Zum Hauptinhalt springen
LAdultera-Bild1

Theo­dor Fon­tane
» L’Adultera (1882)

Autor:Theo­dor Fontane
Titel:L'Adultera (1882)
Aus­gabe:Ver­lag Neues Leben, Berlin/DDR 1988
Erstan­den:anti­qua­risch
LAdultera-Bild1
Mela­nie van der Stra­a­ten sei die erste eman­zi­pierte Frau in der deut­schen Lite­ra­tur, so die Fon­tane Ken­ne­rin Gisela Hel­ler, hier nach­zu­le­sen.  Fon­tane habe immer wie­der gesell­schaft­li­che Ver­hält­nisse beleuch­tet, weib­li­che Schick­sale hät­ten ihn inter­es­siert, ihr Han­deln aber auch Lei­den, und damit ver­bun­den habe er Zeit­ana­lyse und Zeitkritik.

Diese Aus­sage führte mich neu­gie­rig zu Theo­dor Fon­tane »L’Adultera«. Prot­ago­nis­tin ist die oben­ge­nannte Mela­nie, aber ist sie wirk­lich eine eman­zi­pierte Frau und ist damit der Roman von Theo­dor Fon­tane – also aus männ­li­cher Sicht – zu empfehlen?

Wie häu­fig bei Fon­tane ist der Skan­dal aus der Ber­li­ner Ober­schicht ein­ge­bet­tet in den his­to­ri­schen Zusam­men­hang der 1870er Jahre in Ber­lin. In »L’Adultera« (über­setzt: Die Ehe­bre­che­rin) ste­hen sich zwei Ehe­kon­zepte gegen­über, die Lie­bes­ehe und die Ver­nunft­ehe. Wir fin­den die bei Fon­tane auch typi­sche Kon­stel­la­tion: hier der fünf­zig­jäh­rige Kom­mer­zi­en­rat und rei­che Bör­sia­ner Eze­chiel van der Stra­a­ten, Mit­glied der Ber­li­ner Ober­schicht; da die sieb­zehn­jäh­rige, schöne junge Frau aus einem Schwei­zer Adels­ge­schlecht, des­sen Vater gestor­ben ist und die nun eine mate­ri­elle Absi­che­rung braucht. Da kommt der Herr van der Stra­a­ten gerade recht, es wird gehei­ra­tet. Er schmückt sich mit der schö­nen jun­gen Frau, aber auch mit Bil­dern in sei­ner Pri­vat­ga­le­rie. Zu Beginn erfah­ren wir, dass er für seine Frau Mela­nie die Kopie des Gemäl­des »Cristo e l’adultera von Tin­to­retto«, also Chris­tus und die Ehe­bre­che­rin, gekauft hat. Reak­tion Mela­nies dar­auf: »Geweint hat sie. Aber warum? Weil man ihr immer wie­der und wie­der gesagt hat, wie schlecht sie sei.« (S. 17). Sicher schon ein Fin­ger­zeig für den Leser und die Lese­rin! Und genauso ent­wi­ckelt es sich auch. Das Ehe­paar ist seit eini­gen Jah­ren ver­hei­ra­tet, hat zwei kleine Töch­ter und lässt es sich in ihrem Luxus gut erge­hen, bis der deut­lich jün­gere Ban­kiers­sohn Ebe­ne­zer Rubehn auf­taucht. Mela­nie ver­liebt sich in ihn, lässt sich schei­dem und hei­ra­tet ihn nach etli­chen Schwierigkeiten.

LAdultera-Bild2
Theo­dor Fon­tane (1883) (Gemälde von Carl Breit­bach) | Quelle

Jetzt die inter­es­sante Frage: Woran schei­tert die Ehe? Hier tref­fen zwei unter­schied­li­che Cha­rak­tere auf­ein­an­der. Eze­chiel liebt seine Frau Mela­nie, aber sie hat ihn nur aus Ver­nunft gehei­ra­tet und schämt sich auch für ihren Ehe­mann, der sie immer wie­der in Ver­le­gen­heit bringt, letzt­lich mit dum­men Sprü­chen, die Über­le­gen­heit aus­drü­cken sol­len. Und jetzt jetzt trifft sie ihre wahre Liebe – Ebe­ne­zer Rubehn.

Und nun kann man die Frage nach der Eman­zi­pa­tion stellen.

Wir ler­nen Mela­nie van der Stra­a­ten ken­nen als eine selbst­be­wusste Frau, grad­li­nig und immer auf Klar­heit aus­ge­rich­tet. Das zeigt sich vor allem, als sie ihrem Mann erklärt, warum sie ihn ver­lässt. »Ich will fort, nicht aus Schuld, son­dern aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selbst wie­der her­zu­stel­len. Ich kann das kleine Gefühl nicht län­ger ertra­gen, das an aller Lüge haf­tet; ich will wie­der klare Ver­hält­nisse sehen und will wie­der die Augen auf­schla­gen kön­nen. Und das kann ich nur, wenn ich gehe, wenn ich mich von dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu mei­nem Tun bekenne.« (S. 175). Damit nimmt sie ihr Schick­sal selbst in die Hand, völ­lig unge­wöhn­lich zur dama­li­gen Zeit, sie bricht also mit allen Kon­ven­tio­nen. So gelingt es Fon­tane auch, die Dop­pel­mo­ral der Gesell­schaft zu ent­lar­ven, die Mela­nie van der Stra­a­ten ver­ur­teilt, weil sie ihre Fami­lie ver­lässt, um ihrer Liebe zu folgen.

Noch­mal zurück, warum schei­tert die Ehe? Hier spielt die Ein­stel­lung ihres Noch-Ehe­manns eine wich­tige Rolle. »Glaube mir, ich kenne die Frauen.« (S. 168). Das sagt er beim Abschieds­ge­spräch zu Mela­nie. Er glaubt in ihr das Typi­sche, was allen Frauen gemein­sam ist, zu sehen und nicht das Indi­vi­du­elle. Für ihn besteht kein gro­ßer Unter­schied zwi­schen sei­ner Frau und der Gesamt­heit der Frauen. Er sieht in Mela­nie seine schöne, anschmieg­same Frau, die seine soziale Stel­lung fes­tigt. Die Frau ist für ihn ein Gegen­stand zur Reprä­sen­ta­tion. Aber Mela­nie möchte mehr sein als eine ver­wöhnte. bequeme Ehe­frau und als selbst­stän­di­ges Sub­jekt gese­hen wer­den. Und sie hat den Mut, sich von ihrem Ehe­mann, der es letzt­lich gut mit ihr meint, zu tren­nen: »Ich habe diese schnöde Lüge satt.« (S. 172).

LAdultera-Bild3
Cristo e l’adultera | Attri­bu­ted to Jacopo Tintoretto(1519–1594) | Quelle

So ent­wirft Fon­tane mit Mela­nie ein Frau­en­bild, das von den gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen im 19. Jahr­hun­dert abweicht, denn Mela­nie beginnt ein neues Leben, basie­rend auf sie selbst. Auch ent­wirft Fon­tane ein neues Bild der Frau in der Ehe, denn Mela­nie über­nimmt eine aktive Rolle und damit wird die Ehe zu einer bedeu­tungs­vol­le­ren Ver­bin­dung. »Ich will nun zei­gen, was ich kann.« (S. 243). Das sagt Mela­nie in ihrer neuen Rolle als berufs­tä­tige Ehefrau.

Zum Schluss muss ich den­noch nega­tiv bemer­ken, dass Mela­nie zu kei­ner Zeit fol­gen­des als Ziel in ihrer Ehe infrage stellt: Hin­gabe, Auf­op­fe­rung und bedin­gungs­lose Liebe.

Ist sie also eine eman­zi­pierte Frau? Bitte sel­ber lesen, um die Frage beant­wor­ten zu können.

Lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Berlin Roman, Frauenemanzipation, Gesellschaftsroman, Preußen, Theodor Fontane, Verlag Neues Leben