
Prof. Hans-Otto Dill (Hsg)
» Lügt und lügt nicht
| Autor: | Prof. Hans-Otto Dill (Hsg.) (DDR, 1973) |
| Titel: | Lügt und lügt nicht, phantastische Erzählungen aus Kuba |
| Ausgabe: | Rütten & Loening, 2. Ausgabe 1981 |
| Erstanden: | Antiquarisch bei der Peter Sodann Bibliothek Staucha |

Das ist eine Sammlung von 18 fantastischen Geschichten von insgesamt 11 kubanischen Autorinnen und Autoren. Der Band erschien 1973 bei Rütten & Loening in Berlin/DDR und erhielt 1981 eine zweite Auflage. Die mir hier vorlag und die ich antiquarisch bei der Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha (Sachsen) bekommen habe. Dieses vom Schauspieler Peter Sodann gegründete Antiquariat ist eine der ersten Adressen, aus der ich Literatur beziehe, insbesondere wenn es um Bücher aus den Verlagen der ehemaligen DDR geht.
Leider enthält das Buch keine biografischen Angaben zu den Autoren, was ich hier ein wenig versuche, nachzuarbeiten.
Einige der schönsten Geschichten stammen von einer Erzählerin, Lydia Cabrera (1899-1991). Die nicht nur schrieb, sondern als Ethnologin auch Material aus dem afro-kubanischen Bereich sammelte, Von ihr stammen insgesamt fünf der 18 Erzählungen. Und aus meiner Sicht eine der besten in dieser Auswahl: »Tiger und Schildkröte«. Die leben auf einer relativ jungen Erde, aber: »Es fehlte nur ein wenig Ordnung; die Fische tranken nämlich aus Blumen und die Vögel hängten ihre Nester an Wogenkämmen.« Ähnlich fantasievoll geht es weiter, wenn Schildkröte und Hirsch gemeinsam eine Insel (Kuba?) finden, auf der sie einträchtig das Land bestellen können. Und als der Mensch den Rat der Sonne nicht beherzigt und ihr weiter entgegenklettert, verbrennt er und wird zum ersten Neger, dem Vater aller Neger. Man lernt, was aus dem Zusammenstoß eines Kopfes mit einer Schildkröte entstehen kann und wie Kröten Körperteile gegen Musikinstrumente tauschen und die Frau des Tigers »La Paloma« spielt. – Pure Fantasy! Aber kann die weise Schildkröte sich vor den Kindern des Tigers retten? Das müssen Sie als Leser selbst herausfinden!
In die Dimensionen der Quantentheorie gerät man (fast) mit L. Cabreras Geschichte »Obbara lügt und lügt nicht.« In einer schönen Posse entlarvt der arme Bauer Obara des versteckt liegenden Dorfs der Orisha die (schein-)Heiligen des Dorfs. Es gilt: »Wenn Obara log, drückte er damit doch stets etwas Wahres aus.«
Als die kubanische Variante des »Tischlein deck Dich!« entpuppt sich »Das Wunder des Mambiala-Berges«, was sich aber eher als »Knüppel aus dem Sack« erweist und die Träume eines Taugenichts zerstört. In Cabreras letzter hier aufgeführten Geschichte, »Als die Wege verschwanden und wieder auftauchten«, zeigt sie sehr geschickt, welche Bedeutung Wege für die Kommunikation, das Zusammenleben und die Existenz menschlicher Gesellschaften haben. Und wie man den Teufel zum Tanzen bringt und damit morden kann. – Sehr schade, dass diese fantasievolle Verfasserin intelligenter Fantasy sich 1959 (nach der kubanischen Revolution) zu einem Umzug nach Miami entschloss, aus Misstrauen gegenüber dem sozialistischen Kurs der Regierung Castro. Erst nach 10-jähriger Schreibpause begann sie wieder zu veröffentlichen.

Gerardo del Valle (1898-1993), geboren in Venezuela, gestorben in Havanna, verfasste »Der böse Geist im Ceiba-Baum«, eine erdverbundene Mischung von Natur, Realität, Spiritualität und Aberglaube. Wie der böse Geist, der in einen Ceiba-Baum gefahren ist, einen gerissenen, korrupten Politiker bedroht. Das Ganze sich aber als Manöver eines konkurrierenden Individuums erweist.
Felix Pita Rodriguez (1909-1990), ein Vielschreiber und Aktivist gegen den Franco-Putsch in Spanien, konnte erst nach dem Sturz der Batista-Diktatur (1959) nach Kuba zurückkehren. Er verfasste »Florella«, eine Geschichte voller schöner und zärtlicher Momente, aber auch Tragik. Die schwangere Florella verliert ihren Geliebten durch einen Felssturz, ihre Tochter stirbt mit nur 3 Jahren. Dennoch sagt sie: »Jene Worte über Menschen, die sich nicht damit abfinden können, einen Besitz verloren zu haben, sondern ihn mit ihrem Leben verknüpfen, als wollten sie den ehernen Gesetzen Gottes trotzen.« – Ein völlig anderer Umgang mit Verlusten!
Eine zauberhafte Sprache findet man in »Nina, Tochter des Wassers« ebfs. von Felix Pita Rodriguez. Als Nina zur Welt kommt, sprudelt die von den Bergen kommende Quelle wieder. Die Neugeborene ist ein ganz besonderes Wesen. »Als die erste große Dürre Montecallado heimsuchte, holte sie den Regen herab, indem sie einfach ihre Kinderhände sanft nach ihnen ausstreckte.« Sie behersscht auch die von den Bergen kommenden Fluten. Sie spricht gleichsam mit den Fluten. Und als sie schon mit 11 Jahren stirbt, heißt es im Text: »Am Tag ihres Todes kam aus den 4 Hähnen des Brunnens ein trübes gleichsam trauriges Wasser, das man nicht trinken konnte, weil es im Mund einen bitteren, strengen Grasgeschmack hinterließ.«

Von Pita Rodriguez stammt auch »Der Töpfer Alarico«. Der taucht eines Tages mit seinem Töpferkarren auf und lässt sich nieder. Er stellte ungewöhnlich haltbare Töpfe her, von denen bald jeder Haushalt welche besaß. Doch als er eines Tages starb, zersprangen sämtliche seiner so zahlreich im Dorf vorhandenen Töpfe. Wieder eine Geschichte, wo eigentlich unbeseelte Dinge durch ihren Schöpfer belebt werden, aber auch mit ihm die Welt verlassen.
Von Pablo de la Torriente-Brau (1901-1931) stammt »Nur hundert Pesos bekam ich für meine Filmidee«. Der Protagonist träumt à la Hollywood mit einer Filmidee reich zu werden. Bekommt aber in den USA nur 100 Pesos, statt der erträumten 100.000. Und muss diesen Spottpreis annehmen, damit er seiner Braut überhaupt irgendetwas schenken kann. Traum und Wirklichkeit im Kapitalismus. De la Torriente-Brau starb 1931 bei der Verteidigung Madrids gegen die Franco-Putschisten.
Ruben Martinez Villena (1899-1934) hat »Im Auto« verfasst. Eine sehr gelungene Geschichte über eine wahnsinnige Autofahrt, also einer zu der unsere dänischen Nachbarn den schönen Begriff »vanvidskørsel« geprägt haben. Eine in diesem Fall sehr spannende Geschichte über eine irrsinnige Autofahrt. An deren Ende zwei zerschmetterte Menschen stehen. Und alles aus Liebe und Eifersucht – fast wie im richtigen Leben. – Martinez Villena war einer der Organisatoren des ersten politischen Streiks auf Kuba. Er starb sehr früh in einem Sanatorium in einem Vorort von Havanna.
»Der Großfang« stammt von Arnaldo Correa (1935-?), der als einer der Gründer der kubanischen Krimiliteratur gilt. Der 1935 Geborene lebt in einem Vorort von Havanna. Hierzulande von ihm erhältlich ist der Spionage-Krimi »Spys fate« – Schicksal eines Spions.
Im »Großfang« erzählt er die unglaubwürdige Geschichte von einer Waljagd (!) im karibischen Meer. Die Jagd wird von einem unglaubwürdigen Angriff einer ebenso unglaubwürdigen Luftwaffe beendet. Eine wunderbare Posse, die man gut Herrn Trump verehren könnte, leider liest der nicht.

Manuel Diaz Martinez (1936-2023 im spanischen Exil) ist verantwortlich für »Der Kreuzzug«. Der blieb mir etwas rätselhaft mit seinem Feldzug in ein Land, deren Bewohner alten Gerippen ähneln. Was mehr an Traumbilder denn an Realität erinnert.
Von Onelio Jorge Cadoso (1914-1986) stammt »Mit offenen und geschlossenen Augen«, das ist ein fantasievolles Spiel zwischen Traum und Realität. Immer wenn die Fantasie eines Traumes, meist auf dem Atlantik zu überborden droht, schaltet sich der Träumende quasi als Moderator ein. Der, der träumt, ist selbst Seemann, wegen einer Schlägerei zu 6 Monaten verurteilt. Und genießt die Haftzeit mit deftigen maritimen Träumen. Zu Cadoso findet man sogar etwas in der deutschsprachigen Wikipedia, in der es über ihn heißt: »Herausragend sind seine Leistungen als Erzähler!«
Alejo Carpentier (1904-1980) war ein kubanisch-französischer Schriftsteller. Er schrieb «Reise zum Ursprung«. Da wird ein altes Haus abgerissen. Des Nachts jedoch entwickeln sich alle Dinge am und im Haus rückwärts, ihrem Ursprung entgegen. Das muss man lesen, um diese feinste Phantastik aus Kuba zu genießen.
Fantastische Erzählungen zwischen Volksmythen und Aberglauben. Einige der Erzählungen weisen noch in die vorrevolutionäre Zeit auf Kuba hinein. Ebenso wie zu den afrikanischen Wurzeln eines Teils der Bevölkerung. Und in die Zeit von vor 1959, wo das Land als Armenhaus und gleichzeitig als das Bordell der USA galt. Ein Land mit korrupten, geldgeilen Politikern und ihren Bütteln, die kein Stück besser sind. Ein krasser Unterschied zum Kuba nach der Revolution 1959.
Das Internet zeigt bei der Informationssuche zu diesen Autoren seine Fixierung auf westliche Industrieländer. Texte sind zu den Autoren kaum zu finden. Wenn, dann sind sie meist auf Spanisch, was nur begrenzt zu meinen Sprachen gehört.

Viele Geschichten enthalten ein gehöriges Stück kubanischer Mythologie. Aufgrund der historischen Bindungen gehören Spiegelungen der einstigen kubanischen Feudalgesellschaften aus den Köpfen der afrikanischen Sklaven, die aus ihren Urgesellschaften herausgerissen wurden, dazu. Geschichten auch, die einen anderen, eher verständnisvollen Umgang mit den Kräften der Natur, der »Zwang« zu ihrer Beherrschung erscheint kaum ausgeprägt.
Die Arbeit der Übersetzer (Christel Dobenecker, Roland Erb, Wilhelm Plackmeyer) kann man nicht hoch genug loben. Phantastik in eine völlig andere Sprache zu übertragen, ja nachzudichten, ist eine hohe Kunst. Das gilt auch für das Verständnis fördernde kluge Nachwort des Herausgebers, des Wissenschaftlers Professor Hans-Otto Dill (1935-27.4.2026). Prof. Dill wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße in Berlin im April dieses Jahres beigesetzt. Das Buch bekommt man heute antiquarisch, schon zu Preisen ab 4 Euro – es lohnt sich!
In heutigen Zeiten, wo Kuba (nach dem Iran) möglicherweise zum Ziel eines Angriffskrieges des autoritären US-Präsidenten Trump wird, fand ich es besonders reizvoll, einen literarischen Blick auf die Insel in der Karibik zu werfen. Eine Insel, die sich seit 1959 beharrlich weigert, dem »american way of life« anzuschließen, und dabei zu einem Land wurde, das ärztliche Leistungen exportieren kann, ebenso wie einen selbst entwickelten Corona-Impfstoff. Ein Land, das seit langen Jahren eine niedrigere Säuglingssterblichkeit aufweist als der große Nachbar USA und der von diesem mit einer völkerrechtswidrigen (Energie-)Blockade erpresst wird.
