
Friedrich Wolf
» Zwei an der Grenze
| Autor: | Friedrich Wolf (Deutschland, 1942) |
| Titel: | Zwei an der Grenze |
| Ausgabe: | Aufbau Verlag, 1960 |
| Erstanden: | Antiquarisch, mit Hilfe eines Dresdener Sammlers |

Im letzten Jahr (2025) wäre der Sohn von Friedrich Wolf, der Filmregisseur Konrad Wolf, 100 Jahre geworden. Die Friedrich Wolf Gesellschaft in Lehnitz (nahe Oranienburg bzw. Berlin) geht darauf ausführlich ein, ebenso die Defa-Stiftung. Das hervorragende Buch von Wenzel/Vollmer zu »Konni« habe ich schon früher rezensiert.
Nun zur Rezension des vierten Werks von Friedrich Wolf in diesem Blog. Die Rahmenhandlung:? Etwa 1938 muss ein deutscher Arbeiter, Nazigegegner, in ein Nachbarland fliehen. Die Liebe zu einer jungen Frau aus kleinbäuerlichem Milieu verändert beide in nur 9 Monaten. Ihr Kind kommt zur Welt, das Paar lernt sich gegenseitig voll zu vertrauen. Und Lone wandelt sich von einer Streikignorantin zu einer bewussten Unterstützerin der Arbeiterbewegung.
Wolf versteht es, die bedrückende Atmosphäre dieser Zeit intensiv darzustellen, mit lebensnahen Gestalten zu füllen. Was bei den handelnden Personen beginnt: Da ist die »Löffel-Marie«,die Kleinbäuerin, die durch die Gegend zieht, um ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgeschnitzem Besteck aufzubessern. Ihr Sohn ist seinerzeit im deutschen Nachbarland von der SS getötet worden. Sie nimmt den deutschen Arbeiter Hans auf, der an der Grenze durch einen Schuss ins Bein verwundet worden ist. Zu seinem Schutz wird er in der Emigration zum Kleinbauern Wenzel, er nimmt die Identität des ausgewanderten Schwagers Wenzel Langer an. Weiter ist da die Tochter der Löffel-Marie, die Loni, die in einer nahe gelegenen Textilfabrik in Lohn steht. Dann ist da »Stummel«, ein Holzarbeiter, dem Finger fehlen. Und der sich so gut in der Gegend auskennt, dass er Leute illegal über die Grenze bringt. Dann der verfressende Ortswachmeister Josef Wirrba, wegen seiner zahlreichen Weibergeschichten »der keusche Josef« genannt. Der ist der Löffel-Marie verpflichtet, weil er reichlich Taler bekommen hat, um gegen den Mörder ihres Sohns zu ermitteln und für einen Gedenkstein an den Sohn. Das Geld hat er aber im Wesentlichen durch die Gurgel gejagt. Dann der Medizin-Hökerer und Wundermittelvertreiber Arno Elster. Der der unwissenden Landbevökerung mit seinen Mittelchen den Arzt ersetzt. An seinen Pflastern und Binden prächtig verdient. Und sich am Ende als Gestapo-Mitarbeiter entpuppt. Wolf war diese Figur wichtig, weil er ihm aus seiner eigenen Praxis als echter Landarzt und Naturheilkundler bestens bekannt war. Der windige Herr bringt gleichzeitig Komik und Gerissenheit ins Geschehen. Die Löffel-Marie wird zu seiner Verkäuferin auf ihren Touren durchs Land.

Hans der Flüchtling, überlegt: Nie wieder zurück, zurück in das Land der ersten Worte, der ersten Liebe? Er schwärmt mit vielen Sätzen von der Schönheit seines Landes, der Natur, der Botanik. Loni, der Tochter der Löffel-Marie, gefällt er, sie genießt seine Nähe und Wärme und auch als Ersatz für ihren von den Nazis umgebrachten Bruder. Diese plötzliche »Nähe« fand ich dramaturgisch verständlich, aber real doch übertrieben schnell.
Dabei gab es den großen Konflikt in der Familie der Kleinbäuerin, einer ihrer Brüder war für die Nazis, der andere wurde von ihnen umgebracht. Wolf macht deutlich, dass Zu- bzw. Abneigung betreffs der Nazis absolut gesetzt waren, etwas dazwischen gibt es nicht.
Der flüchtige Hans ist erstmal lahm gelegt, er heißt ja hier Wenzel, hat keine Arbeit, kein politisches Engagement, keine Geborgenheit unter (politischen) Freunden. Als er es ohne etwas zu tun, einfach nicht mehr aushält, hilft er einfach auf einem Hof einer Entlade-Kolonne. Wird aber verjagt und mit der Polizei bedroht. Er ist »ein überflüssiger Mensch«, was jeden Arbeitslosen so entsetzlich nervt. Aber nicht nur das: »Die Furcht vor einander, das Mißtrauen zwischen Mensch und Mensch macht jeden vor dem andern zum Pestkranken.« – bringt Wolf die Stimmung im Nazireich auf den Punkt. Das ist eine der großen Vorzüge des Schriftstellers, das Atmosphärische, die Stimmung unter den Menschen damals so genau herüber bringen zu können. Bei dem »überflüssigen« Hans geht das bis zu einer Mutprobe, die schon einen halben Selbstmordversuch darstellt.
Seine Situation bessert sich etwas, als er bei einem Kinderarzt eine Stellung als »Mädchen für alles« findet. Der hat ihn angestellt, weil er die meisten Deutschen nicht mehr erträgt. Insbesondere »… Euer Oberhäuptling, ein Musterexemplar, ganz Kehlkopf, die Bürste unter der Nase ist der Akzent zu dem Lautsprecher darunter …«. Allein diese Anstellung bedeutet für ihn ein anderes Leben, Kommunikation mit Kollegen, Freude an der Arbeit, Selbstbewusstsein. Wolf weiß schließlich, was Flucht und Migration bedeutet.
Angenehm zu lesen, wie der Flüchtling Wenzel und die Kleinbauerntochter sich Stück für Stück annähern, auch wenn die ehemalige Freundin Anni aus Hans/Wenzels altem Leben nicht gleich aus dem Bewußtsein verschwindet. Schließlich reißen die Dämme der beiden jungen Leute. » … mit wildem bäuerlichen Griff reisst sie ihn an sich … alle Zartheiten und Derbheiten des jungen gesunden Weibes läßt sie ihn spüren … « Und danach: » … diese dunkle tiefe Ruhe. Diese unsagbare Entspannung nach den quälenden Wochen … «.

Der Beischlaf mit Loni sorgt für Entspannung, auch wenn ihn das Heimweh entsetzlich quält, ein Umstand, der in vielen Berichten von Migrationsschicksalen eine Rolle spielt. Ob Wolf hier an sein eigenes Leben im Exil denkt?
Vieles sträubt sich in dem Arbeiter Hans gegen die kleinbäuerliche Existenz seiner Zuflucht. Als er aber erst das Melken von der Loni gelernt hat, ist er stolz darauf. Trotzdem will er nicht als »Ziegenzüchter« gelten. Konflikte entstehen, weil Loni das große Interesse von Hans an Lektüre nicht versteht. Seine auch nächtliche Lektüre des Romans von Maxim Gorki, »Die Mutter« weckt bei ihr geradezu Eifersucht. Auch auf die Arbeiterin Wanda, die den Streik mit ausgelöst hat, reagiert sie sofort und heftig eifersüchtig. Da diese Eifersucht lange eine große Rolle im Roman spielt, hab ich mich gefragt, ob das an einer Projektion aus Wolfs eigenem Leben liegen könnte? Denn der Autor hat bekanntlich kaum monogam gelebt …
In sehr schönen Abschnitten erklärt Loni, wie sie auf das »dumme Buch«, das Hans so beständig liest, eifersüchtig ist. Und warum diese Eifersucht auch der Streikführerin Wanda gilt. Und Hans erklärt ihr, worum es bei der »Mutter« geht, wie eine alternde Mutter aus der Liebe zu ihrem Kind lernt, eine Streikbewegung zu unterstützen. Während sie, Loni, sich beim Protest ihrer Kolleginnen davon gemacht hätte. Stück für Stück führt der Roman die Loni an die Lektüre der »Mutter« heran, sicher auch, weil sie Loni, inzwischen selbst zur werdenden Mutter geworden ist.
Ein wichtiger Schauplatz des Romans ist die nahe gelegene Textilfabrik. Sie ist auch durch die Aufrüstung in dieser Zeit gut gehend. Lieferungen fürs Militär verschaffen ihr eine Hochkunkonjunktur. Die Auseinandersetzungen zwischen Fabrikbesitzern, ihren leitenden Mitarbeitern und der Belegschaft werden zu einem wichtigen Handlungsstrang des Buchs. Und zu einem prägenden Element in der Entwicklung der Kleinbäuerin Loni, der Entwicklung ihres politischen Bewusstseins. Das beginnt mit einem spontanen Streik gegen die ungerechtfertigte Maßregelung einer Kollegin. Dazu gehören Gespräche mit ihrem Hans über das Buch, den Streik, die Kolleginnen, warum Hans Nachsicht mit dem armen »Hoppfuss« übt. Die die Loni aber auch Stück für Stück aus ihrer dumpfen Unwissenheit ihrer Existenz bewegen.
Auch die Fabrikleitung stellt Wolf differenziert dar, incl. des Enkels, der als lebensfroher Student sich ein Hausmädchen (Steffi) als Geliebte hält, sie schwängert und zur Abtreibung bewegt. Darfür soll eine Hebamme genügen, woraufhin die kräftige Wanda dem jungen Schnösel eine solche Abreibung verpasst, dass er sich schleunigst um einen Arzt kümmert.
Zwar soll Steffi im Auftrag der Chefin »die Roten« überwachen. Aber im Laufe des Romans wird sie, aus ihrem eigenen Schicksal heraus, zur engen Verbündeten der aufmüpfigen Arbeiterinnen der Fabrik. Die Büttel der Fabrikleitung, incl. eines SS-Anhängers unter den Arbeitern, sabotieren die Maschine der Wanda, die als Aufwieglerin verdächtigt wird. Deren so provozierte Entlassung stachelt die solidarischen Arbeiterinnen erst richtig an. Sie sind ohnehin aktiv dabei, für die Spanier zu sammeln, die gerade im Kampf gegen die putschenden Rechten in Spanien sind. Die Wanda wiederum genießt die Gespräche mit dem erfahrenen und belesenen Hans. »Es war für sie ein seltener Genuß, einmal mit einem Mann zusammen zu sein, der es nicht gleich auf ihren Busen und ihre Arme abgesehen, der sie wie einen Menschen behandelt, wie eine Person … mit der man diskutiert und sich unterhalten kann.« In Loni schürt das leider wieder die Eifersucht. Aber nach vielen Eifersuchtsqualen, will sie ihrem Hans wieder näher kommen und beginnt ernsthaft sein Buch »Die Mutter« von Gorki zu lesen.

Als Wanda auch wegen des Mordes am Hetterl schier zu resignieren droht, hält Hans eine überzeugende Rede, warum man nicht resignieren sollte. Und verweist Wanda auch auf Gorkis Roman, lies ihn!
Im Ort ist eine Art völkischer Turnerbund aktiv, national und den Nazis nahe. Der hetzt die Werksbelegschaft auf, so das der inzwischen entlassene Hoppfuss seine Kleidung nicht aus der Fabrik abholen kann. Was zum Tumult führt, in dem einem Beteiligten ein Auge ausgestochen wird. Als daraufhin 2 Arbeiter entlassen werden, kommt es zum Streik. Die Stimmung wird stark aufgeheizt durch den Turnerbund, auf dessen Versammlungen wird gegen alles »rote und bolschewistische« gehetzt. Auf einer Streikversammlung wird die Einigkeit beschworen, Unsicherheit aber herrscht, was bei der Streikfortsetzung oder -zuspitzung passiert. Da wird die Versammlung von Schüssen überfallen, der Wirt am Arm verletzt. Niemand versteht, warum Hans es ablehnt, auf Streikposten zu ziehen. Nur Loni, die inzwischen gelernt hat, zu verstehen, wie wichtig dem Hans die Ziele seiner illegalen Arbeit sind. Das Vertrauen zwischen beiden ist gewachsen.
Die Sache eskaliert, der Franz, Spezi der Wanda wird nächtens auf Streikposten erschossen. Das aber bringt einige im Turnerbund zum Nachdenken. Einer gesteht sogar, dass die Maschine der Wanda seinerzeit wegen ihres Engagement für die Kolleginnen bewusst sabotiert worden ist. Sie wiederum weint um den toten Franz, mit dem sie liiert war. Das führt zu einer Aussprache mit der Loni, die beiden Frauen verstehen sich endlich.
Bei der Vorbereitung des Trauerzugs für die Beerdigung des Franz stellen sich die Beteiligten die uralte Frage der Arbeiterbewegung: Wann sieht man endlich den Nutzen der Opfer? Wolf sagt dazu, den sieht man schon in der Veränderung der Menschen wie Wanda und der Loni. Und die beiden Frauen, die sich nun immer besser verstehen, entwickeln gemeinsam den Plan, den Beerdigungszug für Franz durch das Tönen aller Sirenen der Gegend zu begleiten. Wozu ihnen wiederum die Steffi, als Dienstmädchen bei den Fabrikbesitzern, hilft. Statt die »Roten« aus zuhorchen, hilft sie ihnen, sie hat ihren Platz bei ihnen gefunden.
Die Sprache des Buchs zeigt, es soll einfache Menschen anprechen, nicht unbedingt den grübelnden Intellektuellen. Der Eros als Triebkraft spielt in dem Roman eine große Rolle. Es gibt viele schöne Szenen im Buch, die zeigen, das Wolf das Milieu kennt, worüber er schreibt. Das gilt für das gemeinschaftliche Singen der Textilarbeiterinnen. Oder die Kunst des Kartoffelpuffer bratens, die eine von Eifersucht geplagte Loni dem Hans eigtentlich lieber an den Kopf werfen würde. Oder die Gespräche unter den Textikarbeiterinnen, besonders zwischen Loni und Wanda, aber auch unter den männlichen Kollegen.
Der Wandel der Ansichten der Kleinbäuerin Loni, der sich in genau dem Zeitraum ihrer Schwangerschaft vollzieht, ist von Friedrich Wolf glaubhaft entwickelt und glaubhaft dargestellt. Was man auch an der gemeinsamen Planung von Loni und Wanda für den demonstrativen Beerdigungszug für den Franz zeigt. Bemerkenswert, wie Wolf die Aktivitäten der Frauen (Loni, Wanda, Steffi) der örtlichen Arbeiterbewegung an die Spitze stellt. Das Paar Loni und Wenzel findet durch das gemeinsame Erleben zu einem tiefen gegenseitigen Verständnis, was weit über die erotische Anziehung hinaus trägt. Und hoffentlich auch in der Zeit der geplanten Rückkehr des Hans zur illegalen Widerstandsarbeit in Deutschland. Aus heutiger Sicht mag manches etwas pathetisch klingen, an Agitprop erinnern. Dennoch ist es ein realer Ausschnitt aus einer furchtbaren Zeit. Für die Friedrich Wolf daran erinnert, dass es die Menschlichkeit, die Fürsorge und das Gemeinsame sind, was gegenüber der Unmenschlichkeit des Kapitals und der Nazis trägt. Geschickt eingebaut hat er die Hinweise auf hilfreiche Literatur, wie »Die Mutter« von Gorki. Deren Beispiel den jungen Leuten Kraft gibt. Und Wolf zeigt, wie Solidarität unter den Menschen helfen kann, auch in finsteren Zeiten.
Gut lesbares historisches Zeugnis.
Nachtrag: Die Links zu den drei anderen Rezensionen von Romanen von Friedrich Wolf finden Sie hier:
Eine gute Übersicht über das Werk von Friedrich Wolf erhält man bei der Edition Digital des Pekrul-Verlags.
In der Edition Digital erhält man sämtliche Werke von F. Wolf als E-Book in verschiedenen Formaten. Da der Verlag von Gisela Pekrul aus Goden b. Pinnow in Mecklenburg-Vorpommern sich auf DDR-Literatur spezialisiert hat, ist er eine wahre Fundgrube für Bücher aus dem damals anderen Deutschland. Die Edition ist betreffs der Werke von Friedrich Wolf sogar umfassender als die Werkausgabe des Aufbau Verlages. Ein »Chapeau« an Frau Pekrul für diese Leistung und umfassende Arbeit!
2026 rezensiert, Antifaschismus, Arbeiterbewegung, Friedrich Wolf, Nazizeit
