
Julian Barnes
» Departure(s)
| Autor: | Julian Barnes (Großbritannien, 2026) |
| Titel: | Departure(s) |
| Ausgabe: | Jonathan Cape, 2026, englische Originalfassung |
| Erstanden: | Ein Tipp meines Freundes Hans/Buchhandlung Thaer, Berlin Friedenau |
| Sprache: | Englisch |

Die deutsche Fassung (»Abschied(e)«) eckt wieder einmal mit einem falsch übersetzten Titel an. Das Original »Departure« meint »Abfahrt«, »Abreise« oder auch »Weggang«, die Marketing-Abteilung des Verlages (Kiepenheuer & Witsch) wusste es wieder einmal besser als Autor bzw. Übersetzer. Ein dauerhaftes Ärgernis bei fremdsprachiger, übersetzter Literatur.
In diesem letzten (?) Buch des achtzigjährigen britischen Booker-Prize-Preisträgers Julian Barnes geht es um ein Ü-70-Thema: der Tod von nahestehenden Personen und die eigene Endlichkeit.
Er beginnt die Erzählung mit Erinnerungsblitzen, die unfreiwillig autobiografische Momente generieren. Wie der berühmte Geschmack und Geruch der »Madeleines« (ein französisches Gebäck) laut Marcel Proust ganze Kaskaden von persönlichen Erinnerungen auslöst. Nicht intellektuelle, sondern emotionale Erinnerungen. Proust verwurstet er gleich noch ein paarmal (z. B. mit dem Städtchen Cambray), wer Proust gelesen hat, schmunzelt nur über diesen Abschnitt oder überblättert ihn. Und freut sich über das Zitat von T. S. Eliot über das Gedächtnis: »No matter how you wrap it in camphor, the moths will get in.« Also egal, wie gut du alles in Kampfer verpackst, die Motten kommen trotzdem rein. Oder wie der Geruch von verbranntem Toast den Erzähler für immer an »Priscilla-in-der-Garderobe-in-Oxford-versteckt« erinnern würde, wäre er nur mehr »proustisch«.
Über Barnes selbst lernen wir, dass er mehrfach das Studienfach gewechselt hat und schließlich doch bei Französisch hängen geblieben ist, am Ende leider nur mit Zweiernoten. Er beginnt die Story fast in Oxford, obwohl er selbst in »Flaubert’s Parrot« geschrieben hatte, Stories in Oxbridge beginnen zu lassen, sollte mit einem mindestens 20-jährigen Bann belegt werden. Seinen Stolz über die Ausbildung in Oxford mildert er ab: Nur 16 % weibliche Studentinnen! Und dem Hinweis, dass gegen Ende des Studiums viele geheiratet haben, in dem leicht panischen Gefühl, man werde doch »nichts Besseres« mehr bekommen. Was den Rezensenten daran erinnert, wie lange er gebraucht hat, um sich innerlich vom Biotop »Studium« nach etlichen Semestern zu lösen.
Eine Diagnose

Was die »departure« betrifft, so kommt sie auf den leisen Tatzen zunächst unverfänglicher medizinischer Diagnosen, sein Kalziumwert ist viel zu hoch. Das löst ein sich immer schneller drehendes Untersuchungs- und Diagnosekarussell aus, literweise Blut abgeben, Knochenmarksuntersuchungen, Inspektionen durch alle denkbaren Körperöffnungen. Warum gibt es diese merkwürdigen Hautprobleme, was sagt »Dr. Google«? Immer mit der Frage: »… if it is or isn’t Leukaemia …«. Das alles mitten in der beginnenden Zeit der in GB so miserabel gemanagten Corona-Zeit. Der Erzähler lernt, dass die Frage »if it is or isn’t« doch eher meint, dass die schreckliche Diagnose richtig ist. Genial, wie Barnes sich durch den Nebel seiner eigenen teils schemenhaften, vielfach lückenhaften Erinnerungen zu den sich zuspitzenden Diagnoseversuchen hangelt. Und sein unmittelbarer Gedanke: »Ah, so this is what it’s like to be told.«
Und der Schreckensmoment des Anrufs eines bisher unbekannten Arztes, bitte begeben Sie sich sofort in die nächste Notaufnahme! Dieser krasse Moment, was nehme ich mit, ab ins Bett … Wo es nach einiger Zeit doch heißt: Sie können nach Hause, die Hämatologie arbeitet am Wochenende nicht. Er beginnt zu verstehen: »I had a lifelong engagement with death«. Sein Promistatus als sehr bekannter britischer Schriftsteller verwandelt manche Arztvisite in literarische Fragestunden. Ihm ist klar, dass er sich am unteren Ende der Skala des Schreckens der Krebsdiagnose befindet. Zumal sie unnachahmlich, trocken, kurz gefasst eingeschätzt wird: »Manageable, not curable« – sein Blutkrebs.
Bestechend, wie er aus dem Wirrwarr der laufenden Notizen seiner Arzt- und Spitaltermine die roten Fäden entwirrt, als wenn er über seinen eigenen Tod schreibt. Das Schreiben beruhigt ihn, auch dass der Krebs das Resultat des Alterns ist, Selbstvorwürfe wie »… hätte ich damals nur« kann er sich sparen. Er macht sich Sorgen um seine Partnerin, wie hart sie von seinem Sterben getroffen werden könnte. So war es ja auch, als sein Freund Terence Gilmore gegangen ist, der, der in seiner Freizeit (!) mal eben Proust neu übersetzt hat. Was auf das Motto herausläuft: »Sterben ist der leichtere Job!« Trost kann die Perspektive geben, dass zukünftige Therapien ihn heilen könnten. Und dass die Chance für eine Mutation zum Schlechteren bei nur 5 % liegt …
Er reflektiert, der Tod sei nicht »a terminus at the end of the journey, an arrival from which there will be no further departure.« Stattdessen entwickelt er das Bild von den parallel verlaufenden Spuren, die seines Lebens und die seines Krebses. Das Ende, für beide, sei erst, wenn die Spuren sich kreuzten. Und schließlich: »We come from eternal nothingness and that is what we return to.« Es sind diese Abschnitte des Buchs, wo ich notiert habe: Selten hat mich etwas so veranlasst, mich mit dem eigenen Lebensende auseinanderzusetzen, Chapeau, Mr. Barnes!
Und der Rest?

Barnes ist ein routinierter Vielschreiber, und die weiteren Teile seines Buchs sind keineswegs ungenießbar. Da ist die Geschichte von Joan und Stephen, denen er zweimal, mit dem Abstand von 40 Jahren, zu einer Partnerschaft verholfen hat. »Die Geschichte hat ein Loch von 40 Jahren«, so drückt er es aus. Wobei er schon in den Erinnerungen darauf hinweist: »Joan was a superwoman, out of his league«, flapsig ausgedrückt. Als er Stephen nach 40 Jahren wieder trifft: »we tick-boxed our lives«, ein toller Ausdruck für das Erzählen beim Wiedersehen mit alten Freunden. Proust darf nicht fehlen, die Erinnerungen, die zwei Leute voneinander haben, unterscheiden sich, wird er zitiert. Andere nette Bemerkungen waren: »You can’t make new old friends.«
Eher verstörend des Autors Idee, dass Joan sich schwer wundert, wie Stephen sich im Bett verändert hat. Wo er das nur her hat, lässt er seine Heroine wiederholt abgeschmackt fragen. Als wenn es nicht logisch wäre, dass sich in 40 Jahren nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Sexualität verändert haben. Das Paar bleibt in der Nähe von Barnes, trifft ihn einzeln und zu zweit und scheitert doch wieder in der Beziehung. Mehr als »Küchenpsychologie« über ein »Re-attachment Syndrom«, oder dass Stephen Joan zu sehr liebt, hat er dafür nicht als Erklärung. Aber wirklich wichtig sind diese Zeilenfüller nicht und treffen das eigentliche Thema auch wenig. Und sie haben nicht im Entferntesten die Dichte und Spannung der Erzählung wie zu Beginn des Buchs.
Man fragt sich dagegen, wieso er die Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, seiner bevorstehenden »Abreise«, nicht fortsetzt? »The universe is doing its stuff« scheint der Kommentar auch zu seiner wenig engagierten Aufzählung, wen er schon alles hat sterben sehen. Den Verfall des Hundes Jimmy, den er von Joan erbt, hätte er den Lesern ersparen können, oder ihn wenigstens enger in Zusammenhang mit seinem Titelthema bringen können. Recht geben würde ich ihm bei dem Statement »… memory is identity, without memory we’re nothing«. Aber die Chance, das Geflecht von Erinnerungen und Identität näher zu beleuchten, vergibt er komplett. Schließlich reiht er noch die Erzählung über mehr oder minder tragische Tode von Pseudo-Promis und Freunden aneinander. Aber nur auf einer anekdotischen Ebene, der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit menschlichen Lebens nicht würdig.
Fazit: Im ersten Teil gelingen Barnes kluge Reflektionen über seine eigene Krankheit und deren Diagnose, »manageable, not curable« lautet die im britischen Stoizismus. Gleichzeitig macht er geschickte Anlehnungen bei seinen Erinnerungen an die Vergangenheit, an den Klassiker »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« von Marcel Proust. Mitunter wird doppeldeutiger britischer Galgenhumor deutlich, wenn ein Arzt in der Notaufnahme zur attraktiven Frau des frisch Eingelieferten sagt: »Ich werde auf Sie warten.«
Beklemmend gut die Erinnerungen an die Momente der Diagnose »Blutkrebs« und die Situation ihrer Übermittlung. Und wie er sich erinnert, woran, an welche Umstände. Die logische Äquivalenz zum »Madeleine-Moment« in Prousts Mehrteiler »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«.
Ganz anders die schwach konstruierte Geschichte der doppelten Ehestiftung seiner Freunde Joan und Stephen. Das ist eher banal als zwingend, schlecht konstruiert und mit Küchenpsychologie versehen. Vollends ins oberflächliche Geschwätz gleitet er am Ende mit einer Listung, wer von seinen Bekannten/Freunden alles schon gestorben ist. Was will der Autor damit sagen?
»Departures« strahlt im ersten Teil so viel beklemmende Originalität aus, dass man ihm den geschwätzigen Rest verzeihen mag.
Gut lesbar.
2026 rezensiert, englische Originalfassung, Jonathan Cape, Julian Barnes, Krebs, Sterben, Tod
