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Marei­cke Fall­wickl
» Und alle so still

Autorin:Mareike Fall­wickl
Titel:Und alle so still
Aus­gabe:Rowohlt Ver­lag, Ham­burg 2024
Erstan­den:anti­qua­risch

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Einige der Blog­ge­rin­nen beto­nen, sie seien Fans von Mareike Fall­wickl, ich nun gerade nicht. Hier nach­zu­le­sen https://​mit​tel​haus​.com/​2​0​2​3​/​0​1​/​3​0​/​m​a​r​e​i​k​e​-​f​a​l​l​w​i​c​k​l​-​d​i​e​-​w​u​t​-​d​i​e​-​b​l​e​i​bt/ Habe mich aber den­noch ent­schlos­sen, ihren neuen Roman zu lesen, über den die Autorin im Inter­view sagt: »Ohne Sor­ge­ar­beit bricht das Sys­tem zusam­men. Ich wollte, dass die­ser Satz der Anfang ist. Was bedeu­tet das, wenn ein Sys­tem zusam­men­bricht? Die Kern­bot­schaft die­ses Romans ist Zusam­men­halt unter Frauen. Denn weib­li­che Soli­da­ri­tät ist das, was uns ret­ten kann.« Quelle

Die Autorin stellt uns drei Per­so­nen vor, die eine schlecht bis gar nicht bezahlte Care-Arbeit leis­ten. Die 20jährige Elin, sie ist Influen­ce­rin, Toch­ter von Alma, der Hotel­ma­na­ge­rin. Elin hat eine Mil­lio­nen Fol­lower und sucht den schnel­len Sex mit Hotel­gäs­ten. Hass­kom­men­tare wer­den über sie aus­ge­schüt­tet, sie fühlt sich ein­sam und sieht sich als Zuschaue­rin ihres eige­nen Lebens. Der 19jährige Nuri kommt aus der Arbei­ter­klasse, Schul­ab­bre­cher, Mut­ter ist Migran­tin, Vater Arbei­ter. Nuri hat gleich drei Mini­jobs, er arbei­tet als The­ken­kraft, Piz­za­bote und Hilfs­pfle­ger im Kran­ken­haus. Hier arbei­tet auch die Kran­ken­pfle­ge­rin Ruth, Mitte 50, allein­ste­hend, hat also immer Zeit zu arbei­ten, wenn ihre Kol­le­gin­nen krank sind. Hier wird das beschrie­ben, was wir unter Pfle­ge­not­stand ver­ste­hen oder bes­ser gesagt unter Aus­beu­tung. Die For­de­rung die­ser Per­so­nen lau­tet, dass beson­ders die Für­sorge-Leis­tung von Müt­tern, Erzie­he­rin­nen oder Pfle­ge­rin­nen end­lich stär­ker gewür­digt und bes­ser bezahlt wer­den soll. Diese For­de­rung ist ja durch­aus rich­tig, aber bei der Dar­stel­lung der Erzäh­le­rin lie­gen diese Frauen plötz­lich gemein­sam schwei­gend auf öffent­li­chen Plät­zen. »Die Frauen lie­gen da wie hin­ge­wor­fen, ihre Kör­per schei­nen kei­nem Mus­ter zu fol­gen. Sie sehen aus wie etwas Zer­schmet­ter­tes. Aber ver­letzt sind sie nicht … Durch ein Mega­phon ruft der Poli­zist, dass die Frauen die Sicher­heit der Bevöl­ke­rung gefähr­den und er sie auf­for­dert, sich unver­züg­lich zu ent­fer­nen … Dann machen sich die Ein­satz­kräfte an die Arbeit. Sie heben die Frauen auf, sie tra­gen sie weg, zwei Beamte pro Frau, und keine wehrt sich.« (S. 96). Man hat den Ein­druck, diese Pro­test­frauen ver­ste­hen sich blen­dend ohne über­haupt vor­her mit­ein­an­der gespro­chen oder diese Aktion abge­spro­chen zu haben, Har­mo­nie brei­tet sich aus, aber nur unter den Frauen, denn die Män­ner wer­den mit män­ner­feind­li­cher Rhe­to­rik über­schüt­tet. So sagt Bar­bara zu ihrer Freun­din Ruth: »Es ist gut, dass Frauen Sor­gen-Not­stände auf­fan­gen, dass sie sich an mensch­li­chen Bedürf­nis­sen ori­en­tie­ren und nicht an Macht, Pro­fit und Wett­be­werb.« (S. 238). Frauen seien sanft und zuge­wandt und unter­stüt­zend. Ohne die Frauen würde die Liebe aus­fal­len. Das ist Kitsch pur! Denn Frauen sind sicher nicht die bes­se­ren Men­schen und auch an Macht, Pro­fit und Wett­be­werb inter­es­siert. »Es ist vor allem diese grund­sätz­lich frau­en­über­hö­hende, män­ner­feind­li­che Rhetorik,die einem die Lek­türe schon bald ver­lei­det. Denn ein­fach nur die geschlechts­spe­zi­fi­sche Abwer­tung umzu­keh­ren, wäre wohl die fal­sche Form von Gleich­be­rech­ti­gung.« Quelle

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Mareike Fall­wickl © Bu GyoN­gy­iTasi | Quelle

Letzt­lich träumt die Erzäh­le­rin und damit auch die Autorin von unein­ge­schränk­ter, weib­li­cher Soli­da­ri­tät und bewegt sich damit fernab von jeg­li­cher Rea­li­tät. Dazu gehört auch fol­gen­der Satz: »Das Patri­ar­chat kann sich dar­auf ver­las­sen, wann irgendwo ein Kind oder eine alte Frau umfällt, kommt eine Frau und hebt es auf.« (S. 176). Unsinn!!!!! Auch Män­ner hel­fen, vor allem migran­ti­sche junge Män­ner hel­fen den älte­ren Menschen!

Daher schließe ich mich den Aus­sa­gen eini­ger Kri­ti­ke­rin­nen an:

»Mareike Fall­wickls neuer Best­sel­ler »Und alle so still« zeigt exem­pla­risch, woran viele femi­nis­ti­sche Romane der­zeit schei­tern.« Und es wird wei­ter aus­ge­führt, es handle sich um ein »Ver­falls­pro­dukt des Erzäh­lens«. Es werde darin gere­det, aber wenig gesagt, und vor allem nicht erzählt. Ein Roman, der sich ein­rei­hen würde in die vie­len femi­nis­ti­schen Romane der­zeit, die poli­tisch, aber »frei von jeder erzäh­le­ri­schen Ambi­tion« seien. Quelle

Oder: Der Roman sei »zu sehr zur femi­nis­ti­schen Kampf­schrift gera­ten, die Män­ner von vorn­her­ein abwer­tet«. Wei­ter wird aus­ge­führt: »Mareike Fall­wickls Roman ist weni­ger ein Roman als ein erzäh­le­risch auf­ge­pepp­tes Mani­fest. Ent­spre­chend kli­schee­haft und kon­stru­iert wirkt das Ganze stre­cken­weise … Wirk­lich pro­ble­ma­tisch an ihrem femi­nis­ti­schen Auf­rüt­te­lungs­ro­man ist des­sen ein­sei­tige und zuneh­mend ideo­lo­gi­sche, män­ner­ver­ach­tende Sicht­weise«. Quelle

So sehe ich das auch! Also insgesamt:

Weni­ger lesenswert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Feminismus, Gesellschaftsroman, Kapitalismus, Mareicke Fallwickl, Rowohlt Verlag, Solidarität, Streik