
Ásta Sigurðardóttir
» Streichhölzer
| Autorin: | Ásta Sigurðardóttir |
| Titel: | Streichhölzer |
| Übersetzerin: | Tina Flecken |
| Ausgabe: | Guggolz Verlag Berlin, 2025 |
| Erstanden: | Veranstaltung: Kleine Verlage am Großen Wannsee |
Ich lese viel skandinavische Literatur, gerade die von Frauen geschriebene, aber der Erzählband »Streichhölzer« von Ásta Sigurðardóttir hat mich sehr beeindruckt und auch berührt. Man muss sicher eine sehr enge Verbindung herstellen zwischen dem, was sie geschrieben und auch selbst erlebt hat. Hier eine kurze Biografie: Geboren wurde sie im Westen Islands, lebte ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Zunächst bekam sie keine Schulbildung, erst als sie mit 14 Jahren nach Reykjaík zog und hier ihr Abitur machte. Ungewöhnlich für ein Mädchen vom Lande, aber noch ungewöhnlicher ihr extravagantes Auftreten nach dem Vorbild der amerikanischen Filmstars. Ásta begann zu trinken wurde schwanger, gab ihrer Mutter das Kind, wurde wieder schwanger, doch der Vater des Kindes drängte zur Abtreibung. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Aktmodell. Ihre Lebenssituation war immer problematisch. Sie heiratete zweimal, brachte weitere fünf Kinder zur Welt, aber war dem Alkohol verfallen. Ásta starb 1971 an den Folgen des jahrelangen Alkoholkonsums im Alter von 41 Jahren. Was dürften also ihre Themen sein? Außenseiter, Randgruppen, Alkoholkonsum, Abtreibung, Kritik gängiger Moralvorstellung und Unterdrückung der Frau auf allen Ebenen.
Schon in der ersten Erzählung aus dem Jahr 1951 »Sonntagabend bis Montagmorgen« gibt sie den Ton an! Die Autorin gibt der fiktiven weiblichen Person den Namen Ásta und verortet sich damit selbst in dieser Erzählung. Sie ist auf einer Party in einem gutbürgerlichen Haus, ist nicht eingeladen, flirtet aber heftig mit den anwesenden Männern. Als sie betrunken zu aufdringlich wird, wird sie hinausgeworfen. »Wenn jemand darauf geachtet hätte, wie die Frauen mich musterten, kurz bevor ich ging, wie sie sich Blicke zuwarfen, als sie an mir vorbeikamen, hätte er daraus geschlossen: Da ist sie, die Schuldige, die Hure.« (S. 5). Ásta irrt betrunken durch die Nacht, bis ein älterer, beleibter Mann sie mit nach Hause nimmt, ihr noch mehr Alkohol gibt und versucht sie zu vergewaltigen. Sie stößt einen furchtbaren Schrei aus, aus dem tiefsten Grund ihrer Seele und kann entkommen. »Isländische Feministinnen haben diese berühmte Erzählung als erste isländische #Me-Too-Geschichte bezeichnet.« (S. 210). Das betont Dagný Kristjánsdóttir in ihrem sehr fundierten Nachwort.

Frauen stehen immer wieder im Vordergrund ihrer Erzählungen, arme, schwangere, zur Abtreibung gezwungene. Frauen, abhängig von den Männern, die eine ungeheure Gewalt ausüben, auch ihren Kindern gegenüber. Ásta Sigurðardóttir behandelt damit Tabuthemen, »über die in den 1950er Jahren nicht gesprochen werden durfte.« (S. 221). Sie wollte nicht akzeptieren, dass ihr die Gesellschaft als Frau Grenzen setzte, die die Männer nicht hatten. Sie führte ein ausschweifendes Leben, wurde dafür kritisiert, aber sie wollte sich nicht verstecken.
In der Erzählung »Der Traum« erfährt man nicht sofort, warum eine Frau betrunken und weinend durch die Straße läuft. Die Leute beschimpfen und verurteilen sie. Warum? Sie ist unverheiratet schwanger geworden und hat abgetrieben. »Wollten die Leute mich immer noch hassen? Wussten sie denn nicht, dass es nichts mehr brachte, mich weiterhin zu verstoßen, dass das Kind nicht mehr in mir war, dass es tot war – dass der kleine Leichnam meines wundervollen Kindes scheußlich zerstückelt in einer schwarzen Mülltonne lag?« (S. 44). Geht es noch drastischer? Grausam, wie Menschen miteinander umgehen, auf andere herabsehen und sich zum Richter aufschwingen.
Noch eine dritte Erzählung. Eine Frau hat ihr Kind zur Adoption freigegeben und nun schaut sie in jeden Kinderwagen. In der Erzählung »In welchem Wagen« werden die Gefühle der Mutter deutlich. »Man versucht sich in den Schädel zu hämmern, dass man kein Kind mehr hat … Hat man vielleicht nie ein Kind bekommen? Doch. Man hat sein Kind zur Welt gebracht, hat sich vor Schmerzen gewunden und geschrien … « (S. 78). Aber die Protagonistin gibt nicht auf, vielleicht findet sie ihr Kind in einem Kinderwagen – »aber in welchem?« (S. 79).
Ásta Sigurðardóttir hat Erzählungen geschrieben, die kaum einen menschlichen Abgrund auslassen. Gescheiterte, Arme, Verlorene, Leid geprüfte stehen im Vordergrund. Diese Figuren bringt sie uns nahe, ohne sie zu verurteilen. »Trotzdem deckt sie gnadenlos soziale Widersprüche auf, prangert alle Formen von Gewalt an, besonders gegen Frauen, ob psychisch, ob physisch. Sie ist bei den Schwachen, den Geschlagenen, den Opfern.« Quelle

Auch sprachlich beeindruckt die Autorin mich, in ihrer Erzählung regnet es nicht nur, sondern: »Der graue Asphalt glänzte regennass in der Abendsonne, die Pfützen warfen Lichtspeere in alle Richtungen. Regentropfen rieselten herab, saugten das Licht auf und trudelten zur Erde wie dem Tode geweihte Nachtfalter.« (S. 20). Grausamkeiten, die sie beschreibt, werden manchmal nicht direkt benannt, sondern liegen zwischen den Zeilen und werden dadurch noch grausamer. Sie stellt das Helle neben das Dunkle so wie in ihren Linolschnitten, die gekennzeichnet sind von einem starken Gegensatz von Licht und Schatten.
Heute sind ihre Erzählungen noch genauso lesenswert wie 1950!
Beeindruckend!
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Margret Hövermann-Mittelhaus

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