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Donatella di Pie­tran­to­nio
» Die zer­brech­li­che Zeit

Autorin:Donatella di Pietrantonio
Titel:Die zer­brech­li­che Zeit
Über­set­ze­rin:Maja Pflug
Aus­gabe:Antje Kunst­mann, Mün­chen 2024
Erstan­den:anti­qua­risch
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»Ich ver­spre­che, dass ich mich in Wort und Schrift für die Rechte ein­set­zen werde, für die meine Gene­ra­tion von Frauen so hart gekämpft hat und die heute anschei­nend nicht mehr selbst­ver­ständ­lich sind« , so die Autorin Donatella Di Pie­tran­to­nio bei der Ver­lei­hung des Pre­mio Strega für ihren Roman »Die zer­brech­li­che Zeit«. Dem würde ich gerne in ihrem Roman nachspüren.

Worum geht es in dem Roman? Um eine Mut­ter-Toch­ter-Bezie­hung, um Ver­gan­gen­heit, um Trau­mata, um den »Mecha­nis­mus des kol­lek­ti­ven Ver­drän­gens«, um Gewalt gegen Frauen.

Die Prot­ago­nis­tin Lucia – ihren Namen erfah­ren wir erst in der Mitte des Romans – sorgt sich um ihre Toch­ter Amanda, die das kleine Dorf in den Abruz­zen ver­las­sen hat, um in Mai­land zu stu­die­ren, denn hier ist es, »als sei man in Europa.« (S. 18). Und ihre Mut­ter denkt für sich, Amanda »würde ein biss­chen die Welt ent­de­cken, das, was ich nicht geschafft habe.« (S. 19). Das Stu­dium ist nur von kur­zer Dauer, wäh­rend der Corona Pan­de­mie kehrt Amanda zurück ins Dorf zu ihrer Mut­ter, die betont: »Man hat mir eine erlo­schene Toch­ter zurück­ge­ben.« (S. 64). Amanda ver­schließ sich vor der Welt und ihrer Mut­ter. Diese macht sich Vor­würfe, ihre Toch­ter nicht vor einem Hand­ta­schen­räu­ber in Mai­land beschützt zu haben. Aber: »Ich sah nicht den lang­fris­ti­gen Scha­den, dass sie ihr, zusam­men mit der Hand­ta­sche, das Ver­trauen in die Welt geraubt hat­ten.« (S. 66). Lucia glaubt, ver­sagt zu haben bei der Erzie­hung ihrer Toch­ter Amanda, aber auch im eige­nen Leben. »Ich hätte hier weg­ge­hen sol­len, hätte weg­ge­hen müs­sen, als ich noch jung war.« (S. 48). Amanda ant­wor­tet ihr, dass nie­mand sie gezwun­gen habe, es sei ihre Ent­schei­dung gewe­sen, im Dorf zu blei­ben. Amanda drängt es hin­aus, aber sie weiß nicht, wohin und will die Hilfe ihrer Mut­ter nicht in Anspruch neh­men. Lucia stellt fest, dass auch sie, viel­leicht ähn­lich wie ihre Toch­ter, im Alter von 20 Jah­ren aus der Bahn gewor­fen wurde und ihre Aus­bil­dung ver­nach­läs­sigte. Jetzt begin­nen sich zwei Erzähl­stränge zu ver­schrän­ken. Als Lucia jung war, war sie mit Dora­lice befreun­det, deren Eltern unter­halb des Dente del Lupo einen Cam­ping­platz betrie­ben auf einem Grund­stück von Lucias Vater. Eines Nachts macht Dora­lice mit zwei aben­teu­er­lus­ti­gen Tou­ris­tin­nen einen Spa­zier­gang – Lucia hatte sich ver­leug­nen las­sen – und hier geschieht das Unfass­bare. In Rück­blen­den wird die­ses Ereig­nis wie­der auf­ge­rollt und Lucia glaubt, auch ihrer Freun­din gegen­über ver­sagt zu haben.

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Donatella Di Pie­tran­to­nio, © AGF Bridge­mann Images | Quelle

Die Autorin nimmt uns mit in die Land­schaft, die Wäl­der der Abruz­zen in die Nähe des Dente del Lupo (Wolfs­zahn). Sie bestä­tigt in einem Inter­view »die Bin­dung zu mei­nem Geburts­ort ist sehr eng und sehr ambi­va­lent. Ich bin hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen, ich bin eine Toch­ter die­ser Orte. Das kann auch schmerz­haft sein, denn ist es ein sehr klei­ner, sehr iso­lier­ter, sehr armer Ort«.

Quelle

Das zeigt sich auch in ihrem Roman. Indem sie die Pre­digt des Pfar­rers zum Tod von Lucias Mut­ter zitiert, beschreibt die Autorin auch das Leben der Frauen. Der Pfar­rer betont, dass Lucias Mut­ter eine sehr flei­ßige Frau gewe­sen sei, »aber er weiß nicht, dass meine Mut­ter krank wer­den musste (Demenz), um sich aus­zu­ru­hen. Vor­her hat ihr Mann ihr keine Pause gegönnt, er wollte sie als Mann auf dem Feld und als Frau im Haus.« (S. 31).

Die Autorin hat die­sen Roman aus der Per­spek­tive der Mut­ter geschrie­ben und stellt fest, dass es einen Mut­ter­in­stinkt nicht gibt, auch Müt­ter machen Feh­ler und müs­sen los­las­sen. »Irgend­wann ver­lie­ren wir den Ein­fluss auf das Leben der Kin­der. Sie gehen allein wei­ter und sehen uns erbar­mungs­los an.« (S. 132). Diese Erfah­rung macht sie in der Mut­ter­rolle, aber auch im Rück­blick auf ihre Jugend. Was auf dem Cam­ping­platz pas­sierte, wurde im Dorf tot­ge­schwie­gen, aber nicht ver­ges­sen. Die Freund­schaft zwi­schen Lucia und Dora­lice ist auf­grund des unfass­ba­ren Gesche­hens zer­stört. Lucia fühlt sich schul­dig. Die­sen Cam­ping­platz, den sie nie wie­der betre­ten wollte, hat sie nun von ihrem Vater geerbt. Was soll sie damit machen? Erst als ein Inves­tor ihr Geld anbie­tet, kommt Bewe­gung in die Sache. Die Dorf­be­woh­ner, die Schä­fer und auch Amanda wol­len die Natur beschüt­zen und demons­trie­ren gegen die­sen Inves­tor, der hier ein Hotel bauen will. Amanda hat die­sen Pro­test mit orga­ni­siert. »Die Son­nen­strah­len las­sen das Haar mei­ner Toch­ter auf­leuch­ten. Amanda lächelt kurz, wie lange hatte ich ihre Zähne nicht mehr so blit­zen sehen.« (S. 156). Jetzt erfährt Amanda die Ver­let­zung ihrer Mut­ter in ihrer Jugend. Der Rück­blick auf ihre eigene Geschichte lässt Lucia ihre Toch­ter bes­ser ver­ste­hen und den Rat einer Freun­din anneh­men: »Der Weg ist irgendwo schon vor­han­den, aber deine Toch­ter muss ihn noch fin­den.« (221). Damit spricht die Autorin einen wei­te­ren Aspekt an, der nicht immer akzep­tiert wird: Man kann im Leben nicht nur schei­tern, man darf es auch. Sowohl in der Mut­ter­rolle als auch in der Jugend. Hier beur­teilt die Erzäh­le­rin nicht.

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Dente del Lupo (2297 m) | Quelle

Donatella Di Pie­tran­to­nio lebt heute in Penne in den Abruz­zen und kann in die Berge schauen, wo in den 90er Jah­ren ein dop­pel­ter Frau­en­mord statt­ge­fun­den hat. Immer wie­der hat sie sich daran erin­nert und nun die­ses Ver­bre­chen in den Mit­tel­punkt ihres Romans gestellt. Die Berge, die Land­schaft, die Wäl­der waren ein mär­chen­haf­ter Ort, eine sichere Gemein­schaft – aber nach dem Ver­bre­chen hat sich das geän­dert. Die Bevöl­ke­rung hat nicht mehr dar­über gespro­chen, wie bei einem Fami­li­en­ge­heim­nis. Wie funk­tio­niert die­ses Ver­hal­ten, kol­lek­tiv zu vergessen?

Das zeigt uns die Erzäh­le­rin, indem sie unter­schied­li­che Zeit­ebe­nen mit­ein­an­der ver­bin­det, Ereig­nisse aus der Ver­gan­gen­heit lang­sam rekon­stru­iert und zum Schluss alles ver­knüpft. so dass die Erzäh­le­rin fest­stel­len kann: »Der Chor von heute Abend ist eine Über­ra­schung, er durch­bricht das Schwei­gen der Jahre.« (S. 234).

Immer wie­der geht die Erzäh­le­rin auf das Leben der Frauen ein, die im Dorf geblie­ben sind und nie etwas ande­res gese­hen haben, »sie waren Skla­ven einer Not­wen­dig­keit, das betraf auch meine Mut­ter, auch mich.« (S. 202). Oder wenn sie betont, dass ihre Mut­ter auf dem Feld Schwerst­ar­beit geleis­tet hat, aber kein biss­chen Geld für sich hatte. »Ihr ers­tes eige­nes Geld war das der Min­dest­rente.« (S. 214). Die Frauen in die­sem Roman schei­nen ein nor­ma­les Leben sie füh­ren, aber sie haben gegen Ver­let­zun­gen zu kämp­fen, »an denen Män­ner die Schul­di­gen sind, die kaum zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den.« Quelle

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Pan­orama von Penne | Liga­Due – Eige­nes Werk | Quelle | Datei:PenneAbruzzoPanorama1.jpg

Beson­ders gefal­len an die­sem Roman hat mir Fol­gen­des: »Die Autorin bricht mit dem Ideal des magi­schen Mut­ter­in­stinkts. Lucia ist eine Mut­ter, die ihren Ängs­ten, Zwei­feln und Feh­lern eine Stimme gibt. Sie ist rat­los und gibt es zu: sie ver­steht ihre Toch­ter nicht.« Quelle

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Antje Kunstmann Verlag, Donatella Di Pietrantonio, Emanzipation, Gewalt gegen Frauen, Italien, kollektives Vergessen, Mutter-Tochter-Beziehung