
Sosuke Natsukawa
» Die Katze, die von Büchern träumte
| Autor: | Sosuke Natsukawa (Japan, 2017) |
| Titel: | Die Katze, die von Büchern träumte |
| Ausgabe: | C. Bertelsmann, 2022, 3. Auflage |
| Übersetzung: | Sabine Mangold |
| Erstanden: | ein Weihnachtgeschenk |

Ich liebe Bücher und ich liebe Katzen! Ein passenderes Buch hätte man mir also kaum schenken können. Das beinhaltet eine wahrlich magische Geschichte über den Sinn von Büchern und des Lesens. Aber auch wodurch diese Kultur bedroht ist, was man für sie tun kann. Und dass man – vielleicht – eine Katze braucht, um Hintergründe zu entschlüsseln. Sosuke Natsukawa verpackt das in einen Roman, der in seiner magisch versponnenen Erzählung stimmungsmäßig an »Die unendliche Geschichte« von Michael Ende erinnert hat. Auch beim Bücher liebenden Kater lernt man viel geradezu Philosophisches: »Bücher lesen, ist wie Berge besteigen«. Genau dieses Gefühl habe ich oft beim Lesen. Und fühle mich mit dem Buch erst wohl, wenn ich die »Route« und das Ziel erkennen kann.
Der Handlungs-Rahmen wird hier gesetzt mit dem Antiquariat, das dem Großvater von Rintaro Natsuki gehört. Rintaro, Oberschüler, blass, unscheinbar, ist bei seinem Opa aufgewachsen. Das Antiquariat ist für ihn, die Leseratte, der Ort seiner Existenz, seines Lebens. Umso härter trifft den pubertierenden Jungen, der friedliche aber plötzliche Tod des Großvaters. Schon kündigt sich eine entfernte Tante an, bei der er fortan leben soll. In wenigen Tagen will sie Rintaro abholen, damit er zukünftig bei ihr leben kann. Erst aber beginnt der Junge im Buchladen zu leben, in die Schule geht er nicht mehr. Mit der Außenwelt verbinden ihn noch zwei Mitschüler. Ryota, der den Laden öfter aufsucht, um einige der dort vorhandenen wertvollen Bücher zu kaufen. Und die bildhübsche Sayo, Vertrauensschülerin, die den Auftrag hat, sich um Rintaro zu kümmern. Ihm Lehrstoff und Aufgaben zu bringen, damit er trotz schulischer Abwesenheit den Kontakt behält und im Stoff bleiben kann. Sie ist auch die realistische Stimme der Vernunft, die den Träumer Rintaro an die Außenwelt erinnert. Sayo nimmt ihren Auftrag, sich um Rintaro zu kümmern, sehr ernst. Und wird so zur Mitstreiterin bei den folgenden Buch- und Bücherei Abenteuern.
Die beginnen damit, dass ein großer, wohlgenährter Kater in der Buchhandlung auftaucht. Der allerdings sprechen kann und wie! Sogar ziemlich unverschämt, obwohl er Rintaro hilft, die Bücherwelt zu verstehen, sich besser in ihr zu bewegen und aus den nun folgenden 3 Labyrinthen zu führen, die sich magisch in der ins Unendliche verlängerten Buchhandlung auftun. Gemeinsam müssen die drei, Rintaro, der Kater (der kluge Ratschläge geben kann) und Sayo die Menschen, die in drei Labyrinthen der Buchwelt eingesperrt sind, befreien.
Im ersten Labyrinth geht es darum, Bücher nicht einzusperren, d.h. mit der Menge der gelesenen Bücher zu protzen. Und mit (Viel-)lesen, nicht den Bezug zur Realität zu verlieren. Das zweite Labyrinth bedeutet möglichst effektiv lesen zu wollen, Bücher auf eine nichtssagende Essenz zu verkürzen. »Das Schneller-Lesen, von Zusammenfassungen, was den Büchern die Seele raubt.«. Also genau das, was derzeit bei Elon Musk mit Hilfe der KI geschieht. Dabei hat jedes Buch eine Seele, die so verloren geht.
Im dritten Labyrinth sind es die Verlage, für die Bücher nur Konsumartikel darstellen, die verkauft werden müssen. Wogegen auch das Antiquariat des Großvaters steht. Wo man noch echte literarische Schätze findet, die nicht der Priorität des »kann man das verkaufen?« untergeordnet sind.
An dieser Stelle lohnt es sich einzuflechten, dass nicht jeder die Bücherkatze von Rintaro sehen kann. »Mich können nur Menschen wahrnehmen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen … Es ist eine Veranlagung, sich in andere hinein versetzen zu können, ihre Sorgen und ihr Leid zu teilen, sie ein Stück ihres manchmal auch kummervollen Weges zu begleiten.« Keine besondere Veranlagung, die aber viele in der Hektik des Alltags verloren haben, oder weil sie mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Diese schöne Philosophie scheint mir ein Kern des Anliegens zu sein, das der Autor mit seinem Buch vertritt.

Das vierte Labyrinth, das schwerste, muss der Junge ohne den Kater bestehen, der darf dieses Labyrinth nicht betreten. Außerdem muss er seine entführte Klassenkameradin Sayo retten. Hier, im vierten Labyrinth, trifft er auf insolvente Buchmenschen, die nur stur seinen Ratschlägen aus den ersten drei Labyrinthen gefolgt sind. Rintaro muss nun erklären, woraus denn die Macht der Bücher bestehen soll – sonst muss er in der schwarzen Höhle dieses Labyrinths bleiben. Man hofft nämlich, er könne erklären, »wie man die verlorene, vergessene Kraft der Bücher wiedergewinnen könnte.«
Seine Antworten: »Vielleicht lehren uns die Bücher schlichtweg Mitgefühl für andere Menschen. … Aber durch das Lesen von Büchern begreift man, … dass man nicht allein auf der Welt existiert.« Und mit aller Kraft erklärt er: »Sein Herz für Mitmenschen zu öffnen, ist meiner Meinung nach das, was die Macht von Büchern ausmacht.«
Und er ruft laut dazu: »Falls Sie es vergessen haben, … Ein Herz für Mitmenschen, das ist die Macht von Büchern.« Mit diesen Worten befreit der Junge sich auch aus dem letzten Labyrinth und kehrt zur Buchhandlung des Großvaters zurück. Und zu Sayu, die er dort wiederfindet. Und der er erklären kann, dass wenn eine Lektüre schwierig ist, es bedeutet, dass man mit etwas Neuem konfrontiert wird.«
Mit den Lehren aus den Labyrinthen entscheidet sich Rintaro ein neues Leben zu führen. In dem Platz für die Schule und die Buchhandlung ist. Und seine Tante, die ihn darin unterstützen will. Und offenbar auch Platz für Sayo, oder zumindestens endlich mit ihr Essen zu gehen …
Ein selten kluges Buch zum Thema Bücher, Bücher machen und sie lesen. Und so zauberhaft verpackt, in etwas Magie, in Menschlichkeit und Nächstenliebe. Kein Wunder, dass Präsident Trump nichts vom Lesen hält …
Ganz zauberhaft gut!
Nachtrag: Der deutsche Titel, »Die Katze, die von Büchern träumte« ist bezüglich des tatsächlichen Inhalts etwas irreführend. Im englischen Sprachraum lautet der Titel daher auch deutlicher: »The Cat Who Saved Books«. Also die Katze, die Bücher rettete. Passend dazu heißt der Nachfolgeband »The cat who saved the library«. Auf Deutsch heißt dieser Band nun »Die Katze, die unsere Bücher rettete« – offenbar um die Verwirrung komplett zu machen. Ein wenig zur Erscheinungsgeschichte der Bände gibt es »»hier.
Der Autor selbst arbeitet als Arzt in Nagano.
Katzen und Bücher scheinen beliebte Themen in der japanischen Literatur zu sein. Von Takashi Hiraide stammt das rührende »Der Gast im Garten«; die Katze, die sich selbst einlädt. Ganz anders von Satoshi Yagisawa, »Die Tage in der Buchhandlung Morisaki.« In der eine junge Frau durch die Kraft der Bücher zurück ins Leben findet. Eigentlich ganz ähnlich wie der Junge Rintaro mit dem Erbe des Großvaters.
Auf jeden Fall werden schöne Einblicke in einen fremden Kulturraum vermittelt, wofür man sich bei den Autoren und Verlegern nur bedanken kann, ebenso wie bei der Übersetzerin.
2026 rezensiert, Bücherwelt, C. Bertelsmann, Japan, Katze, Magie, Mitgefühl, Sosuke Natsukawa
