
Elif Shafak
» Das Flüstern der Feigenbäume
| Autorin: | Elif Shafak |
| Titel: | Das Flüstern der Feigenbäume |
| Übersetzerin: | Michaela Grabinger |
| Ausgabe: | Kein & Aber Zürich - Berlin 2021 |
| Erstanden: | antiquarisch |
| gelesen im Literaturkreis der Fürst-Donnersmark-Stiftung | |
Können Bäume kommunizieren?
»Zwar haben Bäume weder Nervensystem noch Gehirn, dennoch wissen die grünen Wesen genau über ihre Umwelt Bescheid, warnen einander vor Schädlingen und tauschen Signale über ein weit verzweigtes Netz im Boden aus«. Quelle
Edith Shafak nutzt diese Fähigkeit der Natur in ihrem Roman »Das Flüstern der Feigenbäume«. Sie verwendet den über 100 Jahre alten Feigenbaum als Erzählinstanz. Er verbindet die Protagonisten miteinander und erzählt, was die einzelnen noch nicht wissen und damit auch die Leserin und der Leser noch nicht. Aber trägt diese Idee über 500 Seiten, wenn im Wechsel der Feigenbaum erzählt und der Erzähler? Um das zu beurteilen, zunächst die Frage: Worum geht es eigentlich? Es geht um den Bürgerkrieg auf Zypern in den 70er Jahren. Um die Liebesgeschichte zwischen Kostas und Defne. Um die Suche nach Identität ihrer Tochter Ada. Um dunkle Familiengeheimnisse. Um »die Immigranten und Exilanten überall auf der Welt, die Entwurzelten, Neuverwurzelten, Wurzellosen.« (S. 5).
Doch zunächst zum Inhalt. Erzählt wir vom Ende beginnend. Ada, die Tochter von Defne und Kostas wächst in London auf, muss den Tod ihrer Mutter verarbeiten; dieses fast allein, denn ihr Vater hat sich innerlich zurückgezogen. Sie scheint eine gute Schülerin zu sein, vielleicht etwas introvertiert. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien wird sie aufgerufen, um eine Frage der Lehrerin zu beantworten. Ada war jedoch so in Gedanken, dass sie gar nicht mitbekommen hat, worum es im Unterricht geht. »Sie gehörte zu nichts und niemandem. Ihre ungebrochene Einsamkeit machte sie vollständig. Sie hatte sich noch nie so ungeschützt und gleichzeitig so mächtig gefühlt. « (S. 45). Sie steht auf und beginnt zu schreien – minutenlang. Warum? Vielleicht erfahren wir es später noch etwas genauer? Zunächst erfahren wir, dass ihre Mitschüler und Mitschülerinnen diese Szene gefilmt haben und dieses Video geht viral. Ada schämt sich, man macht sich über sie lustig, und sie stellt fest, dass Jugendliche das Video teilen und sich selbst schreiend aufnehmen und ins Netz stellen. Leider wird dieser Gedankengang von der Autorin nicht weiter verfolgt, der etwas hätte aussagen können über Jugendliche und deren Einsamkeit?

In den Weihnachtsferien kommt ihre Tante Meryem überraschend zu Besuch. Sie ist Defnes Schwester und erzählt Ada die Geschichte ihrer Familie. Sie erzählt von der Liebe zwischen der Türkin Defne und dem Griechen Kostas, die nicht sein durfte aufgrund ihrer unterschiedlichen Nationalität. Durch den Bürgerkrieg auf Zypern in den 70er Jahren werden die beiden getrennt und treffen sich erst viele Jahre später wieder und werden die Eltern von Ada. Sie gehen nach London, nehmen aber einen kleinen Steckling des Feigenbaum mit, der sie ihr bisheriges Leben lang begleitet hat, dieser soll die Verbindung zur Heimat sein. Der Feigenbaum spielt eine wichtige Rolle, auf Zypern in der Vergangenheit aber auch jetzt in London.
Wenn ich lese, nehme ich häufig einen Stift zur Hand und unterstreiche mir wichtige Aussagen. Wenn ich jetzt das Buch wieder zur Hand nehme, stelle ich fest, dass ich viele Aussagen des Feigenbaums unterstrichen habe. Er beurteilt das Verhalten der Menschen aus seiner Perspektive. »Sogar Bäume verschiedener Arten können trotz ihrer Unterschiedlichkeit wechselseitige Solidarität ausüben, was sich nicht unbedingt von allen Menschen behaupten lässt.« (S. 142). Oder: »Eines habe ich gelernt: Wo Krieg und leidvolle Trennung herrschen, gibt es keine Sieger, weder menschliche noch andere.« (S. 270). Das ist sicher eine geschickte Erzählstrategie, aber der Feigenbaum berichtet uns auch sehr ausführlich vom Schicksal der Singvögel oder den wandernden Schmetterlingen. In dieser Ausführlichkeit wird hier das Lesen eher anstrengend, denn die direkt Verbindung zum weiteren Text ist schwer zu finden.
Auch die Charaktere sind nicht immer eindeutig gezeichnet. Ada leidet, spricht oberflächlich mit ihrem Vater und der Tante über das Erlebnis in der Schule, was das mit ihr gemacht hat, wird aber nicht weiter verfolgt. Über Adas Mutter und ihr Leben in London erfahren wir wenig, vor allem über ihren Tod erfahren fast nichts. Kostas ist ein gehemmter Wissenschaftler, der für seine Wissenschaft lebt. Und Ada?
Über Defnes Schwester Meyrem erfahren wir mehr. Sie rauscht nur so durch den Roman, gibt ein Sprichwort nach dem nächsten preis und ist eher zum Schmunzeln, aber ganz ernst nehmen kann ich sie nicht. Im Gegensatz zum Feigenbaum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft. Dazu ein letztes Zitat: »Das Wasser, das in unseren Ästen hochgesogen wird, ist das Blut der Erde, die Träne der Opfer und die Tinte nie eingestandener Wahrheiten. Die Menschen, vor allem die Sieger, die mit ihrem Stift die Annalen verfassen, tilgen genauso viel, wie sie aufbewahren. Es ist an uns Pflanzen, das Nichterzählte, Unerwünschte zu behüten.« (S. 301).
Daher kann ich dieser Aussage zustimmen: »Die Message ist klar: Bäume sprechen nicht nur. Sie sind die Zeugen der Geschichte, sind solidarisch in der Not. Sie respektieren die Gesetze der Ökosphäre, sind die Schirmherrinnen der Artenvielfalt. Kurzum: Sie sind die besseren Menschen. Quelle
Eigentlich habe ich den Roman gerne gelesen, aber es ist nicht das beste Werk der Autorin. Ihr Roman »Am Himmel die Flüsse« hat mich deutlich mehr beeindruckt. hier nachzulesen
Aber dennoch lesenswert!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
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