
Sophia Boddenberg
» Revolution der Frauen – Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen
| Autorin: | Sophia Boddenberg |
| Titel: | Revolution der Frauen – Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen |
| Ausgabe: | mandelbaum verlag, Wien 2025 |
| Erstanden: | Buchhandlung Thaer, Berlin Friedenau |
Sophia Boddenberg, »Revolution der Frauen – Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen«. Damit betont sie gleich im Titel ihres Buches, was ihr Ziel ist. Etwas genauer formuliert sie im Vorwort: »Gerade jetzt, da autoritäre Rechte weltweit auf dem Vormarsch sind, können wir aus den Erfahrungen der lateinamerikanischen feministischen Bewegungen Kraft und Inspiration schöpfen. Gerade jetzt, da ein individualistischer und neoliberaler Zeitgeist vorherrscht, können wir von Feministinnen aus Lateinamerika lernen, dass sich durch kollektive Zusammenarbeit Veränderungen durchsetzen lassen.«(S. 8). Auf das Ergebnis können wir gespannt sein!
Sophia Boddenberg ist freie Journalistin, hat sich von 2014 bis 2025 in Lateinamerika aufgehalten, vor allem in Chile, Argentinien und Kolumbien. Diese Länder stehen in ihrer Darstellung auch im Vordergrund – auch besonders Chile, weil sie hier am längsten gelebt hat. Sie ist Feministinnen, Indigenen und Schwarzen Aktivistinnen und Umweltschützerinnen begegnet, sie hat diese interviewt und stellt fest: »Erst durch meine Erfahrungen in Lateinamerika werde ich erkennen, wie eng Patriarchat und Kapitalismus miteinander verknüpft sind, wie sie mein Leben und das von anderen Frauen prägen, und wie akut feministische Kämpfe sind – in Lateinamerika, Europa und weltweit.» (S. 11).
In zehn Kapiteln erzählt die Autorin von Kämpfen gegen sexualisierte Gewalt und Femizide, vom Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche und wie Umweltaktivismus und Feminismus zusammen gehören. Sie beschreibt also das Entstehen einer feministischen Massenbewegung in Lateinamerika, die keineswegs einheitlich war, sich aber insgesamt gegen die die Frauen bedrohende Gewalt richtet. Für Sophia Boddenberg bedeutet Feminismus nicht nur der Kampf gegen das Patriarchat, sondern auch gegen Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus.
Immer wieder betont die Autorin, was sie gelernt hat von den Frauen in Lateinamerika und was wir dementsprechend lernen könnten.

Ganz besonders spannend für mich die Beschreibung, dass die Küche im Feminismus der Indigenen Mapuche eine entscheidende Rolle spielt, nämlich als sozialer Ort. Im Süden Chiles besucht sie Susana Huenul, eine Mapuche. Die Autorin möchte gerne über den Feminismus mit Susana sprechen. Aber sie antwortet sofort: »Wir sind es so leid, dass weiße Frauen uns aus der Küche befreien wollen.« (S.65). Und sie erklärt, dass die Küche ein sozialer Ort sei, an dem nicht eine Frau allein und isoliert am Herd stehe, sondern viele Frauen gemeinsam kochen, sich austauschen und voneinander lernen. »In der Küche wird Wissen vermittelt.« (S. 67). So könne die Küche nicht aus einer weißen Perspektive als Ort der Unterdrückung gelesen werden.
Ein weiterer grundsätzlicher Unterschied zu dem Leben von Frauen in Europa: Die indigenen Völker in Lateinamerika würden traditionell in Gemeinschaften leben, daher werde die Frau nicht als individuelles Subjekt begriffen, sondern als Teil einer Gruppe. Daher kämpfe sie nicht für ihre individuelle Emanzipation, sondern für die Befreiung ihrer Gemeinschaft, also ihres Volkes. (vgl. S. 15).
Immer wieder stellt die Autorin einen Zusammenhang her zwischen Kolonialismus und Kapitalismus und mahnt daher, auch Verantwortung für das koloniale Erbe zu übernehmen und vor allem weiße Vorstellungen von Feminismus zu hinterfragen. Die Indigenen, wie die Mapuche, das größte Volk Chiles und Argentiniens stehen bei ihrer Darstellung im Vordergrund. Vielleicht auch, weil diese bis heute von den Großgrundbesitzern und Machthabern unterdrückt und ausgebeutet werden. Weiterhin stellt sie einen Bezug zu heute her, denn die Feministinnen in Argentinien müssen befürchten, dass sie ihre erworbenen Rechte wieder verlieren, seit Präsident Javier Milei an der Macht ist. Was hat er wohl als erstes abgeschafft? Das »Ministerium für Frauen, Gender und Vielfalt«! Außerdem wurden staatliche Hilfen für Frauen gestrichen, die sich in einer Gewaltsituation befinden. Für ihn gibt es keine Femizide, keine Gewalt gegen Frauen, daher wurde dieser Tatbestand aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Aber die Frauen geben nicht auf, denn sie haben auch aus der Vergangenheit gelernt, dass »in vielen Ländern Lateinamerikas Frauen eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Militärdiktaturen, bei der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen und bei Aufbau demokratischer Strukturen spielten«. (S. 136).
So kann die Autorin zum Schluss die Frage stellen: »Was bleibt also nach zehn Jahren feministischer Kämpfe in Lateinamerika?« (S. 140).
Ihre Antwort, die ich nicht verkürzen möchte, lautet:
»Die Geschichte des Widerstands, in der Theorie und Praxis untrennbar ineinandergreifen und die das Leben selbst ins Zentrum stellt. Es bleibt ein feministisches Bewusstsein, gewachsen über Generationen hinweg, für das Frauen ihre individuellen Erfahrungen mit kollektiven Kämpfen um gesellschaftliche Transformation verwoben haben. Diesem Bewusstsein entspringt ein Freiheitsbegriff, der nicht auf Vereinzelung und Konkurrenz setzt, sondern auf Gemeinschaft und Verbundenheit – und damit im Kontrast zum libertären Individualismus der Rechten steht. Aus diesem kollektiven Begehren erwächst die Möglichkeit, eine politische Gegenmacht aufzubauen: einen internationalen Feminismus, der Unterschiede zu Quellen gemeinsamer Stärke macht. Nur indem wir unsere Kämpfe verbinden, indem wir uns kollektiv organisieren, können wir die vielfältigen Formen von Gewalt und Unterdrückung überwinden. Genau das – und noch viel mehr – habe ich von Feministinnen aus Lateinamerika gelernt«. (S. 140).
Also: Lesen und von Feministinnen aus Lateinamerika lernen!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
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