
Franziska Haug (Hg.)
» „bin weiblich, bin männlich, doppelt“ – Queere DDR-Literatur
| Autorin: | Franziska Haug (Hg.) |
| Titel: | „bin weiblich, bin männlich, doppelt“ Queere DDR-Literatur |
| Ausgabe: | Mitteldeutscher Verlag, 2026 |
| Erstanden: | Buchhandlung Thaer, Berlin Friedenau |
Schon der Titel des Sachbuchs »„bin weiblich, bin männlich, doppelt“ – Queere DDR-Literatur« von Franziska Haug (Hg.) hat mich neugierig gemacht und erst recht im Vorwort die beiden Zitate:
- Eine Frau mit männlicher Vergangenheit müsste man sein. (Irmtraud Morgner)
- wie wirkt, worin wir leben? (Ronald M. Schernikau)
Was hat die Autorinnen und Autoren bewegt, das Thema Queerness in der DDR literarisch zu untersuchen? Franziska Haug geht davon aus, dass mit dem Verschwinden der DDR auch deren Stimmen und Erzählungen verschwanden – aus der öffentlichen Debatte. Denn »gemeinsam mit den Betrieben, Produktionsmitteln, den öffentlichen Ämtern in Politik und Kultur, die im rasenden Tempo durch die fachkundigen Hände der Treuhand in den Westen transferiert wurden, verlor die Lebensart der Menschen in der nun ehemaligen DDR ihre Legitimität«. Quelle Die allgemeinen Narrative würden lauten, dass die Menschen nur von sozialer Marktwirtschaft und Levis Jeans geträumt hätten, dem sei jedoch nicht so, denn auf reale Erfahrungen im Alltag der Menschen in der DDR würde kaum zurück gegriffen. Daher konstatiert Franziska Haug: »DDR-Bewohner*innen haben in den Jahren nach der Wende nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die Hoheit über die Narrative der eigenen Vergangenheit, des eigenen Lebens, verloren«. Quelle
Jetzt habe ich mich langsam an das Thema herangetastet. In ihrem Buch wollen die Autorinnen und Autoren herausfinden, wie die DDR auf Lesben und Schwule wirkt, welche Bedeutung spielt der Kommunismus, das sozialistische Kollektiv, konnte man sich nicht identisch zum Staat verhalten? Um das herauszufinden, muss man schauen, »wie erzählt wird: Welche Erzählperspektiven und Stimmen sprechen in welchen Positionen und Funktionen? Was wird ausgelassen, was ausgeschmückt?« (S. 7). In keinem anderen Land mit vergleichbarer Größe wurde so viel Literatur produziert und gelesen wie in der DDR. Also muss doch hier viel zu finden sein über Themen wie »Geschlecht, Sexualität, Begehren, Identität, Familie, Beziehungen, Träume und Wünsche in der DDR« (S. 8). Das ist ein völlig neuer Blick auf die DDR-Literatur, denn im öffentlichen Diskurs der Gender Studies taucht die Literatur der DDR bisher nicht auf. Sicher nicht aus ästhetischen Gründen, sondern aus politischen, so Franziska Haug.

Die Untersuchungsthese der Autorinnen und Autorin lautet: »Die Literatur der DDR spricht wie kaum eine andere Literatur eine Sprache, die ihren Ort im Dazwischen hat: in den Widersprüchen zwischen Wirklichkeit-Möglichkeit, Materie-Form, Träumen-Fürchten, Gehen-Bleiben, Fakt-Fiktion…«. (S. 8).
Untersucht wurden Texte von Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann, Christa Wolf, Christa Reinig, Helga Königsdorf, Helga Schütz, Sarah Kirsch, Maxie Wander, Waldtraut Lewin, Christa Kozik, Norbert Marohn, Ronald M. Schernikau, Franz Fühmann und Erich Loest. Für diese Rezension habe drei Artikel herausgesucht, die mich besonders interessieren.
Janin Afken»»Für einen Moment war eine fremde Trieblandschaft in grelles Blitzlicht getaucht«. Lesbische* Utopien in der DDR-Literatur der 1970er Jahre«.
Hier wird anhand des Romans Trobadora Beatriz von Irmtraud Morgner gezeigt, dass »lesbisches Begehren bzw. lesbische Liebe als mögliches Lebenskonzept« (S. 23) durchaus existierte. Das Thema stehe zwar nicht im Vordergrund des Romans, aber die Bedingungen der Möglichkeit heterosexueller Liebe würden thematisiert.
Alexander Wagner»Anthropophage Erotik, ein kleines Rasenstück, Frauen aus Stein: Die »Hadischen Erzählungen« in Irmtraud Morgners Trobadora Beatriz«
Auch Alexander Wagner geht ausführlich auf Irmtraud Morgners »Trobadora Beatriz« ein. Hier besonders auf die »Gute Botschaft der Valeska«, in der Valeska morgens mit einem Penis erwacht, nachdem sie mehrmals betont hat »man müßte ein Mann sein«. Ihren neuen Körper betrachtet sie als »Uniform« und nutzt diese, um die Privilegien als Mann zu genießen. Diese fantastische Erzählung bleibt zwar in einer heterosexuellen Struktur stehen, schreibe jedoch aus »materialistischer Perspektive« gegen »straightes Denken«, gegen die Norm der Heterosexualität an, so Alexander Wagner.
Birgit Bockschweiger»Christa Wolf – eine queere Autorin?«
Birgit Bockschweiger wirft einen neuen Blick auf Christa Wolf, die sehr eigensinnige Frauenfiguren entworfen habe. In den mythischen Erzählungen »Kassandra« und »Medea« beschreibe sie auch unkonventionelle Sexualbeziehungen, die »kein Anlass für Scham und Abwertung« seien und Identifikation bieten würden für die Lesenden.
Fazit der Autorinnen und Autoren:

In der Literatur der DDR schon in den 60er und 70er Jahren gab es feministische, lesbische und queere Utopien. »Sie sind eben auch Teil einer Emanzipationsgeschichte, eingeschrieben in Texte, Figuren und poetische Zwischenräume. Den Leser*innen erwartet mit diesem Band echter Erkenntnisgewinn«. Quelle Und diesen Erkenntnisgewinn hatte ich auch bei der Vorstellung des Buches in der »Hellen Panke« in Berlin Pankow.
Heute hat hier das Schlusswort der schwule Kommunist Ronald M. Schernikau, für ihn zeigte sich in der DDR Literatur immer etwas Utopisches, nicht in großen Erzählungen, sondern im Erzählen des Alltags.
»Mich hat an der DDR-Literatur immer fasziniert das Maß an Unruhe. Also daß da überhaupt was war, über das man meckern konnte, zeigte mir, daß die Leute noch nicht völlig verblödet sind. Das kann man auch Utopie nennen. Offenbar ist da was in der DDR, das die Leute dazu bringt, ich rede von den Künstlern, Bewegung überhaupt wahrzunehmen. Das ist für jemanden, der aus dem Westen kommt, schon vollkommen ungewöhnlich. Alles Bewegt Sich!, das ist im Westen eine revolutionäre These. Weil, im Westen lebt man in dem Gefühl: Nichts bewegt sich. Der Endzustand ist erreicht.« Quelle Schernikau, Ronald M.; »Das Konkrete ist natürlich böh. Gespräch mit Thomas Blume«, in: konkret 3/1990, Hamburg 1990.
Die Literatur der DDR ist sehr politisch, denn sie hat einen scharfen Blick, sie leuchtet den Alltag aus, aber auch das Träumen.
Ein sehr interessanter neuer (!) Blick auf Literatur aus der DDR
Also: lesen!
Hier weitere Aspekte:
Carsten Gansel» Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Brigitte Reimann, Christa Reinig, Christa Wolf, DDR, Erich Loest, Feminismus, Franz Fühmann, Franziska Haug, Irmtraud Morgner, Mitteldeutscher Verlag, Norbert Marohn, Queerness, Sexualität, Sozialismus
