
Dr. Rena Noltenius
» Heinrich Vogeler 1872-1942
Ein Leben in Bildern – Werkkatalog der Gemälde
| Autor: | Dr. Rena Noltenius (Deutschland, 2013) |
| Titel: | Heinrich Vogeler 1872-1942, Ein Leben in Bildern - Werkkatalog der Gemälde |
| Ausgabe: | Verlag Atelier im Bauernhaus, 2013 |
| Erstanden: | Aus dem Barkenhoff in Worpswede |

Auslöser war der schöne Film »Paula« über die Malerin Paula Modersohn-Becker, das rief uns mit Freunden nach Worpswede, die Malheimat von Paula. Dort zog es uns ins Modersohn-Haus und in den Barkenhoff, das müsste dort mein 3. Besuch gewesen sein. Der ist mit dem Künstler Heinrich Vogeler verbunden, von dem Rena Noltenius das erste Mal ein durchgängiges Werk seiner Malerei vorlegt. »Nur« der Malerei, denn Vogeler war auch Buch-Illustrator, Möbelbauer, Dekorateur, Architekt, Zeichner, Propagandist – ein ungewöhnlich vielfältiger Mann. Gleichzeitig schafft die Autorin mit einer extremen Fleißarbeit einen so weit wie möglich kompletten Katalog der Gemälde Vogeler – Chapeau, ein herrliches Werk!
Vogeler fasziniert bis heute, trotz oder wegen des großen Bruchs seiner Malerei? Zunächst gefeierter Jugendstilkünstler, von Rilke auf Russland aufmerksam gemacht, durch den 1. Weltkrieg zum Sozialisten geworden, begann mit den Fresken im Barkenhoff die »revolutionäre« Kunst des Malers Vogeler. Die durch seine »Komplexbilder«, gewidmet der jungen Sowjetunion, in die er ab 1923 häufig reiste, die wesentliche Fortsetzung erfuhr. Und zu dem sein Sohn Jan sagt (s. Rezension »Jan Vogeler«): Als sein Vater dem Jugendstil adé sagte, es »sollte Kunst aufhören, Ware für den Verkauf zu sein, … in den Gemäuern irgendwelcher reichen Leute zu hängen!« »Kommune Barkenhoff«, Kinderheim Rote Hilfe, Scheitern der Ehe mit Martha (3 Töchter); Umzug nach Berlin, Reisen in die Sowjetunion, Lehraufträge in Moskau, 2. Frau Zofia Marchlewskaja, Sohn Jan, Übersiedlung nach Moskau, Puppenbau (!) von 1938-40, Erstellung von Flugblättern, um Nazisoldaten zum Überlaufen zu bewegen, Scheidung von Sonja, Exilierung und Tod im fernen Kasachstan nach dem Naziüberfall, so lautet Vogelers Lebensweg in aller Kürze. Aber was sich dahinter alles verbirgt: Die ungeliebte Akademie in Düsseldorf, international in Paris, die Schaffung des Barkenhoffs, Liebe, Ehe, und Scheitern der Beziehung zu seiner Muse und zigfachem Modell Martha, Mutter seiner drei Töchter; so zart und schön in den Bildern von 1914 gezeigt. Die wichtige Beziehung zur Malerkollegin Paula Modersohn-Becker, Buchillustrationen, Auftrags- und architektonische Arbeiten, Theateraufführungen im Barkenhoff samt Besuch Max Reinhards. In Berlin Arbeit im Architekturbüro, Reklame (Kaisers Kaffee!), persönliche Krisen auch wegen seiner chaotischen 2. Frau und schließlich die endgültige Übersiedlung mit dem Sohn Jan nach Moskau.
All das bettet Rena Noltenius mitten in das umfangreiche malerische Schaffen ein, ob Jugendstil, die fruchtbare Periode zwischen 1911 und 1914, seinem Schwanken zwischen Im- und Expressionismus, seinen Komplexbildern und der Schwierigkeit mit dem 1932 verkündeten sozialistischen Realismus, dem traurigen Ende der sowjetischen Avantgarde. Das alles sorgfältig mit teilweise seitenfüllenden Reproduktionen und dem umfangreichen Werkverzeichnis (inkl. Ausstellungsort) dokumentiert; so überhaupt reproduzierbare Vorlagen im Zugriff waren.
Besonders bemerkenswert fand ich die sieben (offenbar nie versandten) Fragen Vogelers zu seiner Position als Maler in der UdSSR. Wo er seine tiefe Verbundenheit mit dem russischen Volk betont, aber über mangelnde Kontakte und ungenügende Arbeitsmöglichkeiten klagt.
Nur an wenigen Stellen vermag ich der Autorin nicht zu folgen, so bei ihrer Fehleinschätzung der Stachanow-Bewegung oder der m.E. aus mangelhaften politisch-historischen Kenntnissen resultierenden Interpretationen von Werken der Schaffensperiode Vogelers in der Sowjetunion.
Dafür ist dieses Buch eine absolute Fundgrube zum Werk des Künstlers, ein klug verfasster Augenschmaus, ein Wunderwerk, eine herrliche Nachlese der Barkenhoff-Ausstellung ermöglichend. Mit am meisten beeindruckt hat mich, das seitengroß reproduzierte herrliche Gemälde der (mit Herbert Wehner verheirateten) Schauspielerin Lotte Löbinger, 1938 im Moskauer Exil entstanden, sprechend vor Schönheit und malerischer Kunstfertigkeit! – Viele großformatige Reproduktionen, ein aktueller Literaturbericht mit Hinweisen auf sehr viele weitere Bücher zum Künstler, Werkverzeichnis, Hinweis auf verschollene Arbeiten – diese reichhaltigen Informationen machen Lust auf noch mehr. Für jeden Literatur- und Kunstfreund:
Großartig !
Nachtrag: Dr. Noltenius hatte gerade mit mir Kontakt aufgenommen, da sie meine Rezension ihres wunderbaren Buchs im Web gefunden hatte. Trotz der damaligen noch beschränkten Sichtbarkeit des Blogs. Wir waren gerade dabei eine Kommunikation aufzubauen, da kam auf einmal keine Antwort mehr von ihr. Es kam lange keine Antwort, sehr lange.
Bis ich mich auf die Suche machte und hier fündig wurde. Ein trauriger Fund, wenn ein solcher Mensch geht, mit nur 70 Jahren und gerade, wenn man ihn kennen gelernt hat. Ein Trost ist ihre starke Verankerung in ihrer norddeutschen Heimat, wie man hier schön sehen kann.
Farewell, Rena
2017 rezensiert, Deutschland, Gemälde, Heinrich Vogeler, Kunst, Rena Noltenius, Werkkatalog
