
Kristine Bilkau
» Halbinsel
| Autorin: | Kristine Bilkau |
| Titel: | Halbinsel |
| Ausgabe: | Luchterhand Verlag München, 4. Auflage 2025 |
| Erstanden: | antiquarisch |

Bin ich enttäuscht von dem neuen Roman von Kristine Bilkau »Halbinsel« – ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025? Ja, denn für mich schwimmt die Erzählerin an der Oberfläche und es gelingt ihr kaum, uns Neues oder in die Tiefe Gehendes zu vermitteln. In vielen Rezensionen wird betont, dass alles in der Schwebe bleibt, wir nicht erfahren, wie das Leben der Protagonisten weitergeht. Überwinden Mutter und Tochter den Generationskonflikt? In diesem Zusammenhang habe ich überlegt, warum ich Bücher lese. Um Neues zu erfahren, um einen Blick auf andere Kulturen werfen zu können, um Menschen in ihren Verhaltensweisen zu verstehen, um Lösungsmöglichkeiten bei Problemen zu entwickeln, usw. Bei Kristine Bilkau kann ich mich bestätigt fühlen und sagen, die Probleme, die hier angerissen werden: Klimakatastrophe und Generationenkonflikt, Leistungsdruck, Überforderung, Zukunftsangst sind aktuell und beschäftigen mich auch. Aber Kristine Bilkau beschreibt diese nur, diskutiert sie auch nicht oder denkt Lösungswege an, um vielleicht etwas Neues auszuprobieren.
Jetzt aber zum Inhalt des Romans »Halbinsel«. Annett, die Ich-Erzählerin, ist Bibliothekarin in Husum, Ende 40 und alleinerziehende Mutter, nachdem ihr Ehemann sehr früh gestorben ist. Ihre Tochter Linn hat Umweltwissenschaften studiert, sich in Edinburgh und Lund aufgehalten, um ihr Studium erfolgreich abzuschließen. Nun ist sie Mitte 20 und hat ihre erste Stelle angetreten bei einer Umweltorganisation, die Öko-Hotels betreibt und Klimatagungen organisiert. Bei einer Umwelttagung will sie einen Vortag halten, hat jedoch einen Zusammenbruch, ehe sie mit dem Vortrag beginnen kann. Die Mutter macht ihr den Vorschlag, einige Tage in Husum zu verbringen, um Kraft zu tanken. Aus den einigen Tagen werden Monate, Linn hat ihren Arbeitsvertrag gekündigt, ihre Wohnung in Berlin aufgelöst und Beziehungen abgebrochen. Sie will herausfinden, wohin ihr Weg gehen soll. Aber eigentlich geht es jetzt nicht mehr um Linn, sondern um Annett, die Mutter, wie sie sich die Zukunft für sich selbst vorstellt, aber auch die Zukunft ihrer Tochter.

Man hat den Eindruck, Annett lebt nicht in der Realität, sondern in einer Scheinwelt. »Wenn ich eine interessante Ausschreibung lese, stelle ich mir vor, wie dieser neue Alltag aussehen könnte, wo ich wohnen würde, was ich sonst noch tun würde, wer ich sein könnte.« (S. 39). Alles im Konjunktiv, alles Wunschvorstellungen, die sie nicht mal in Ansätzen versucht zu realisieren. Ähnlich stellt sie sich auch die Zukunft von Linn vor: »Ich hatte Linn die Zukunft als großes Versprechen verkauft. Das war es, was Eltern taten, um ihren Kindern Schwung zu geben. Ich hatte ihr die Welt angepriesen, mit allen Vorzügen und Möglichkeiten, aber dabei hatte ich die horrenden Mängel verharmlost oder ganz geschwiegen.« (S. 147). Linn ist jedoch in die Welt hinausgezogen und hat die »horrenden Mängel« schon selbst erkannt und daraus Konsequenzen für sich gezogen. Sie wehrt sich auch gegen die Vorstellungen der Mutter: »Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin wie ein Projekt für dich. Ich soll deinen Ehrgeiz befriedigen, den du dir selber aber nie eingestehen würdest. Ich soll deine Hoffnungen erfüllen.« (S. 201).
Und immer noch nicht kann sich Annett von ihrer Mutterrolle lösen, sie glaubt für alles verantwortlich zu sein und Lösungen finden zu müssen, so dass sie zum Teil auch Grenzen überschreitet, denn es gelingt ihr nicht, ihre Tochter als gleichberechtigt anzuerkennen. So übergibt sie beim Umzug ihrer Tochter den Käufern das Sofa, ohne zu wissen, ob es überhaupt bezahlt ist. Sie wird reingelegt. Oder, die Mutter löst für die Tochter ein Problem bei der Versicherung, ohne die Tochter zu fragen, ob sie das tun soll. Für mich am auffälligsten ist das Verhalten der Mutter am Schluss des Romans, wenn sie überlegt, was man aus der Bäckerei machen könnte, in der Linn arbeitet: »Den leeren Nebenraum der Bäckerei könnten wir in ein Café verwandeln … wir könnten auch Sauerteig- oder Konditor-Workshops anbieten.« (S. 205). Warum »wir«?

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Mutter und Tochter nicht zusammen finden. Sie reden nicht wirklich miteinander, reißen die Konflikte nur an oder reden aneinander vorbei. Über Lösungen wird noch nicht einmal nachgedacht und der Aussage, dass »sich Annett langsam, aber stetig in unterschiedlichen Bereichen emanzipiert«, stimme ich keineswegs zu. Quelle
Da der Roman auch von der Klimaaktivistin Linn handelt, habe ich erwartet, dass sich auch Debatten über Klimaaktivisten, die Gemälde beschädigen, oder Straßen blockieren zu finden sind. Dem ist aber nicht so. Ich stimme eher dieser Aussage zu: »Dabei wünscht man sich beim Lesen, dass die Autorin etwas mehr Mut bewiesen hätte, ihre Figuren bei diesem Thema neue Wege betreten zu lassen.« Quelle https://literaturkritik.de/bilkau-halbinsel-werde-die-du-bist,31209.html
Eine letzte Anmerkung zum Schluss. Die Erzählerin nennt zweimal den dänischen Maler Hammershøi (S. 16) und stellt damit eine Verbindung zum Roman her. Der Maler bevorzugte Interieurs, halbleere Zimmer mit häufig einer weiblichen Person, die dem Betrachter den Rücken zukehrt. »In Hammershøis Bildkompositionen geschieht nichts. Die im Genrebild dominante Narration wird geradezu demonstrativ verweigert.« Quelle
Genauso wirkt der Roman auf mich.
Kein schlechter Roman. Aber auch kein guter!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, Burnout, Klimaaktivistin, Kristine Bilkau, Lebensziele, Luchterhand Verlag, Mutter-Tochter-Beziehung
