
Edith Anderson
» A Man’s Job
| Autorin: | Edith Anderson |
| Titel: | A Man’s Job |
| Ausgabe: | Aufbau Verlag, Berlin 2024 |
| Erstanden: | antiquarisch |
Edith Anderson (1915-1999), Jüdin, war eine sehr ungewöhnliche Frau. In New York geboren, von 1933 bis 1937 Studium an der Columbia University, seit 1938 Mitglied der Kommunistischen Partei der USA, 1942/43 Kulturredakteurin der kommunistischen Tageszeitung Daily Worker, von 1943 bis 1947 Eisenbahnschaffnerin bei der Pennsylvania Railroad, 1947 verlässt sie New York und geht der Liebe wegen nach Berlin (DDR) und 1956 wird ihr Roman »Gelbes Licht« veröffentlicht. Nun liegt er in einer Neuauflage vor unter dem Titel: »A Man’s Job« mit einem sehr interessanten Nachwort von Carolin Würfel. Edith Anderson begann sehr früh ihre Herkunft und ihr Denken mit eigenen Worten zu vertreten, so hier in ihrem Roman, dass Emanzipation auch durch gesellschaftliche Bedingungen gehemmt oder gefördert wird.
»Schon bevor 1949 Simone de Beauvoirs Buch ›Das andere Geschlecht‹ erschien, hatte Edith Anderson nicht nur als Jüdin, sondern auch als Frau konstatiert, dass Identitäten ein Gefängnis fremder Zuschreibungen sein können«. Quelle
Edith Anderson erzählt von den 4 Jahren (1943-1947) als sie selbst als Schaffnerin bei der Pennsylvania Railroad in einer Frauentruppe gearbeitet hat. Im Krieg nahmen die Frauen diese Arbeitsplätze ein, die eigentlich den Männern vorbehalten waren, denn sie wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Und diese »Frauen sollten zu den ersten Frauen in den Vereinigten Staaten gehören, die bei der Bahn arbeiteten, und sie waren aufgeregt und nervös, die eine oder andere sogar beklommen.« (S. 6). Auf die Solidarität der Männer konnten sie nicht hoffen, denn »was die Flittchen hier arbeiten sollen – ich sehe das nicht.« (S. 11). So ein Mitarbeiter der Bahn. Besonders die Zugführer waren überheblich, sie glaubten so etwas wie ein Boss zu sein. Denn »der Eisenbahnerberuf gab ihnen ein Gefühl von Macht und Freiheit … Die Eisenbahn war eine Männerwelt. Sie war mehr als bloße Arbeit, sie war Flucht, Ungestörtheit, Erholung.« (S. 14). Und in diese Männerwelt waren nun die Frauen eingedrungen.
Ganz schön mutig!!
Dieser Gruppe von Frauen folgt Edith Anderson, die den Bahnbetrieb am Laufen halten, die von den Männern nicht akzeptiert und ständig benachteiligt werden. Bahnangestellte werden beauftragt, die Frauen anzulernen, darauf war niemand vorbereitet und die Kommunikation war »unterirdisch«, betrachtet aus der heutigen Zeit. So formulierte ein Kollege: »Na ja, zwischen ’nem Nigger und ’ner Frau gibt’s keinen großen Unterschied.« (S. 57). Oder ein weiterer Kollege, der die Frauen beobachtet auf der Suche nach dem Aufenthaltsraum: »Nun erzählt Onkel Sorrel mal, wo die kleinen Frauchen hinwollen.« (S. 119).
Aber die Frauen fühlten sich auch unsicher, denn sie standen einer Männerfront gegenüber, die entschlossen war, die Frauen auf der untersten Stufe der Hierarchie zu belassen. Jetzt könnte man erwarten, dass die Frauen sich solidarisch untereinander verhalten, aber sie reiben sich zusätzlich auf durch weibliches Konkurrenzverhalten: Wer hat die schönste Garderobe, die beste Frisur und das auffälligste Make-up? Das hat sich meiner Meinung nach bis heute nicht verändert, ist vielleicht sogar noch schlimmer geworden?
Jetzt könnte man vermuten, dass diese Frauen politisch keinen Erfolg hatten. Das ist nicht so, sie erkämpften sich einen eigenen Aufenthaltsraum, die Aufnahme in die Eisenbahnergewerkschaft und Seniorrarität, das bedeutete, nicht nur die anstrengendsten und am schlechtesten bezahlten Strecken zugewiesen zu bekommen. Sie wurden aber immer noch kritisch beäugt von den männlichen Kollegen. Miss Lamb, die sich am meisten traute, wurde von einem Kollegen so beurteilt: »Und wenn sie Seniorrarität und die Gleichheit von Mann und Frau will, dann könnt ihr euch darauf verlassen, dass sie auch alles andere will, was damit einhergeht: die Gleichheit von Niggern und Weißen, die Gleichheit von Ausländern und Geflüchteten und richtigen Amerikanern und die Gleichheit zwischen eurem Geldbeutel und dem eines Tagediebs, der zu faul ist zum Arbeiten … Sie sind Kommunistin, stimmt’s, Miss Lamb?« (S. 187).
Der Zusammenhalt unter den Frauen wurde immer stärker, gemeinsam wurde zum Streik aufgerufen, um eine Stundenlohnerhöhung durchzusetzen. Indem Präsident Truman allerdings die Eisenbahnen dem Amt für Kriegstransportwesen unterstellte, erstickte er Arbeitskämpfe schon im Keim. Er ersuchte den Kongress, um »Notstandsgesetze zu erlassen, um jeden ernst gemeinten Streik zum Streik gegen die Regierung zu erklären.« (S, 384). Und die Gewerkschaftsvertreter stimmt dem Vorschlag Trumans von achtzehneinhalb Cent Stundenlohnerhöhung zu. Die Frauen hatten gehofft, auch nach Ende des Krieges ihre Arbeitsstelle zu behalten, aber sie wurden wieder zurück an den Herd gedrängt.
Edith Anderson entfaltet in ihrem Roman auch die sexuelle Emanzipation berufstätiger Amerikanerinnen. Die Frauen, die bei der Eisenbahngesellschaft arbeiten, wollen nicht mehr um jeden Preis heiraten und verurteilen die Anzüglichkeiten der Männer der Eisenbahnerwelt aufs schärfste und stellen fest, dass Konflikte nur durch Selbstermächtigung gelöst werden können, nicht durch Jammern und Klagen.
»Was den Roman heute noch so bedeutsam macht, ist die hellsichtige Kritik an Strukturen der Unterdrückung, die gleichsam aus sich selbst heraus funktionieren … Ein ausgeklügeltes Konkurrenzsystem unter den Arbeitenden trübt derart den Blick, dass die eigentlichen Profiteure kaum wahrgenommen werden.« Quelle
Carolin Würfel in ihrem Nachwort: »A Man’s Job« ist eine Geschichte über das Amerika in Kriegszeiten, aber vor allem eine Geschichte über junge Frauen und ihren Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung … Heute würde man sagen eine Geschichte über »female empowerment«, weibliche Selbstermächtigung.« (S. 399).
Ich glaube, das sind genug Argumente, um zu sagen:
unbedingt lesen!
Wer mehr von Edith Anderson lesen möchte, z.B. Geschlechtertausch Erzählungen, hier:
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Margret Hövermann-Mittelhaus
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