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Hein

Chris­toph Hein
» Glücks­kind mit Vater

Autor:Chris­toph Hein (Deutsch­land, 2016)
Titel:Glücks­kind mit Vater
Aus­gabe:Suhr­kamp, 2016
Erstan­den:Gele­sen mit dem Lite­ra­tur­kreis Hopsten

HeinHier wird mit der Leich­tig­keit eines span­nen­den Kri­mis eine deut­sche Nach­kriegs­ge­schichte erzählt, die fragt: Wie­viel Schuld der Väter müs­sen die Kin­der tra­gen? Hier der Sohn eines üblen SS-Hen­kers, der ein KZ zur Pro­fit­ver­meh­rung sei­nes Unter­neh­mens errich­ten lässt. Und diese Frage unaus­ge­spro­chen auf das ganze Land über­trägt. Las­ten auf uns noch die Zei­ten der NS-Bar­ba­ren oder der SED-Dik­ta­tur der DDR?

Hein erzählt, wie leicht man sich »im Wes­ten« mit Hilfe der Alt­na­zis in der Jus­tiz juris­tisch von den Kon­se­quen­zen der Kriegs­ver­bre­chen frei­kaufte. Und die­ses Ver­hal­ten mühe­los nach der Wende in die ehe­ma­lige DDR ein­brachte, wo mit Hilfe von Wen­de­häl­sen und einer Unter­neh­mer-höri­gen Jus­tiz genau die in Besitz und Stand hin­ein restau­riert wur­den, die sei­ner­zeit die NS-Dik­ta­tur ermög­lich hat­ten. Und wie Bru­der und Onkel sich leicht ein Welt­bild zurecht zim­mern, in dem aus den Nazi­tä­tern sogar zu Unrecht gesühnte Opfer wer­den. Oder wie die Lebens­lüge der NS-Mit­läu­fer aus­sieht (S. 305 f): »Wer sich nichts zu schul­den kom­men lässt …« – Hain erzählt die Geschichte des Jun­gen Con­stan­tin, 1945 gebo­ren, der nahezu sein Leben lang unter dem vor sei­ner Geburt wegen Kriegs­ver­bre­chen hin­ge­rich­te­ten SS-Vaters und Unter­neh­mers lei­det und die Vater­fi­gur schmerz­lich ver­misst. Dem des­halb in der DDR Berufs und Kar­riere ver­wehrt blie­ben, der aber auch nicht auf den Spu­ren des unter kei­ner­lei Skru­peln lei­den­den Onkels in der BRD wan­deln mag. Wo schon seine Mut­ter eine Rente als SS-Witwe abge­lehnt hat – und von einem Offi­zier der Roten Armee die Schuld des Man­nes (und der Fami­lie?) hören muss. Es gibt so schöne Pas­sa­gen, wie die in Mar­seille bei den ehe­ma­li­gen Par­ti­sa­nen und den Anti­qua­ria­ten, auch denen in der DDR, der kurze Abriss der Film­ge­schichte. Die Klug­heit, mit der man ver­un­si­cherte »Puber­tiere« unter­rich­ten kann; die ätzend rea­lis­tisch beschrie­bene Arro­ganz von DDR-Staats­or­ga­nen (S.271 ff), die Kar­rie­ris­ten der Semi­nar­grup­pen­lei­ter, erfolg­reich in der DDR und nach ihr – Duponts eben. Der berüh­rende Abschied von Frau und Tochter.

Die Weis­heit der alten Grie­chen, die der Anti­quar lobt (S. 193: »Doch als das Land pri­va­ter Besitz wer­den konnte, kam der Streit in die Welt und der Krieg«) – aus die­sem Satz hätte man im Buch mehr machen kön­nen. Was aber in der Geschichte von »den Duponts« (S. 199), die trotz allen Zei­ten­wan­dels immer oben schwim­men, auf­ge­grif­fen wird. Völ­lig unglaub­wür­dig dage­gen die Erklä­rungs­ver­su­che, warum einer Nazi wird. Die Titel­fi­gur (die offen­bar jeden Beruf beherrscht) und die ver­schie­dens­ten Gesche­hen (»Faust« im Unter­richt), sind leicht mär­chen­haft gera­ten, nicht immer scharf gezeich­net und – höchst bedau­er­lich – dem Autor ist kein ech­ter Schluss ein­ge­fal­len; das war’s an Kritik.

Ein sehr gelun­ge­ner, sehr leicht zu lesen­der und mit sei­nen Fra­gen nicht unwich­ti­ger Roman eines wohl sehr deut­schen Schick­sals mit viel Remi­nis­zen­zen aus zwei deut­schen Staaten:

Sehr Lesens­wert

2017 rezensiert, Altnazis, Christoph Hein, DDR, Deutschland, Nachkrieg