Zum Hauptinhalt springen
Louise-Michel-Bild1

Flo­rence Hervé (Hrsg)
» Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution

Autorin:Flo­rence Hervé (Hrsg.)
Titel:Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution
Aus­gabe:Karl Dietz Ver­lag, Ber­lin 2021
Erstan­den:von mei­nem Sohn und sei­ner Partnerin

Louise-Michel-Bild1Den Street­art-Künst­ler Ban­sky ken­nen heute viele, aber wer weiß, dass er ein See­not­ret­tungs­schiff für die Hilfs­or­ga­ni­sa­tion Sea Watch unter dem Namen »Louise Michel« finan­zierte und damit Flücht­linge auf dem Mit­tel­meer geret­tet hat? Nach ihr sind Stra­ßen und Schu­len in Frank­reich benannt. Füh­run­gen über ihr Leben zäh­len zu den am häu­figs­ten gebuch­ten Pari­ser Frau­en­tou­ren und die Aca­dè­mie de Paris emp­fiehlt ihre Bio­gra­fie für den Schulunterricht.

Wer war Louise Michel?

Flo­rence Hervé stellt uns diese fran­zö­si­sche Anar­chis­tin in ihrem Buch »Louise Michel oder: Die Liebe zur Revo­lu­tion« vor. Louise Michel wird als Revo­lu­tio­nä­rin beschrie­ben, wie sie agiert hat wäh­rend der Pari­ser Com­mune, die als ein von Frauen gestal­te­tes sozia­lis­ti­sches Expe­ri­ment betrach­tet wer­den kann. Wir ler­nen die Lebens­ge­schichte von Louise Michel ken­nen, 1830 gebo­ren, als außer­ehe­li­che Toch­ter eines Dienst­mäd­chens wird sie von den Herr­schaf­ten Demahis erzo­gen und wächst hier glück­lich auf. Nach dem Tod der Herr­schaf­ten zieht sie nach Lagny an der Marne. Hier beginnt ihre poli­ti­sche und künst­le­ri­sche Ent­wick­lung, denn Louise Michel war auch Schrift­stel­le­rin, hat Gedichte geschrie­ben und stand in Brief­kon­takt mit Vic­tor Hugo. In Lagny besucht sie ein Leh­re­rin­nen­se­mi­nar, macht ihren Diplom­ab­schluss und grün­det in Aude­lon­court, eine Schule, in der sie ihre eige­nen päd­ago­gi­schen Prin­zi­pien ver­tritt. Sie betont, dass Mäd­chen und Jun­gen gleich erzo­gen wer­den soll­ten: »Ich habe nie begrif­fen, dass man die Intel­li­genz des einen Geschlechts so zu ver­krüp­peln ver­sucht, als gäbe es zu viel davon in der Mensch­heit. Die Mäd­chen wer­den in Ein­falt erzo­gen und absicht­lich ent­waff­net, damit man sie bes­ser betrü­gen kann.« (S. 14). So kämpft sie auch für glei­che Löhne und glei­che Bil­dung mit dem Slo­gan: »Bit­ten wir also nicht um unsere Rechte, neh­men wir sie uns.« (S. 15).

Wir ler­nen sie als unbeug­same Frau ken­nen, die zu den Frauen der Pari­ser Com­mune gehört und über die Clara Zet­kin schreibt, dass es gerade die Frauen waren, die sich mas­sen­haft an die­ser revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung betei­lig­ten. (S. 22). 1871 mar­schie­ren Ver­sailler Trup­pen in Paris ein, um die Pari­ser Com­mune zu bekämp­fen, wie­der sind es die Frauen, die sich weh­ren und Louise Michel redet auf die Geschütz­füh­rer ein: »Wollt ihr denn auf eure Brü­der, unsere Män­ner und unsere Kin­der schie­ßen?« (S. 23). Die Sol­da­ten legen tat­säch­lich die Waf­fen nie­der. Aber nach 72 Tagen der Com­mune müs­sen die Frauen sich geschla­gen geben, sie füh­len sich aber nicht besiegt.

Louise-Michel-Bild2
Banksy — M.V. Louise Michel (detail) | Quelle

An die­sem Auf­stand haben haupt­säch­lich Frauen aus der Arbei­ter­schaft teil­ge­nom­men, ihre Anfüh­re­rin­nen waren Leh­re­rin­nen oder Jour­na­lis­tin­nen. Was ver­band diese Frauen? Der Wunsch nach einer geschlech­ter­ge­rech­ten Gesell­schaft und die Liebe zur Frei­heit und zur Revo­lu­tion. Und die bis heute bekann­teste Kom­mu­nar­din ist die Leh­re­rin und Schrift­stel­le­rin Louise Michel.

Wie reagierte die Öffent­lich­keit, die Presse oder bekannte Per­sön­lich­kei­ten? Für den Jour­na­lis­ten Maxime du Camp sind die Kom­mu­nar­din­nen »böse und feige«, beseelt von einer ein­zi­gen Absicht, »sich über den Mann zu erhe­ben …« (S. 20). Der Dich­ter Leconte de Lisle beschreibt die Frauen als »namen­lose Furien« und »toll­wü­tige Tiere« (S. 21). Der His­to­ri­ker Pro­sper Lis­sa­ga­ray beglei­tete die Frauen der Pari­ser Com­mune und kommt zu dem Ergeb­nis: »Die Frauen vom 18. März waren durch die Bela­ge­rung gestählt. Sie hat­ten die dop­pelte Last des Elends getra­gen und … war­te­ten nicht auf ihre Män­ner.« (S. 22). Und der Sozia­list Auguste Blan­qui stellt fest, »dass es die Frauen sind, die an der Spitze der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung ste­hen.« (S. 22).

Louise-Michel-Bild3
Expo­si­tion La Com­mune de Paris à l’Hôtel de Ville de Paris (18 mars – 28 mai 2011) – Bar­ri­cade de la Place Blan­che, défen­due par des femmes pen­dant la semaine san­glante – Litho­gra­phie – Musée Car­na­va­let | Quelle

Louise Michel wird wie viele andere vor Gericht gestellt, wird aber nicht zum Tode ver­ur­teilt, son­dern in die lebens­lange Ver­ban­nung nach Neu­ka­le­do­nien geschickt. Vier Monate muss sie ein­ge­sperrt in einen Käfig auf See ver­brin­gen. In Neu­ka­le­do­nien beginnt sie zu unter­rich­ten, will die Spra­che der Urein­woh­ner ler­nen und erstellt ein Wör­ter­buch der Spra­che der Kana­ken. 1878 begin­nen die Kana­ken einen Auf­stand gegen die Kolo­ni­al­her­ren, den Louise Michel unter­stützt, der aber blu­tig nie­der­ge­schla­gen wird.

Monate spä­ter erhält sie das Ange­bot, begna­digt zu wer­den, die­ses lehnt sie aber ab. Ent­we­der sol­len alle Depor­tier­ten amnes­tiert wer­den oder sie bleibt. Als 1880 alle Depor­tier­ten begna­digt wer­den, macht sie sich auf den Weg zurück nach Frank­reich und sagt über sich selbst: »Viel­leicht stimmt es, dass Frauen den Auf­stand lie­ben. Wir sind nicht bes­ser als die Män­ner, aber uns hat die Macht noch nicht kor­rum­piert.« (S. 45). Zurück in Frank­reich macht sie sich stark für Frau­en­rechte, unter­stützt Streiks und beju­belt die Revo­lu­tion in Russ­land 1904. Stän­dig ist sie unter­wegs, hält Vor­träge und Reden, auch in Alge­rien. Ihre Reise nach Süd­frank­reich ist ihre letzte, sie bekommt eine Lun­gen­ent­zün­dung und stirbt am 9. Januar 1905, bei­gesetzt wird sie am 22. Januar in Paris und 100.000 Men­schen fol­gen ihrem Sarg.

Flo­rence Hervé cha­rak­te­ri­siert Louise Michel gleich zu Beginn ihrer Aus­füh­run­gen: »Sie gilt als Sym­bol­fi­gur der Pari­ser Com­mune. Die Revo­lu­tio­nä­rin Louise Michel prägte die Geschichte Frank­reichs und die Ent­wick­lung des sozia­lis­ti­schen Femi­nis­mus.« (S. 9). Und die Presse urteilt: »Das Buch bringt uns eine Frau der Geschichte näher. Es ist ein span­nen­der Anstoß, sich ange­sichts drän­gen­der gesell­schaft­li­cher Fra­gen zu einer lebens­wer­ten Zukunft mit den uto­pi­schen Dimen­sio­nen der Ver­gan­gen­heit zu befas­sen.« Quelle Uta C. Schmidt, Jour­nal Netz­werk Frauen- und Geschlech­ter­for­schung NRW Nr.48/2021.

Louise-Michel-Bild4
Demons­tra­tion 2021 zum Geden­ken an 150 Jahre Pari­ser Com­mune. Auf drei roten Pla­ka­ten sind die Bild­nisse Louise Michels und zweier Män­ner zu sehen. © Paola Breizh | Quelle

Da gibt es für mich nichts mehr zu ergänzen!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Feminismus, Florence Hervé, Frauenrechte, Karl Dietz Verlag, Neukaledonien, Pariser Commune, sozialistische Revolution, Verbannung