »… ertappe ich mich bei dem Gedan­ken, ob es nicht doch noch eine lebende Seele gibt, der ich … eine Weih­nachts­karte schi­cken könnte. Ihr Adress­buch ist sowieso immer lee­rer gewor­den. Und bei der Ein­la­dung eines New Yor­ker Hos­pi­tals (wo sie lange gear­bei­tet hat) denkt sie: »Wahr­schein­lich … wol­len die nur sehen, wie alt ich in der Zwi­schen­zeit gewor­den bin«. Schließ­lich braucht sie allein zum Schmin­ken 2 Stun­den, kein Wun­der, dass sie lie­ber zu Hause bleibt. Sie lebt in einer klei­nen Straße in Paris, die eher lang­wei­lig ist: »Die Rue des Ter­mo­pyles bleibt meis­tens genauso unbe­rührt wie mein Unterleib.«

Mit ihrer ent­fernt leben­den Schwes­ter ist sie in einer Hass­liebe ver­bun­den, sie kom­mu­ni­zie­ren per Video­kon­fe­renz. Die sie auf­zeich­net, sie nach dem Tod der Schwes­ter abzu­spie­len wird, ihr gera­dezu zum Lebens­fa­den. Die Anre­gun­gen ihrer Schwes­ter für mehr Gesel­lig­keit lehnt sie ab, »… zum Zahn­arzt zu gehen, deckt meine sozia­len Bedürf­nisse.« Dar­über hin­aus pol­tert sie:»Wir hät­ten schon längst den Gna­den­schuss verdient.«

Mit ihrem noch älte­ren Freund Javier unter­hält sie zunächst eine Fern­be­zie­hung per Mail, sie zwei­felt manch­mal, ob all das, seine Rei­sen, Ent­würfe, Teil­nahme an Wett­be­wer­ben echt ist, oder alles nur Fantasie.

Neue Bekannte oder Freunde sind so eine Sache im Alter: »Was bringt’s, neue Freund­schaf­ten zu schlie­ßen, wenn die ande­ren Leute ster­ben, bevor wir uns mit­ein­an­der bekannt machen konnten?«

Ein Stütz­punkt in ihrem Leben ist der Restau­rant­be­sit­zer Colin, wo sie regel­mä­ßig essen geht. Das Restau­rant wird ein Fix­punkt in ihrem Leben, aber auch das endet mit dem Tod von Colin. Pas­sen­der­weise zieht an sei­ner Stelle ein Beer­di­gungs­in­sti­tut ein. Gera­dezu zum Ver­trau­ten wird der que­ere Fri­seur Michel, auch weil ihr dün­nes Rest­haar sie zu Perü­cken zwingt. Was sie auch ihrer Schwes­ter in einer Video­kon­fe­renz empfiehlt.

Sie erin­nert sich:?»Der erste tote Mensch, den ich gefun­den habe, war mein Vater; er sah aus, als wäre er ein­ge­schla­fen und hatte sich sei­nen Töch­tern immer mehr ent­frem­det. Dafür wird die Welt immer blö­der, beson­ders wenn »min­der­ber­mit­telte Leute ihre Unkennt­nis zur Schau stel­len dür­fen « – im Fern­se­hen. Für sie ver­blö­det die Welt immer mehr. Und jedes Mal, wenn sie in den Spie­gel schaut, fehlt etwas. »Ich weiß ganz genau, was da fehlt: Mir fehlt eine Zukunft.«

Kjersti
Foto der Autorin, der Zei­tung iTromsø ent­nom­men. anläss­lich ihrer Nomi­nie­rung zum EU Lite­ra­tur­preis in 2022. | Foto: Knut Åse­rud | Quelle

Und sie ver­sucht nicht an die Menge der Dinge zu den­ken, die sie nicht mehr kann: Radeln, Auto fah­ren, segeln, Rad schla­gen, ope­rie­ren, tan­zen, lesen … Auf ein Tref­fen mit ihrer jun­gen Nichte berei­tet sie sich stun­den­lang vor, Ver­ab­re­dung, Fri­seur, Schmin­ken, Gar­de­robe aus­wah­len. Und der feste Vor­satz: »Ich darf um kei­nen Preis über mei­nen weni­ger und weni­ger funk­tio­nie­ren­den Kör­per reden. Nie­mand will sich so etwas län­gere Zeit anhö­ren.« Aber alle Vor­be­rei­tung war umsonst, kurz­fris­tig kommt die schnöde digi­tale Absage.

Sie reflek­tiert viel aus ihrem lan­gen Leben, z.B. wenn der Ope­rierte wie­der auf­wachte, »und ich ihnen sagte, dass ihr Leben wei­ter­ginge. Das war eine groß­ar­tige Zeit.« Geschenke zu Weih­nach­ten und Geburts­ta­gen will sie nicht mehr, auf die, die trotz­dem kom­men, reagiert sie sar­kas­tisch: »… wie eine Art Rauch­si­gnal … um zu sagen, dass sie sich immer noch an mich erinnern.«

In ihrer Zeit als Chir­ur­gin hat sie ihre Fami­lie weit­ge­hend igno­riert, meist allein gelebt. Was dort pas­siert, lässt sie kalt. »Außer­dem lie­ßen sich die meis­ten nach eini­ger Zeit – und nach­dem die Hunde gestor­ben waren – wie­der scheiden.«

Gro­ßer Streit bricht nach einem Unfall ihrer Mut­ter aus, sie plä­diert dafür, sie in Ruhe ster­ben zu las­sen und fin­det die von ihrer Schwes­ter prä­fe­rierte Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen bes­tia­lisch. 12 Jahre haben sie dar­auf­hin nicht mehr mit­ein­an­der gespro­chen. Den­noch ist die Schwes­ter ihr gro­ßer Trost nach dem Tod der Mut­ter, sie kommt sogar für einige Zeit bei ihr unter. Und wird – als große Schwes­ter – umsorgt. Es ist das ein­zige Mal in ihrem Leben, dass sie sich ihr öff­net. Was sie danach nie wie­der wagt. Auch nicht als die Schwes­ter erkrankt.

Vor einem per­sön­li­chen Tref­fen mit ihrem Lieb­ha­ber Javier hat sie Angst, sie meint, sie rie­che schlecht, sie zit­tere zu viel, ihr Gang sei unsi­cher. Dabei war sie frü­her ein­mal schön, hat viel geflir­tet, aber ».… jetzt lebt kaum noch jemand, der auch noch meine jün­gere Ver­sion kennt.«

Alt wer­den bringt auch Stürze mit sich, bewe­gungs­los wer­den, Immo­bi­li­tät und Hilf­lo­sig­keit erlei­den. Gut, dass es Ver­traute wie den Fri­seur gibt, der auch Schlüs­sel zu ihrer Woh­nung hat, kommt und ihr hilft.

Auf­wen­dig die Vor­be­rei­tung als es end­lich zum rea­len Tref­fen mit ihrer Inter­net­be­kan­nachaft Javier kommt, der sich als ech­ter Gen­tle­man erweist. Es beginnt zu knis­tern zwi­schen den bei­den Alten. »Wie anstren­gend ist es doch, einen sehr alten Men­schen zum ers­ten Mal zu tref­fen.« Die Umstände ihrer Begeg­nung, ihre Gefühle, ihre vor­sich­tige Kom­mu­ni­ka­tion sind bewe­gend schön dargestellt.

Sie jubelt, dass sie einen Freund hat, ihre Kon­di­tion wächst, sie gehen wöchent­lich Händ­chen hal­tend spa­zie­ren, sie wird unter­neh­mens­lus­tig. Und sie haben ein­mal im Monat Sex mit­ein­an­der. »mehr um der Inti­mi­tät wil­len«, ohne Orgas­mus. »Es ist so schwie­rig, sich an einen ande­ren Men­schen zu gewöh­nen, wenn man erst ein­mal ein gewis­ses Alter erreicht hat.«

Die welt­weite Zer­stö­rung der Umwelt bewegt sie sehr, die wach­sende Zahl der Kata­stro­phen. »Damit man wegen die­ser Hoff­nungs­lo­sig­keit nicht ganz ver­rückt wird, schützt man sich mit einem Fil­ter, der zwi­schen das Elend der Welt und uns selbst gescho­ben wird und uns abstumpft.« Und so sagt sie sich ange­sichts der uner­war­te­ten Beer­di­gung ihres Freun­des, dem Restau­rant­be­sit­zer Colin: »… und der größte Irr­tum, dem die meis­ten auf­sit­zen, ist anzu­neh­men, dass wir in der Zukunft als Art über­haupt noch exis­tie­ren wer­den. Das erscheint immer unwahrscheinlicher.«

Der Pro­zess ihrer Ver­ein­sa­mung setzt sich fort, als ihre Schwes­ter stirbt, die Trau­er­feier in Nor­we­gen kann sie in ihrer Pari­ser Woh­nung nur online ver­fol­gen, die Reise wäre zu auf­wen­dig. Und sie stellt sich Enkel, kleine Kin­der auf der Abschieds­feier vor: »… unschul­dige Gesich­ter, stelle ich mir so vor. Die glau­ben noch, die Zeit währt ewig.«

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Kjer­sti Annfinsen bei einer Lesung ihrer Lyrik
Gemein­sam mit dem Kve­nen Pet­ter Tara­an­ger tritt sie in einem Musik-Lyrik Duo auf | Quelle | Foto: Pål Vegard Eriksen

Eine Ein­la­dung an ihren ehe­ma­li­gen Arbeits­platz, einem renom­mier­ten Hos­pi­tal in New York, zur Ein­wei­hung einer Büste von ihr, lehnt sie ab. »Ich ant­worte, dass ich nicht mehr reise. Ich werde Paris nie mehr ver­las­sen. Für alles gibt es ein letz­tes Mal.«

Spä­ter gibt es angst­volle Momente, wenn Javier sie in ihrer nun gemein­sa­men Woh­nung nicht hört, nicht auf­find­bar ist, angst­volle Momente des Irrens. Das Glück des bei­ein­an­der sit­zen kön­nens, sich zu berüh­ren. Eine Ein­la­dung zu einer Ehrung des Osloer Riks­hos­pi­tal nimmt sie auf Drän­gen Javiers an, aber spä­ter trauen sie sich kaum, das Hotel­zim­mer zu ver­las­sen, kalt und Glatt­eis drau­ßen, sie sind über­rascht, wie sehr das Alter sie im Griff hat. Ihr Sehen wird schlech­ter, »werde ich es noch erle­ben, völ­lig zu erblinden?«

Die Ein­sam­keit im Alter ist scheuß­lich, man ver­liert sich selbst, heißt es. Und wie sie kämp­fen musste, sich als Herz­chir­ur­gin gegen männ­li­che Kon­kur­renz durchzusetzen.

Ein Tref­fen in Paris mit ihrer Groß­nichte schei­tert an Kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­fä­hig­keit. Die Groß­nichte hält ihr nur das Handy vors Gesicht: »Schau mal! Schau mal! Schau mal!« Und man ist sich – im Stil­len – einig, sol­che Tref­fen nie zu wiederholen.

Auch ihre Zwei­sam­keit mit Javier geht zu Ende. Der nimmt Abschied, in dem er ihr einen Zet­tel hin­legt, dass er eine bestimmte Kir­che in Island sehen wolle; zuvor hat er alle seine Modelle ver­brannt. Er wird – ver­wirrt – im Süden auf­ge­grif­fen, von sei­nen Kin­dern in ein Heim gesteckt, sie wird nicht gefragt. Wenn sie ihn im Heim besucht, ist er oft ver­wirrt, erkennt sie nicht. So geht wie­der ein Teil der Per­sön­lich­keit, von Javier und von ihr. Es endet ergrei­fend auf der Pal­lia­tiv­sta­tion. »Und dann schläft er hun­dert­tau­send Jahre lang?« fragt der Uren­kel und bekommt zur Erin­ne­rung eine Zeich­nung vom Uropa.

Sie selbst wird immer mehr von einer gro­ßen Müdig­keit erfüllt, »in mei­nem frü­he­ren Leben konnte ich meine Müdig­keit durch Aus­ru­hen wie­der wett machen, doch ab einem gewis­sen Zeit­punkt und fast unmerk­lich funk­tio­nierte das nicht mehr.« Noch mehr Müdig­keit, mehr Ver­wir­rung, Streit mit den letz­ten Men­schen in ihrer Nähe, Stürze im Bad, Kno­chen­brü­che, Kran­ken­haus, Reha, Pflege, die trau­rige Rou­tine am Ende eines Lebens. Durch­bro­chen nur durch die Für­sorge des Fri­seurs Michel. »Ich medi­tiere etwas über das Leben … Solange ich meine Con­ten­ance bewahre, wird mein Tod kein Schei­tern bedeuten.«

Ein fan­tas­ti­sches Buch vom Ende des Lebens eines Men­schen, gna­den­los direkt geschrie­ben. Umso berüh­ren­der die (letz­ten) zärt­li­chen Augen­bli­cke, die mit dem noch älte­ren, einst bekann­ten Archi­tek­ten Javier erlebt wer­den. Bis zu dem von Demenz und kör­per­li­chem Ver­fall gepräg­ten Ende die­ser Leben.

Ein trau­ri­ges Buch? Auch, aber ein ehr­li­ches Buch, nicht ver­lo­gen, nicht geglät­tet, frech wie das Leben selbst. Ein Text der nicht ver­gisst, wie trau­rig es um unsere (Um-)Welt bestellt ist, um unsere Unkultur.

Für mich ver­blüf­fend: Die Autorin ist Zahn­ärz­tin. Ein Mensch, den ich eher als »Zahn­klemp­ner«, denn als emp­find­sa­men Autor ein­ge­schätzt hätte; eigene Vor­ur­teile! K. Anfinn­sen geht sehr offen mit dem Ent­ste­hen des Buchs um, auch mit Anre­gun­gen, die sie in den sozia­len Medien dazu erhal­ten hat, ein schö­ner ehr­li­cher Umgang. Sie bekennt sich zur kve­ni­schen Min­der­heit Nor­we­gens, eine Volks­gruppe aus Nach­fah­ren fin­ni­scher Ein­wan­de­rer; ver­gleich­bar der Volks­gruppe der Samen.

Die Scho­nungs­lo­sig­keit, der mit­un­ter bar­sche Spott, mit der die Autorin das endende Leben der Prot­ago­nis­tin beglei­tet, wird nicht jedem gefal­len. Für mich zeich­net aber genau das die­ses Buch aus:

Her­vor­ra­gend!


Nach­trag: Kjer­sti Annfinsen ist nicht nur Zahn­ärz­tin und Autorin. Sie ist aktive Ver­tre­te­rin der nord-nor­we­gi­schen Volks­gruppe der Kve­nen. Von denen man außer­halb Nor­we­gens kaum etwas hört, im Gegen­satz zur Gruppe der Samen. Kjer­sti wurde 2022 zur Kvenin des Jah­res gewählt.

In Nor­we­gen erschien ihre Erzäh­lung in zwei Bän­den: »De siste kjær­tegn« (Die letz­ten Zärt­lich­kei­ten) und »Øye­b­likk for evi­ghe­ten« (Augen­bli­cke für die Ewig­keit). In der ein­bän­di­gen deut­schen Aus­gabe fin­det man dies in der Kapi­tel­glie­de­rung wieder.

Mehr über die Autorin, deren Bücher bis­her in 12 Spra­chen über­setzt wurde, fin­det man auf der Web­seite ihres nor­we­gi­schen Ver­lags.

2025 rezensiert, Alter, Frauenrechte, Herzchirurgin, Kjersti Annfinnsen, Liebe, Norwegen, Paris, Septime, Zärtlichkeit