
Sally Morgan
» Ich hörte den Vogel rufen
| Autorin: | Sally Mogan |
| Titel: | Ich hörte den Vogel rufen (1991) |
| Übersetzerin: | Gabriele Yin |
| Ausgabe: | Unionsverlag, 6. Auflage 2023 |
| Erstanden: | Geschenk von meiner Tochter |
In dem Roman »Ich hörte den Vogel rufen« von Sally Morgan geht es um versteckten, alltäglichen Rassismus. Der Roman erschien 1987 zunächst in Australien, über eine halbe Million Mal wurde er hier verkauft und mit dem Australian Human Rights Award in der Sparte Literatur ausgezeichnet. Die deutsche Erstausgabe erschien 1991 im Orlanda Frauenverlag, Berlin. Das dürfte schon mal ein Hinweis darauf sein, dass Frauen im Mittelpunkt stehen.
Sally Morgan stellt ihrem Roman folgende Aussage voran: »Wie arm wären wir gewesen, wenn wir die Dinge so belassen hätten, wie sie waren. Wir hätten überlebt, aber nicht als ganze Menschen. Wir hätten nie unseren Ort gekannt.« (S. 6).
Sally Morgan wurde 1951 in Perth als älteste von fünf Kindern geboren. Sie wuchs in der weißen Gesellschaft Australiens auf und erfuhr erst im Alter von fünfzehn von ihrer wahren Herkunft. Heute gilt sie als wichtigste Vertreterin der Aborigines-Literatur. Sie ist nicht nur Schriftstellerin, sondern ausgebildete Psychologin und Bibliothekarin, Malerin und Lithografin. Heute lehrt sie am Zentrum für Aborigine-Kunst an der University of Western Australia.
Ihre Großmutter gehört zu der sogenannten »Gestohlenen Generation« Australiens, in der Aborigines-Kinder von der australischen Regierung aus ihren Familien genommen wurden. Das erfahren wir und die Erzählerin erst in der Mitte des Romans. Es handelt sich um einen autobiografischen Roman, die Erzählerin berichtet von ihrer Kindheit und von ihrer Suche nach der eigenen Identität, indem sie ihre eigene Familiengeschichte aufarbeitet.
Sallys Geschichte beginnt in den fünfziger Jahren, sie erzählt von ihrer Kindheit, von den traurigen Momenten, aber auch von den schönen. Ihre Familie wirkt total schräg, lebenslustig und erfindungsreich. Alle scheinen gut miteinander auszukommen, trotz vieler Streitigkeiten haben sie viel Spaß miteinander. Ihr Vater stirbt früh, muss immer wieder für Wochen ins Krankenhaus, ist alkoholabhängig. Aber die Mutter und die Oma bringen die Familie durch, sind arm, werden von der ganzen weiteren Familie unterstützt. So kommt der Onkel – auch alkoholabhängig – immer mal wieder mit einem Huhn vorbei, das dann geschlachtet wird unter großem Gejohle. Der Spaß steht immer im Vordergrund. Sally erzählt Anekdoten aus ihrem Leben, lustige und traurige. So stellt sie mit 15 Jahren fest, dass mit ihrer Familie irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie in der Schule erzählt, dass sie indischer Abstammung sei, fangen die Kinder an zu lachen. Ein Vater verbietet ihr, mit seiner Tochter zu spielen, denn Sally sei anders. Jetzt erkennt Sally den Grund: Ihre Oma ist schwarz. Nun möchte Sally von ihrer Mutter und Großmutter ihre richtige Familiengeschichte hören, aber beide schweigen – zunächst. Immer wieder kann Sally ihrer Großmutter Aussagen entlocken und erkennt die Haltung ihrer Großmutter: »Weiße konnten alles tun, was sie wollten.« (S. 135). Sally bleibt hartnäckig, sehr hartnäckig, will jetzt endlich etwas über ihre wahre Herkunft erfahren, versteht aber auch, dass ihre Oma und ihre Mutter an einige Dinge aus der Vergangenheit nicht erinnert werden wollen. Sally bekennt sich inzwischen dazu, dass sie zu den Aborigines gehört. Sie möchte studieren und erfährt über Umwege, dass sie aufgrund ihrer Abstammung ein Stipendium erhalten könnte. Und jetzt beginnt wieder der Alltagsrassismus. Studenten werfen ihr vor, sie nähme das Stipendium nur des Geldes wegen. »Wir schämten uns, wenn das jemand sagte.« (S. 175). Aber die schlimmste Reaktion für Sally und ihre Schwester war, wenn die Studenten verlegen schwiegen.

Jetzt kommen unkommentiert drei Personen zu Wort, um aus der Vergangenheit zu erzählen. Zunächst der Großonkel Arthur Corunna (ca. 1893 bis 1950), dann die Oma Gladys Corunna (1931 bis 1983) und die Mutter Daisy Corunna (1900 bis 1983). Sie alle gehören der »Gestohlenen Generation« an. Um sie den Traditionen und der Kultur der Aborigines zu entfremden, wurden sie ihren Eltern weggenommen, aber auch, um sie als billige oder unbezahlte Arbeitskräfte einzusetzen. Darüber berichten nun diese Personen, unabhängig voneinander. So berichtet Arthur: »Ich weiß noch, wie ich eingeborene Menschen mit Ketten um Hals und Hände hinter ’nem Polizisten hergehen sah.« (S. 231). Wir erfahren viel über das Leben auf der Farm, die Aborigines unterstützen sich gegenseitig und fühlen sich als große Familie. Zum Abschluss seiner Erzählung betont Arthur: »Weißt du, das Problem ist, dass der Kolonialismus noch nicht vorüber ist. Wir haben immer noch ’ne Politik des weißen Australien gegen die Aborigines.« (S. 268).
Nun überredet Sally ihre Mutter, zusammen mit ihr nach Corunna zu fahren, um ihre Familiengeschichte zu erforschen. Immer werden sie hier freundlich, mit offenen Armen aufgenommen. So flüsterte ihnen eine alte Vollaborigine zu: »Ihr wisst ja nich, was das bedeutet; niemand kommt zurück. Ihr wisst nich, was das bedeutet, wenn ihr mit eurer hellen Haut euch zu uns bekennt.« (S. 290). Wir erfahren viel über die Bräuche und das Leben der Aborigines. Nach einigen Wochen fahren Sally und ihre Mutter wieder zurück nach Perth mit den Gedanken: »Wir waren jetzt andere Menschen. Was als eine unverbindliche Suche begann, hatte sich zu einer spirituellen und emotionalen Pilgerfahrt entwickelt. Wir hatten jetzt ein Bewusstsein als Aborigines und waren stolz darauf.« (S. 297).
Nun kommt die Oma Gladys mit ihrer Erzählung zu Wort, ihr wurde ihre Tochter Daisy weggenommen, sie kam in ein Kinderheim. »Aborigine-Frauen durften keine Kinder von einem weißen Mann behalten.« (S. 378). Sie durfte ihr Kind nur manchmal im Kinderheim besuchen und abends konnte sie nicht kommen wegen der Ausgangssperre für Aborigines, die ihnen verbot, bei Dunkelheit unterwegs zu sein. So dass ihr Kind Daisy formuliert: »Sogar wenn ich krank war, gehörte ich dem Ministerium für Ureinwohner. Mir war nicht einmal der Trost meiner Mutter erlaubt.« (S. 316).

Als Abschluss Daisys Geschichte, die sich endlich traut, Sally die Wahrheit zu erzählen. Auch sie berichtet vom täglichen Rassismus. »Damals wurde es als ein Vorrecht des weißen Mannes angesehen, dich zu nehmen, aber wenn du Kinder bekamst, durftest du sie nicht behalten. Du durftest nur die schwarzen behalten. Die hellen wurden dir weggenommen, weil sie dich nicht für geeignet hielten, ein Kind mit weißem Blut aufzuziehen« (S. 419).
Oma Gladys, die inzwischen sehr alt ist und über sich sagt, dass sie keinen Kampfgeist mehr besitze und die Kraft raus sei, gibt einen Hoffnungsschimmer: »Ich möchte gern glauben, dass der schwarze Mann eines Tages genauso behandelt wird wie der weiße Mann. Das wäre gut, nicht wahr. Donnerlittchen, wäre das gut.« (S. 435).
Den Roman von Sally Morgan kann man als politischen Aufklärungsroman bezeichnen, und er ist damit ein Stück Zeitgeschichte, weil er uns über das Leben der Aborigines in Australien berichtet, aber nicht nur auf der Sachebene, sondern humorvoll und mit viel Empathie.
Sally Morgan ist auch eine Künstlerin, eine Lithografin. Ihr bekanntestes Werk ist der Siebdruck »Citizenship«, der den »Natives (Citizenship Rights) Act« von 1944 kritisiert. Das Gesetz sah vor, dass sich Aborigines um die australische Staatsbürgerschaft bewerben mussten, die ihnen für bestimmte Vergehen wieder entzogen werden konnte. In weiteren Lithografien hat sie auch das Thema der »Gestohlenen Generation« Australiens verarbeitet.
Nicht nur für Menschen, die nach Australien reisen wollen, ein sehr lesenswerter Roman!
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Margret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Australien, Emanzipation, Familiengeschichte, Identität, Kolonialismus, Sally Morgan, Unionsverlag, verlorene Generation
