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Drengen-pa-stigen

Syn­nøve Søe
» Dren­gen på stigen

Autor:Syn­øve Søe (Däne­mark, 2007)
Titel:Dren­gen på stigen
Aus­gabe:Lind­hardt og Ring­hof, 2007, däni­sche Originalfassung
Erstan­den:Anti­qua­risch auf dem løp­ped marked in Nexø
Drengen-pa-stigen

Der 5-jäh­rige Peter wohnt irgendwo in einer däni­schen Klein­stadt bei sei­ner kran­ken Mut­ter, die auf dem Sofa liegt, anschei­nend tablet­ten­sü­chig ist und beim Fern­se­hen ver­däm­mert. Ein­kau­fen geht der kleine Junge, Essen (belegte Brote) macht er eben­falls. Er war­tet immer auf ein wei­ßes Auto, in dem sein Vater kom­men soll. Um das Auto recht­zei­tig zu sehen, steigt er in den Kirsch­baum. Auf die Lei­ter vom Gärt­ner steigt er gene­rell gerne. Dann kann er in die heile Welt der Fami­lie im ers­ten Stock gucken. Wie man zusam­men zum Essen am Tisch sitzt, wie der Vater der Toch­ter im Bett vor­liest. Wenn Peters Vater tat­säch­lich mal da ist, beschränkt er sich dar­auf ein Bier nach dem ande­ren zu vertilgen.

Als Peters Mut­ter ihm auf seine Bit­ten hin, auch ein­mal etwas vor­liest, nimmt sie, ohne vom Sofa auf­zu­ste­hen, dazu eine Klatsch­ge­schichte über eine Prin­zes­sin aus Sé & Hør, einer Fern­seh- und Klat­schil­lus­trier­ten. Er ist begeis­tert, seine Mut­ter hat ihm vor­ge­le­sen! Spä­ter war­tet er auf eine Frau aus der Gemeinde, die sich um die Fami­lie kümmert.

Gebro­chen wird das ganze Elend durch eine zweite Erzähl­ebene, die Peters Fan­ta­sie und sein Wunsch­den­ken als Erwach­se­ner in ein Wie­der­se­hen mit sei­ner kaput­ten Fami­lie hineinprojiziert.

Zu sei­nen 6. Geburts­tag erhält er ein Geschenk von der Kom­mune. Weil er sich dafür aber nicht rich­tig bedankt, ras­tet seine Mut­ter aus. Sie muss zur Beru­hi­gung eini­ges an Medi­zin neh­men und Peter muss sie mit der Gemein­de­hel­fe­rin alleine lassen.

Mehr am Rande erzählt wird vom Aus­zug der alten Frau Ras­mus­sen, die in ein Pfle­ge­heim geht. Das ist Peter wohl ver­traut, weil er des öfte­ren sei­nen demen­ten Groß­va­ter in eben die­sem Heim besucht. Was trotz der Demenz vom »beds­te­far« (Opa) bei­den Sei­ten gut tut. Dass es schneit und kalt ist und er ohne Man­tel zum Opa geht, ver­an­lasst seine Mut­ter lei­der zu gar nichts, im Pfle­ge­heim ist man entetzt.

Synnoeve-Soee
Foto der Autorin, von Suste Bonnén

Für die alte Ras­mus­sen kommt aber eine Frau mit ihrem Sohn Bjørn, gleich­alt­rig zu Peter, als Mie­te­rin. Damit ändert sich etwas grund­le­gend für Peter: Er hat nun einen ech­ten Spiel­ge­fähr­ten. Gleich­zei­tig wächst beim Leser das Ent­set­zen, wie­viel Nor­ma­li­tät Peter ent­beh­ren muss! Kin­der­gar­ten, Freunde, Geburts­tage fei­ern, war­mes Mit­tag essen – die Liste der Ent­beh­run­gen ist schlicht gru­se­lig und auch sein Wort­schatz ist nicht groß …

Ein wenig wird das nun von Bjørn und sei­ner Mut­ter auf­ge­fan­gen, aber begrenzt durch Peters kranke Mut­ter. Die lässt Peter lie­ber abwa­schen und ein­kau­fen, statt zu Bjørns Geburts­tags­feier zu gehen, der brave kleine Sohn fügt sich. Eine echte Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Mut­ter und Sohn fin­det kaum statt. Wenn sie mit ihrem Sohn spricht, hebt sie kaum den Kopf von ihrer Illus­trier­ten – Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung gab es auch schon vor der Smartphone-Pest.

In der zwei­ten Erzähl­ebene des Buchs rech­net die Dame von der Kom­mune mit Peters Eltern ab: Ihr Sohn bekommt nicht genug Zuwen­dung und muss für sein Alter viel zu viel Ver­ant­wor­tung tra­gen. Er scheint sehr zurück­ge­zo­gen und iso­liert zu leben. Er kennt und weiß vie­les nicht, sein Wort­schatz ist zu gering. Auch die Regeln für das Poké­mon-Spiel mit Bjørn kennt er erst nicht.

Mutter-und-Sohn
Syn­nøve Søe mit ihrem Sohn Romeo in 2008; Foto: Les Kaner | Quelle

Er stellt fest, dass Bjørns Zim­mer viel schö­ner ein­ge­rich­tet ist als seins, eine Ein­la­dung von Bjørns Mut­ter zum Spa­ghetti-Essen ver­mas­selt ihm Peters Mut­ter, abwa­schen sei ange­sagt. Im Traum reflek­tiert er mit einer völ­lig ver­wüs­te­ten Küche, in der sich die Maden über Essens­reste auf schmut­zi­gen Tel­lern ringeln.

Ein ent­setz­li­che Epi­sode folgt. Sein Vater kommt und fährt mit ihm in die Stadt. Aber nicht, wie Peter hofft, einen Fern­se­her zu kau­fen. Statt­des­sen geht es in eine sei­nem Vater wohl­ver­traute Kaschemme, in der Darts um Geld gespielt wird. Zu essen bekommt der längst hung­rige Peter nichts, nur eine Cola zu trin­ken. Um 3:00 mor­gens fährt Peters Vater mit ihm in ein völ­lig ver­wahr­los­tes Haus, wo er sich mit einer Gelieb­ten trifft, um mit ihr ins Bett zu stei­gen. Peter, allein gelas­sen, fin­det nur eine Packung schimm­li­ges Brot im gan­zen Haus. Er isst es in sei­nem rasen­dem Hun­ger und bricht bald alles wie­der aus. Wäh­rend sein Vater sich im Bett mit Bri­gitte (so heißt die Fremde) amüsiert.

In einer wei­te­ren Traum­se­quenz, in der Peter schon 35 ist, tritt als »Gast« eine Frau im Alter sei­ner Mut­ter auf. Der Gast bekennt Alko­ho­li­ke­rin gewe­sen zu sein und zudem medi­ka­men­ten­ab­hän­gig. Ganz offen­sicht­lich eine Pro­jek­tion sei­ner Mut­ter. Auf die Frage, wie sie es aus der Alko­hol­ab­hän­gig­keit geschafft hätte, sagt sie :» … men nu søger jeg en løs­ning i stedet for opløs­ning.« (… ich suche jetzt nach einer Lösung, statt nach einer Erklärung …)

Danach fin­det am Tisch zwi­schen den Eltern, dem Traum­gast Bri­gitte und dem erwach­se­nen Peter eine inter­es­sante Dis­kus­sion über den Anteil der Schuld einer Fami­lie am Schick­sal eines Alko­ho­li­kers statt. Ein Traum offen­bar zur Bewäl­ti­gung des Trau­mas von Peter mit sei­nen Eltern. Ein Vor­schlag im Traum, auf höhere Mächte, sprich einen Gott zu set­zen, wird in der Runde eher abge­lehnt, auch wenn Bri­gitte demons­tra­tiv betet.

Die Idee der Leh­re­rin der bei­den Jungs, dass Peter doch Ferien bei Bjørns Groß­el­tern auf Born­holm machen könnte, führt zu einer wun­der­ba­ren Zeit für beide Jun­gen. Auch wenn Peter erst ver­wirrt ist – was bedeu­tet eigent­lich »Ferien«? – es wird zu einer traum­haf­ten Zeit! Beide Jun­gen genie­ßen den Som­mer auf der Insel, spie­len mit den Kin­dern von Fischern, toben kreuz und quer. Wäh­rend die Groß­el­tern gütig ent­ge­gen­kom­mend beide behü­ten. Kom­plett anders als zu Hause!

Und in einer wei­te­ren Traum­se­quenz kön­nen Peters Eltern keine klare Ant­wort auf seine gera­dezu finale Frage geben, habt ihr mich eigent­lich geliebt? Dafür lässt er dann – im Traum – sein Eltern­haus in Flam­men aufgehen …

Fazit

Syn­nøve Søe schafft es her­vor­ra­gend die see­li­schen Nöte des klei­nen Jun­gen dar­zu­stel­len. Die völ­lige Abwe­sen­heit von Zunei­gung und Zärt­lich­kei­ten. Die Ver­lo­ren­heit und Qua­len einer Kin­der­seele, die sich so nach Eltern­liebe sehnt. Die der Vater als Alko­ho­li­ker und die tablet­ten­ab­hän­gige Mut­ter ihm nicht geben kön­nen. Da gibt es Situa­tio­nen, die schmer­zen schon beim Lesen.

Eine inter­es­sante Lösung hat die Autorin zur Reflek­tion der Unge­heu­er­lich­kei­ten, die das Kind per­ma­nent erlebt, mit den Traum­se­quen­zen geschaf­fen. Auch wenn dem Leser nicht immer klar wird, was gemeint ist.

Gefehlt haben mir Hin­ter­gründe, wie sind die Eltern so gewor­den, wo sind Freunde und Fami­lie. Es ist wahr­lich ein stel­len­weise sehr har­ter Stoff, den­noch habe ich es gerne gelesen.

Inter­es­sant!


Nach­trag: Als ich wie üblich zur Recher­che über die Autorin ging, um etwas über sie zu schrei­ben, wurde ich von der Such­ma­schine mei­ner Wahl (»Duck­DuckGo«) mit Men­gen von Links über­rascht. Prak­tisch von allen däni­schen Medien, die aus der Kul­tur­welt berich­ten, tauch­ten da Texte zur Autorin auf. So unter: Jyl­lands Pos­ten, Extra Bla­det, DR, udogse, Der Nord­schles­wi­ger, Aar­hus Stifts­tid­ende, B.T., Poli­ti­ken, SE OG Hør, usw. Und das lag nicht allein am Frei­tod der Autorin Anfang des Jah­res 2018 in ihrem Heim in Aar­hus im Alter von nur 55 Jah­ren. Zum Frei­tod trug viel­leicht ein Bruch der Hand bei, der sie am Schrei­ben hin­derte, was bis­her drei Ope­ra­tio­nen nicht ändern konn­ten. Eine schwere Belas­tung für die Autorin.

Sie hin­ter­lässt ihren mitt­ler­weile 26-jäh­ri­gen Sohn Romeo, mit dem sie fast 17 Jahre auf Born­holm gelebt hat. Und Romeos Vater, der – wie der Sohn – wei­ter auf der Insel lebt. Wes­we­gen S. Søe dort, in der Haupt­stadt Rønne, begra­ben wurde.

Bekannt wurde die Schrift­stel­le­rin und Jour­na­lis­tin in einer Reihe däni­scher Medien zunächst mit intel­lek­tu­ell reflek­tier­ten Arti­keln und Inter­views. Dann kam 1989 mit der Ver­öf­fent­li­chung ihres Buches »Fars« ein Titel über eine ver­lo­rene Kind­heit. Ein wich­ti­ger ande­rer Roman der Autorin in 2006 lau­tet: »Når den blå hane galer« : Wenn der blaue Hahn kräht. Ein Roman einer Frau, die in der Welt umher­irrt, zwi­schen ihrer Ver­gan­gen­heit und in den Ver­su­chen, dem kran­ken west­li­chen Lebens­stil zu entkommen.

In den acht­zi­ger Jah­ren war sie zunächst als die »Frau mit der Maske« im Kopen­ha­ge­ner Nacht­le­ben berühmt. Der »Nord­schles­wi­ger« schreibt wei­ter über sie: »In den 1990er Jah­ren wurde Syn­nøve Søe als schil­lernde Figur und Mode­ra­to­rin in zahl­rei­chen Talk­shows bekannt.« Die machen auf mich einen etwas tra­shi­gen Ein­druck, das mag aber ein ober­fläch­li­ches Urteil sein. Talk­shows guck ich mir ja nicht mal in mei­ner Mut­ter­spra­che an 🙁

2011 bekam sie als Aus­zeich­nung ein drei­jäh­ri­ges Legat vom staat­li­chen Kunst­fonds. Das als erste Ein­füh­rung zur Autorin, mehr dem­nächst bei wei­te­ren Rezen­sio­nen von Syn­nøve Søe. Einen inhalts­rei­chen Text zur Autorin fin­det man »» hier.

Ebenso infor­ma­tiv ein Gespräch mit der Autorin in 2008, aus dem das Foto von ihr mit ihrem Sohn stammt.

Der nächste Born­holm-Urlaub wird mich den wei­te­ren Titeln von Syn­nøve Søe näher bringen.

2025 rezensiert, Alkoholiker, Bornolm, Dänemark, Kindheit, Synnøve Søe