
Elena Ferrante
» An den Rändern
| Autorin: | Elena Ferrante |
| Übersetzerin: | Barbara Schaden |
| Titel: | An den Rändern |
| Ausgabe: | Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 2026 |
| Erstanden: | antiquarisch |
Wer die Romane von Elena Ferrante bisher nicht gelesen hat, wird wohl eher nicht zu ihrem neuen Buch »An den Rändern« greifen, aber vielleicht kann ich einige Unentschlossene überzeugen. Es handelt sich hier nicht um einen Roman, sondern um vier Essays, die den persönlichen Weg Elena Ferrantes zum Schreiben zum Inhalt haben. Elena Ferrante ist eine italienische Schriftstellerin, die unter einem Pseudonym veröffentlicht und sich seit den 1990er Jahren einen Namen gemacht hat. Vor allem ihre vier Bände über eine neapolitanische Familie – Zeitkritik aus weiblicher Perspektive – wurden von der Literaturkritik sehr positiv bewertet.
Bei den vier vorliegenden Essays handelt es sich um Vorlesungen, die sie aber nicht selber gehalten hat – um die Anonymität zu wahren –, sondern sie hat zum Vortragen eine Schauspielerin engagiert. Ich sage es gleich: Mich hat besonders folgende Aussage interessiert: »›An den Rändern‹ ist auch ein feministischer Schlachtgesang: der Appell, dass wir uns gegen die ›böse Sprache‹ vereinen, eine Sprache, die historisch u. a. der ›Wahrheit der Frauen‹ fremd ist – zugunsten einer Idee des Lesens und Schreibens als kollektiver, vielstimmiger Erfahrung.« (Klappentext).
Wenn man die Romane von Elena Ferrante gelesen hat, ist es einfacher, die Essays und damit ihre Entwicklung zur Schriftstellerin zu verstehen, da sie immer wieder Bezug nimmt auf die Protagonistinnen der Romane. Man muss sie aber nicht kennen, vielleicht tritt das Umgekehrte ein, dass man sie jetzt kennenlernen will!
Warum heißt dieses Buch »An den Rändern«? Um das zu erklären, geht sie in die eigene Grundschulzeit zurück und erklärt, wie sie das Schreiben gelernt hat. Ich glaube, wir haben alle so das Schreiben gelernt, indem wir angehalten wurden, genau auf den vorgegebenen Linien zu schreiben und vor allem die Ränder einzuhalten. Das Cover des Buches ist auch so konstruiert, ein liniertes Blatt, auf dem eine Frau steht, die es nicht wagt, die rote Randlinie zu überschreiten. Zu diesem ordentlichen Schreiben wurde sie erzogen, möchte aber diese Art des Schreibens verlassen. Und in den folgenden Essays beschreibt sie, wie sie mit Ordnung gegen Unordnung umgegangen ist. Sie kämpft für eine eigene literarische Stimme, vor allem für eine authentische, weibliche Erzählstimme und stellt fest: »Wenn ich den Eindruck haben wollte, gut zu schreiben, musste ich wie ein Mann schreiben, musste unentwegt in der männlichen Tradition stehen; als Frau konnte ich nicht weiblich schreiben, es sei denn unter Verstoß gegen alles, was ich eifrig von der männlichen Tradition zu lernen versuchte.« (S. 19). Aber welche Art des Schreibens verfolgt Elena Ferrante? Das traditionelle Schreiben, also geschliffen und ausgewogen? Oder das unmittelbare, entgrenzte, impulsive Schreiben?
»Echtes Schreiben ist für mich dies: keine elegante, durchdachte Geste, sondern ein konvulsives Tun.« (S. 26). Immer wieder kommt sie auf ihre Grundschulzeit zurück, in der sie schreiben, aber auch das Schreiben von Geschichten gelernt hat. Jetzt spricht sie nicht mehr nur von den roten Linien, die sie eingegrenzt haben, sondern bezeichnet diese als Käfige. »In solchen Käfigen habe ich begonnen kleine Geschichten zu schreiben, und seit damals neige ich dazu, alles in eine Geschichte zu verwandeln, alles sauber, ordentlich, harmonisch, gelungen.« (S. 29). Aber Käfige bieten keine Freiheit, im Gegenteil, also ist Ausbruch erforderlich. Was natürlich nicht einfach ist – vor allem für eine Frau, wenn sie nach einem eigenen literarischen Ausdruck sucht. Zunächst muss auf dem traditionell Bestehenden aufgebaut werden, um dann den Ausbruch zu wagen.

Als Schriftstellerin muss und will sie sich mit den Traditionen des Schreibens auseinandersetzen, auch mit dem schon Geschriebenen. »Eine Frau, die schreiben will, muss sich zwangsläufig nicht nur mit dem gesamten literarischen Erbe auseinandersetzen, von dem sie genährt wurde und kraft dessen sie sich ausdrücken will und kann, sondern auch mit dem Umstand, dass besagtes Erbe hauptsächlich männlich ist und von seinem Wesen her keine weiblichen wahren Sätze vorsieht.« (S. 62).
Jetzt komme ich zum letzten Essay, in dem sie auf Dante und seine Muse Beatrice eingeht, den Inbegriff der Tugend, der Schönheit und das idealisierte Objekt seiner Gedichte. Elena Ferrante geht in ihrer Darstellung noch einen Schritt weiter. Sie geht davon aus, dass Dante vielleicht erkannt hat, dass die Welt der Frauen nicht so aussieht, wie sie auf den ersten Blick erscheint: »Unter der Last häuslicher Pflichten erdrückte Mütter, überwachte, heiratsfähige Töchter, jeder Gewalt exponierte Angehörige der armen Schichten, ausschweifende Damen oder auch Ritterroman lesende und davon hingerissene Adlige.« (S. 87). Und Elena Ferrante betont, dass Dante eine Klasse von Frauen heraushob, denen man auch komplexe Gedanken darlegen konnte, in dem Wissen, dass sie diese auch verstehen. Daraus schließend interpretiert Elena Ferrante die letzten Zeilen der Vita nuova: »Beatrice sprach jetzt, und sie hielt sich dabei nicht an die armseligen Gepflogenheiten der Frauensprache, beschränkte sich auch nicht auf einen kurzen Gruß. Beatrice sprach wie und vielleicht besser als ein Mann.« (S. 88). Und so kommt Elena Ferrante zu dem Schluss: »Beatrice wird zur fraglosen Autorität, indem sie das Weibliche und das Männliche absichtsvoll verbindet. Sie spricht als Liebende, als Mutter und, überraschenderweise, als Admiral.« (S. 88).
Das ist sicher eine gewagte These. Ich finde diese These aber sehr interessant vor dem Hintergrund, dass Irmtraud Morgner in ihrem Roman »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« in der Art des Erzählens auch Dante als Vorbild hat, aber besonders die Figur der Beatriz. Denn Irmtraud Morgner stellt Beatriz de Dia als ein aktiv handelndes Subjekt des Lebens und der Kunst dar und ihr Thema ist die Menschwerdung. Dazu Irmtraud Morgner: »Das Wort ‘Feministin’ gefällt mir nicht, weil es einen modischen, unpolitischen Zug hat für mich, weil es die Vermutung provoziert, daß die Menschwerdung der Frau nur eine Frauensache sein könnte. Da wird aber ein Menschheitsproblem aufgeworfen. Emanzipation der Frauen ist ohne Emanzipation der Männer unerreichbar und umgekehrt«. So verbindet Irmtraud Morgner auch das Weibliche mit dem Männlichen, ähnlich wie Elena Ferrante die Dante-Figur Beatrice interpretiert.
Auch in der Betrachtung der eigenen Biografie ist sie sehr selbstkritisch und erklärt, wie sie zum Schreiben gekommen ist und für sie die weibliche Sicht immer mehr in den Vordergrund rückte. »Ferrante erforscht das weibliche literarische Ich, weibliches Erzählen, und sie plädiert für ein neues gemeinsames Schreiben und Lesen von Frauen, die ja alle – genau wie sie selbst – durch jahrhundertealte männliche Erzähltradition geprägt wurden.« Quelle
Zum Abschluss eine Aussage von Elena Ferrante in einem Interview (2016), selbst auf den Punkt gebracht: »Die männliche Vorstellungswelt hat die weibliche schon immer beschäftigt. Wir tauchen mit großer Selbstverständlichkeit in die traditionell männliche Literatur ein, fühlen uns durch sie bestärkt, halten sie nicht für ‚Bücher von Männern für Männer‘, sondern für universell. Männer dagegen nehmen von Frauen geschriebene Bücher als ‚Bücher von Frauen für Frauen‘ wahr, selbst wenn es sich um Virginia Woolf handelt. Das hat zur Folge, dass Literatur von Frauen nur schwer Leser findet und oft nicht einmal Leserinnen, während das literarische Schaffen der Männer auf die weiblichen Leser bauen kann.« Quelle
Für literaturwissenschaftlich Interessierte zu empfehlen!
Und wer Irmtraud Morgner kennenlernen möchte:
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Dante, Elena Ferrante, Irmtraud Morgner, Suhrkamp Verlag, Virginia Woolf, weibliches Schreiben
