
Juri Rytchëu
» Die Reise der Anna Odimzowa
| Autor: | Juri Rytchëu (Russland, 1998) |
| Titel: | Die Reise der Anna Odimzowa |
| Ausgabe: | Union Verlag Zürich, 2000 |
| Erstanden: | Ein Superfund im Landbuchhandel Kross, Bippen |
Und wieder einmal ein traumhafter Fund in meinem Lieblingsantiquariat und eine absolute Bücherperle, die der Züricher Unionsverlag da – wie so oft – aus der russisch-sprachigen Literaurwelt herausgegeben hat.
Es ist kurzgesagt, das Schicksal der Leningrader Wissenschaftlerin (Ethnografin) Anna Odinzowa, noch geprägt vom Hunger aus der Blockadezeit des Naziüberfalls auf die Sowjetunion. Diese möchte vor Ort das Leben und die Kultur des kleinen Volks der Tschuktschen kennen lernen, weit, weit im Nordosten Russlands, direkt gegenüber Alaska! Hier spielt sich ihre Odyssee in einem erschütternden Dreieck ab: Der Zwiespalt der Tschuktschen zwischen dem traditionellen Nomadenleben mit ihren Rentierherden und ihrem Schamanenglauben (deren traditionelle Kultur der alte Rinto erhalten möchte) und den »Segnungen« der modernen Zivilisation und ihrer verführerischen Warenwelt, inkl. des Alkohols.
Der Versuch eher tumber Schergen des Stalin-Regimes auch den letzten freien Herdenbesitzer zu kollektivieren; vor dem Rinat mit Familie und Herde auf die Flucht geht. Wobei der Autor keinen Zweifel daran läßt, dass die Rentierkolchosen eher nicht funktionieren.
Und die blonde blauäugige Anna (äußerlich kompletter Gegensatz zu einem Eingeborenen), die sich in den Tschukten Tanat verliebt, ihn gegen alle Widerstände seiner nomadisierenden Familie heiratet und mit der Herde zieht; aber sogar aus tschuktschischer Tradition die Tanat lang zugesagte Nebenfrau akzeptieren muss – nachts im gleichen Zelt im gleichen Bett, ein erstaunlich freizügiges Buch.
Anna mutiert dabei fast vollständig zur Nomadin, die von Tanats Vater Rinto sogar mit heftigen Ritualen zu seiner Nachfolgerin als Schamanin erkoren wird. Aber gleichzeitig kann Anna ihre Heimat Leningrad und ihre dortiges Leben nie ganz vergessen. Wobei ihr Geliebter Tanat, als ausgebildeter Lehrer besonders zwischen dem traditionellen Nomadenleben und der Neuzeit (Lernen! Bibliotheken! Lehren!) hin- und hergerissen wird. – Dies ist eine mitunter märchenhaft anmutende Geschichte vom tschuktschischen Autor Juri Tytchëu in bestechender Nüchternheit so erzählt, dass man sich mitten im polarnahen hohen Nordosten und der zauberhaften Begegnung so fremder Kulturen fühlt und mitfiebernd eine fast unglaubliche Geschichte verfolgt.

Berührende Momente, wenn man nach der Geburt der Tochter von Anna und Tanat von der Schamanenkultur lernt, was es heißt, einem Kind einen Namen zu geben.
Das immerwährende Hin- und Hergerissensein zwischen den verschiedenen Kulturen, treffend in die Situation gefasst, als der alte Rinto, letzter Schamane seines Volkes seiner zunächst nur unwillig akzeptierten Schwiegertochter (eine »Tangitan«, wie die Russisch-stämmigen bezeichnet werden) der Anna nach der Deklamation von Versen des russischen Nationaldichters Puschkin zugesteht: Ein Puschkin Gedicht ist so schön, so gut, wie eines der traditionellen tschuktschischen Lieder!
Mit einem Nachwort des Autors, einem sehr guten Erläuterungsteil und Personenverzeichnis endet ein faszinierendes Buch, dem eigentlich nur der Hinweis auf die Übersetzer fehlt – was man aber auf der ausgezeichneten Webseite des Unionsverlag nachlesen kann: Charlotte und Leonhard Kossuth (die auch die Übersetzer des Kirgisen Aitmatow sind). Der Unionsverlag liefert auch die Tatsache, dass der Autor selbst genau am Schauplatz des Romans als Sohn eines tschuktschischen Jägers geboren wurde und der erste Schriftsteller dieses 12.000 Seelenvolks war.
Wer mehr über diesen Autor und seine traditionelle Kultur wissen will, wird – neben der Webseite – bei Leonard Kossuth fündig, dem jahrzehntelangen Lektor für sowjetische Literatur beim DDR Verlag Volk & Welt. Kossuth, bei dem man zu unwahrscheinlich vielen Autoren Russlands und der Sowjetunion Lesenswertes findet, nimmt in seinem Band »Am Anfang war: Granin auf Reisen – wohin?« auch ein Interview mit Rytchëu auf. Und bemerkt, dass dieser sehr viel für die Entwicklung einer tschuktschischen Schriftsprache getan hat. Dass seine Werke auf der Basis der großen Russen wie Gorki und Puschkin entstanden sind. Dazu macht er reiche Anmerkungen zur tschuktschischen Kultur: Alkoholismus und Ausplünderung ihrer Bodenschätze sind Alltag geworden. Die Zukunft des Volks ist unklar, die Segnungen der Sowjetzeit wie Gesundheitswesen, Bildung und kostenlose Kinderbetreuung, gibt es nicht mehr. Auch Schamanen existieren nicht mehr, die Zukunft des kleinen Volks ist unklar. Der Trost: Wie die Webseite des Union Verlags verrät: Von Rytchëu gibt es noch wesentlich mehr zu lesen!

Eine unwahrscheinlich schöne asiatische Literaturperle!
2017 rezensiert, Nomaden, Russland, Sibirien, Tschuktschen, Zivilisation
