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Cars­ten Gan­sel
» Aus­ra­diert? Wie die Lite­ra­tur der DDR verschwand

Autorin:Cars­ten Gansel
Titel:Aus­ra­diert? Wie die Lite­ra­tur der DDR verschwand
Aus­gabe:Stutt­gart 2026, 1. Auflage
Erstan­den:Buch­hand­lung Thaer, Ber­lin Friedenau

Ausradiert-Bild1 »Wer wis­sen will, was die DDR ein­mal war und wie der All­tag aus­sah, der sollte die Lite­ra­tur lesen, die in die­sem Land ent­stand und die kei­nes­wegs eine Affir­ma­tion des Bestehen­den betrieb.« (S. 14). Das betont Cars­ten Gan­sel in sei­nem Buch »Aus­ra­diert? Wie Lite­ra­tur der DDR ver­schwand« und die­ses Zitat fasst schon mal auf das Kür­zeste zusam­men, warum ich gerne Lite­ra­tur aus der DDR lese – beson­ders gerne Lite­ra­tur von Frauen. Daher sol­len diese hier auch im Vor­der­grund stehen.

Bei der Kunst und der Lite­ra­tur ging es »um eine authen­ti­sche Dar­stel­lung des Lebens« (S. 54). Und das sei beson­ders bei Gerti Tetz­ners Debüt »Karen W.« aus dem Jahre 1974 zu fin­den, neu auf­ge­legt in 2025. Cars­ten Gan­sel befragte 2025 die Autorin nach ihrem Schreib­an­satz und Gerti Tetz­ner betonte: »Das ist ein Antrieb des Schrei­bens für mich gewe­sen, dass man eben dort, wo das Leben ent­steht und sich abspielt, nach­forscht.« (S. 54). Der Roman wurde in der DDR ein Best­sel­ler, weil er Fra­gen ansprach, die auch heute noch nicht beant­wor­tet wer­den kön­nen. Bis 1986 wur­den mit einer Auf­lage 200 000 Exem­plare ver­kauft. »Sollte das in der Tat daran lie­gen, dass hier eine ideo­lo­gisch gefärbte und unwahre All­tags­ge­schichte erzählt wird?« (S. 55). So die rhe­to­ri­sche Frage des Autors Cars­ten Gansel.

Auch das Nach­den­ken über das andere Deutsch­land, wie dort gelebt wird und ob die Erzäh­le­rin dort leben könnte, spielt in der Lite­ra­tur der DDR eine wich­tige Rolle. Hier als Bei­spiel Bri­gitte Rei­mann, »Die Geschwis­ter« und Christa Wolf, »Der geteilte Him­mel«. Beide Autorin­nen erzäh­len von ande­ren Ver­hal­tens­wei­sen, Gewohn­hei­ten und Über­le­gun­gen der Men­schen in Ost und West. Dabei ginge es um spe­zi­fi­sche Denk­wei­sen, Welt­bil­der, Nor­men, Emo­tio­nen und Vor­stel­lun­gen sowie ihre wech­sel­sei­tige Bedingt­heit so Cars­ten Gan­sel. (vgl. S. 91). Wei­ter stellt er fest, dass schon in der Lite­ra­tur der 60er Jahre eine gewisse Fremd­heit zwi­schen Ost und West erfasst wurde. »Das stimmt nach­denk­lich, nicht zuletzt, wenn man sich in die Gegen­wart ver­setzt.« (S. 91). Bri­gitte Rei­mann erhielt für diese Gegen­warts­er­zäh­lung 1965 den Hein­rich-Mann-Preis der Aka­de­mie der Künste.

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Cars­ten Gan­sel, © Frank Wil­helm | Quelle

Nicht nur Bri­gitte Rei­mann, son­dern auch Irm­traud Morg­ner hat einen kri­ti­schen Blick auf die Ver­hält­nisse zwi­schen den Gene­ra­tio­nen gewor­fen. Ihr Roman »Rumba auf einen Herbst« wurde zwar 1964 vom Ver­lag abge­lehnt, fand aber 10 Jahre spä­ter Ein­gang in ihren Erfolgs­ro­man »Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­trix nach Zeug­nis­sen ihrer Spiel­frau Laura«. Hier wird der Gene­ra­ti­ons­kon­flikt auf die Spitze getrie­ben, wenn Sohn Benno ein altes Arbei­ter­lied vertwis­ten will. Sein Vater ist alt­ge­dien­ter Kom­mu­nist und es ent­steht ein Rie­sen­krach. Die­ses Thema ist viel­leicht eine Reak­tion auf Hon­eckers Aus­sage aus dem Jahr 1971, dass es auf dem Gebiet der Kunst und Lite­ra­tur keine Tabus geben dürfte? Cars­ten Gan­sel ergänzt: »Diese Aus­sage war längst über­fäl­lig, denn immer wie­der waren in zahl­rei­chen Roma­nen und Erzäh­lun­gen die Kon­flikte und Wider­sprü­che der DDR-Gesell­schaft zum Thema gemacht und ein dif­fe­ren­zier­ter Blick auf die Geschichte gewor­fen wor­den.« (S. 178).

Das Thema »Liebe« taucht auch immer wie­der in der Lite­ra­tur auf, aber deut­lich anders aus­ge­prägt als in der Lite­ra­tur der Bun­des­re­pu­blik. Die lite­ra­ri­sche Kon­stel­la­tion, dass der Mann die Frau ver­lässt, erscheine ange­sichts der offen­sicht­li­chen Selbst­stän­dig­keit der Frauen, fast schon ein Aus­lauf­mo­dell zu sein. (vgl. S. 179). Denn in den Roma­nen von Gerti Tetz­ner »Karen W.« und Chris­tine Wol­ters »Die Allein­seg­le­rin« sind es die Frauen, die gehen.

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Lese­land DDR: Vor einer neu­eröff­ne­ten Buch­hand­lung, Ber­lin 1983 | Foto: Peter Diedrich/TT/IMAGO | Quelle

In den 70er und 80er Jah­ren wurde Bri­gitte Rei­mann zu einer Kult­au­torin auf­grund ihres 1974 erschie­ne­nen Romans »Fran­ziska Lin­ker­hand«, deren Grund­frage es sei, wie sie den eige­nen Schaf­fens- und Glücks­an­spruch mit­ein­an­der ver­bin­den kann, es geht um moderne Archi­tek­tur und Bauen, um Ost­mo­derne, was erst spä­ter in der DDR hin­ter­fragt wurde. Und Cars­ten Gan­sel fasst prä­gnant zusam­men: »Inso­fern sind die Dar­stel­lun­gen, die sich auf Archi­tek­tur und das Bauen bezie­hen so etwas wie ein lite­ra­ri­scher Vor­griff. Es gibt kei­nen ande­ren Roman in der DDR-Lite­ra­tur, der mit der­ar­ti­gen Über­le­gun­gen zur Archi­tek­tur so früh zu den grund­le­gen­den Fra­gen führt, die den Sozia­lis­mus als Gan­zes berüh­ren.« (S. 185).

Jetzt fehlt noch Edith Ander­son mit der von ihr her­aus­ge­ge­be­nen Geschlech­ter­tausch-Antho­lo­gie »Blitz aus hei­term Him­mel« (1974 / 2025). Hier haben Christa Wolf, Sarah Kirsch, Gün­ter de Bruyn, u.a. Erzäh­lun­gen zu die­sem Thema ver­öf­fent­licht. In der Erzäh­lung von Christa Wolf for­mu­liert die weib­li­che Ich-Erzäh­le­rin eine der zen­tra­len Erkennt­nisse, die auf DDR-Ver­hält­nisse aus­ge­rich­tet war: »Mei­nen Wert als Frau hatte ich zu bewei­sen, indem ich ein­wil­ligte, ein Mann zu wer­den.« (Vgl. 197).

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Bücher auf der Müll­kippe 1991 | Sil­vana Tis­mer © | Quelle

Cars­ten Gan­sel betont, dass sich das Selbst­ver­ständ­nis der Autorin­nen und Autoren der DDR an einer ande­ren Funk­ti­ons­be­stim­mung von Lite­ra­tur ori­en­tier­ten. »Inso­fern ist es ange­ra­ten, die DDR-Lite­ra­tur an ihrem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis zu mes­sen und nicht an von außen her­an­ge­tra­ge­nen Maß­stä­ben, die einer west­li­chen Gesell­schaft abge­zo­gen sind.« (S. 271).

Und was ist mit gro­ßen Tei­len die­ser Lite­ra­tur nach 1989 gesche­hen? 1990 wurde bekannt, dass ton­nen­weise Bücher – etwa 80 Mil­lio­nen – ver­nich­tet wur­den, z.B. in einen still­ge­leg­ten Tage­bau gekippt oder auf Äckern aus­ge­streut, um sie unter­zu­pflü­gen. Was macht das mit Autorin­nen und Autoren, wenn auf diese Weise auch ihre Bio­gra­fien zer­stört wur­den? Dabei waren es gerade die Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler, die in der DDR zum Dia­log auf­for­der­ten und die tat­säch­li­chen Pro­bleme leben­dig dar­stell­ten und sicht­bar mach­ten, was im Land schief lief. Hier wur­den jene The­men ver­han­delt, die in den Par­tei-Medien nicht dis­ku­tiert wer­den durf­ten. Auch des­we­gen war die DDR ein Lese­land. So wur­den nicht nur die Autorin­nen und Autoren demon­tiert, ihnen wurde auch die Mög­lich­keit genom­men, auf Augen­höhe mit­zu­dis­ku­tie­ren, »weil in der Regel west­deut­sche Groß­den­ker mit west­deut­schen Groß­den­kern dar­über dis­ku­tier­ten, wie schlimm und ver­dor­ben der Osten war.« Quelle

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Lese­land DDR – Haben Sie was von Zweig? | © Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung | Quelle

Und mit die­ser prä­gnan­ten Aus­sage hat der Rezen­sent Ralf Julke das Schluss­wort: »Im Grunde ist Gan­sels Buch eine vehe­mente Kri­tik an west­li­cher Arro­ganz, die den Osten immer nur von oben be- und ver­ur­teilt hat. Und es ist eine ein­zige geballte Emp­feh­lung, die erfolg­rei­chen Romane des Ostens alle noch ein­mal mit den Augen von heute zu lesen.« Quelle

Sehr span­nend und aufschlussreich!


Hier sind Inspi­ra­tio­nen zu finden:

Gerti Tetz­ner» Karen W.

Irm­traud Morg­ner» Leben und Aben­teuer der Tro­ba­dora Bea­triz nach Zeug­nis­sen ihrer Spiel­frau Laura

Chris­tine Wol­ter» Die Alleinseglerin

Edith Ander­son (Hg.)» Blitz aus hei­term Himmel

Sarah Kirsch / Irm­traud Morg­ner / Christa Wolf» Geschlechtertausch

Zum Schluss eine Lek­tü­re­emp­feh­lung von Cars­ten Gan­sel, die die wich­tigs­ten 334 aus­ge­wählte Texte (Romane, Erzäh­lun­gen, Lyrik) aus der DDR ent­hält. »»Hier eine sub­jek­tive und her­vor­ra­gende Aus­wahl (PDF-Link).

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Carsten Gansel, DDR, Demokratie, Identität, Literatur, Reclam Verlag, Stuttgart 2026, Wende