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Ruth Reh­mann
» Illu­sio­nen

Autorin:Ruth Reh­mann
Titel:Illu­sio­nen (1958)
Aus­gabe:AvivA Ver­lag Ber­lin 2021, 2. Auf­lage 2022
Erstan­den:anti­qua­risch

Ruth-Rehmann-Bild1 Ruth Reh­mann gehörte in den 50er Jah­ren zur Gruppe 47, die im Nach­kriegs­deutsch­land sehr gro­ßen Ein­fluss hatte und von der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Nicole Sei­fert sehr detail­liert aus­ein­an­der genom­men wurde, weil den Frauen der Gruppe 47 häu­fig nur reprä­sen­ta­tive Funk­tio­nen zuge­stan­den wur­den, aber auch sie waren Schrift­stel­le­rin­nen. Quelle  Auf der Tagung 1958 »durfte« Ruth Reh­mann ein Kapi­tel aus ihrem Roman »Illu­sio­nen« vor­le­sen und zur Dis­kus­sion stel­len. Diese Tagung wurde als »Frau­en­ta­gung« bezeich­net, weil im Ver­gleich zu den vor­he­ri­gen Tagun­gen vier Autorin­nen anwe­send waren. Thema des Tex­tes von Ruth Reh­mann waren die Träume und Illu­sio­nen bezo­gen auf nur ein Wochen­ende aus der Per­spek­tive dreier Sekre­tä­rin­nen zur Zeit des sog. Wirt­schafts­wun­ders. Damit trat sie in die Tra­di­tion der »neuen Frau« der 20er Jahre, bezo­gen auf den weib­li­chen All­tag einer Ange­stell­ten. Ein Kri­ti­ker betonte, dass sie Natur­ta­lent besitze und auf die­ser Tagung zusam­men mit Gün­ter Grass »Niveau geschaf­fen« hätte. Aber den­noch erhielt Gün­ter Grass den Preis der Gruppe 47. Die Rezen­sion im Spie­gel von 1960 ver­riss den Roman von Ruth Reh­mann auf­grund feh­len­der Ori­gi­na­li­tät, gleich­zei­tig wurde sie als »Chan­so­nette« abge­wer­tet. (Wiebke Lun­dius, Die Frauen in der Gruppe 47, Ber­lin 2017, S.247ff).

Zum hun­derts­ten Geburts­tag wurde ihr Roman vom AvivA Ver­lag neu auf­ge­legt mit einem sehr inter­es­san­ten Nach­wort von Prof. Dr. Wer­ner Jung (1955). Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler stellt uns den Roman »Illu­sio­nen« und die Per­son Ruth Reh­mann vor, über­nimmt jedoch kri­tik­los einen Arti­kel aus der FAZ von 1958 zu der oben genann­ten »Frau­en­ta­gung«. »Dann aber erschien Ruth Reh­mann, ein ebenso bac­chan­ti­scher wie scheuer Typ, am Abend, zuvor hatte sie schon zur Laute schall­plat­ten­reif Chan­sons mit einer wil­den Stimme gesun­gen … ein rou­ti­nier­tes Natur­ta­lent, sagte jemand, wobei das Wort Rou­tine für Bewäl­ti­gung ste­hen mag, wel­che das urei­gene Tem­pe­ra­ment nicht ver­leug­net. Par­füm ist auch dabei. Aber es riecht gut, sogar aus­ge­zeich­net.« (S. 284). Ich stelle mir gerade vor, auch Gün­ter Grass wäre in der FAZ auf ähn­li­che Weise vor­ge­stellt wor­den. Das zur Dis­kri­mi­nie­rung der Frauen in der Gruppe 47, auch ein Grund, warum Ruth Reh­mann zunächst nicht erfolg­reich war.

Den Roman »Illu­sio­nen« könnte man als Ange­stell­ten­ro­man bezeich­nen, denn es ste­hen drei Sekre­tä­rin­nen und ein Ange­stell­ter im Vor­der­grund. Sie arbei­ten in einem Groß­kon­zern, füh­len sich wie die Hams­ter im Käfig und sind am Sams­tag­nach­mit­tag froh dar­über, dass end­lich das Wochen­ende beginnt, um am Mon­tag­mor­gen wie­der ins Hams­ter­rad zurück­zu­keh­ren, des­sen Inne­res so beschrie­ben wird: »Fotos von Freun­den oder Kat­zen, Mit­tel­meer­an­sich­ten, Blatt­pflan­zen und Kak­teen fin­den keine Wand, an die sie sich klam­mern, kei­nen Hin­ter­grund vor dem sie sich abhe­ben kön­nen und ste­hen im Lee­ren, vor nichts und hin­ter nichts. Es wider­ste­hen allein die Sofa­kis­sen der alten Ange­stell­ten in der siche­ren Posi­tion zwi­schen Hin­tern und Stuhl, mit denen diese Stüt­zen der Firma ihre ange­stamm­ten Plätze gegen Über­griffe ver­tei­di­gen.« (S. 9).

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Ruth Reh­mann 1961, pic­ture-alli­ance/dpa | Quelle

Jetzt zu den Haupt­per­so­nen. »Frau Schramm ist Chef­se­kre­tä­rin, wie sie im Buche steht: 63 Jahre alt, »graues Haar, graues Kos­tüm, weiße Bluse, drah­tig, auf­recht, kom­pe­tent und hei­ter.« (S. 10). Paul Wes­ter­mann dage­gen wird beschrie­ben als »kurz­sich­tig, hell­häu­tig, leicht errö­tend, magen­schwach.« (S. 10). Car­men Viol tritt auf als »wech­seln­der Typ, gegen­wär­tig tra­gisch-melan­cho­lisch, ner­vös, zu Aus­brü­chen nei­gend, von aus­ge­such­ter Ele­ganz und ver­blü­hen­der Schön­heit.« (S. 11). Zum Schluss die junge The­rese Pfeif­fer, »lang­bei­nig, schlaf­äu­gig, rot­blond.« (S. 11). Alle vier ver­tre­ten bestimmte Typen in der Welt der Ange­stell­ten und haben unter­schied­li­che Träume, Vor­stel­lun­gen, Illu­sio­nen bezo­gen auf das bevor­ste­hende Wochen­ende oder die Arbeit.

Alle vier Per­so­nen kom­men im wei­te­ren Vor­lauf zu Wort, sie wol­len ihre Träume rea­li­sie­ren, die sich aber auch als Illu­sio­nen ent­pup­pen. Frau Schramm wird gegen ihren Wil­len kurz vor Beginn des Wochen­en­des in die »wohl­ver­diente« Rente geschickt. Car­men Viol wür­den wir heute wohl als »ver­brannt« bezeich­nen, weil sie so viele Bezie­hun­gen schon hin­ter sich hat. Für The­rese Pfeif­fer beginnt das rich­tige Leben erst, wenn sie mit ihrer Cli­que unter­wegs ist auf der Suche nach neuen Rei­zen. Wes­ter­mann dage­gen hat sich in sei­nem klein­bür­ger­li­chen Ambi­ente ein­ge­rich­tet: ver­hei­ra­tet, Vater eines klei­nen Soh­nes, Neu­bau­woh­nung. Er glaubt jedoch in sei­ner Jugend etwas ver­passt zu heben, was er jetzt nach­ho­len müsse. So jagen alle vier ihren Illu­sio­nen hin­ter­her und füh­len sich in ihrer Frei­zeit genauso unglück­lich wie auf der Arbeit. Denn »Reh­manns Illu­sio­nen zeich­nen das Bild mensch­li­cher Kälte und Bezie­hungs­ar­mut inmit­ten einer Wohl­stands­ge­sell­schaft, die von Gebo­ten funk­tio­na­ler Nütz­lich­keit diri­giert wird.« (S. 305). Es han­delt sich hier um eine deut­li­che Gesell­schafts­ana­lyse, wenn auf der einen Seite gezeigt wird, dass die Nazi­zeit unter den Tep­pich gekehrt wird, und auf der ande­ren Seite Erhardts »Wohl­stand für alle« nur ein Hirn­ge­spinst war. »Illu­sio­nen ist ein Roman über kapi­ta­lis­ti­sche Ver­spre­chen, über die Wohl­stands­ge­sell­schaft, über Fir­men­füh­rung und Ver­wal­tungs­ef­fi­zi­enz; vor allem ent­wirft er psy­cho­lo­gisch dif­fe­ren­zierte Pro­file jener Büro­kräfte.« Quelle

 

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Frau mit Rei­se­ta­schen steht neben einem Gog­go­mo­bil Cabrio | Bild­quelle: WDR/In­ter­fo­to­/TV-yes­ter­day

Ruth Reh­manns Dar­stel­lung hat etwas von einer Pro­vo­ka­tion – und das von einer Frau! Ist sie viel­leicht des­halb in den übli­chen Lite­ra­tur­ge­schich­ten nicht zu fin­den? Gefun­den habe ich sie in der »Geschichte der deut­schen Lite­ra­tur«, Volk und Wis­sen Ber­lin (DDR), 1983. Hier wird betont, dass Ruth Reh­mann unmit­tel­bar die inhu­ma­nen Fol­gen einer per­fek­tio­nier­ten, per­sön­lich­keits­feind­li­chen Büro­welt gestal­tet habe. (S. 148).

Dem stimme ich hun­dert­pro­zen­tig zu!

Ein sehr lesens­wer­ter Roman!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, AvivA Verlag, Gruppe 47, Neue Frau, Ruth Rehmann, Wirtschaftswunder