
Priya Hein
» Das schöne Lächeln von Riambel
| Autorin: | Priya Hein |
| Titel: | Das schöne Lächeln von Riambel |
| Übersetzerin: | Mirjam Nuenning |
| Ausgabe: | Gutkind Verlag, Berlin 2025 |
| Erstanden: | ein Geschenk von meinem Sohn und seiner Partnerin |
Jetzt mal ehrlich! Was weiß ich über Mauritius, außer dass es hier schöne Strände gibt, Sonne, Meer und viele Touristen. Ich bin nie dort gewesen, weiß nichts über die historische Entwicklung und die Lage der Frauen in der Vergangenheit und der Gegenwart. Auch bei »Google« sind die Ergebnisse nur sehr spärlich. Daher umso größer das Lob an die Autorin Priya Hein, die mit ihrem Roman »Das schöne Lächeln von Riambel« nicht nur diese Wissenslücke füllt. Unbedingt zu begrüßen ist ihr Vorhaben, Professorin Vijaya Teelock zu unterstützen, an der Universität von Mauritius eine neues Projekt zur Erforschung der Geschichte der Frauen auf Mauritius zu initiieren. Daher betont die Erzählerin in dem Roman: »Das englische Wort History ist ein äußerst interessantes Wort – von Männern erzählt. Es bedeutet His Story, seine Geschichte. Frauen sind in der Geschichtsschreibung übersehen worden. Es ist unsere Aufgabe, ihre Geschichten ans Licht zu bringen.« (S. 85). Das ist eine wichtige Aussage, es folgen weitere elementare Aussagen. Die Autorin betont, dass die Debatten um #blacklivesmatter Auslöser für ihren Roman gewesen seien. In ihrem Vorwort heißt es, sie habe den Mund aufgemacht und über eigene rassistische Erfahrungen als Migrantin gesprochen, die Autorin ist nämlich auf Mauritius geboren und aufgewachsen. Sie wurde von ihrem direkten Umfeld nicht ernst genommen und als überempfindlich abgestempelt. Ihr Fazit: »Als Mitglied einer ethnischen Minderheit stand es mir nicht zu, mich »zu beschweren«. Stattdessen wurde von mir erwartet, »dankbar« zu sein und mich anzupassen.« (S. 7).
Jetzt aber zum Inhalt ihres Romans. Der Roman spielt heute in Riambel auf Mauritius. Hier lebt die fünfzehnjährige Noemie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. Noemie beschreibt sich selbst: »Ich bin die Urenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Unter der Dunkelheit meiner ebenholzfarbenen Haut liegt ein leicht heller Unterton. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die ihre Arbeiterinnen missbrauchten.« (S. 13). Sie lebt in einem Elendsviertel, die Erzählerin beschreibt es als »ein müllverseuchtes Ghetto, in dem alle hungern und ums Überleben kämpfen – selbst die Hunde.« (S. 16). Noemie geht zur Schule, unterstützt aber auch ihre Mutter, die im Haushalt der wohlhabenden Familie De Grandbourg arbeitet, sie sind weiß und bezeichnen sich als Frankomauritier. Als Zuckerplantagenbesitzer, Sklavenhändler und Fabrikbesitzer im vergangenen Jahrhundert sind sie reich geworden, weil sie das Volk von Mauritius ausgebeutet und missbraucht haben. Hier zitiert die Autorin die Professorin Vijaya Teelock, die an der Universität von Mauritius lehrt: »Trotzdem akzeptieren wir bis heute eine Version der Geschichte, in der die Zuckerproduktion als heldenhaftes Unterfangen dargestellt wird, das der gesamten Insel Wohlstand brachte. Es gibt aber eine andere Seite der »Geschichte«, die bislang nicht erzählt wurde.« (S. 9). Kehren wir zu Noemie zurück, denn sie erzählt genau diese Geschichte. Noemie ist fünfzehn, steht kurz vor dem Schulabschluss und träumt davon, »diesem elenden Kaff eines Tages zu entkommen.« (S. 139).

Sie verliebt sich in Alexandre, dem Sohn der reichen Frankomauritier, lässt sich mit ihm ein, wird schwanger, entschließt sich zur Abtreibung, bei der sie fast gestorben wäre. Körperlich überlebt sie, aber seelisch geht sie daran zugrunde. Und Alexandre? Der ist längst über alle Berge und heiratet seine reiche Cousine. Noemies Gedanken: »Nur weil ich weniger Glück im Leben hatte, bedeutet das nicht, dass ich deinen Respekt nicht verdiene.« (S. 133).
Was fasziniert mich an diesem Roman? Zu erfahren, wie Noemie unter postkolonialer Armut und patriarchaler Strukturen aufwächst, unter denen schon die Mutter und Großmutter aufgewachsen sind. Die Erzählerin zeigt uns, wie der Kolonialmus bis heute die Lebensverhältnisse prägt und das System der Ausbeutung bis heute nachhallt – vor allem bei den Frauen. D. h. Gegenwart kann nicht erzählt werden ohne die Vergangenheit. Denn Noemie wird heute von Alexandre, dem Sohn der reichen Frankomauritier missbraucht und die Erzählerin berichtet von Vergewaltigungen im vergangenen Jahrhundert. Der Patron hat sich ein zehnjähriges Mädchen ausgesucht. Stunden später kommt es zurück. »Sie trägt keine Kleidung am Körper. An ihrem Hals sind Blutergüsse in Form von Fingerabdrücken zu sehen. An ihren Hand- und Fußgelenken hat sie rote Ringe, als sei sie festgebunden worden. Sie wimmert wie ein verletztes Tier in der Dunkelheit. Das Zureiten eines jungen Pferdes, das Brechen seines Willens, um es seinem Herrn gefügig zu machen.« (S.32). Daher die Aufforderung der Erzählerin/der Ahnen an Noemie: »Die Vergangenheit ist deine Gegenwart, aber lass die Vergangenheit nicht deine Zukunft werden.« (S. 89).

Immer wieder geht es als um Privilegien, Ausbeutung, Herkunft, Missbrauch und globale Ungleichheit. Es gibt aber auch sehr schöne Momente in diesem Roman, wenn die Meereswellen beschrieben werden, die Gefühle, aber auch die Gerüche, denn immer wieder werden in die Erzählung typische Rezepte von Mauritius eingestreut, bei denen fast immer Curry, Maniok oder Koriander vorkommen – Rezepte weitergegeben über Generationen. Und immer wieder die Stimmen der Ahnen: »Noemie lass dich nicht von diesem Dreckloch gefangen nehmen. Lass nicht zu, dass es deine Seele stiehlt, wie es meine gestohlen hat. Lauf weg und blicke nie zurück. Geh! Weit weg von hier. Setze nie wieder einen Fuß in dieses verfluchte Dorf. Werde frei und lebe.« (S. 68). Kann sie das alleine schaffen?
Priya Hein hat für ihren Roman »Riambel« den Literaturpreis »Prix Jean Fanchette« erhalten, benannt nach dem mauritischen Verleger, Dichter und Psychoanalytiker Jean Fanchette.
»Auch wenn der Titel »Das schöne Lächeln von Riambel« anderes vermuten ließe, geht Priya Hein mit ihren lebendigen Worten dahin, wo es weh tut. Sie spart dabei nicht an schmerzlichen Beschreibungen davon, wie Begehren unter strukturellen Machtverhältnissen zur Lebensgefahr wird, und kommt dabei ohne Polemik aus. « Quelle https://www.queer.de/detail.php?article_id=54866
Zuletzt noch ein Satz von Noemie: »Ich lese, weil ich dadurch an Orte reisen und diese entdecken kann, von denen ich sonst nur träumen könnte. Ein Buch zu öffnen ist wie in einen Ozean einzutauchen, der verheißungsvoll schimmert.« (S. 39).
Dem ist nichts hinzuzufügen! Lesen!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Ausbeutung, Feminismus, globale Ungleichheit, Gutkind Verlag, Kolonialismus, Mauritius, Missbrauch, Priya Hein
