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Ada­nia Shi­bli
» Eine Nebensache

Autorin:Ada­nia Shibli
Titel:Eine Neben­sa­che (2017)
Über­set­zer:Gün­ther Orth
Aus­gabe:Beren­berg Ver­lag Ber­lin, 5. Auf­lage 2022
Erstan­den:anti­qua­risch

Nebensache-Bild1 Was ist Anti­se­mi­tis­mus? Wenn eine paläs­ti­nen­si­che Schrift­stel­le­rin eine Situa­tion beschreibt aus dem Jahr 1949, bei der ein Bedui­nen­mäd­chen von israe­li­schen Sol­da­ten in der Negev Wüste ver­ge­wal­tigt wurde? Diese Tat ist his­to­risch nach­ge­wie­sen! Oder ver­hält die Schrift­stel­le­rin sich anti­se­mi­tisch, wenn sie Jahr­zehnte spä­ter in diese Gegend fährt, um her­aus­zu­fin­den, was damals wirk­lich pas­siert ist? Die Vor­würfe des Anti­se­mi­tis­mus ste­hen im Raum, denn auf der Frank­fur­ter Buch­messe 2023 sollte Ada­nia Shi­bli für ihren Roman »Eine Neben­sa­che« den »LiBe­ra­tur­preis« für Texte aus dem glo­ba­len Süden erhal­ten. Der Ter­min der Preis­ver­lei­hung lag jedoch nur wenige Tage nach dem Über­fall der Hamas auf Israel vom 7. Okto­ber 2023. Die Hamas hatte genau die­sen Kib­buz Nirim über­fal­len, wo auch der Roman spielt – erst­mals ver­öf­fent­licht 2017 – und damit wird deut­lich, dass der Roman nichts mit der aktu­el­len poli­ti­schen Situa­tion im Okto­ber 2023 zu tun hat. Aber das sahen die Medien und die Ver­tre­ter der Frank­fur­ter Buch­messe anders. Vor allem die taz hat sich hier nega­tiv her­vor­ge­tan: »In die­sem Kurz­ro­man sind alle Israe­lis anonyme Ver­ge­wal­ti­ger und Kil­ler, die Paläs­ti­nen­ser hin­ge­gen Opfer (…). Die Gewalt gegen israe­li­sche Zivi­lis­ten kommt wohl auch des­halb nicht vor, weil sie als legi­ti­mes Mit­tel im Befrei­ungs­kampf gegen die Besat­zer gilt.« Quelle Die­ser Aus­sage in der taz will ich deut­lich wider­spre­chen, indem ich mir nun den Roman näher ansehe.

Der Roman besteht aus zwei Tei­len, in der ers­ten Erzäh­lung geht es um die Ver­ge­wal­ti­gung und anschlie­ßende Ermor­dung eines Bedui­nern­mäd­chens durch israe­li­sche Sol­da­ten im Jahr 1949. Die israe­li­schen Sol­da­ten wur­den an die Süd­grenze zu Ägyp­ten abkom­man­diert, um »den Süd­wes­ten des Negev sys­te­ma­tisch zu durch­käm­men und von etwaig ver­blie­be­nen Ara­bern zu säu­bern.« (S. 6). Bei einer Oase ent­de­cken die Sol­da­ten eine Gruppe Ara­ber mit ihren Kame­len. Men­schen und Tiere wer­den ohne Vor­war­nung erschos­sen, aber die israe­li­schen Sol­da­ten »fan­den kei­ner­lei Waf­fen.« (S. 25). Das Bedui­nen­mäd­chen über­lebt und wird mit ins Lager genom­men. Hier ange­kom­men, betont der Kom­man­deur, dass sich nie­mand dem Mäd­chen nähern dürfe. Will er sie nur für sich? Er hält vor ver­sam­mel­ter Mann­schaft eine Grund­satz­rede: »Nie­mand hat mehr Anrecht auf die­ses Land als wir, nach­dem die Ara­ber es über Jahr­hun­derte so ver­kom­men haben las­sen, dass heute nur noch Bedui­nen und ihre Her­den hier leben. Wir dür­fen sie nicht dul­den; ja es ist unsere Pflicht, sie ein für alle Mal von hier zu ver­trei­ben.« (S. 37). Jetzt beginnt das Uner­träg­li­che, die grau­same Ver­ge­wal­ti­gung des jun­gen Mäd­chen vom Kom­man­deur und vie­len wei­te­ren Sol­da­ten, der Reihe nach. Anschlie­ßend wird sie vom Kom­man­deur erschos­sen. Alles wird detail­ge­nau beschrie­ben, aber die Gedan­ken Gefühle oder Beweg­gründe der Täter erfah­ren wir nicht.

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Ada­nia Shi­bli: »In den letz­ten Wochen hat mich die Spra­che im Stich gelas­sen« | Foto: Wik­to­ria Bosc/Fondation Jan Mich­al­ski | Quelle

Was uns die Autorin bis­her erzählt hat, ist his­to­risch ver­bürgt, der Kom­man­deur wurde sogar vor Gericht gestellt und bestraft. Quelle

Jetzt komme ich zum zwei­ten Teil des Romans, er spielt heute. Jetzt gibt es auch eine Erzähl­in­stanz, die Ich-Erzäh­le­rin aus Ramal­lah liest in der Zei­tung von die­sem Ver­bre­chen und will die Geschichte des Bedui­nen­mäd­chens genauer erfah­ren, denn »das geschah näm­lich an einem Vor­mit­tag, der genau ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter mit dem Vor­mit­tag mei­ner Geburt zusam­men­fal­len sollte.« (S. 65). Sie macht sich auf in die Negev Wüste, »um der gan­zen Wahr­heit auf die Spur zu kom­men« (S. 69). Die Ich-Erzäh­le­rin betont: »Ich könnte her­aus­fin­den, wie das Mäd­chen damals die Ver­ge­wal­ti­gung und den Mord im ein­zel­nen erlebt hat.« (S. 72).

Das hört sich so ein­fach an, ist es aber nicht, denn sie muss sich einen Aus­weis einer israe­li­schen Kol­le­gin bor­gen, da sie als Paläs­ti­nen­se­rin kei­nen Zugang zu die­sen Zonen hat und meh­rere Grenz­pos­ten pas­sie­ren muss, um in Museen und Archi­ven nach Ant­wor­ten zu suchen. Große Hitze und große Angst beglei­ten sie auf die­ser Fahrt. Sie hat meh­rere Stra­ßen­kar­ten dabei, auch eine von Paläs­tina vor 1948, die sie unter­wegs über­fliegt. »Mein Auge springt von einem paläs­ti­nen­si­schen Dorf zum nächs­ten; sie alle wur­den zer­stört, nach­dem man ihre Bewoh­ner in jenem Jahr ver­trie­ben hatte.« (S. 82). So lan­det sie im Kib­buz Nirim, wird freund­lich emp­fan­gen und erfährt etwas von der Grund­stein­le­gung von Nirim im Jahr 1946 am Vor­abend vom Jom Kip­pur. Über tau­send junge Men­schen mach­ten sich in den Negev auf, um Nirim auf­zu­bauen. Ihr wer­den Bil­der gezeigt, auf denen Kib­buz­be­woh­ner neben Bedui­nen aus der Gegend sit­zen, sich unter­hal­ten und strah­lend in die Kamera schauen. »Ich frage nach nach dem Ver­hält­nis zwi­schen den damals hier ansäs­si­gen Paläs­ti­nen­sern und den jüdi­schen Immi­gran­ten. Aus­ge­zeich­net,« lau­tet die Ant­wort. (S. 97). Aber tat­säch­lich erfährt sie nichts Neues und fährt wei­ter in die Wüste hin­ein. Immer wie­der fin­det sie ver­bor­ge­nes bedui­ni­sches Leben, nicht aner­kannte bedui­ni­sche Dör­fer im Negev, die vom Ein­satz der Sol­da­ten 1949 aber auch heute bedroht sind.

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Sol­da­ten nach der Schlacht von Nirim | Autor/-in unbe­kannt | Quelle

Und bei die­ser Beschrei­bung muss ich an die erste Erzäh­lung den­ken. Hier wurde das bedui­ni­sche Mäd­chen, das spä­ter ver­ge­wal­tigt wird, von einem kläf­fen­den Hund beglei­tet und beschützt. Die­ses Bild taucht nun wie­der auf, die Erzäh­le­rin wird von einem bedui­ni­schen Mäd­chen beob­ach­tet und von einem kläf­fen­den Hund bedroht. Zufall? Nein, ganz sicher nicht. Wei­tere Bil­der fin­den ein Pen­dant. Die Ich-Erzäh­le­rin spritzt beim Tan­ken unab­sicht­lich Ben­zin auf ihre Hände und wäscht sie sehr gründ­lich, um den Ben­zin­ge­ruch wie­der los zu wer­den. Das macht der Kom­man­deur in der ers­ten Erzäh­lung auch, nach­dem er das Bedui­ni­en­mäd­chen ver­ge­wal­tigt hat, des­sen Haare nach Ben­zin rie­chen, weil man die mut­maß­li­chen Läuse ver­nich­ten wollte. Und noch ein drit­tes Bild, der Ort, den die Ich-Erzäh­le­rin zum Schluss erreicht, ähnelt deut­lich dem Ort, wo die Ver­ge­wal­ti­gung statt­ge­fun­den hat. Was wird der Ich-Erzäh­le­rin passieren?

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Quelle

Beide Erzäh­lun­gen sind inhalt­lich mit­ein­an­der ver­knüpft, aber auch über die eben genann­ten Motive oder Bil­der. Die Figu­ren tra­gen keine Namen, hel­fen sich gegen­sei­tig, so gibt es auch hilfs­be­reite Israe­lis. Aber die Ich-Erzäh­le­rin schei­tert und muss auch fest­stel­len, dass die Geschichte der Män­ner im Krieg doku­men­tiert ist, die der Frauen aber nicht. »Eine Neben­sa­che ist ein Roman dar­über, dass im Krieg und bei mili­tä­ri­schen Mis­sio­nen der Kör­per der Frau zum Schlacht­feld wird, zum Kriegs­schau­platz. Sexua­li­sierte Gewalt gegen Frauen ist inte­gra­ler Bestand­teil krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen.« Quelle

Der Roman ist weder anti­s­rae­lich noch gar anti­se­mi­tisch, son­dern ein Kunst­werk, das unse­ren Blick auf die Welt schär­fen kann.

Unbe­dingt lesen!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Adania Shibli, Beduinen, Berenberg Verlag, Emanzipation, Frankfurter Buchmesse, Israel, Kibbuz, Naher Osten, Palästina, Traumata, Vergewaltigung