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Irm­traud Morg­ner
» Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­triz nach Zeug­nis­sen ihrer Spiel­frau Laura

Autorin:Irm­traud Morgner
Titel:Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­triz nach Zeug­nis­sen ihrer Spiel­frau Laura (1974)
Aus­gabe:Auf­bau Ver­lag Ber­lin, 3. Auf­lage 1976
Erstan­den:eige­nes Bücherregal
Irmtraud-Morgner-Bild1Irm­traud Morg­ners Roman »Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­triz nach Zeug­nis­sen ihrer Spiel­frau Laura« aus dem Jahr 1974 mal eben zu lesen, also ohne Sys­tem, funk­tio­niert nicht. Man muss erst mal das Mus­ter des Romans erken­nen und akzep­tie­ren: Es han­delt sich um einen Roman, auf­ge­teilt in drei­zehn Bücher, dazwi­schen Inter­mez­zos, also Zwi­schen­spiele, erzählt von Laura, der Spiel­frau der Sän­ge­rin Bea­triz. Nun dür­fen wir model­lie­ren oder auch puz­zeln mit Mär­chen und Erzäh­lun­gen, Doku­men­ten und Rei­se­be­rich­ten, Reden, Erklä­run­gen und Inter­views. Genauso macht es uns die Schrift­stel­le­rin Irm­traud Morg­ner vor und man spürt, es macht ihr die­bi­schen Spaß, denn »die Men­schen glau­ben große Wahr­hei­ten eher in unwahr­schein­li­chen Gewän­dern.« (S. 147). Und diese gro­ßen Wahr­hei­ten wer­den in der Rea­li­tät sehr genau dar­ge­stellt, wenn Bea­triz fest­stellt, »eine Frau mit Cha­rak­ter kann heute nur Sozia­lis­tin sein« (S. 358). Laura aber betont, dass die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau in der DDR im per­sön­li­chen Bereich noch nicht erreicht sei. So wan­dert Irm­traud Morg­ner durch die Jahr­hun­derte, stellt Bezie­hun­gen zu Goe­thes »Faust« her, befragt Per­se­phone, Deme­ter oder die schöne Melu­sine, um den Eman­zi­pa­ti­ons­ge­dan­ken vor­an­zu­trei­ben. Dabei wer­den auch durch­aus Wun­der oder Zau­be­rei benutzt, um die Uto­pie näher zu beschrei­ben und diese zu erreichen.

Natür­lich gibt es auch ein Leit­mo­tiv, zu dem immer wie­der zurück­ge­kehrt wird. Die Grund­idee ist fol­gende: Die Tro­ba­dora Bea­triz fällt schon mal aus dem Rah­men, weil es im Mit­tel­al­ter so gut wie keine weib­li­chen Min­ne­sän­ge­rin­nen gibt, die­sen Lie­bes­dienst über­neh­men die Män­ner. Um aus die­ser wider­sprüch­li­chen Situa­tion her­aus­zu­kom­men, beschließt sie, mit Hilfe der inzwi­schen ent­thron­ten, aber erbit­tert um das Matri­ar­chat kämp­fen­den Göt­tin­nen Deme­ter und Per­se­phone aus der Geschichte aus­zu­tre­ten, um in mensch­li­che­ren Zei­ten wie­der in die Geschichte ein­zu­tre­ten. So wacht sie nach 800jährigem Schlaf im Frank­reich der 68er wie­der auf, und geht davon aus, dass die Gleich­be­rech­ti­gung längst erreicht ist, wird aber bit­ter ent­täuscht und ent­schei­det sich, eine Fahr­karte in die DDR, ins »gelobte Land« (S. 108), zu kau­fen. Als Rei­se­grund nennt sie dem Grenz­po­li­zis­ten: »Ansied­lung im Para­dies.« (S. 138). Hier glaubt sie, ihren Beruf der Tro­ba­dora, also der Lie­bes­sän­ge­rin, pro­blem­los aus­üben zu kön­nen. Aber jetzt begin­nen erst die Pro­bleme, Kon­flikte und Aben­teuer der Tro­ba­dora. Das ist die eine Schiene des Romans, ein wei­tere, die Geschichte von Laura, die mit die­ser mon­tiert wird. So erfah­ren wir, dass Laura Diplom­ger­ma­nis­tin ist, aber mit Begeis­te­rung die Arbeit der Trieb­wa­gen­füh­re­rin aus­übt und dann ist sie auch noch die Spiel­frau der Tro­ba­dora Bea­tiz. In vie­len Zwi­schen­spie­len ler­nen wir Laura ken­nen, ihre Lebens­part­ner, ihre Eltern und Schwie­ger­el­tern und ihre Freunde. Hier wird das Leben in der DDR beschrie­ben, indem eine Col­lage ent­steht: Zitate aus den »Memoi­ren der Krups­kaja« (S. 408), dem DDR-Buch zur Sexua­li­tät »Mann und Frau intim« (S. 399), aus einer Rede in der Volks­kam­mer der DDR zur Unter­bre­chung der Schwan­ger­schaft (S. 329), dem »Kom­mu­ni­què der bewaff­ne­ten Befrei­ungs­kämpfe Süd­viet­nams« (S. 345) und vie­len wei­te­ren Dokumenten.

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(c) Deut­sche Foto­thek / Bar­bara Mor­gen­stern | Quelle

Und wel­che Rolle spielt jetzt die Tro­ba­dora Bea­triz in die­sem schein­ba­rem Chaos? Bea­triz ist die Über­brin­ge­rin der weib­li­chen Geschichte. Sie denkt und han­delt stets anders, als für die Geschichts­etappe, in der sie lebt, üblich ist. »Unge­duld ist das ein­zig­ar­tige Talent der Bea­triz de Dia. Grö­ßen­wahn ihre außer­or­dent­li­che Tugend.« (S. 275).

Jetzt der Ver­such aus dem schein­ba­ren Chaos ein fer­ti­ges Bild zu erstel­len, was will die Autorin? Es geht ihr um die Ver­mensch­li­chung der Bezie­hun­gen der Geschlech­ter. Es wird Wun­der­ba­res und Phan­tas­ti­sches mit­ein­an­der ver­mengt und die Vor­stel­lungs­welt der Män­ner derb, aber auch humor­voll kri­ti­siert, immer auch pro­vo­ka­tiv. Wenn es z.B. um eine Geschlechts­um­wand­lung geht, die zurück­nehm­bar ist oder auch nicht? So betont Irm­traud Morg­ner in einem Inter­view: »Wenn Sie mein Buch genau anse­hen, wer­den Sie mer­ken, dass ich ent­schie­den ernst und hei­ter, nicht »harm­los« zwei Sei­ten einer Erschei­nung beschreibe; ein­mal den Mann als soziale Erschei­nung wie er his­to­risch gewor­den ist und die Frau aus­beu­tet, was nicht dem ein­zel­nen Mann anzu­las­ten ist. Zum ande­ren den Mann als unhis­to­ri­sche Erschei­nung, wie er wer­den könnte, eine Art Uto­pie, die uns gele­gent­lich in rea­len Män­nern, wenigs­tens zeit­weise ent­ge­gen­tritt.« Quelle: Frank­fur­ter Rund­schau vom 16.8.1975.

Warum setze ich mich so inten­siv dafür ein, dass Irm­traud Morg­ner nicht ver­ges­sen wird? »Die ganze Welt auf fünf Pfund Papier.« (S. 12). Mit die­sen Wor­ten bie­tet Laura Sal­man im April 1973 der Schrift­stel­le­rin Irm­traud Morg­ner ein Bün­del Doku­mente an, die Morg­ner dann zu dem vor­lie­gen­den Roman ord­net und ver­ar­bei­tet. Und die­ses Buch »wird gleich dem Epos zu einem Spie­gel der gan­zen umge­ben­den Welt, zu einem Bild des Zeit­al­ters«, so Vol­ker Neu­haus. Quelle: Frei­pass, hrsg. von Vol­ker Neu­haus, Ch. Links Ver­lag, Ber­lin 2015, S. 48. Diese Aus­sage unter­stützt auch Irm­traud Morg­ner, denn ihr Buch behandle einen »Epo­chen­stoff« – »sowohl der Sozia­lis­mus als auch die Frau­en­be­frei­ung ist auf der Tages­ord­nung«. Quelle: Irm­traud Morg­ner, Texte, Daten, Bil­der, Frank­furt am Main 1990, S. 24. Aber den­noch droht sie ver­ges­sen zu wer­den, was auch mit ihrem frü­hen Tod mit 56 Jah­ren am 6. Mai 1990 und dem Ende der DDR zu tun hat. Aber Vol­ker Neu­haus betont, dass die deut­sche Lite­ra­tur kei­nes­wegs reich genug sei, um die­ses »gewal­tige Werk aus dem Gedächt­nis zu ver­lie­ren.« (S. 34). Daher for­dert er uns auf, das von der Tro­ba­dora Bea­triz und ihrer Spiel­frau Laura insze­nierte Welt­thea­ter zu genie­ßen. »Irm­traud Morg­ner fällt auf einer Seite mehr ein als mach momen­tan berühm­ter Kol­le­gin in einem gan­zen Buch.« (S. 66). Dem stimme ich zu und ergänze:

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2023 fei­ern drei DDR-Autorin­nen post­hum ihr 90-jäh­ri­ges Jubi­läum: Bri­gitte Rei­mann (1933–1973), Maxie Wan­der (1933–1977) und Irm­traud Morg­ner (1933–1990) | Quelle

Irm­traud Morg­ner bie­tet uns eine neu­ar­tige Art des Lesens, vol­ler Spaß und Spiel­freude, vol­ler Scherze und Eulen­spie­ge­leien. Sie behan­delt in ihrem Roman ein Epo­chen­thema, es geht um die Eman­zi­pa­tion, die Mensch­wer­dung der Frau. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Autorin aus­schließ­lich mit dem Frau­en­pro­blem beschäf­tigt, im Gegen­teil, sie bezeich­net das Frau­en­pro­blem als Mensch­heits­pro­blem und befasst sich daher mit der gan­zen Gesellschaft.

Daher ein letz­tes Zitat aus ihrem Roman erschie­nen 1974, das mir gerade zur heu­ti­gen Zeit sehr wich­tig, da immer noch gül­tig ist: »Die Gefahr einer Selbst­ver­nich­tung der Mensch­heit durch Kriege läßt mir jedes frie­dens­er­pres­se­ri­sche Mit­tel als recht erscheinen.«

Her­aus­ra­gend!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

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