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Caro­lin Wür­fel
» Zuhause ist das Wet­ter unzuverlässig

Autorin:Caro­lin Würfel
Titel:Zuhause ist das Wet­ter unzuverlässig
Aus­gabe:Han­ser Ver­lag, 1. Auf­lage 2025
Erstan­den:anti­qua­risch, gele­sen im Lite­ra­tur­kreis der Fürst Donnersmarck-Stiftung
Zuhause-ist-das-Wetter-Bild1 Car­lo­lin Wür­fel erzählt in ihrem Roman »Zuhause ist das Wet­ter unzu­ver­läs­sig« von Frauen, Müt­tern und Töch­tern und deren Sehn­sucht nach Frei­heit. Jetzt greife ich vor, denn die Prot­ago­nis­tin geht in eine Paula-Rego-Aus­stel­lung und ist sofort »schock­ver­liebt« (S. 51). Diese Künst­le­rin habe ich sofort gegoo­gelt: Es han­delt sich um die por­tu­gie­sisch-bri­ti­sche Künst­le­rin Paula Rego, deren Lieb­lings­the­men Macht­spiele und Hier­ar­chien sind, sie ver­sucht die Macht­ver­hält­nisse der Geschlech­ter­be­zie­hun­gen zu ergrün­den. Auf dem Bild »The Family« ist ein Schlaf­zim­mer, eine Frau, zwei Mäd­chen und ein Mann zu sehen. Er sitzt breit­bei­nig auf der Bett­kante, Man­spre­a­ding nennt man das heute. Die­ses Phä­no­men fällt vor allem Frauen auf, beson­ders in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel. Hier ist es ein pri­va­ter Raum, das Schlaf­zim­mer, irgend­wie beklem­mend. Was pas­siert da gerade?

Die Erzäh­le­rin sagt zu den Bil­dern von Paula Rego: »Man spürt und sieht aber auch die unbän­dige Kraft von Rego und ihren der­ben Stri­chen, den Wil­len, sich und die Frauen auf ihren Bil­dern zu befreien und zur Schau zu stel­len, was Unter­drü­ckung heißt, was sie mit Frauen macht und wie viel Kraft es kos­tet, sich nicht gefan­gen neh­men zu las­sen.« (S. 51).

Dazu viel­leicht noch ein wei­te­res Bild mit dem Titel »Angle«.

Jetzt aber zum Roman. Die namen­lose Ich-Erzäh­le­rin, 36 Jahre alt, möchte eine ein­fa­che Tat­sa­che ver­ste­hen: »Näm­lich dass Frauen immer von Erwar­tun­gen geprägt wer­den, wie sie sich ver­hal­ten sol­len, und ihnen dadurch die Frei­heit ver­wehrt wird, sich selbst zu ent­de­cken und zu erken­nen.« (S. 52). Sie bucht ein Ticket und setzt sich eine Frist bis zum Som­mer. Sie zieht in die Stadt am Meer, hier will sie den Erwar­tun­gen ent­kom­men, nach denen sie ihr bis­he­ri­ges Leben gelebt hat. Sie geht gedank­lich in die Ver­gan­gen­heit zurück, sie betrach­tet die Frauen ihrer Fami­lie, Anna und Rosa, Ella und Viola und vor allem ihre Mut­ter Romy. Wird die Erzäh­le­rin hier die Mus­ter weib­li­chen Lebens fin­den, die viel­leicht sogar bis heute existieren?

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Ein Roman über einen Som­mer auf der Suche nach Selbst­be­stim­mung und Frei­heit | Foto: Erdem Varol | Han­ser Lite­ra­tur­ver­lag | Quelle

Um diese Mus­ter zu fin­den, geht sie in die Ver­gan­gen­heit zurück, erzählt uns die Geschichte ihrer Mut­ter Romy und die ihrer Groß­mutter Viola. Von den Vätern muss sie nichts erzäh­len, denn die sind nicht anwe­send oder Ver­sa­ger. Sie fin­det die alten Mus­ter und Rol­len­bil­der der Frauen, die sich um Haus­halt, Mann und Kin­der küm­mern, die diese Rol­len anneh­men und damit auf eigene Wün­sche ver­zich­ten. »Von Mon­tag bis Frei­tag erle­digte sie (Rosa) pflicht­be­wusst und hilfs­be­reit ihre Auf­ga­ben als Schü­le­rin und Toch­ter. Lernte, kochte, las, putzt, rech­nete, schuf­tete. Sie war keine eigen­stän­dige Per­son.« (S. 17). Oder die Aus­sa­gen zu Viola: »Wei­ter­ma­chen. Immer wei­ter­ma­chen. Ihre eige­nen Bedürf­nisse hatte sie längst ver­ges­sen.« (S. 95). Und unter die­sem Ver­hal­ten lei­den auch die jewei­li­gen Kinder.

Die Ich-Erzäh­le­rin will dem ent­flie­hen, will leben ohne Zwang und Lebens­wei­sen, die von den Män­nern bestimmt wer­den. »Ich habe keine Lust mehr, mich ein­zu­rei­hen. Ich will raus aus dem ver­damm­ten Dun­kel. Ich will ins Licht, auf nie­man­den ach­ten müs­sen, gefal­len, war­ten, mich abspre­chen. Ich will gehen, wann und wohin ich will.« (S. 8). In der neuen Stadt am Meer lernt sie Freunde ken­nen, ver­liebt sich Hals über Kopf. Aber: »Moment mal: Ich wie­der in Mus­tern? Finde ich mich schön, weil er mich schön fin­det? Mache ich mich von ihm und sei­nem Blick von außen abhän­gig? … Was ist Mus­ter? Was ist Befrei­ung?« (S. 129). Die Liebe zer­bricht, als die Prot­ago­nis­tin fest­stellt, dass er mit den eige­nen Pro­ble­men nicht zurecht kommt.

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Paula Rego: «The Family», 1988, Gemälde. Pri­vat­samm­lung / Bridge­man | Quelle

Und jetzt? Es ist Anfang Okto­ber und der erste Satz des Romans lau­tet: »1. Januar 2022. Habe beschlos­sen, in sechs Mona­ten ist Schluss.« (S. 7).

Die Ich-Erzäh­le­rin hat die Daten von 11 Autorin­nen gesam­melt, die Selbst­mord began­gen haben. Diese wer­den immer wie­der kurz in die Tage­buch­ein­träge ein­ge­floch­ten. Warum? Sucht sie auch hier nach einem Muster?

Ich habe hier etwas aus­führ­li­cher recher­chiert. Fin­den wir Lese­rin­nen ein Muster?

  • Anne Sex­ton, Dich­te­rin, 1972 wird sie als Poe­tik-Pro­fes­so­rin für krea­ti­ves Schrei­ben an die Uni­ver­si­tät von Bos­ton beru­fen – eine Frau, die nie stu­diert hat und die zeit­le­bens Depres­sio­nen, Ängste und Wahn­vor­stel­lun­gen pla­gen. Im Alter von 46 Jah­ren zieht sie am 4. Okto­ber 1974 den Pelz­man­tel der Mut­ter an, setzt sich in der Garage ins Auto, dreht das Radio an, den Zünd­schlüs­sel herum und war­tet mit einem Glas Wodka in der Hand auf den Erstickungstod.
  • Chan­tal Anne Aker­man, Film­re­gis­seu­rin begeht im Alter von 65 Jah­ren Selbst­mord. In ihren Fil­men ging es immer wie­der um ihre Mut­ter, die zwei Jahre in Ausch­witz ver­brachte, dort die Eltern ver­lor, doch nie dar­über sprach.
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    Paula Rego, Angel, 1998, Pas­tell auf Papier auf Alu­mi­nium, 180 x 130 cm, Objekt-ID: 71900 – © Paula Rego. All rights reser­ved 2024 / Bridge­man Images – Cre­dit­line: CAM-Cen­tro de Arte Moderna Gul­ben­kian, Lis­sa­bon | Quelle

    Char­lotte Per­kins Gil­man, Dich­te­rin und Frau­en­recht­le­rin. Mit der Erzäh­lung »Die gelbe Tapete«, in der es um eine vom Wahn­sinn bedrohte junge Ehe­frau geht, wird sie bekannt. Spä­ter vor allem mit femi­nis­ti­schen Vor­trags­rei­hen. Im Alter von 75 ver­übte sie Sui­zid, indem sie Chlo­ro­form inhalierte.

  • May Ayim war war eine deut­sche Dich­te­rin und Akti­vis­tin der afro­deut­schen Bewe­gung. Sie war befreun­det mit Audre Lorde. Hier nach­zu­le­sen.
    • »nach­dem sie mich erst anschwärz­ten­zo­gen sie mich dann durch den kakaoum mir schließ­lich weiß machen zu wol­le­nes sei voll­kom­men unan­ge­bracht– schwarz zu sehen« Quelle Blues in schwarz weiss. Gedichte. 4. Auf­lage. Orlanda-Frau­en­ver­lag, Ber­lin 2005
    • Sie sprang im Alter von 36 Jah­ren in Ber­lin aus dem 13. Stock.
  • Pamela Moore, Dich­te­rin, been­dete ihr Leben im Alter von 27 Jah­ren. The­men ihrer Werke: jugend­li­che Angst, Dar­stel­lung schwu­ler Män­ner und Frauen.
  • Lisa Howard, ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin, erste weib­li­che Kor­re­spon­den­tin von ABC, starb im Alter von 36 Jah­ren nach beruf­li­chen Rück­schlä­gen und zwei geschei­ter­ten Ehen an einer Über­do­sis Barbiturate.
  • Karo­line von Gün­der­rode, Dich­te­rin. Ihre The­men: Gefan­gen­schaft und Frei­heit, Liebe und Tod. Ihre Dich­tun­gen brin­gen den Kon­flikt zum Aus­druck, in dem sich eine lie­bende Frau damals befand, die zugleich ihre eige­nen Ideen zu ver­wirk­li­chen suchte. Karo­line von Gün­der­rode ver­stieß offen­bar gegen Kon­ven­tio­nen der dama­li­gen Zeit, wie eine Frau sich zu ver­hal­ten und wie sie zu dich­ten habe. Aus unglück­li­cher Liebe erdolchte sie sich selbst, sie war 26 Jahre alt.
  • Syl­via Plath, Schrift­stel­le­rin, ihre Gedichte gel­ten als Bekennt­nis­ly­rik, und auch in ihrer Prosa ver­ar­bei­tete sie auto­bio­gra­fi­sche Erleb­nisse wie einen Sui­zid­ver­such oder die Bezie­hung zu ihrem Ehe­mann. Im Alter von 31 Jah­ren been­dete sie ihr Leben. Plath wurde zu einer Sym­bol­fi­gur der Frau­en­be­we­gung und ihre Lebens­ge­schichte als Spie­gel­bild der Rolle der Frau in der Gesell­schaft verstanden.
  • Char­lotte Mary Mew, Dich­te­rin, war femi­nis­ti­schen Ideen zuge­tan. So geht es in ihren Erzäh­lun­gen um Glaube und Tod, um das Aus­ge­sto­ßen­sein aus der Gesell­schaft und die Fra­gi­li­tät der mensch­li­chen Exis­tenz. Fast immer ste­hen weib­li­che Figu­ren im Mit­tel­punkt, und die Geschlech­ter­rol­len gera­ten ins Wan­ken. Diese Geschich­ten sind so auch ein Spie­gel der zeit­ge­nös­si­schen Debat­ten über Macht­struk­tu­ren in Ehe und Fami­lie und die sexu­el­len Frei­hei­ten der Frau. Im Alter von 59 beging sie Selbstmord.
  • Sarah Kane, Autorin von Thea­ter­stü­cken, die häu­fig pola­ri­sier­ten, aber tat­säch­lich han­deln ihre Stü­cke von der Sehn­sucht nach mensch­li­cher Nähe und deren Unmög­lich­keit. Im Alter von 28 Jah­ren beging sie Selbstmord.
  • Vigi­nia Woolf, Autorin, die mit dem Essay »Ein Zim­mer für sich allein« berühmt wurde. Eine gescheite Abhand­lung über die bedrü­cken­den Bedin­gun­gen, unter denen Frauen in der Ver­gan­gen­heit Lite­ra­tur pro­du­zie­ren muss­ten. Im Alter von 59 Jah­ren beging Vir­gi­nia im Fluss Ouse Sui­zid. Da sie sehr gut schwim­men konnte, packte sie einen gro­ßen Stein in ihren Man­tel, um eine even­tu­elle Selbst­ret­tung zu verhindern.
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Autorin­nen­schreib­tisch: Caro­lin Wür­fel | Ruhe­pol in Istan­bul | Eine kleine Oase inmit­ten der Metro­pole. An die­sem Schreib­tisch in Istan­bul hat Caro­lin Wür­fel einige Sei­ten ihres Buchs »Zuhause ist das Wet­ter unzu­ver­läs­sig« geschrie­ben. | Quelle

Kann man ein Mus­ter erken­nen? Was macht dar­aus die namen­lose Ich-Erzäh­le­rin? Was macht die zukünf­tige Lese­rin dar­aus, nach­dem sie den Roman gele­sen hat?

Caro­lin Wür­fel gelingt es indi­vi­du­elle und kol­lek­tive Frau­en­ge­schichte mit­ein­an­der zu ver­bin­den, »um von den oft­mals töd­li­chen Wir­kun­gen des Patri­ar­chats zu erzäh­len.« Quelle Deutsch­land­funk Kul­tur, 22. März 2025. Und damit ist der Roman »ein kraft­vol­les Plä­doyer für femi­nine Selbst­be­stim­mung und eigene Lebens­ent­würfe.« Quelle

Sehr lesens­wert

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Carolin Würfel, DDR, Frauen, Freiheit, Geborgenheit, Hanser Verlag, Mütter, Selbstbestimmung, Suizid, Töchter