
Hrsg. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, Landesarbeitsgemeinschaft der bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten
» Spreeperlen, Berlin – Stadt der Frauen
| Autorin: | Hrsg. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, Landesarbeitsgemeinschaft der bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten |
| Titel: | Spreeperlen, Berlin – Stadt der Frauen |
| Ausgabe: | Mercedesdruck Berlin 2010 |
| Erstanden: | antiquarisch |

Wenn man in Berlin lebt, kann man allerhand Interessantes beobachten, wenn man mit der BVG oder S-Bahn fährt – Positives und Negatives. Aber mit dem pauschalen Draufhauen von außen auf Berlin wird man der Stadt nicht gerecht. Aber gerade ist das Berlin-Bashing »hip«. Dem möchte ich etwas entgegensetzen. Berlin ist eine Stadt, in der fast vier Millionen Menschen leben und ihren Alltag verbringen, arbeiten, essen, schlafen, mit Freunden und der Familie essen gehen, Kultur genießen oder auch mit dem Hund Gassi gehen. Auch die Berliner und Berlinerinnen wissen, dass einiges im Argen liegt. So wird diskutiert über die marode Infrastruktur, die kaputten Brücken; Bahnen und Busse, die immer wieder ausfallen und über die immer weiter steigenden Mieten. Wer wird sich das auf die Dauer leisten können?
Der Neurourbanistiker Prof. Dr. med. Mazda Adli kommt in seinem Buch »Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind« zu dem Ergebnis, dass Berlin es gut schaffe, Unterschiedlichkeiten auszuhalten. Und jetzt mal ehrlich, natürlich sei etwa eine Stadt wie Würzburg viel leichter zu verwalten als eine Multimillionenstadt. Berlin sei schon immer eine Stadt gewesen, die etwas dysfunktional getickt habe. Dann nennt er einen entscheidenden Punkt: »Die Leute stimmen am Ende mit ihrem Verhalten über Berlin ab. Nämlich damit, dass mehr Leute nach Berlin ziehen als von Berlin weg.« Die Berliner meckern und mosern gerne, leben aber immer noch in der Stadt. Und: Gerade das Unvollkommene mache Berlin durchaus auch attraktiv.

Ich möchte dem Berlin-Bashing eine weitere Aussage entgegenstellen, vorgestellt in diesem Buch: »Spreeperlen Berlin – Stadt der Frauen« hrsg. von der Landesarbeitsgemeinschaft der bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Berlins. Die Herausgeberinnen haben sich die Stadt aus der Perspektive der Frauen angesehen – mit feministischer Neugierde. Frauen sind und waren in der ganzen Stadt präsent und haben für Gleichberechtigung und Emanzipation gekämpft. Diese »Kämpfe der Frauen für politische Teilhabe, das Wahlrecht, die Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben, für Bildung und Arbeit stehen im Mittelpunkt unserer Geschichten – und stellen sich erstaunlich vielseitig dar.« (S. 5). Einzelne Episoden und Geschichten greife ich heraus, um nicht nur Frauen zum Berlinbesuch einzuladen.
Auch Hannah Höch lebte in Berlin, man kann ihr Künstlerhaus in Heiligensee besichtigen. Sie war die einzige Künstlerin, die 1920 an der Dada-Messe in Berlin beteiligt war. Sie hatte ein eigenes Atelier in Friedenau und arbeitete hier als Entwurfszeichnerin. Bekannt wurde sie aufgrund ihrer Collagen und Fotomontagen, in deren Vordergrund gesellschaftliche Themen stehen. So zeigt sie Frauen und ihr Dilemma zwischen Selbstbestimmung und Aussichtslosigkeit. Hier nachzulesen.
Auch Rosa Luxemburg kämpfte für die Selbstbestimmung der Frau. Sie war Mitbegründerin der KPD und lebte seit 1899 in Berlin. Am 15. Februar 1919 wurde sie von reaktionären Freikorps Soldaten, die von der SPD unterstützt wurden, ermordet und ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen. Sie kämpfte für die Freiheit, die sie auch als weibliche Freiheit verstand. Man kann ihrer gedenken unterhalb der Lichtensteinbrücke in Berlin Tiergarten.
Königinnen kann man auch besuchen im Schloss Schönhausen in Pankow oder »tollkühne Frauen in ihren fliegenden Kisten« in Berlin Johannisthal. Hier hat Hedwig Amalie Beese Ende des 19. Jahrhunderts ihren Traum verwirklicht: »Fliegen. Ich wollte fliegen lernen.« (34).
Wer kennt das Frauenzentrum EWA e.V.? Gegründet von engagierten Frauen nach der Wende in den Ostbezirken mit dem Ziel sich einzumischen, mitzugestalten und Platz einzufordern. In der Prenzlauer Allee ist das Zentrum zu finden.

Um der 20 000 bis 60 000 Trümmerfrauen zu gedenken, die nach Endes des 2. Weltkriegs, die Trümmer abtrugen und Schutt und Asche beseitigten, muss man in die Hasenheide fahren, nach Kreuzberg. Hier wurde diesen Frauen ein Denkmal errichtet. Oder wir fahren auf den Friedhof in der Stubenrauchstraße in Friedenau, um Marlene Dietrich zu gedenken. Oder wir besuchen den Jüdischen Friedhof in Weißensee, um die »Suppenlina«, Lina Morgenstern zu besuchen. Sie hat 1866 die erste Berliner Volksküche eröffnet. »Als leidenschaftliche Pazifistin bekämpfte sie den verhängnisvollen Weg von Militarismus und Chauvinismus und wurde damit auch zu einer Pionierin der Friedenspolitik.« Vielleicht kann man ihr ein paar Blumen aufs Grab legen, das wäre ein deutliches Zeichen in der heutigen Zeit.
Ihre Dissertation schrieb Alice Salomon (1872-1948) über die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit. Sie engagierte sich im Rahmen der Frauenbewegung. Für sie war Not nicht individuell verursacht, sondern Folge der Ausbeutung und der Klassentrennung. Die Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, die ihren Namen trägt, kann in Marzahn-Hellersdorf besucht werden.
Und zum Abschluss ein Besuch in der Schokoladenfabrik. »Ich will keine Schokolade. Ich will lieber die Fabrik.« (S. 222). Dieses Motto hatten vielleicht die Frauen aus der feministischen und autonomen Szene, die 1981 die leerstehende Schokoladenfabrik besetzten und hier ein Frauenzentrum gründeten. Auf nach Kreuzberg, hier haben die Frauen ihre Träume in die Realität umgesetzt.
Ich habe hier nur einige Vorschläge vorgestellt, um Berlin, die Stadt der Frauen, kennen zu lernen. Insgesamt werden im Buch ca. 100 Vorschläge gemacht! Das Buch ist so gut, dass es schon seit einiger Zeit vergriffen ist, also nur antiquarisch zu erhalten ist. Aber es geht auch einfacher: Beim AvivA Verlag kann man sich das Buch als PDF ansehen.
Fantastisch zum Stöbern und mindestens 100 Gründe zu finden, um Berlin zu mögen!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2025 rezensiert, Berlin, Berlin Rundgang, Berlinerinnen, Emanzipation, Feminismus, Frauenbewegung, Frauenperspektive, Gleichberechtigung, Landesarbeitsgemeinschaft der bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, Mercedesdruck, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen
