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Mar­gret Sche­pers
» … und wir träum­ten vom Matriarchat

Autorin:Mar­gret Schepers
Titel:… und wir träum­ten vom Matriarchat
Aus­gabe:Kur­pfäl­zi­scher Ver­lag, Hei­del­berg 2026
Erstan­den:Buch­hand­lung Thaer, Ber­lin Friedenau

Wir-traeumten-vom-Matriarchat-Bild1Bevor ich den Roman »… und wir träum­ten vom Matri­ar­chat« von Mar­gret Sche­pers rezen­siere, muss ich mich etwas outen. Auch ich habe die Frau­en­be­we­gung der 70er Jahre nicht nur pas­siv, son­dern auch aktiv mit­er­lebt, aller­dings in Ber­lin und nicht in Hei­del­berg. Daher mein beson­de­res Inter­esse an die­sem Roman, sicher auch immer unter dem Blick­win­kel, ob in Ber­lin und Hei­del­berg ähn­li­che Ent­wick­lun­gen statt­ge­fun­den haben.

Aber natür­lich sind die Grund­ideen die glei­chen. Gleich­be­rech­ti­gung im Beruf und in der Gesell­schaft ste­hen im Vor­der­grund, und da reicht es eben nicht, dass die Frauen schon 1918 das Frau­en­wahl­recht erkämpft hat­ten. In den 70er Jah­ren fin­den Aktio­nen gegen das Abtrei­bungs­ver­bot des § 218 statt, an die­sen Aktio­nen betei­li­gen sich Frauen unter­schied­li­cher poli­ti­scher Cou­leur und das Neue ist: Es ent­steht eine femi­nis­ti­sche Gegen­kul­tur mit dem Slo­gan: Das Pri­vate ist poli­tisch. Es ent­steht eine breite Öffent­lich­keit auch dadurch, dass pro­mi­nente Frauen 1971 im Maga­zin Stern bekann­ten, dass sie abge­trie­ben hät­ten. Aber grund­sätz­lich änderte sich für die Frauen kaum etwas. Im Bun­des­tag einig­ten sich im Juni 1976 die Poli­ti­ker auf ein Indi­ka­tio­nen­mo­dell, also dar­auf, den Frauen die Mög­lich­keit eines Schwan­ger­schafts­ab­bruchs unter bestimm­ten medi­zi­ni­schen, psy­chi­schen oder sozia­len Vor­aus­set­zun­gen zu geben. Den Frauen genügte das nicht, Frau­en­grup­pen orga­ni­sier­ten aBus­fahr­ten nach Hol­land oder Groß­bri­tan­nien, um Frauen den Weg frei zu machen, Abtrei­bun­gen legal durch­füh­ren zu las­sen, was in der Bun­des­re­pu­blik nicht mög­lich war. Die Akti­vis­tin­nen betrach­te­ten die Fahr­ten als eine Form der öffent­li­chen Selbst­hilfe und des Pro­tests, juris­tisch beweg­ten sie sich jedoch in einer Grauzone.

Auf all das wird im Roman mehr oder weni­ger ein­ge­gan­gen. Auch in Hei­del­berg ent­stan­den Frau­en­grup­pen, Frau­en­wohn­ge­mein­schaf­ten und Frau­en­pro­jekte. Der Roman spielt auf zwei Ebe­nen. Zunächst in den 70er Jah­ren und dann im Jahr 2018, in dem sich die Prot­ago­nis­tin­nen wie­der tref­fen. Immer im Wech­sel wird erzählt. Mar­gret Sche­pers gelingt es, die unter­schied­li­chen Lebens­si­tua­tio­nen der Prot­ago­nis­tin­nen sehr authen­tisch wie­der­zu­ge­ben. Da ist Susa, vom Land in die Stadt Hei­del­berg gezo­gen, um der Lan­ge­weile auf dem Land zu ent­ge­hen und in Hei­del­berg zu stu­die­ren. In der Frau­en­be­we­gung und unter den Lin­ken fühlt sie sich auf­ge­nom­men, aber bei poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen eher an den Rand gedrängt. »Susa begreift nichts. Sie hört die Worte, aber nur jedes ein­zelne ergibt für sie einen Sinn. Sie sucht nach einem Bezug zu sich, zu ihrem Leben, aber ihre Fra­gen kom­men bei den Genos­sen über­haupt nicht gut an.« (S. 59). Susa ist jung, uner­fah­ren, sucht nach Frei­heit und einem selbst­be­stimm­ten Leben. Sie poli­ti­siert sich über Aktio­nen gegen den § 218, wird schwan­ger, will abtrei­ben und wird unter­stützt von Frauen aus der Frau­en­be­we­gung, sie fah­ren zusam­men zur Abtrei­bung nach Hol­land. Susa wird von Frauen gedrängt, an den Selbst­un­ter­su­chungs­grup­pen teil­zu­neh­men, das geht Susa jedoch zu weit, sie tut nur so, als ob sie teil­neh­men würde. Aber andere Pro­jekte unter­stützt sie aus­nahms­los: den Frau­en­buch­la­den! »Schließ­lich sind sie Schwes­tern. Leben eine femi­nis­ti­sche Uto­pie. Sie menstru­ie­ren gemein­sam; Geld, Macht, Sta­tus sind bedeu­tungs­los. Bei ihnen regie­ren weib­li­che Fähig­kei­ten: Ver­ständ­nis, Wärme, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Liebe! Sie sind auf dem Weg zu einer bes­se­ren, gerech­te­ren Gesell­schaft! Zum Matri­ar­chat!« (S. 163). Für unsere heu­ti­gen Ohren – nach 50 Jah­ren – hört sich das alles unglaub­lich naiv an, aber ich stimme der Erzäh­le­rin zu, so war es damals.

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Mar­gret Sche­pers führte in den 70er-Jah­ren einen Frau­en­buch­la­den in Hei­del­berg. Nun erschien ihr ers­ter Roman, der geschicht­li­che Anek­do­ten mit einem Kri­mi­nal­fall ver­bin­det. | Foto: jubl | Quelle

Susa wünscht sich eine har­mo­ni­sche, weib­li­che Welt, muss aber immer wie­der fest­stel­len, dass es diese nicht gibt, nicht in der Frau­en­wohn­ge­mein­schaft, nicht bei dem Pro­jekt Frau­en­buch­la­den und auch nicht im Stu­dium, wenn sie ein Pro­mo­ti­ons­sti­pen­dium erhal­ten soll, die­ses ihr aber von einer Stu­den­tin abspens­tig gemacht wird. Und jetzt ent­steht eine Art Kri­mi­plot mit einer »Lei­che im Kel­ler«. Inhalt­lich will ich dazu nichts mehr sagen, denn diese Ebene, die 2018 spielt, wo sich alle Prot­ago­nis­tin­nen mehr oder weni­ger zwangs­läu­fig wie­der tref­fen, halte ich für völ­lig über­zo­gen. Es wäre doch inter­es­san­ter und nicht so welt­fremd gewe­sen, einige Prot­ago­nis­tin­nen in ihrem wei­te­ren Leben zu ver­fol­gen und zu hin­ter­fra­gen, ob sie sich immer noch als Femi­nis­tin­nen bezeich­nen oder das eher als Jugend­sünde abtun würden.

Für die Frau­en­be­we­gung der 70er Jahre stand eine gewalt­freie und gleich­be­rech­tigte Gesell­schaft im Vor­der­grund. Patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren soll­ten hin­ter­fragt wer­den, es ent­stand eine Vision einer weib­lich gepräg­ten Kul­tur, die eine Alter­na­tive zu Unter­drü­ckung und männ­li­cher Macht­aus­übung sein sollte. Davon ist lei­der bei den Prot­ago­nis­tin­nen im Jahr 2018 wenig übrig geblie­ben. Wenn Susa über ihre dama­lige Freun­din Han­nah läs­tert: »Han­nahs Haar stand vom Kopf ab, ein geblüm­tes T-Shirt hing nach­läs­sig über ihre graue Pump­wal­le­hose. Ästhe­tisch ein Graus.« (S. 239). Oder mit einem Unter­ton des Neids über ihre Freun­din The­resa sagt: »Sie sah klasse aus. Teuer. Kasch­mir, dezen­tes Gucci, eine Her­mès-Bir­kin-Tasche.« (S. 114).

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»Mein Bauch gehört mir«: Die Neue Frau­en­be­we­gung in den 70ern | Quelle

Frau­en­so­li­da­ri­tät, erst­mals beschrie­ben in den 70er Jah­ren, bedeu­tet Zusam­men­halt und gegen­sei­tige Unter­stüt­zung von Frauen, um gemein­sam für Gleich­be­rech­ti­gung und gegen Dis­kri­mi­nie­rung zu kämp­fen. Der Begriff betont ein ver­bin­den­des Wir-Gefühl über soziale oder kul­tu­relle Unter­schiede hinweg.

Das fehlt mir in dem Roman, statt­des­sen geht es im Jahr 2018 um eine »Lei­che im Kel­ler«, für die alle Prot­ago­nis­tin­nen ver­ant­wort­lich sind – völ­lig absurd!

Zum Schluss eine Ein­schät­zung aus den Medien zu die­sem Roman: »Viel­leicht drückt es eine Gering­schät­zung von Frauen aus, wenn alles, was mit ›1968‹ und Fol­gen­dem zu tun hat, his­to­risch von allen Sei­ten beleuch­tet und lite­ra­risch bear­bei­tet wor­den ist, wäh­rend die Erin­ne­rung an die Frau­en­be­we­gung eine gewisse Leer­stelle bil­det.« Quelle  Auch das halte ich für völ­lig ober­fläch­lich, hier drei wei­tere Texte zu die­sem Thema:

  • Annett Grösch­ner, Ber­o­li­nas zor­nige Töch­ter: 50 Jahre Ber­li­ner Frau­en­be­we­gung, Taschen­buch, FFBIZ Ver­lag, 1. Sep­tem­ber 2018
  • Eli­sa­beth Zell­mer: Töch­ter der Revolte?, De Gruy­ter Olden­bourg 2011
  • Heike Specht: Die Frau der Stunde, Droe­mer Knaur Ver­lag Mün­chen 2025.
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Flug­blatt Abtrei­bungs­kli­ni­ken, 1976 | Quelle

Schade, die Beschrei­bung der Frau­en­be­we­gung der 70er Jahre ist lesens­wert – aber das Wie­der­se­hen in 2018 ist für das Thema Frau­en­be­we­gung nicht zielführend!

Weni­ger lesenswert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, 70er Jahre, Abtreibung, Emanzipation, Frauenbewegung, Kurpfälzischer Verlag, Margret Schepers, Solidarität, § 218