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Christa Moog
» Die Fans von Union

Autorin:Christa Moog
Titel:Die Fans von Union (1985)
Aus­gabe:Rowohlt Taschen­buch­ver­lag 1987
Erstan­den:anti­qua­risch

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Um die Geschich­ten von Christa Moog »Die Fans von Union« bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, muss man etwas mehr über die Autorin wis­sen. Gebo­ren wurde sie 1952, ist auf­ge­wach­sen in Eisen­ach, Abitur, spä­ter Aus­bil­dung zur Kell­ne­rin, dann von 1970 -74 ein Ger­ma­nis­tik­stu­dium, Sport und Päd­ago­gik an der Mar­tin-Luther Uni­ver­si­tät in Halle. Bis 1977 war sie als Leh­re­rin tätig, wann sie aus dem Staats­dienst aus­ge­schie­den ist, erfah­ren wir nicht. Spä­ter hat sie Gele­gen­heits­ar­bei­ten an der Ost­see aus­ge­führt, als Kell­ne­rin, Ret­tungs­schwim­me­rin, Ver­käu­fe­rin und als Platz­wart auf einem Ten­nis­platz. Nach­dem sie einen Aus­rei­se­an­trag gestellt hat, arbei­tet sie drei Jahre lang als Rei­ni­gungs­kraft und Turn­hal­len­wart in Eisen­ach. Im Jahr 1984 fin­det ihre Über­sied­lung nach Ber­lin statt. Als Aus­rei­se­gründe for­mu­liert sie spä­ter, sie habe Angst gehabt, etwas zu ver­säu­men, sie habe das Gefühl gehabt, in der DDR ein­ge­sperrt und vom Leben aus­ge­grenzt zu sein. Jetzt im Wes­ten erschei­nen ihre Geschich­ten »Die Fans von Union«, für diese erhielt sie 1985 den Rau­ri­ser Lite­ra­tur­preis. (vgl. Anne Lequy »unbe­haust?«, Die The­ma­tik des Topos in Wer­ken wenig(er) bekann­ter DDR-Autorin­nen der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre. Eine femi­nis­ti­sche Unter­su­chung, Frank­furt 2000, S. 564).

Jetzt zu die­sen Geschich­ten, die sehr viel Auto­bio­gra­fi­sches zei­gen. Die meis­ten Prot­ago­nis­ten sind weib­lich und üben einen Beruf aus, den auch die Autorin selbst ken­nen gelernt hat. So kom­men u.a. Kell­ne­rin­nen, Rei­ni­gungs­kräfte und Leh­re­rin­nen vor – alle nicht sehr glück­lich. So ist die Leh­re­rin völ­lig erschöpft, die Klasse macht, was sie will, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler strei­ten sich unter­ein­an­der oder behan­deln die Leh­re­rin mit wenig Respekt. »Zwi­schen grö­len­den Kin­dern tau­mele ich über den Flur und bin eine der ers­ten im Leh­rer­zim­mer. Ich wühle in mei­ner Tasche, drü­cke zwei Ace­sal durch die Sil­ber­fo­lie und schleppe mich zum Wasch­be­cken.« (S. 45). Oder Mar­tha, sie räumt das dre­ckige Mitropa-Geschirr von den Tischen. »Der Wagen, den Mar­tha hin­ter sich her zieht, hat drei Eta­gen. Unten eine Schüs­sel für die Reste, eine Blech­büchse für die Ziga­ret­ten­asche, ein Papp­kar­ton für Papier.« (S. 46). Mit die­sem Satz beginnt die kurze Geschichte und mit die­sem Satz endet sie auch, Aus­druck von Ein­tö­nig­keit. Oder die Kell­ne­rin ohne Namen. »Sie stand wie­der mit ein paar Dop­pel­schich­ten hin­ter­ein­an­der auf dem Dienst­plan, und als sie am Mitt­woch nach der drit­ten Dop­pel­schicht mor­gens um fünf nach Hause kam, saß sie auf dem Stuhl wie jemand, der den Schock sei­nes Lebens hatte.« (S. 14). Ausgelaugt!

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Lite­ra­risch-musi­ka­li­scher Abend mit Christa Moog (04.07.2018) | Quelle

Beson­ders beein­druckt hat mich die Geschichte »Meine Kol­le­gin Mari­anne«. Hier wird aus zwei Erzähl­per­spek­ti­ven abwech­selnd erzählt, ein­mal aus der ich-Per­spek­tive und dann aus der er/­sie- Per­spek­tive. So sagt Mari­anne direkt zu Beginn: »Mein Leben ist kaputt von Anfang an.« (S. 17). Sie arbei­tet als Putz­frau, sie putzt die Toi­let­ten und »oft ver­stop­fen Watte, Plas­te­tü­ten, kom­plette Schul­hefte und ein­zelne Turn­schuhe die Rohre, und das mit Kot und Urin ver­mischte Was­ser steht in den Becken bis zum obe­ren Rand.« (S. 19). Mari­anne lebt unter pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen, am Rande der Gesell­schaft. Geprü­gelt wird sie vom Ehe­mann, Lebens­ge­fähr­ten und Sohn. Wärme und Gebor­gen­heit fin­det sie nur bei ihrem Hund.

In die­sem erdrü­cken­den Zusam­men­hang ent­steht viel­leicht auch der Wunsch anderswo zu sein, auf Rügen oder dem Darß? Es wird vom gemein­sa­men Urlaub erzählt: »Wir, Was­ser­män­ner, Jahr­gang 52. « (S. 63). Auch die Autorin ist im Jahr 1952 gebo­ren, ein Was­ser­mann, das Stern­zei­chen wird beschrie­ben als frei­heits­lie­bend, inno­va­tiv, unab­hän­gig, ratio­nal, rebel­lisch. Alles Aus­sa­gen, die auch zutref­fend sind für die Autorin? In die­ser Geschichte drückt sich auch die Sehn­sucht nach der Ferne in dem Motiv des Flie­gens aus: »Diese Wind­müh­len ohne Flü­gel. Was sollte der Wind denn dort bei den Stümp­fen … Alles war blaß. Ohne rich­tige Far­ben. Ach, die­ses biß­chen Weite. Dachte ich denn, sogar hier, immer an irgend­ein Traum­land.« (S. 62).

Wie­der ist die Erzäh­le­rin im Nor­den, in der Stadt, »aus der die Damp­fer nach Hid­den­see fuh­ren.« (S. 66). Den Zelt­platz beschreibt sie als her­un­ter­ge­kom­men, »stin­kende Müll­ei­mer, Toi­let­ten, die kaum benutz­bar sind … dann die Ost­see.« (S. 66). Hier wie­der die Sehn­sucht nach dem Anderswo. »Möwen schau­keln auf den brau­nen, rup­pi­gen Wel­len ohne Ende, wie unsere Melan­cho­lie in die­sem Moment.« (S. 67).

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Christa Moogs Katze Mary | Quelle

Auch von Umwelt­ka­ta­stro­phen wird erzählt, dadurch dass sie unge­klärt sind, wir­ken sie noch bedroh­li­cher. »Die Ölpest an der Küste von Rügen.« (S. 100). Ins­ge­samt herrscht eine sehr düs­tere, unheim­li­che Stim­mung. »Lang­sam … kam das Rote im Was­ser der Ost­see … am Nord­strand von Göh­ren auf jeden von uns zu.« (S. 103). Aber nicht nur Bedroh­li­ches, auch Hei­te­res kommt vor, wenn in der Geschichte »Abend­essen am Meer« von zwei jun­gen Leu­ten erzählt wird, eher etwas abge­ris­sene Typen, die Hun­ger haben, aber kaum Geld. Kurz­ent­schlos­sen mischen sie sich unter die Hotel­gäste und essen sich auf Staats­kos­ten satt.

Im Gegen­satz zu die­ser Stim­mung ist die Atmo­sphäre in der Titel­ge­schichte »Die Fans von Union« gewalt­be­reit, auf­ge­peitscht. Es geht ums Sau­fen, Brül­len, Kot­zen, Ver­klop­pen, Abste­chen, Ficken … und den Mon­tag danach. »Scheiße, an Mon­tag darf ich gar nich den­ken.« (S. 99).

Texte mit jugend­li­chen Prot­ago­nis­ten und Prot­ago­nis­tin­nen ste­hen hier im Vor­der­grund und deren Bedürf­nisse und Gefühle. Aber auch der geringe Bewe­gungs­spiel­raum bzgl. Berufs­wahl, Arbeits­platz, Stu­di­en­platz, Woh­nung ist Thema. Die Autorin greift hier auch die Vari­ante auf, aus vor­ge­ge­be­nen Mus­tern aus­zu­bre­chen, was in der Lite­ra­tur der 80er Jahre nur zögernd auftritt.

Es sind Repor­ta­gen und sozi­al­kri­ti­sche Skiz­zen ent­stan­den, viel Auto­bio­gra­fi­sches und daher beson­ders lesens­wert, um die DDR zu verstehen.

Sehr lesens­wert!


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10. Dezem­ber 2010 Christa Wolf liest aus ihrem Roman »Stadt der Engel oder The Over­coat of Dr. Freud«. | Quelle

Nach­trag: Christa Moog ist nicht nur Schrift­stel­le­rin, sie ist auch Gast­ge­be­rin in ihrem »Lite­ra­tur­ho­tel« in Ber­lin Frie­denau »»hier nachzulesen.

Hier hat sie auch immer wie­der zu Lesun­gen und Dis­kus­sio­nen ein­ge­la­den. Chris­toph Meckel, Edgar Hil­sen­rath, Judith Her­mann, Peter Schnei­der, Eras­mus Schö­fer, Vol­ker Braun und viele andere haben hier aus ihren Wer­ken gele­sen! Aber die viel­leicht bekann­teste Schrift­stel­le­rin habe ich mir bis zum Schluss auf­ge­ho­ben. Natür­lich war auch Christa Wolf im »Lite­ra­tur­ho­tel« und hat gelesen!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Ausbeutung, Christa Moog, DDR, Frauen, Gewalt, Rowohlt Taschenbuchverlag, Umweltverschmutzung