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Lana Lux
» Geord­nete Verhältnisse

Autorin:Lana Lux
Titel:Geord­nete Verhältnisse
Aus­gabe:Han­ser Ver­lag, 2. Auf­lage 2024
Erstan­den:anti­qua­risch
Lana-Lux-Bild1 »Welt­weit wird alle zehn Minu­ten eine Frau ermor­det, weil sie eine Frau ist. Meist wird die Tat als bedau­er­li­cher Ein­zel­fall dar­ge­stellt. Dies ver­deckt das anti­fe­mi­nis­ti­sche und häu­fig rechts­extreme Gesell­schafts­bild, das sol­che Femi­zide beför­dert.« Quelle

Was genau ist ein Femizid?

Ein Femi­zid liegt vor, wenn eine Frau vor­sätz­lich getö­tet wird, weil sie eine Frau ist. Die Femi­zide ste­hen häu­fig in Ver­bin­dung mit Tren­nung oder Eifersucht.

Das ist das Thema des Romans »Geord­nete Ver­hält­nisse« von Lana Lux. Der Roman han­delt von Faina und Phil­ipp, von Wut, Unge­rech­tig­keit, Bedro­hung, Obses­sion und Zwangs­vor­stel­lun­gen. Erschüt­ternd ehr­lich wird erzählt über Gewalt in unter­schied­li­chen Facet­ten. Die Prot­ago­nis­tin Faina ist Mitte der 90er Jahre als Zehn­jäh­rige mit ihrer Fami­lie aus der Ukraine nach Deutsch­land gekom­men, ins Ruhr­ge­biet. Hier geht sie zur Grund­schule und wird von der Leh­re­rin neben Phil­ipp gesetzt, beide sind rot­haa­rig und haben viele Sommersprossen.

Beide sind Außen­sei­ter, Faina als Migran­tin und Phil­ipp, der komi­sche Ver­hal­tens­wei­sen zeigt und nicht akzep­tiert wird inner­halb der Klasse. Er lebt bei sei­ner Tante, denn seine Mut­ter ist Alko­ho­li­ke­rin. Er lässt kaum jeman­den an sich ran, nicht die Mut­ter, nicht die Leh­re­rin und nicht die Tante. Aber er wünscht sich nichts mehr als eine Freun­din. Da kommt Faina zum rich­ti­gen Zeit­punkt, sie wirkt schutz­be­dürf­tig und Phil­ipp will ihr die­sen Schutz bie­ten. Er war­tet auf eine pas­sende Gele­gen­heit, »Faina zu mei­ner Freun­din zu machen. Ich wollte behut­sam vor­ge­hen, sie zäh­men, wie der kleine Prinz den Fuchs gezähmt hatte.« (S. 40). Beide sind glück­lich, wenn auch aus unter­schied­li­chen Grün­den. Das Glück wird jedoch immer wie­der unter­bro­chen, die bei­den wer­den älter und Faina möchte die Welt ent­de­cken, wäh­rend sich Phil­ipp eher vor der Welt ver­ste­cken möchte. Sie möchte ihre Sexua­li­tät genie­ßen, wäh­rend Phil­ipp damit nichts zu tun haben möchte. »Phil­ipp spürt, wie es ihn ekelt vor die­ser Frau. Vor Frauen all­ge­mein. Vor allem vor ihrem Geschlechts­teil … Nur Faina ekelt ihn nicht. Nur sie nicht.« (S. 181). Die bei­den zie­hen zusam­men, um sich gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen. »Mit Faina hatte sein Leben einen Sinn. Er machte den Haus­halt, kaufte ein, kochte.« (S. 182). Natür­lich geht das nicht gut! Faina will mehr vom Leben, sie ver­lässt Phil­ipp und er ver­liert sei­nen Lebens­in­halt. Stän­dig muss er an Faina den­ken, aber eher zum Selbst­zweck. »Natür­lich will er, dass es ihr gut geht. Aber die Wahr­heit ist auch, dass er sie weni­ger mag, wenn sie so auf­ge­dreht, so irra­tio­nal, so ego­is­tisch oder, wie er es selbst nennt – glück­lich ist.« (S. 184).

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Quelle

Aber Phil­ipp ist über­zeugt, »sie kommt doch noch­mal ange­kro­chen.« (S. 37). Nach Jah­ren steht Faina tat­säch­lich vor sei­ner Woh­nungs­tür, im Gepäck viele Schul­den, eine Schwan­ger­schaft, ein abge­bro­che­nes Stu­dium, ein ver­pfusch­tes Leben. Er nimmt sie wie­der auf: »Du bist jetzt mit mir, und ich bin ein Mann, der seine Frau ver­sor­gen kann.« (S. 220). Geht das gut? Nein, denn jetzt beginnt eine Zeit gekenn­zeich­net von Abhän­gig­kei­ten, Wut, Angst, Wahn­sinn, Besitz­an­spruch und toxi­schem Ver­hal­ten. Bis zur Katastrophe?

Bis­her haben wir nur die Stimme von Phil­ipp gehört, aber die Autorin gibt bei­den Prot­ago­nis­ten eine Stimme. Jetzt zu Faina: »Ich war Phil­ipp immer extrem wich­tig, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er mich geliebt hat.« (S. 114). Sie fühlt sich von ihm ange­nom­men, weiß aber auch, dass sie von ihm und sei­nem Geld abhän­gig ist. Wenn er Gewalt ange­droht oder auch schon mal zuge­schla­gen hat, nimmt sie ihn in Schutz: »Phil­ipp ist kein Typ, der sich voll­kom­men rück­sichts­los ver­hält. Er ist selt­sam, das schon, und Empa­thie ist nicht seine Stärke. Aber ein Arsch­loch ist er nicht.« (S. 159). Die Gewalt­spi­rale nimmt zu und Sicher­heit fin­det Faina in der Biblio­thek, bei den Büchern. »Die Biblio­thek war mein Safe Space … Hier war die Welt in Ord­nung.« (S. 102). Nach der Geburt ihres Kin­des will sie Phil­ipp ver­las­sen, der droht damit, sich umzu­brin­gen. Bei ihr wird eine bipo­lare Stö­rung dia­gnos­ti­ziert, sie geht meh­rere Monate in Psych­ia­trie. Phil­ipp küm­mert sich um das Kind, sein Besitz­an­spruch wächst, ebenso seine Gewalt. Fai­nas Angst vor Phil­ipp wird immer grö­ßer. Aber sie denkt auch, »dass ich ins­ge­heim auch noch stolz dar­auf war, dass er alle hasste, nur mich nicht.« (S. 274). Faina ver­lässt Phil­ipp, erreicht ein Kon­takt­ver­bot. Und Phil­ipp fühlt sich als Opfer! »Es gibt unzäh­lige betrof­fene Män­ner, die aus hei­te­rem Him­mel ver­las­sen wur­den. Lang­sam wird ihm klar, zu was Faina wirk­lich fähig ist … Sie wird ihn aus­sau­gen bis auf den letz­ten Trop­fen. Weil ein Mann in die­sem Land nun mal ganz unten in der Hack­ord­nung steht. Es gibt nur das ewige Gekrei­sche der Wei­ber nach Frau­en­rech­ten. Aber wo blei­ben die Rechte für Män­ner, für Väter in die­sem Land?» (S. 284). Jetzt ist die Kata­stro­phe nicht mehr auf­zu­hal­ten, »die kein Ein­zel­fall ist, die über Jahr­hun­derte ver­harm­lost und ver­schwie­gen, den Frauen selbst in die Schuhe gescho­ben wurde. »Geord­nete Ver­hält­nisse« ist ein unge­heuer muti­ges Buch ohne Schuld­zu­wei­sung. Lana Lux reisst Fas­sa­den nie­der!« Quelle

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304 Paar rot gefärb­ter Frau­en­schuhe. Foto: Silas Mes­sing. | Quelle

Reak­tion der Presse auf diese Kata­stro­phe: »Viele der Berichte beton­ten Fai­nas Attrak­ti­vi­tät und nann­ten den Femi­zid eine Ver­zweif­lungs­tat aus Liebe.« (S. 287).

Ein atem­be­rau­ben­der Roman über die Ver­wech­se­lung von Liebe mit Besitz!


Nach­trag: Wie bin ich auf die­sen Roman gesto­ßen? Über die Femi­nis­ti­sche Biblio­thek im Stu­die­ren­den­haus Frank­furt am Main. Die Frau­en­gruppe der »Fem­bib« kann stolz zurück­bli­cken auf drei Jahre Femi­nis­ti­sche Biblio­thek im Stu­die­ren­den­haus auf dem alten Cam­pus der Goe­the-Uni­ver­si­tät. Hier kann man femi­nis­ti­sche Bücher aus­lei­hen, Ver­bun­den­heit schaf­fen und in Aus­tausch kom­men. Man kann Bücher fin­den zu The­men wie Que­er­fe­mi­nis­mus, schwar­zem Femi­nis­mus bis hin zu Abtrei­bungs­recht, sexua­li­sier­ter Gewalt oder Femi­zi­den. Und jetzt komme ich zum Thema, denn das High­light im Jahr 2025 war eine Lesung mit Lana Lux, Autorin von »Geord­nete Ver­hält­nisse«. Deren Roman han­delt von einem ori­gi­när femi­nis­ti­schen Sujet: von der Wut einer Frau, die sich wei­gert, Besitz­tum eines Man­nes zu wer­den. Quelle

Hier sind wei­tere Infos zu finden.

Unterschrift

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La lettrice , Feder­ico Faruf­fini (1833–1869) | Quelle

Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Besitzanspruch, Femizid, Frauenrechte, Hanser Verlag, Lana Lux, Terror, toxische Gewalt